
Chestnut Valley Ranch (Deutsch)
Autor:in
Ronja T. Lejonhjärta
Gelesen
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Kapitel
23
Einzug
GABBY
„Und das hier“, sagt Jax, öffnet die letzte Tür am Ende des Flurs und führt mich in den dunklen Raum. „Das ist dein Schlafzimmer.“
Er lässt meine Taschen mit einem lauten Knall auf den Boden fallen und fummelt einen Moment herum, bevor der Raum von der nackten Glühbirne an der Decke in fluoreszierendes Licht getaucht wird.
Das muss ich reparieren. Ich setze es auf die Liste der Dinge in meinem Kopf, die zu tun sind. Wie bin ich bloß hier gelandet? Ach ja, ich bin eine Schlampe, deshalb …
Ein kleines Einzelbett mit weißem Metallgestell steht in der Ecke. Das schmutzige Fenster hat einen gelben, verblassten Vorhang, der wahrscheinlich noch aus Großmutters Zeiten stammt.
Der Boden ist zerkratzt, an der Kommode fehlt ein Griff, der Spiegel hängt schief und alles ist staubig. Ich fühle mich ein bisschen wie Aschenputtel, die auf dem Dachboden leben muss, weit weg von jeglicher Farbe und jeglichem Leben.
Das Einzige, was fehlt, ist mein persönlicher Mausefreund – Moment mal, da ist er ja. Eine Maus huscht durch den Raum, während ich über mein Leben nachdenke.
„Ich weiß, es ist nichts Besonderes, aber ich bin sicher, du kannst es … femininer gestalten?“ Jax dreht seine Baseballkappe in beiden Händen, während Thor, sein Labrador, neben ihm sitzt und sorglos mit dem Schwanz wedelt.
Der selbstbewusste Mann aus der Bar, der mich umgehauen hat, ist verschwunden. An seiner Stelle steht ein nervöser Typ, der am liebsten weglaufen würde. Mit einem schweren Seufzer löse ich meinen Blick von ihm und schaue mir das Zimmer noch einmal genauer an.
„Das Badezimmer ist den Flur runter. Das habe ich dir ja schon gezeigt. Wir sind erst durch die Küche gegangen und … ja.“ Jax macht auf den Hacken kehrt und setzt die Kappe wieder auf.
Er geht ein paar Schritte, bevor er sich noch einmal umdreht. „In der Keksdose in der Küche ist etwas Geld, falls du etwas brauchst für …“ Er schaut auf meinen Bauch und räuspert sich. „Ich bin um sieben zum Abendessen zurück.“
Jax geht, bevor ich noch etwas sagen kann.
„Nun gut, Cub. Ich schätze, jetzt sind nur noch wir beide da.“ Dabei berühre ich meinen flachen Bauch und lächle.
Auch wenn die Dinge nicht perfekt laufen, bereitet mir das kleine Wunder, das in mir heranwächst, so viel Freude. Ich bin entschlossen, das durchzuziehen, auch wenn ich es allein schaffen muss.
Ich schaue mich noch einmal im Zimmer um und seufze. Anschließend puste ich mir eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor ich meine Taschen aufs Bett hebe.
Bevor ich auspacke, gehe ich nach unten, um mich auf die Suche nach ein paar Putzutensilien lzu machen, und finde sie aus irgendeinem seltsamen Grund verstreut im Flurschrank. Halbleere Flaschen, leere Flaschen, schmutzige Lappen, kaputte Mopps und ein rostiger Staubwedel. Eine weitere Sache für meine Liste.
„Kein Besen?“
Es dauert eine Weile, bis ich mein Schlafzimmer geputzt habe. Im Anschluss versuche ich, die Kommode zu reparieren, die jedoch nicht mehr zu retten ist.
„Weißt du was, Cub. Wir gehen einkaufen.“
Es ist komisch. Ich bin es gewohnt, an immer neuen Orten zu sein und nie lange irgendwo zu bleiben. Ich habe schon fast alles erlebt, was es zu erleben gibt, aber ich habe noch nie für ein Haus – oder ein Zimmer – eingekauft.
Dieses Gefühl des Zuhauseseins macht mir ein bisschen Angst, aber ich bin bereit für die Herausforderung. Vielleicht ist es Zeit, sesshaft zu werden und ein Zuhause für mich und das Kleine zu schaffen.
***
Die kleine Stadt bietet nicht viel Auswahl, aber sie hat eine Hauptstraße mit ein paar netten Geschäften. Ich hätte alles, was ich brauche, problemlos online bestellen können, aber wenn ich mir hier ein Leben aufbauen will, dann will ich einen guten Eindruck machen.
Und Geld vor Ort auszugeben, hilft dabei.
Als ich ein süßes kleines Geschäft betrete, das voller Möbel und Stoffe ist, läutet die Ladentürklingel.
„Hallo, willkommen bei Rustic Charms! Wie kann ich Ihnen helfen?“ Eine Frau in meinem Alter begrüßt mich mit einem breiten Lächeln. Ihr schwarzes Haar ist schulterlang, ihr Pony ist gerade geschnitten und eine rosa Brille umrahmt perfekt ihr rundes Gesicht.
„Hi, ich bin Gabby“, stelle ich mich vor, drehe mich dabei ein wenig im Kreis und schaue mir die Artikel im Laden an. „Ich bin gerade in die Gegend gezogen und brauche dringend etwas Farbe in meinem Leben. Ich habe Ihren Laden gesehen und musste einfach reinkommen. Ich habe eine Liste mit Dingen erstellt, die ich unbedingt brauche.“ Ich schaue sie hoffnungsvoll an.
„Natürlich, Süße. Lassen Sie mal sehen.“
Als ich die Liste vorlese, fängt sie an zu kichern.
„Oh, Schätzchen. Hier entlang. Ich bin übrigens Brenda. Wir können gern du sagen. Willkommen in der Nachbarschaft.“ Das hellrosa Sommerkleid mit weißem Taillenbund steht ihr gut, zusammen mit ihren kurzen weißen Absätzen. Kurz gesagt, sie ist wirklich süß.
„Danke, Brenda.“
„Ich glaube, ich habe so ziemlich alles, was du suchst. Hast du einen Truck mitgebracht?“ Sie führt mich durch den Laden, wobei der obere Teil ihres kurzen Körpers einen ganzen Kopf tiefer liegt als meiner.
Mein Gesicht wird blass. Natürlich kann ich nicht alles, was ich brauche, in mein kleines Auto packen. „Nein … so weit habe ich nicht gedacht. Ich war irgendwie aufgeregt, loszulegen.“
„Keine Sorge. Ich kümmere mich darum, dass Hunter es dir bringt. Es kann aber ein paar Stunden dauern.“
„Oh, das wäre perfekt. Ich muss noch Putzutensilien und etwas zu essen besorgen. Du würdest nicht glauben, wie diese Jungs leben. Nicht wirklich dreckig, aber … unordentlich.“
„Jungs?“ Brenda hebt die Augenbrauen und grinst.
Ich lache nervös. Vielleicht hätte ich den letzten Teil nicht sagen sollen. „Ja, ich wohne bei Jax Carter und seinen Freunden.“
„Jax Carter? Seid ihr zwei … Du weißt schon …“ Sie wackelt mit ihren Augenbrauen.
Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht wirklich, was wir sind. Wir haben nicht darüber gesprochen. Nach unserem lockeren Techtelmechtel sind wir getrennte Wege gegangen, bis ich von dem Kleinen erfahren habe und Jax angerufen habe.
Es hat etwas Detektivarbeit gebraucht, aber schließlich habe ich seine Nummer herausbekommen – und Junge, war das eine Überraschung für ihn. Zuerst war er nicht glücklich, doch nach einer Weile hat er mich gebeten, einzuziehen, damit wir die Dinge klären können.
„Nein, sind wir nicht.“
Brenda lacht. „Typisch. Dieser Kerl ist einer von den Guten. Er arbeitet hart und würde jedem in Not das letzte Hemd reichen. Er ist zwar eine Augenweide, aber ich bezweifle, dass dieser Mann sich jemals binden wird.“
Ich schlucke und verfluche mich und meine Anziehung zu Bad Boys. Meine Hand wandert automatisch zu meinem Bauch, eine Geste, die Brenda nicht entgeht. Sie sagt nichts und lächelt nur.
Dreißig Minuten später verlasse ich den Laden mit vielen abgehakten Kästchen, einer neuen Nummer und einem Kaffee-Date in naher Zukunft.
Jetzt brauche ich nur noch den Putzkram und Essen. Ich finde schnell den örtlichen Supermarkt und fange an, den Wagen zu füllen.
Mein kurzer Blick in den Kühlschrank, die Gefriertruhe und den Schrank hat mir gezeigt, wie dürftig es um die Lebensmittel bestellt ist. Vermutlich bestellen die Jungs des Öfteren.
Ich packe ein paar neue Putzutensilien und drei oder vier Kerzen ein – okay, vielleicht so acht, aber wer zählt schon mit? Zuletzt lege ich ein paar Mausefallen und andere Schädlingsbekämpfungsmittel in den Wagen.
Anschließend fülle ich den Wagen mit allen möglichen Lebensmitteln. Da ich keine Miete zahle, denke ich, ist es das Mindeste, was ich tun kann. Zum Schluss besorge ich noch etwas Bier.
Schließlich fahre ich zurück zur Ranch. Als ich das letzte Mal hierher kam, war ich zu nervös, um auf meine Umgebung zu achten, aber jetzt nehme ich mir die Zeit, alles in mich aufzunehmen.
Ich fahre unter dem großen Schild der Chestnut Valley Ranch hindurch, das über der Schotterstraße angebracht ist, und bin beeindruckt von der Handwerkskunst. Die Straße schlängelt sich an Weiden mit Rindern und Ackerland für Futter vorbei, sowie an einem Stück Land, das als Garten genutzt wird.
In der Ferne stehen ein Hühnerstall, ein Schweinestall, eine Pferdescheune und eine Ziegenscheune – zusammen mit einem … Alpaka?
Ich beschließe, mich vom Alpaka fernzuhalten. Das Auto kommt am Ende der Auffahrt zum Stehen.
Ich nehme mir einen Moment Zeit, als ich aussteige, genieße die Sonne und die Geräusche der Natur. Jax und ein Mitbewohner reiten in der Ferne auf einer Weide, treiben Rinder zusammen und rufen etwas, das ich nicht verstehen kann.
„Ich glaube, das wird ein guter Ort für uns, Cub. Dein Daddy wird sich um dich kümmern. Er wird ein guter Vater sein, das spüre ich, und du, kleiner Cub, du wirst ihm guttun.“
***
Den Rest des Nachmittags verbringe ich damit, mein Zimmer zu putzen und den Beistelltisch zusammenzubauen, den ich ins Auto gepackt habe. Thor folgt mir den ganzen Tag und ist immer zwei Schritte hinter mir.
Ich mache eine Pause vom Möbelbau, um Lasagne für das Abendessen zu machen. Während ich in Gedanken versunken bin und die Béchamelsauce zubereite, knallt die Fliegengittertür zu, sodass ich zusammenzucke und laut aufschreie.
„Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagt eine Stimme.
Als ich mich umdrehe, sehe ich einen im wahrsten Sinne des Wortes großen, dunklen und gut aussehenden Typen vor mir stehen – einen von der Sorte, von denen ich bis jetzt dachte, sie wären erfunden.
„Hast du nicht“, lüge ich, und er hebt die Augenbraue. „Okay, vielleicht nur ein bisschen.“
„Ich bin Arrow. Willkommen in unserem bescheidenen Zuhause.“
„Danke. Ich verspreche, meinen Beitrag zu leisten.“
„So, wie es hier aussieht, würde ich sagen, hast du das bereits“, sagt er.
Er lächelt, und für einen Moment verliere ich mich darin. Wie kann jemand so glatte Haut haben? Wunderschön.
Er starrt mich an, wobei das Lächeln nie seine Lippen verlässt . Ich räuspere mich.
„Brauchst du etwas?“
„Nur etwas Nachschub.“ Er hält seinen Wasserkrug hoch, während er zum Spülbecken geht und ihn füllt. „Wir sehen uns später“, sagt er und zwinkert mir zu, bevor er zur Tür hinaus ist.
Ich versuche, die Begegnung abzuschütteln, schimpfe mich dafür, dass ich quasi mit ihm geflirtet habe, und mache mich wieder ans Kochen.
Meine restlichen Möbel sollen bald geliefert werden, also beschließe ich, ein paar Blumen für den Esstisch zu pflücken, während ich warte. Ich möchte bei meinen neuen Mitbewohnern einen guten ersten Eindruck machen und ihnen zeigen, dass ich hier meinen Teil beitragen werde.
Als ich die letzten Blumen für mein Arrangement pflücke, fährt ein grüner Truck mit Möbeln auf der Ladefläche vor. Ein Mann, der älter ist als ich, springt heraus.
Er tippt an seinen Cowboyhut und schenkt mir ein schiefes Lächeln. „Guten Abend“, sagt er. „Sie sind nicht zufällig Ms. Gabby, oder?“
„Bin ich. Ich nehme an, Sie sind Hunter.“
Ihnen entgeht nichts, hübsche Dame“, sagt er und zwinkert mir zu.
„Richtig. Wenn Sie die Sachen einfach auf der Veranda abladen würden, kümmere ich mich um den Rest.“ Ich will wirklich nicht mit dem Mann allein in meinem Schlafzimmer sein. Er löst jetzt schon ein komisches Gefühl bei mir aus.
„Na, was für ein Mann wäre ich denn, wenn ich Sie das alles allein machen ließe, hm?“ Hunter fängt an, den Truck auszuladen und geht mit dem ersten Stück hinein. Es ist offensichtlich, dass er schon mal hier war.
„Es ist wirklich kein Problem.“
„Na, na. Ich werde mich gut um Sie kümmern, Miss. Ich stelle die Damenwelt immer zufrieden“, sagt er und zwinkert mir wieder zu.
Ich verdrehe nur die Augen. Am liebsten würde ich ihm in die Eier treten, entscheide aber, dass das wahrscheinlich meine Freundschaft mit Brenda ruinieren würde, also halte ich mich zurück.
„In Ordnung. Es ist oben.“ Ich zeige ihm den Weg und behalte ihn die ganze Zeit im Auge, damit er seine Hände nicht irgendwo hinsteckt, wo sie nicht hingehören.
Ich streiche instinktiv über meinen Bauch und Hunter bemerkt es.
„Braten im Ofen, was? Wer ist der Kindsvater?“, fragt er.
„Jax“, sage ich kurz. Es gibt keinen Grund zu lügen.
Hunter lacht, schüttelt den Kopf und sagt etwas, das ich nicht verstehen kann.
Sobald der letzte Gegenstand oben ist, versuche ich, ihn abzuwimmeln. Ich begleite ihn zu seinem Truck mit der Geldbörse in der Hand. „Danke, Hunter. Was schulde ich Ihnen?“, frage ich.
„Na, na, Miss. Nichts dergleichen.“
„Nein, ich bestehe darauf. Ich muss Ihnen etwas für Ihre Mühe geben.“ Ich wurde nicht dazu erzogen, geizig zu sein.
Hunter grinst. „Nun, wenn Sie darauf bestehen.“ Und in dem Moment weiß ich, dass ich ihm zuvor in die Eier hätte treten sollen.





































