
Übung macht den Meister
Autor:in
Jane Anne
Gelesen
1,6M
Kapitel
46
Erstes Drittel
An einem Samstagabend, an dem ich eigentlich hätte lernen sollen, saß ich auf einem verdammt harten Stuhl, fror mir den Hintern ab und war völlig verwirrt. Ich beobachtete, wie unter mir ein schnelles, aufregendes Eishockeyspiel stattfand.
Die lärmende Menge. Der intensive Geruch von Eis und verschwitzter Ausrüstung. Die Sprechchöre, Fahnen und das Geräusch von Kufen, die über die Eisfläche schnitten. Schon jetzt war ich von allem überfordert.
Es war alles so viel mehr, als ich erwartet hatte. Nicht nur die Größe der Arena, die Tausende von Menschen zu fassen schien, deren Begeisterung auf mich überschwappte, sondern auch die Geschwindigkeit der Spieler.
Das Stimmengewirr, während die Leute um mich herum über den Spielstand diskutierten, wer auf dem Eis war und wer am besten fuhr.
All das verstärkte nur, was ich bereits befürchtet und vorhergesehen hatte.
Ich war der Situation nicht im Geringsten gewachsen.
„Was machen sie jetzt?“, fragte ich meinen Bruder neben mir und bewegte mich ein wenig, um das Blut wieder in Fluss zu bringen. Wenn ich wenigstens irgendetwas verstehen würde, könnte ich vielleicht meine verspannten Schultern lockern.
„Sie fahren Schlittschuh?“, sagte Nolan und zuckte mit den Schultern.
Er wusste anscheinend genauso viel über Eishockey wie ich – nämlich überhaupt nichts.
„Sie fahren richtig gut Schlittschuh“, fügte er hinzu, gerade als einer der Spieler den Puck traf und ihn versehentlich gegen die Kufen eines Teamkollegen knallte.
Ich hatte zumindest gelernt, dass die kleine schwarze Scheibe, die sie wie ein paar verrückt gewordene Katzen herumschlugen, Puck genannt wurde. Während meiner letzten längeren Toilettenpause hatte ich ein paar aufgeregte, kichernde Mädchen darüber reden hören.
„Mir ist kalt“, beschwerte ich mich.
„Ich habe dir gesagt, du sollst einen Pullover mitbringen.“
„Hör bloß auf, in deinen fünfzig Schichten da drüben so selbstgefällig zu sein. Woher sollte ich wissen, dass es so kalt sein würde?“
„Es heißt Eishockey, Kathryn.“
Ich seufzte wieder. „Was machen die jetzt?“
Nolan – mein geduldiger Bruder und nunmehr unfreiwilliger Zuschauer bei diesem verrückten Ding, in das ich uns hineingezogen hatte – verdrehte die Augen. „Keine Ahnung. Sie schreien. Sie schwitzen. Und sie sehen verdammt heiß und männlich in diesen Uniformdingern aus.“
„Hey“, warnte ich ihn und hörte den interessierten Ton, der in seinem Tonfall mitschwang. „Kein Flirten mit dem Team. Wir sind nur hier, um zu lernen. Nicht, um jemanden abzuschleppen.“
„Wir könnten beides machen.“ Nolan betrachtete lange den großen, sehr muskulösen Spieler, der überall auf dem Eis zu sein schien. Denjenigen, den ich ebenfalls den ganzen Abend mit hungrigen Augen beobachtet hatte.
Auf seinem Trikot prangte hinten der Name Reed.
„Der ist süß. Ich hätte nichts dagegen, von ihm getackelt zu werden“, fügte Nolan hinzu, wobei der interessierte Tonfall in deutliches Interesse überging.
„Ich glaube nicht, dass sie in diesem Spiel tackeln“, sagte ich, ohne sehr überzeugt zu klingen, weil ich ehrlich gesagt immer noch keine Ahnung hatte, worum es in diesem Spiel ging. Alles, was ich wusste, war, dass ich zwei Wochen hatte, um Expertin zu werden.
Ja, klar. Als ob das passieren würde.
„Bei jedem Sport wird getackelt“, argumentierte Nolan. „Warum sollte man sich das sonst ansehen, wenn es keine Chance auf einen Haut-auf-Haut-Kontakt gäbe?“
„Es ist ein Spiel, Nolan. Kein Porno. Und sie könnten sich gegenseitig doch gar nicht richtig tackeln, oder? Sie würden sonst einander in Stücke schneiden.“
„Wir klingen wie Idioten“, stellte Nolan wieder fest und wirkte dabei nur leicht genervt. „Du hättest ein Buch darüber lesen können. Oder einen Film schauen. Das wäre viel lustiger gewesen, als hier an einem Samstagabend zu sitzen, während dieses Team mal wieder eine auf die Mütze bekommt.“
„Bekommen sie eine auf die Mütze?“
„Ich glaube schon. Der Heiße wirft seinen Schläger auf den Boden und schreit viel herum.“
Ich beobachtete gerade die Auseinandersetzung, die mitten im Spiel zwischen den beiden Teams auszubrechen drohte. Der Schiedsrichter pfiff, während die Menge zu buhen begann und altes Popcorn aufs Eis warf.
Reed warf tatsächlich seinen Hockeyschläger aufs Eis und ging auf einen anderen Spieler los. Er war ebenfalls heiß, aber auf eine gemeinere, rauere Art als Reed. Auf seinem Trikot stand der Name Connor.
„Sie mögen schlecht sein, aber sie sind authentisch.“ Ich verteidigte meine Wahl der Lernmethode. „Das kann ich nicht durch ein Buch oder einen Film lernen. Das ist echt. Das ist …“ Ich verstummte, als der Spieler namens Reed plötzlich seinen Helm abzog und wütend vom Eis fuhr.
Er schüttelte seine Mähne – ein wildes Durcheinander aus hellbraunem Haar, das zu seiner Wut passte, als er auf die Strafbank geschicktwurde. Aus irgendeinem Grund ließ mich der Anblick meinen Gedankengang verlieren.
Guter Gott, er war etwas Besonderes. Ich ignorierte entschieden den völlig falschen Drang, unruhig auf meinem Sitz herumzurutschen.
Nolan gab mir einen Klaps auf die Schulter. „Kathryn. Atme.“
Ich klappte meinen Mund zu. „Das ist Sport“, beendete ich meine frühere Aussage halbherzig.
„Das ist es allerdings“, schnaubte Nolan. „Aber könnten wir dann nicht wenigstens näher an zu Hause bleiben und unser eigenes Team unterstützen? Northridge mag schlecht sein, aber wir sollten wenigstens versuchen, loyal zu sein. Dem rivalisierenden College-Team, das jeder hasst, sind wir nichts schuldig.“
„Du weißt, dass ich das nicht konnte. Ich habe Grady erzählt, dass ich sein größter Fan bin. Und dass ich alles über Eishockey weiß. Deshalb muss ich woanders etwas darüber lernen, weit weg von seinem Revier. Und weit weg von seinem Team..“
„Das geht ein bisschen zu weit, nur um einen Jungen zu beeindrucken, Kathryn.“
„Grady hat mich endlich nach zwei Jahren wahrgenommen. Diese Chance lasse ich nicht verfliegen.“
„Er hat dich gefragt, ob du mit ihm einen Kaffee trinken willst, damit du ihm deine Lernnotizen zeigen kannst. Ich würde kaum sagen, dass das als Wahrnehmen gewertet werden kann.“
„Doch das kann es.“
Nolans Ton zeigte keine Nachgiebigkeit. „Du hättest dir jeden aussuchen können, in den du dich verknallst. Warum einen Eishockeyspieler, wenn du kein Interesse daran hast?“
„Ich wusste nicht, dass er Eishockeyspieler ist. Wir haben immer nur zusammen in der Bibliothek gelernt. Dann tauchte er letzte Woche in seinem Trikot auf, und ich brach in Lobeshymnen aus, bevor ich mich stoppen konnte.“
„Das war verdammt dumm von dir.“
Ich schnaubte bei Nolans Feststellung. „Natürlich war es das. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wenn Grady in zwei Wochen von seinem Familienurlaub zurückkommt, werde ich mehr über diesen Sport wissen als der … als der … Verdammt. Wie heißt der Hauptspieler?“
„Der Chair“, sagte Nolan selbstbewusst.
Obwohl ich wusste, dass das nicht richtig klang, widersprach ich ihm nicht.
Ich verstummte, als ein Summer ertönte. Es gab einen Ansturm von Leuten, die zu den Essensständen und Toiletten eilten.
„Ich glaube, es ist Halbzeit?“, sagte ich. „Gibt es überhaupt eine Halbzeit in diesem Spiel, oder gibt es das nur beim Football?“
„Beides“, sagte Nolan mit derselben Zuversicht. „Auf jeden Fall.“
„Du hast keine Ahnung, oder?“
„Als ob du eine hättest?“
Ich schaute auf die elektronische Anzeigetafel und versuchte, daraus schlau zu werden. Aber es hatte keinen Zweck.
Ich war so was von am Arsch.
„Ich brauche einen Drink“, erklärte Nolan. Er stand auf und starrte mich an. „Und du wirst ihn zahlen, da du mich den ganzen Weg hierhergeschleppt hast, nicht wahr?“
Ich blinzelte. „Ja. Natürlich. Lass uns gehen.“
Er klopfte mir auf den Rücken, als wir uns durch die Menge zwängten, woraufhin er meinen traurigen Gesichtsausdruck bemerkte.
„Kopf hoch. Einer dieser verschwitzten, aggressiven Jungs da draußen könnte Mitleid mit dir haben und dich zu seinem Projekt machen. Du kannst das Spiel mit deinem eigenen Privattrainer hautnah und aus nächster Nähe erleben.“
„Nein danke.“ Ich schauderte ein wenig. „Ich hasse Aggression. Ich hasse Fluchen. Und ich hasse Männer, die denken, dass das Schlagen von etwas mit einem Schläger sie zu Gottes Geschenk an die Frauen macht.“
Nolan lachte, als wir uns in die lange Essens- und Getränkeschlange einreihten. „Dann hast du dir die falsche Sache – und den falschen Mann – ausgesucht, um dich die nächsten zwei Wochen darauf zu versteifen, kleine Schwester.“








































