
Interessenkonflikt Buch 1
Autor:in
Daphne Anders
Gelesen
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Kapitel
34
Kapitel 1
OLIVIA
Blair
Zieh dich aufreizend an. Dein Dad wird ausrasten und irgendein Silberfuchs-Anwalt wird es lieben. Win-win.
Eine Nachricht von Blair zu öffnen war immer unberechenbar. Sie war seit der Uni eine meiner besten Freundinnen, und sie war – gelinde gesagt – die unterhaltsamste Person, die ich kannte. Ich schüttelte den Kopf und tippte eine Antwort.
Olivia
Mein Dad würde einen Herzinfarkt kriegen.
Blair
Wenn mir noch eine Person sagt, Altersunterschied sei problematisch, fange ich an zu schreien. Das nennt man GESCHMACK. Und jetzt geh und find dir einen Daddy auf der Party deines Daddys.
Olivia
Ich glaube, ich suche einen Mann, der etwas weniger altersschwach ist und eher … fähig. Du weißt schon, mir tatsächlich einen Orgasmus zu bescheren.
Blair
Schätzchen, wenn du einen Orgasmus willst, dann brauchst du definitiv einen Zaddy. Such dir ein Vintage-Modell. Bester Sex deines Lebens.
Mein Blick wanderte durch den Raum und nahm die diesjährigen Gäste in Augenschein: voller Anwälte, offensichtlich jede Menge davon. Jeder, der in der Kanzlei meines Vaters arbeitete, musste bei der Gala erscheinen, egal ob man in der Personalabteilung oder in der Buchhaltung war. Es war Pflicht. Alle trugen perfekt geschnittene, teure Anzüge und lange, elegante Ballkleider.
Schließlich fiel mein Blick auf eine Bar in der Ecke des Raumes, und ich steuerte direkt darauf zu. Ich brauchte dringend etwas flüssigen Mut, um den Abend zu überstehen. Die Theke war aus makellos poliertem weißem Marmor – nichts weniger, als man von einer Gala im Four Seasons Hotel erwarten würde. Ich bestellte sofort einen Gin Tonic mit extra Limette.
Der Barkeeper stellte den Drink mit geübter Präzision vor mich hin, und keine Sekunde später nahm ich bereits einen großzügigen Schluck. Ich schloss sogar die Augen, um den Moment zu genießen. So sehr brauchte ich das.
Dann hörte ich sie. Eine Stimme wie Samt: rauer Samt, aber dennoch Samt.
„Der Drink muss ja unglaublich sein“, murmelte eine tiefe Stimme neben mir.
Innerlich stöhnte ich auf. Wenn ich die Augen öffnete, würde ich bestimmt irgendeinen Möchtegern-Fünfundzwanzigjährigen aus der Finanzbranche sehen, der zufällig einer meiner neuen Kollegen war. Noch so ein Berufsanfänger, der mir auf den Hintern starrte und hoffte, mich betrunken zu machen.
Aber ich lag völlig falsch. Der Mann, der vor mir stand, war das genaue Gegenteil eines Fünfundzwanzigjährigen oder eines Finanz-Bros. Auch wenn ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, dass er nicht meinen Hintern angestarrt hatte – gerade jetzt sah er mir direkt in die Augen, sein Blick unerschütterlich, und seine Kieferpartie … verdammt perfekt.
Deutlich über eins achtzig. Gott. Dunkelbraunes Haar, perfekt nach hinten gekämmt, mit einem Hauch von Grau. Stoppeln entlang seiner Kieferpartie, die die Schärfe und Kontur kein bisschen verbargen. Augen so grün, dass ich mich fühlte, als stünde ich in einem endlosen Feld. Sein Anzug schmiegte sich wie maßgeschneidert an seinen Körper.
Er räusperte sich. Offensichtlich hatte er bemerkt, dass ich ihn anstarrte und nicht einmal geblinzelt hatte.
„Ist ganz gut“, sagte ich, nahm noch einen Schluck und riss meinen Blick von seinem los.
Gott, warum benahm ich mich wie ein verliebter Teenager? Als hätte ich noch nie einen so gut aussehenden Mann gesehen? Nun ja, vielleicht noch nie einen so gut aussehenden, aber trotzdem, ich schweife ab.
„Lassen Sie mich raten: Sie versuchen, die Gespräche auf dieser Veranstaltung erträglich zu machen, und hoffen, ein Gin Tonic könnte dabei helfen?“ Sein Grinsen war gefährlich, und diese Augen – unerschütterlich, vollkommen ruhig – waren genauso unwiderstehlich.
Ich nickte zaghaft, immer noch gebannt davon, wie er mich beobachtete.
„Es wird nicht funktionieren. Ich hab's versucht. Es gibt nicht genug Alkohol auf der Welt, um manche dieser Anwälte auszuhalten.“ Er lachte leise.
„Wow, Sie sind ja ein Zyniker“, murmelte ich und verfluchte mich sofort dafür. Scheiße, so vergrault man den heißen Typen garantiert.
Aber stattdessen überraschte er mich mit einem Lächeln. „Scharfsinnig.“ Dann fügte er hinzu: „Für eine Anwältin.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Für eine Anwältin? Woher wissen Sie, dass ich Anwältin bin?“
„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich Sie für die Begleitung eines Anwalts gehalten hätte?“
Fast hätte ich verächtlich geschnaubt. Aber er hatte einen Punkt. „Ich habe gerade erst angefangen“, sagte ich schließlich.
Er nickte. „Welche Kanzlei?“
„Bei Carson, Page, Gerard, Vann, and Associates.“
Sein Grinsen verschwand für einen kurzen Moment, während er mich erneut musterte.
„Arbeiten Sie dort auch?“, platzte es aus mir heraus.
Doch bevor er antworten konnte, tauchte mein Vater an meiner Seite auf. Beobachtend, prüfend – wer weiß, was sonst noch. Ich zwang mich zu einem Lächeln.
„Alaric, wie ich sehe, plauderst du mit meiner Tochter.“
Mir fiel buchstäblich die Kinnlade herunter. Alaric Page. Einer der Partner meines Vaters in der Kanzlei seit Jahrzehnten. Ich hatte ihn nicht mehr gesehen, seit ich ein Kind war … seit ich zehn war, und ich hatte wohl vergessen, wie unverschämt gut er wirklich aussah … denn, mein Gott, wenn man ihn jetzt sah, wäre einem auch die Kinnlade heruntergefallen.
Alaric wirkte genauso überrumpelt wie ich. Ein Moment plötzlicher Erkenntnis zog über seine Züge: angespannter Kiefer, weit aufgerissene Augen, ein Aufflackern von Erkennen, gemischt mit etwas anderem … Anziehung? Ein flüchtiger Moment des Schocks, schnell ersetzt durch seine gefasste Haltung.
„Olivia“, sagte er.
„Ja.“
Und mein Vater stand immer noch neben mir und erinnerte mich daran, was das bedeutete … Alaric, sein Freund, sein Geschäftspartner, ein Mann fast doppelt so alt wie ich. Tabu, absolut tabu. Obwohl ich nicht anders konnte, als ihn anzusehen, als wäre er es nicht.
„Nun, ich muss dann mal weiter“, sagte mein Vater und winkte einer Gruppe von Männern in teuren Anzügen zu.
Endlich, murmelte ich innerlich. Jetzt war es wohl Zeit für meinen … Abgang? Das Wort klang nicht richtig. Es fühlte sich nicht einmal richtig an. Ich wusste, ich sollte keinen Moment länger hier bleiben, aber ich wollte es.
Als ich mich umdrehte, hörte ich sie. Seine Stimme.
„Olivia.“
Ich drehte mich kurz um und traf seinen Blick. Es raubte mir fast den Atem.
Dann fuhr er fort, als wäre es ganz beiläufig. „Es ist schon eine Weile her, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Ich habe mich gefragt, für welchen Beruf du dich entschieden hast.“
Mein Kiefer spannte sich an. „Typisch für ihn, mich nicht zu erwähnen. Er hat wahrscheinlich nicht mal ein Foto von mir in seinem Büro.“
In der Welt meines Vaters stand seine Kanzlei ganz oben. Sie war Nummer eins. Sie war das Wichtigste in seinem Leben, über allem: über Freizeit, über Vergnügen, über Familie und ganz besonders über mir, seinem einzigen Kind.
Alaric antwortete nicht. Stattdessen beobachtete er mich einfach, sein Blick wurde weicher. Ich schüttelte den Kopf und versuchte mir einzureden, dass es egal war, aber es tat trotzdem weh.
„Ich brauche noch einen Drink.“
Alaric gab dem Barkeeper ein Zeichen für eine neue Runde und tröstete mich mühelos mit einer einzigen Geste. Wir tranken einen Moment lang schweigend, während ich ihn aus dem Augenwinkel beobachtete.
Alaric Page. Er musste mindestens fünfundvierzig sein, ein paar Jahre jünger als mein Vater, aber er sah aus, als könnte er locker als Anfang dreißig durchgehen. Perfekte Kieferpartie, muskulös, schlanke Statur.
Ja, er hatte Falten, aber sie waren kaum ausgeprägt. Er war unfassbar gut aussehend – es sollte eigentlich verboten sein, so gut auszusehen, besonders in seinem Alter. Dazu klug, erfolgreich und charmant.
„Würdest du mir die Ehre eines Tanzes erweisen?“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er mich gerade zum Tanzen aufgefordert? Ich blinzelte zweimal und dachte, ich hätte es mir eingebildet.
„Ich bin für einen alten Mann noch ganz gut auf den Beinen“, scherzte er, aber auf seinem Gesicht lag kein Humor, nur in seiner Stimme.
„Du bist nicht alt, Alaric“, platzte es schnell aus mir heraus. Meine Wangen wurden rot.
Sein Blick schwankte nur für einen kurzen Moment, aber es war ein Moment, der genügte. Seine Augen wanderten über meinen Körper, als würde er sich jeden Zentimeter von mir einprägen. Und ich wusste, dass die Dinge sehr viel komplizierter werden würden, wenn ich den Tanz annahm.
Aber ich tat es trotzdem.
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