
Zwischen Macht und Verlangen
Autor:in
B. E. Harmel
Gelesen
16,5K
Kapitel
44
Carol ergattert ihren Traumjob bei Wright Enterprises – und steht plötzlich Damon Wright gegenüber, einem mächtigen CEO, den sie niemals begehren sollte. Kalt, brillant und absolut tabu: Er verkörpert alles, was sie nicht riskieren darf. Doch als Ehrgeiz in Verlangen umschlägt, wird Carol immer tiefer in seine Welt hineingezogen – eine Welt, in der Kontrolle alles ist und manche Geheimnisse weitaus gefährlicher sind, als sie scheinen.
Kapitel 1
CAROL
Der Kaffeefleck war klein. Winzig. Fast unsichtbar. Leider war er genau auf der Vorderseite meines cremefarbenen Bleistiftrocks.
Ich starrte ihn entsetzt an, während ich im verspiegelten Aufzug der Zentrale von Wright Enterprises stand. Ich rieb mit einem Papiertaschentuch auf dem Fleck herum, als hinge mein Leben davon ab. „Toll“, murmelte ich leise. „Mein erstes echtes Vorstellungsgespräch und ich sehe aus, als hätte ich mein Frühstück über mich geschüttet.“
Fantastisch.
Nicht, dass es wichtig wäre. Die Leute achteten ohnehin meist zuerst auf meinen Lebenslauf, bevor sie mich bemerkten.
Das war schon immer so. In der Schule, am College und in jedem Praktikum danach.
Die Kluge. Die Zuverlässige. Diejenige, der die Professoren bei Zahlen und Strategien vertrauten. Andere Mädchen fielen den Leuten hingegen sofort auf, wenn sie einen Raum betraten.
Ich hatte schon früh gelernt, dass Intelligenz Türen öffnen kann. Auch wenn sie nicht dafür sorgte, dass man mich ein zweites Mal ansah.
Die Aufzugtüren glitten mit einem leisen Klingeln auf, bevor ich noch etwas gegen den Fleck tun konnte. Aber es war zu spät.
Spiel vorbei, Carol. Ich straffte trotzdem meine Schultern und trat auf der obersten Etage aus dem Aufzug. Ich zwang mich zu einer Haltung, die hoffentlich nach Selbstbewusstsein und nicht nach leichter Panik aussah.
Glaswände umrahmten das gesamte Büro. Sonnenlicht durchflutete den Raum. Es spiegelte sich auf den polierten Böden und den eleganten, modernen Möbeln. Der Ort sah genau wie die Zentrale eines der am schnellsten wachsenden Außenhandelsunternehmen des Landes aus.
Das bedeutete vor allem eines. Wahrscheinlich wusste hier jeder genau, was er tat. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich atmete langsam ein und hielt den Riemen meiner Tasche etwas fester umklammert.
Du hast zwei Studiengänge als Beste abgeschlossen. Du hast deinen MBA gemacht, bevor du fünfundzwanzig wurdest. Du wirst ja wohl ein Vorstellungsgespräch schaffen.
Der Empfangsschalter stand vor einem großen Wartebereich. Er war mit elfenbeinfarbenen Sesseln und niedrigen Marmortischen eingerichtet. Eine kleine rothaarige Frau mit einer übergroßen, quadratischen Brille sah von ihrem Computer auf. „Miss Henderson?“, fragte sie.
„Ja“, sagte ich schnell. Vielleicht ein bisschen zu schnell.
Sie lächelte höflich und stand auf. In der Hand hielt sie ein Klemmbrett. „Ich bin Julia aus der Personalabteilung“, sagte sie. „Wir beginnen jetzt mit Ihrem Gespräch.“
Ich folgte ihr durch eine Glastür in ein kleineres Büro. Dabei versuchte ich, mich nicht wie ein Tourist umzusehen. Mein Gehirn ratterte derweil ununterbrochen weiter. Das Vorstellungsgespräch begann recht einfach. Es gab Fragen zu meinen Abschlüssen, meiner MBA-Forschung und warum ich mich für den Außenhandel entschieden hatte.
„Ihre Abschlussarbeit über internationale Frachtlogistik“, sagte Julia und warf einen Blick auf ihre Notizen. „Der Schwerpunkt lag auf der Optimierung von Häfen, richtig?“
„Ja“, sagte ich. Ich war dankbar für eine Frage, die ich wirklich gern beantwortete. „Genau genommen ging es darum, wie ineffiziente Zollabfertigungen die Unternehmen jährlich Millionen kosten können. Ich habe ein Umstrukturierungsmodell vorgeschlagen, das …“ Ich brach ab.
Stimmt. Das ist ein Vorstellungsgespräch. Keine Verteidigung deiner Abschlussarbeit.
Julia lächelte leicht. „Nein, bitte fahren Sie fort“, sagte sie.
Also tat ich das.
Als ich mit der Erklärung meines Modells zur Vereinfachung der Containerdokumentation und der Steuerwege fertig war, notierte Julia schnell etwas auf ihrem Klemmbrett. „Interessant“, murmelte sie. Dann stand sie auf. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, kurz zu warten.“
„Natürlich nicht“, sagte ich.
Sie verließ den Raum und ließ mich mit meinem plötzlich sehr lauten Herzschlag allein.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und atmete langsam aus. Okay. Das lief gut. Glaube ich zumindest.
Durch die Glaswand konnte ich einen Teil der Bürofläche sehen. Die Mitarbeiter bewegten sich zwischen den Schreibtischen hin und her. Telefone klingelten leise und Tastaturen klapperten in einem gleichmäßigen Rhythmus.
Dann erregte etwas meine Aufmerksamkeit. Am Ende des Flurs stand ein Mann in einem großen, verglasten Büro. Es war vielleicht ein Konferenzraum. Er sprach mit scharfer Stimme in sein Telefon.
Groß. Dunkler Anzug. Dunkle Haare. Und er hatte eine magische Anziehungskraft, die ich mir nicht erklären konnte.
Seine Haltung war steif. Seine Schultern waren gestrafft, wie bei jemandem, der es gewohnt war, dass man ihm gehorchte. Seine Art und Weise strahlte pure Autorität aus. Er hatte eine Präsenz, die die Leute sofort zuhören ließ, wenn er sprach.
Selbst von hier aus konnte ich erkennen, dass er nicht gut gelaunt war. Er wirkte … genervt.
Während er sprach, ging er langsam auf und ab. Eine Hand stemmte er in die Hüfte, mit der anderen hielt er sich das Telefon ans Ohr. Ich konnte das Gespräch zwar nicht hören, aber seine angespannten Kiefermuskeln sagten genug.
Dann drehte er den Kopf. Sein Blick hob sich plötzlich. Direkt zur Glaswand. Direkt zu mir. Und unsere Blicke trafen sich.
Blau. Ein klares, auffälliges Blau.
Ich vergaß, wie man atmet. Ich sollte wegsehen. Ich musste einfach wegsehen. Aber ich konnte es nicht.
Seine Stimme brach mitten im Satz ab. Völlig abrupt.
Ich sah genau den Moment, in dem es passierte. Das Gespräch am anderen Ende der Leitung schien für ihn plötzlich nicht mehr zu existieren.
Seine Augen waren immer noch auf meine gerichtet. Ein Schauer lief mir langsam über den Rücken. Plötzlich fühlte es sich an, als wäre der ganze Flur still geworden.
Konzentrier dich, Carol. Komm schon. Das ist dein Vorstellungsgespräch.
Ich riss den Blick unter großer Anstrengung los und sah weg. Das war viel schwerer, als es hätte sein sollen. Ich tat so, als wäre ich völlig fasziniert von einer eingerahmten Firmenauszeichnung an der Wand. Mein Herz schlug viel schneller, als es eigentlich durfte.
Als ich es wagte, wieder einen Blick zu riskieren, ging er bereits den Flur hinunter. Sein Kiefer war noch immer angespannt und er hielt das Telefon fest in der Hand. Irgendwie hatte ich das seltsame Gefühl, dass dieser Moment nicht so zufällig gewesen war, wie er hätte sein sollen.
Ich schüttelte den Gedanken ab. Ich brauche einfach diesen Job. Es ist ein großes Unternehmen. Eine echte Chance für jemanden, der gerade sein Studium abgeschlossen hat.
Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, öffnete sich die Tür erneut. Julia trat wieder ein. „Miss Henderson“, sagte sie. „Mr. Wright möchte mit Ihnen sprechen.“
Für einen Moment setzte mein Verstand einfach … aus. „Mr. Wright? Also der Mr. Wright? Der Geschäftsführer?“, fragte ich, bevor ich mich aufhalten konnte.
Sie lächelte höflich. „Ja“, sagte sie.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Dieses Vorstellungsgespräch war plötzlich sehr viel ernster geworden.
Ich folgte ihr durch den Flur. Meine Absätze klackten leise auf dem polierten Boden. Von dieser Seite des Gebäudes wirkte das Büro sogar noch größer. Das Sonnenlicht strömte durch die Glaswände, die einen weiten Blick über die Stadt boten.
Wir hielten vor einer massiven Glastür an. Julia klopfte einmal, bevor sie sie aufdrückte. „Mr. Wright, Miss Henderson ist hier“, sagte Julia.
Und genau in diesem Moment traf ich Damon Wright. Es war der Mann, dessen Blick mir noch vor wenigen Minuten den Atem geraubt hatte.
Oh Gott.
Als wir eintraten, sah er von einem Stapel Dokumente auf. Dann stand er auf.
Und der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, war gefährlich unprofessionell. Oh. Er ist … sehr groß.
Seine breiten Schultern spannten den Stoff seines dunklen Anzugs. Seine dunklen Haare waren etwas länger, als die meisten Führungskräfte es wagen würden. An seinem Kinn war ein leichter Bartschatten zu sehen. Aus der Nähe sah er sogar noch besser aus. Aber es waren wieder seine Augen, die mich in ihren Bann zogen.
Ein scharfes und aufmerksames Himmelblau. Als würde ihm absolut nichts entgehen.
Sein Blick glitt langsam an mir hinab, bevor er wieder mein Gesicht ansah. Es dauerte nur so lange, um meinen Puls in die Höhe zu treiben. „Miss Henderson“, sagte er, trat vor und reichte mir die Hand.
Seine Stimme war ruhig. Sehr kontrolliert. Aber da schwang auch etwas Neugierde mit. „Es ist schön, Sie endlich kennenzulernen“, sagte er.
Endlich?
Ich legte meine Hand in seine. Dabei hoffte ich inständig, dass sie nicht sichtbar zitterte. „Das Vergnügen liegt ganz bei mir, Mr. Wright.“
Sein Händedruck war fest. Er war warm. Er zeigte etwas, das man fast als Lächeln bezeichnen könnte – klein, zurückhaltend und professionell.
Seine Augen ruhten jedoch für den Bruchteil einer Sekunde länger auf mir als nötig. Dann deutete er auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. „Bitte. Setzen Sie sich.“
Das tat ich. Ich bemühte mich sehr, nicht zu bemerken, dass sein Büro fast so groß wie meine ganze Wohnung war. Damon Wright setzte sich nicht sofort hin.
Stattdessen lehnte er sich mit der Hüfte leicht an die Kante seines Schreibtisches. Er musterte mich mit einem nachdenklichen Ausdruck. „Sie haben Ihre Abschlussarbeit über die Optimierung der Hafenlogistik geschrieben“, sagte er.
„Ja“, sagte ich.
„Sie war sehr beeindruckend“, sagte er.
Ich zog meine Augenbrauen leicht hoch. „Sie haben sie gelesen?“, fragte ich.
Seine Mundwinkel bewegten sich fast unmerklich. „Ich versuche, bei den besten neuen Forschungsergebnissen der Branche auf dem Laufenden zu bleiben“, sagte er. Seine Art, das zu sagen, klang weniger nach einem Kompliment. Es klang eher wie eine Herausforderung.
Damon stieß sich vom Schreibtisch ab und setzte sich schließlich auf den Stuhl dahinter. Er öffnete eine schmale Mappe. Meinen Lebenslauf. „Ich bin auf etwas neugierig“, sagte er ruhig.
Natürlich sind Sie das.
„In Ihrer Arbeit behaupten Sie, dass die meisten Häfen fast dreißig Prozent ihrer betrieblichen Effizienz verlieren. Sie sagen, das liegt daran, dass Unternehmen die Logistik als isolierte Systeme und nicht als zusammenhängende Netzwerke behandeln.“
„Ja“, sagte ich.
„Sie schlagen vor, das Modell der Frachtverteilung völlig neu zu strukturieren.“
Ich nickte langsam. Meine Finger verkrampften sich in meinem Schoß.
„Das ist … ambitioniert“, sagte er. In seiner Stimme schwang kein Spott mit. Aber es war Skepsis zu hören.
„Ich halte es für realistisch“, antwortete ich.
Er hob eine Augenbraue leicht an. „Oh?“ Sein Blick wurde schärfer. „Die meisten Leute mit Ihrer Erfahrung würden das als unmöglich bezeichnen.“
Bevor ich mich aufhalten konnte, lehnte ich mich ein wenig vor. „Das liegt daran, dass die meisten Unternehmen versuchen, nur einzelne Terminals anstatt der gesamten Lieferkette zu optimieren.“
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Ich konnte jedoch sehen, wie sich die Aufmerksamkeit in seinen Augen verstärkte.
„Sie lösen das falsche Problem“, fuhr ich fort. „Wenn man den Frachtfluss neu verteilt, bevor die Schiffe überhaupt ankommen, beseitigt man den Stau, bevor er entsteht.“
Stille legte sich zwischen uns. Für einen Moment sah er mich einfach nur an. Dann lehnte er sich langsam in seinem Stuhl zurück. „Und wie würden Sie die Reedereien davon überzeugen, bei diesem Modell mitzumachen?“, fragte er.
Sein Tonfall war beiläufig. Seine Augen waren es jedoch nicht. Er testete mich. Sehr gut.
„Ich würde sie gar nicht erst überzeugen“, sagte ich.
Das weckte seine Aufmerksamkeit. „Ach ja?“, fragte er.
„Ich würde es ihnen finanziell unmöglich machen, sich zu weigern.“
Ein winziger Hauch von Belustigung zeigte sich um seinen Mund. „Erklären Sie das“, sagte er.
„Wenn der Hafen das System für die Anlegepriorität kontrolliert“, sagte ich, „dann erhalten Schiffe, die beim Umverteilungsmodell mitmachen, schnellere Abfertigungszeiten.“ Ich hielt seinem Blick stand. „Schiffe, die das nicht tun … warten eben länger.“
Eine erneute Stille erfüllte den Raum. Dann lachte Damon leise auf. Ein tiefes, überraschtes Geräusch. „Das ist wirklich rücksichtslos.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Es ist effizient.“
Zum ersten Mal wurde sein Lächeln aufrichtig. Und das veränderte sein ganzes Gesicht. „Nun“, sagte er und schloss langsam die Mappe. „Miss Henderson.“
Mein Puls schoss in die Höhe.
„Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass Sie nicht für eine Stelle als Junior-Analystin hier sind“, sagte er.
Ich blinzelte verwirrt. „Bin ich nicht?“
„Nein“, sagte er und stand auf. Und als Damon Wright aufstand, schien sich der ganze Raum mit ihm zu verändern. „Ich stelle lieber Leute ein, die die Denkweise meines Unternehmens herausfordern können“, sagte er.
Er ging um den Schreibtisch herum und blieb wieder vor mir stehen. „Und Sie können das ganz eindeutig“, sagte er.
Mein Herz begann, schneller zu schlagen. „Wollen Sie damit sagen …“, fing ich an.
„Ich biete Ihnen die Stelle an“, sagte er einfach.
Für eine Sekunde starrte ich ihn nur an. Einfach so? „Sie haben das Gespräch noch nicht einmal beendet“, sagte ich.
Ein schwaches Lächeln kehrte zurück. „Oh, das habe ich bereits beendet.“ Seine blauen Augen hielten meinen Blick fest. „Vor etwa fünf Minuten.“
Ich konnte nicht anders. Ich lachte leise und die ganze Anspannung fiel endlich von mir ab. „Dann sollte ich wohl Ja sagen.“
„Ich hatte gehofft, dass Sie das tun würden“, sagte er. Er streckte mir erneut die Hand hin.
Ich stand auf und schüttelte sie. Ich war immer noch etwas fassungslos.
„Willkommen bei Wright Enterprises, Miss Henderson.“
Als wir uns losließen, öffnete sich die Bürotür. Ein Mann trat ohne anzuklopfen ein. Blond, braune Augen. Ein teurer Anzug. Sein Lächeln tauchte genau in dem Moment auf, als er Damon sah. „Tut mir leid, dass ich störe“, sagte er ganz beiläufig. „Vorstandsgespräch in zehn Minuten.“
Dann richtete sich sein Blick auf mich. Und irgendetwas an der Art, wie er mich ansah, ließ meinen Magen krampfen.
Seine Augen glitten langsam über mein Gesicht. Es wirkte so, als würde er versuchen, sich etwas einzuprägen. Zu langsam. Zu aufmerksam. „Nun“, sagte er leichthin, „und wer ist das?“
Damons Haltung neben mir veränderte sich. Nur ganz leicht. Aber absolut unverkennbar. „Das ist Carol Henderson“, sagte er.
Sein Tonfall war deutlich kühler geworden. „Sie hat gerade im Unternehmen angefangen“, sagte er.
Der Mann lächelte erneut. Aber dieses Mal erreichte das Lächeln seine Augen nicht. „Michael Norris“, sagte er und reichte mir die Hand.
Ich zögerte für eine halbe Sekunde, bevor ich sie schüttelte. Sein kühler Griff sorgte dafür, dass sich mein Bauchgefühl mit einer leisen Unruhe meldete. Ein seltsamer Schauer, den ich mir nicht ganz erklären konnte, kroch mir über den Rücken.
Irgendetwas an ihm fühlte sich … falsch an.
Und mein Instinkt hatte mir dieses Wort noch nie so deutlich zugeflüstert.








































