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Eine zweite Chance

Autor:in
Chrystal Wise
Gelesen
243K
Kapitel
32
Autor:in
Chrystal Wise
Gelesen
243K
Kapitel
32
🏡Kleinstadt👩🏼‍🏫Lehrer🕯️Slow Burn🎭Drama🏡Mädchen von nebenan🏙️Zeitgenössisch💪🏻Beschützer🍷Erwachsenenleben👩🏻‍🍼Mütter😊Sauber

„Liebe heilt nicht nur die Vergangenheit – sie baut eine Zukunft auf, die man niemals für möglich gehalten hätte.“

Nach dem Verlust ihres Mannes kehrt Morgan in ihre Heimatstadt Summersville zurück, in der Hoffnung auf einen Neuanfang – nicht auf eine neue Liebe. Doch das Leben schreibt Pläne nur zu gerne um. Dann tritt Greg auf den Plan: der charmante Sportlehrer der Stadt mit einer komplizierten Vergangenheit und absolut keiner Absicht, sich fest zu binden. Als zwischen Unterrichtsplänen und gemeinsamem Lachen die Funken sprühen, fragen sich beide, ob es die zweite Chance vielleicht doch gibt. Mit einer Prise Kleinstadt-Klatsch, einem Hauch Hoffnung und ganz viel Herz entdecken Morgan und Greg, dass Liebe nicht nur heilt, was zerbrochen ist – sondern etwas völlig Neues erschafft.

Kapitel 1

MORGAN

Der Weg war ruhiger, als sie ihn in Erinnerung hatte.
Vor zwanzig Jahren hallte dieser Waldabschnitt noch von Lachen und dem Geräusch von Turnschuhen auf dem matschigen Boden wider, als ihr Laufteam hier früh am Morgen unterwegs war. Heute hörte sie nur noch ihren eigenen Atem und das Knacken eines Astes unter ihrem Schuh.
Die Luft roch nach Regen, Zedernholz und feuchter Erde. Sie war hierhergekommen, um den Kopf freizubekommen, bevor heute Abend die Einführungsveranstaltung für die neuen Lehrkräfte stattfand. Sie brauchte diese Auszeit, bevor sie alte Mitschüler anlächeln musste, die nun ihre Kollegen waren. Und bevor sie nette, aber unangenehme Fragen darüber beantworten musste, wie sie mit allem zurechtkam.
Ihre Therapeutin hatte es ihr geraten: Such die Orte auf, an denen du dich früher stark gefühlt hast.
Also kehrte sie zu diesem Weg zurück. Und in diese Kleinstadt. Zu einer Version von sich selbst, von der sie nicht wusste, ob sie überhaupt noch existierte. Zu ihrer Familie und ihren Freunden, bei denen sie sich geliebt und geborgen fühlte.
Morgan richtete ihren Rucksack und stieg weiter hinauf. Der Hang wurde steiler. Ihre Lungen brannten, aber es fühlte sich gut an – ehrlich und körperlich. Es war eine Erinnerung daran, dass sie noch am Leben war.
Als sie den Bergkamm erreichte, blieb sie stehen, um zu Atem zu kommen. Das Tal erstreckte sich tief unter ihr, und ihre Heimatstadt lag darin verborgen wie ein kleines Geheimnis. Sie atmete aus und gab sich ganz der Stille hin, die sie wie die Umarmung eines alten Freundes umhüllte. Sie fühlte sich sicher und ruhig.
Dann gab der Boden nach.
Es passierte viel zu schnell. Ein lautes Knacken, ein Schwall aus loser Erde, und plötzlich verlor sie den Halt. Sie keuchte auf und griff nach einem Ast, der jedoch in ihrer Hand zersplitterte. Die Welt schien zu kippen.
Sie rutschte den steilen Abhang hinunter, wobei kleine Steine ihre Handflächen aufschürften. Schließlich prallte sie hart gegen einen umgestürzten Baumstamm. Ein stechender, sofortiger Schmerz schoss durch ihren Knöchel.
Für einen Moment blieb ihr die Luft weg. Schock und Angst breiteten sich in ihrem Körper aus, als sie realisierte, dass sie gerade mehrere Meter in die Tiefe gerutscht war. Dann setzte der Schmerz richtig ein. Sie hatte sich ihren Knöchel verletzt, als er heftig gegen den Baumstamm geprallt war.
Morgan setzte sich auf den Baumstamm und spürte, wie heiße Tränen über ihre Wangen liefen. Der Schmerz und die Angst vermischten sich mit ihrem Stress und brachten ihre Gefühle zum Überlaufen. Sie schluchzte einen Moment lang leise. Wenn sie nicht so sehr in ihre Nervosität und Traurigkeit versunken gewesen wäre, hätte sie vorher gemerkt, dass sie verdammt noch mal zu nah am Abgrund gestanden hatte.
Morgan blickte auf, als sie das Knacken eines Astes von dort oben hörte, wo sie gerade noch gestanden hatte.
„Hey! Alles in Ordnung da unten?“
Eine ruhige, tiefe Männerstimme durchbrach das Rauschen der Blätter. Sie blinzelte nach oben und kniff die Augen gegen die blendende Sonne zusammen. Eine Gestalt stand am Rand des Abhangs, umgeben von hellem Licht.
„Ich … ich glaube schon“, rief sie zurück, obwohl ihr Knöchel schmerzhaft pochte.
„Ich komme runter.“
„Nicht! Es ist …“ Aber er war bereits in Bewegung. Vorsichtig, aber trittsicher stieg er den Hang hinab, als hätte er das schon hundertmal gemacht. Als er sie erreichte, ging er in die Hocke und suchte mit seinem Blick nach Verletzungen. Seine Augen waren blau. Oder vielleicht auch grau. Durch den Schleier der Tränen, die sie krampfhaft zurückhielt, war das schwer zu erkennen.
„Wo tut es weh?“
„Mein Stolz“, murmelte sie leise. „Mein Knöchel tut ziemlich weh.“
Er lächelte – ein kurzes, offenes Aufblitzen –, bevor sein Gesichtsausdruck wieder in ruhige Konzentration überging. „Kannst du deine Zehen bewegen?“
Sie versuchte es und zuckte zusammen. „Ja. Das ist doch schon mal was, oder?“
„Immerhin etwas“, stimmte er zu. „Lass uns dich hier wegbringen, bevor der Regen anfängt“, sagte ihr Retter und warf einen Blick in den Himmel.
Er riss einen Stoffstreifen von seinem Flanellhemd ab und wickelte ihn mit überraschender Sanftheit um ihren Knöchel. Dann legte er ihren Arm über seine Schulter. „Stütz dich auf mich“, sagte er einfach, als wäre es das Leichteste auf der Welt.
Er half ihr den Abhang hinauf bis zum oberen Rand des Felsens und stützte dabei behutsam ihr Gewicht. Sie ließen sich Zeit, um nicht gleich wieder unten zu landen. Schließlich erreichten sie den Weg und machten sich auf, um Hilfe zu holen.
Sie gingen den Pfad langsam hinunter. Ihre Schritte waren holprig, aber seine ruhige Anwesenheit bot ihr einen stillen Halt. Er stellte keine Fragen. Nicht danach, warum sie alleine wanderte, kein Smalltalk, kein Flirten. Er ging einfach neben ihr her und passte sich ihrem Tempo an.
Als sie die Rangerstation erreichten, drehte sie sich um, um sich bei ihm zu bedanken – doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Der Ranger eilte besorgt nach draußen und brachte sie nach drinnen, um ihr Eis und Verbände zu geben. Als sie schließlich durch die offene Tür zurückblickte, war der Mann bereits verschwunden.
Kein Name. Keine Nummer. Nur ein flüchtiger Eindruck – starke Hände, eine sanfte Stimme, Augen, die ihren Schmerz sahen, ohne neugierig zu sein. Aus irgendeinem Grund war das schwerer abzuschütteln als der Sturz selbst.
An diesem Abend stand sie vor der Turnhalle. Ihr Knöchel war fest bandagiert, und ihr Herz schlug viel zu schnell. Die Schule wirkte gleichzeitig vertraut und fremd – dieselben Backsteinmauern, dieselben quietschenden Türen, aber nun betrat sie das Gebäude als Lehrerin und nicht mehr als Schülerin.
Drinnen summte die Luft vor lauter Gesprächen, und es roch nach altem Bohnerwachs. Das Lehrerkollegium stand um Klapptische herum, schüttelte Hände und lachte. Sie klemmte sich ihre Krücken unter die Arme, humpelte hinein und wünschte sich, sie könnte einfach unsichtbar sein.
Martin Long, der Schulleiter, entdeckte sie sofort. „Da ist ja unsere neue Sportlehrerin!“, rief er herzlich. „Kommen Sie herein, ich stelle Sie allen vor.“
Ihr schoss die Hitze ins Gesicht. Sie murmelte eine höfliche Antwort und machte sich auf den Weg nach vorne. Dabei versuchte sie, trotz der Krücken einen kompetenten Eindruck zu machen.
„Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist Coach Morgan Conners“, fuhr der Schulleiter fort. „Sie kommt dieses Jahr aus Edinburgh zu uns und wird unser Fitnessprogramm sowie den Mädchensport übernehmen.“
Es gab vereinzelten Applaus und ein paar freundliche Gesichter. Dann deutete der Schulleiter auf die andere Seite der Turnhalle. „Und hier drüben ist Coach Greg Holden. Er ist auch dieses Jahr wieder bei uns und wird die Sportabteilung gemeinsam mit ihr leiten.“
Sie drehte sich um. Er lehnte ganz entspannt an der Zuschauertribüne. Eine Trillerpfeife hing um seinen Hals, und seine Haare waren noch feucht, als hätte er erst vor Kurzem geduscht. Es waren dieselben grau-blauen Augen. Dasselbe Flanellhemd – nur war es jetzt sauber und nicht für Verbände in Stücke gerissen.
Ihre Blicke trafen sich. Für den Bruchteil einer Sekunde bewegte sich keiner von beiden.
Dann verzogen sich seine Lippen zu einem leichten Lächeln. „Also“, sagte er so leise, dass nur sie ihn hören konnte. „Wie geht es dem Knöchel, Coach?“
Ihr Herz setzte kurz aus. „Besser“, brachte sie heraus. „Dank dir.“
„Das verbuche ich mal als Fortschritt.“ Er streckte ihr die Hand entgegen, mit einem sanften, aber neckischen Unterton in der Stimme. „Ich schätze, wir sind jetzt offiziell im selben Team.“
Sie ergriff seine Hand, und zum ersten Mal seit Monaten ließ der Schmerz in ihrer Brust ein wenig nach. Er war nicht ganz verschwunden, aber er fühlte sich leichter an. Und das machte ihr mehr Angst als der Sturz.

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