
Unnatürlicher Instinkt: Android
Autor:in
G.M. Marks
Gelesen
18,1K
Kapitel
30
Das Leben ist grausam
DEINE MUTTER
In dem Moment, in dem deine Mutter zur Haustür hereinkommt, weiß sie, dass es schon wieder nicht gut läuft.
„Ich gebe mir doch Mühe!“, ruft deine neue Pflegerin.
Das ist sehr unprofessionell, aber deine Mutter kann ihr den Ausbruch nicht verübeln. Du bist eine echte Herausforderung. Obwohl sie nicht überrascht ist, wird ihr schwer ums Herz.
Sie eilt in die Küche, stellt ihre Einkaufstüten auf der Arbeitsplatte ab und geht dann den Flur hinunter zu deinem Schlafzimmer.
„Du bist so nutzlos“, fährst du deine Pflegerin an. „Tu dir selbst einen Gefallen und such dir einen Job, den du auch wirklich kannst!“
Deine Mutter zuckt zusammen. Sie liebt dich, ihre einzige Tochter. Aber du kannst sehr grausam sein, wenn du willst.
Olympia, deine junge Pflegerin, ist den Tränen nahe. Sie kniet auf dem Boden vor deinem Rollstuhl und kämpft mit deinen medizinischen Strümpfen. „Vielleicht sollte ich das tun“, murmelt das junge Mädchen. Schweißflecken zeigen sich unter den Armen ihrer Uniform und ihr Haar hängt unordentlich aus ihrem Pferdeschwanz heraus.
„Mama“, sagst du und siehst auf. „Du bist wieder da.“
Die Pflegerin dreht sich erschrocken um, springt schnell auf und hält die Hände auf dem Rücken. Sie sieht völlig erschöpft aus.
Du kneifst die Augen zusammen. „Es wurde auch Zeit. Schmeiß dieses Mädchen raus, sie ist nichts für mich.“
Olympia hebt das Kinn und kämpft gegen ihre Tränen an – ohne Erfolg. Die Tränen laufen ihr über die Wangen.
Deine Mutter unterdrückt ein Seufzen. Sie achtet darauf, dass ihre Stimme ruhig klingt, und sagt: „Olympia, du kannst gehen.“
Die Augen des Mädchens weiten sich. Eine Röte steigt an ihrem Hals auf. Sie presst die Lippen zusammen und geht zur Tür.
Kurz bevor sie hinausgeht, hält deine Mutter sie auf. „Es tut mir leid. Du bekommst natürlich trotzdem deinen vollen Lohn für die zwei Wochen, in Ordnung?“
Das Mädchen lächelt zitternd, während sie nickt. Sie geht, und deine Mutter zieht die Tür hinter ihr zu.
„Du solltest ihr keinen Cent bezahlen“, spottest du aus deinem Rollstuhl. „Sie war die Schlimmste von allen.“
Deine Mutter sieht dich wütend an. „Ich bin entsetzt über dich. Wie kannst du nur so gemein sein?“
Du zuckst mit den Schultern. „Das Leben ist grausam. Sie sollte sich daran gewöhnen.“
Das Leben ist tatsächlich grausam. Da hast du recht. Obwohl es fast zwei Jahre her ist, seit der Unfall dich verkrüppelt hat, schnürt es deiner Mutter beim Anblick von dir noch immer die Kehle zu.
Dein einst so hübsches Gesicht ist auf der linken Seite schwer verbrannt, genau wie ein Großteil deiner linken Körperhälfte. Die Wucht des Aufpralls verursachte schwere Hirnschäden, die deine rechte Seite beeinträchtigen.
Du kannst deinen rechten Arm kaum bewegen und deine Hand ist völlig nutzlos, zu einer Kralle verkrampft. Du kannst stehen, aber nicht gehen, denn dein rechtes Bein ist genauso schlimm dran wie dein Arm und der Fuß ist nach innen gebogen.
Aber mit all dem kommt sie klar. Es ist schmerzhaft, aber erträglich. Ganz im Gegensatz zu deinem Verhalten. Manchmal, in ihren dunkelsten Momenten, wirkt es fast so, als wärst du gar nicht ihre Tochter. Als würde sie eine Fremde pflegen. Das bricht ihr das Herz.
„Reicht es jetzt?“, sagst du. „Können wir aufgeben?“
Deine Mutter schüttelt den Kopf, lässt sich vor dir auf die Knie fallen und zieht dir weiter die Strümpfe an.
„Lass das, Mama. Hör auf! Ich will nicht, dass du das tust!“ Du versuchst, dich wegzureißen. Aber du steckst in deinem Rollstuhl fest. Gefangen – für den Rest deines Lebens. „Mama!“
„Halt den Mund!“, blafft sie mit rotem Gesicht. „Du brauchst deine Strümpfe, damit du kein Blutgerinnsel bekommst.“
Du sinkst in deinem Rollstuhl zusammen. „Ein Gerinnsel wäre das Beste auf der Welt. Es würde die Sache beenden ... Das tun, was der Lkw hätte tun sollen.“
Deine Mutter beißt sich auf die Lippe und zieht dich weiter an, obwohl ihre Hände zittern und sich ihre Augen mit Tränen füllen.
Da du nun niemanden mehr für deine Pflege hast, bleibt sie den Rest des Tages bei dir, kocht dir Essen, hilft dir auf die Toilette und erledigt viele Dinge, die dich demütigen und frustrieren. Du liebst und schätzt deine Mutter, aber du kannst nicht anders, als wütend und hasserfüllt zu sein, und meckerst sie bei jeder Kleinigkeit an.
Am Ende des Tages hat deine Mutter genug. Sobald sie dir ins Bett geholfen hat, geht sie in ihr Zimmer und schaltet ihren Laptop ein. Olympia war die zwölfte Pflegerin, die die Agentur geschickt hatte, und deiner Mutter gehen langsam die Möglichkeiten aus.
„Sie wird die Letzte sein“, hatte die Leiterin deiner Mutter schon vor Tagen gesagt. „Danach wird es sehr schwer werden. Wir werden kaum noch Pflegerinnen finden, die bereit sind, sich um sie zu kümmern.“
„Was soll ich denn dann tun?“, hatte sie verzweifelt gefragt.
Die Leiterin musterte sie. „Es gibt da... andere Agenturen.“ Sie griff in die Schublade ihres Schreibtisches, holte eine Karte heraus und reichte sie ihr. „Streng genommen sollte ich Ihnen nichts davon erzählen. Es ist nicht gerade... ratsam.“
Deine Mutter sah auf die Karte hinab. Mechabashi Robotics Industry Inc.
Jeder hat schon von der Firma Mechabashi gehört. Mit Sitz in Japan bauen sie selbstfahrende Autos und Flugzeuge. Sie haben Roboter-Haustiere erfunden und Computer, die operieren können. Und sogar Menschen! Echte, sich bewegende, denkende Menschen!
Sie erinnerte sich daran, sie vor Jahren im Fernsehen gesehen zu haben, danach aber nie wieder. Heute scheint sich die Firma lieber auf Autos, Computer und Drohnen zu konzentrieren. Sie fragt sich plötzlich, warum das so ist. Und was könnte sie dort überhaupt Nützliches finden?
Jetzt, wieder zu Hause, sitzt sie an ihrem Schreibtisch, und die Karte lehnt am Bildschirm ihres Laptops, während sie deren Website aufruft – ihre letzte, verzweifelte Hoffnung.
Ihre Augenbrauen wandern immer weiter nach oben bei dem, was sie sieht. Ihr Herz beginnt zu klopfen. Nervös rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her. Könnte das wirklich die Lösung sein? Sie beugt sich näher an den Bildschirm heran.
Aber je mehr Seiten sie durchblättert, desto mutloser wird sie. Die Kosten sind astronomisch hoch. Es ist viel mehr, als sie sich jemals leisten könnte. Und genau wie die Leiterin sagte – es ist nicht ratsam. Ist das überhaupt legal?
Oder sicher?
Beim Klang deines Weinens dreht sie den Kopf. Du hast wieder Schmerzen. Ihr Herz wird schwer. Du hast deine erlaubten Medikamente für heute schon bekommen und sie ist zu müde und erschöpft, um dir die Massagen zu geben, die du so dringend brauchst.
Es gibt kein Heilmittel für Nervenschmerzen. Wenn es doch nur jemanden gäbe, der nicht schlafen müsste. Jemanden, der dir ohne Klagen jederzeit zur Verfügung stehen könnte. Sie wendet sich wieder dem Bildschirm zu.
Wenn doch nur...
Sie holt tief Luft und klickt auf die E-Mail-Adresse.








































