
Ravenous – Buch 2
Autor:in
Mel Ryle
Gelesen
18,9K
Kapitel
5
Eins
Buch Zwei
MIA
Seattle, Washington
Gegenwart, August 1994
*Mia!* Der Ruf hallte durch die nächtliche Stille, scharf wie ein Messer. *Mia!*
Sie stand auf einer menschenleeren Straße, umhüllt von undurchdringlicher Dunkelheit. Irgendwo in der Ferne brandete das Meer gegen Felsen – ein dumpfes, bedrohliches Grollen. Eine eisige Hand krallte sich um ihr Herz. *Jemand beobachtet mich.*
Plötzlich spürte sie einen warmen Atemhauch direkt an ihrem Ohr. Sie fuhr herum – doch da war niemand. Nur leere Luft. Und dann, mit einem Mal, verstummte das Meer. Eine unnatürliche Stille breitete sich aus, als hätte jemand den Ton der Welt abgestellt.
Ein Schrei zerriss die Nacht. *AAAAAAH!*
*Mi—AAAA!* *Mia! Mia! Du bist m—*
*Keuch!*
Mia riss die Augen auf, keuchend, als hätte sie einen Marathon gelaufen. Schweiß klebte ihr das Nachthemd am Körper, während eine kalte Brise über ihre Haut strich. *Herbst in Seattle.* Doch im Zimmer war es warm – zu warm für das Zittern, das sie durchlief.
Neben ihr lag Richard, sein Gesicht im Schlaf entspannt, die Atemzüge tief und gleichmäßig. *Gott sei Dank.* Er hatte nichts mitbekommen von ihrem Albtraum, ihrem wilden Umherschlagen.
Sie starrte an die Decke, zwang sich, langsam ein- und auszuatmen. *Nur ein Traum. Nur ein verdammter Traum.* Träume konnten einem nichts anhaben. Das wusste sie. Und doch...
---
Am nächsten Morgen drehte sie sich automatisch zur Seite – und stieß auf leere Kissen. Doch der Duft von Kaffee und Speck zog durchs Haus, vertraut und beruhigend.
Mia streckte sich, gähnte, dann stand sie auf und ging ins Bad. Das kalte Wasser im Gesicht half, die letzten Spuren der nächtlichen Unruhe wegzuwaschen. Als sie nach unten kam, hörte sie Richard in der Küche summen, ein Lied, das sie nicht kannte.
»Guten Morgen, Schlafmütze.« Er stand mit dem Rücken zu ihr, eine Pfanne in der Hand. »Wie möchtest du deine Eier heute? Rührei? Spiegelei? Oder wieder dieses komische Omelett mit den Kräutern, die du letztens ausprobiert hast?«
Sie musste lächeln. »Ein klassisches Spiegelei, bitte. Und hast du vielleicht...«
»...Tee?« Er drehte sich halb zu ihr um, ein spöttisches Grinsen im Gesicht. »Nein, Mia. Kein Tee heute Morgen. Aber wenn du willst, können wir vor der Arbeit noch schnell ins *Brew & Bean* gehen. Die haben diesen neuen Earl Grey, den du letztens gelobt hast.«
Obwohl er sie immer noch nicht richtig ansah, nickte sie. »Klingt gut.«
Eine Minute später stand er mit zwei Tellern vor ihr – Eier, knuspriger Speck, geröstetes Brot. Er setzte sich gegenüber, und sie aßen schweigend. Richard war kein Morgenmensch, und Mia hatte längst gelernt, dass Stille manchmal mehr wert war als Smalltalk.
Als sie fertig waren, verschwand sie nach oben, um sich fertig zu machen. Richards Aktentasche nahm sie mit, während er das Geschirr abspülte. Dann wartete sie an der Tür, musterte sich im Spiegel.
Ihr Haar war zu einem lockeren Dutt gebunden, der karierte Wollschal – ein Weihnachtsgeschenk von Richard vom letzten Jahr – lag perfekt um ihren Hals. *Auf den ersten Blick sieht alles normal aus.* Doch je länger sie hinsah, desto deutlicher wurden die Schatten unter ihren Augen. *Schlafmangel. Stress. Dieser verdammte Traum.*
»Sollen wir?« Richards Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er hielt seine Jacke in der Hand, sein Blick war warm, aber unauffällig. *Er hat nichts bemerkt. Gut.*
»Wenn du bereit bist.« Sie reichte ihm die Tasche, ohne ihn anzusehen.
»Danke, Liebling.« Ein flüchtiger Kuss auf ihre Wange. »Dann lass uns gehen.«
Hand in Hand verließen sie das Haus.
---
Wie erwartet war das *Brew & Bean* um diese Uhrzeit brechend voll. Doch da Richard freitags später ins Büro musste, war die Schlange überschaubar.
Der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee und Zimt schlag ihnen entgegen, vermischt mit dem Gemurmel der Gäste. Sie stellten sich hinten an.
»Also«, sagte Richard und stupste sie leicht mit der Schulter an, »willst du heute mal etwas Neues wagen? Einen Espresso vielleicht? Oder traust du dich nicht?«
Mia lachte. »Ich bleibe beim *English Breakfast Tea*. Mit Zucker.«
»Natürlich. Wie immer.« Er strich ihr eine lose Strähne hinters Ohr, seine Finger blieben einen Moment an ihrer Wange. »Ich bestelle. Such du uns schon mal einen Platz. Wir haben Zeit.«
»Bist du sicher?« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Dein Bus...«
»Ich nehme den nächsten. Mein Chef hat mir heute freigegeben, erst um zehn da zu sein.« Er zuckte mit den Schultern. »Und es ist erst kurz nach acht. Also habe ich dich noch ein bisschen für mich – wenn dir meine Gesellschaft nicht zuwider ist.«
»Natürlich nicht.« Sie deutete in den Raum. »Ich schau mal, was frei ist.«
Tatsächlich fand sie einen kleinen Tisch am Fenster, direkt an der Scheibe. Die Sonne fiel schräg herein, zeichnete goldene Muster auf den Holzboden. Sie setzte sich, beobachtete die Menschen draußen.
Richard kam mit den Getränken zurück – sein Kaffee dampfte, ihr Tee duftete nach Bergamotte. Sie tranken, lauschten den Gesprächen um sie herum. Doch dann wurde seine Stimme ernster.
»Wie sieht's aus mit deiner Tante und dem Jobangebot?«
Mia seufzte leise. »Leanna hat mir einen Einstieg im Marketing angeboten. Aber ich will mich lieber normal bewerben.«
»Normal?« Er hob eine Augenbraue. »Du meinst, du willst durch die übliche Bewerbungsprozedur?«
Sie nickte. »Ja. Ich weiß, du wirst jetzt sagen, dass ich das Unternehmen ohnehin irgendwann erbe. Aber...« Sie zögerte. »Ich will es mir verdienen. Ich habe gerade erst mein Studium abgeschlossen. Keine Ahnung, wie es in der echten Arbeitswelt aussieht.«
Richard lächelte. »Du bist eine der wenigen Menschen, die ich kenne, die *keine* Vorteile wollen.« Er nahm einen Schluck Kaffee. »Aber du hast doch schon genug bei deiner Tante mitgearbeitet. Das zählt auch als Erfahrung.«
»Danke.« Sie spielte mit ihrem Teelöffel. »Aber ich will erst etwas leisten, bevor ich sage: *Ja, ich gehöre dazu.*«
Er hob abwehrend die Hände. »Wie du willst. Ich unterstütze dich, egal was du entscheidest.«
Mia atmete tief durch. »Ich habe letzte Woche darüber nachgedacht... Wenn ich den Job annehme, müssten wir umziehen. In einen anderen Bundesstaat. Aber ich weiß, wie sehr du deinen Job bei *Daniel & Oslo* liebst. Also...« Sie biss sich auf die Lippe.
Richard griff nach ihrer Hand. »Hey. Keine Sorge. Wir kriegen das hin. Wir haben schon Schlimmeres überstanden.«
Sie sah ihn an – dieser ruhige, unerschütterliche Blick. »Ich will nur, dass du glücklich bist. Du hast schon so viel für mich aufgegeben.«
Er lachte leise. »Denkst du, ich opfere mein Glück für dich? Dann habe ich in den letzten Jahren wohl versagt, dir zu zeigen, was du für mich bedeutest.« Seine Finger schlossen sich fester um ihre. »Du *bist* mein Glück, Mia. Alles andere ist Verhandlungssache.«
Ihre Kehle wurde eng. »Danke, Richard.«
»Immer.« Er drückte ihre Hand, bevor er sie losließ. »Und falls es dich beruhigt – ich könnte meinen Chef bitten, mich versetzen zu lassen. Du magst zwar nichts von *Vitamin B* halten, aber ich habe kein Problem damit, Mrs. Stantons Verbindungen zu nutzen. Die mag mich. Die wird uns nicht trennen.«
Mia musste lachen. »Du und dein unerschütterliches Selbstvertrauen.«
»Realismus, Liebling. Realismus.« Er zwinkerte ihr zu.
---
Als sie ihre Getränke ausgetrunken hatten, verschwand Richard Richtung Toilette. Mia wartete draußen, die Hände in den Taschen vergraben. Der Morgen war kühl, aber nicht unangenehm.
Doch dann spürte sie es wieder.
*Jemand beobachtet mich.*
Ihr Nacken kribbelte. Sie drehte sich um, musterte die geparkten Autos, die wenigen Passanten auf der anderen Straßenseite. Niemand starrte. Niemand wirkte verdächtig. *Oder doch?*
*Wo zum Teufel...?*
»Mia?«
Sie zuckte zusammen. Richards Stimme. Schnell zwang sie sich zu lächeln. »Alles gut. Ich... brauchte nur etwas frische Luft.«
»Tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe.« Er trat neben sie, sein Blick suchend. »Hättest drinnen warten können.«
»War zu voll.« Sie deutete zur Bushaltestelle. »Sollen wir?«
Während sie weitergingen, riskierte sie noch einen schnellen Blick über die Schulter. Das Gefühl war weg. *Einbildung? Paranoia? Oder...*
Nein. Sie schob den Gedanken beiseite.
---
Obwohl die Strecke kurz war, fuhr Mia mit Richard im Bus – einfach, um noch ein paar Minuten mit ihm zu haben.
An ihrer Haltestelle stieg sie aus, gab ihm einen schnellen Kuss zum Abschied. Dann sah sie dem Bus nach, bis er um die Ecke bog.
Nur noch eine Minute zu Fuß. Das Studio lag auf der anderen Straßenseite, ein Backsteingebäude mit großen Fenstern. *Mein kleines Reich.*
Seit sie nach Seattle gezogen war, hatte sie hier ihre Ballettschule aufgebaut. Anfangs war es schwer gewesen – kaum Schüler, kaum Vertrauen. Doch mit der Zeit hatte sie sich einen Namen gemacht. Jetzt unterrichtete sie Kinder zwischen neun und fünfzehn, meist nach der Schule oder am frühen Abend.
Als Chefin konnte sie ihre Stunden selbst einteilen, hatte an Feiertagen frei. Ein Luxus, den sie zu schätzen wusste.
Doch vor zwei Jahren, nach den ganzen Gerichtsverfahren in Schottland, hatte Leanna ihr geraten, einen Abschluss in Betriebswirtschaft zu machen. *„Für den Fall, dass du doch mal ins Familienbusiness einsteigst.“* Also hatte Mia studiert – neben der Schule, neben den Kursen.
Jetzt, nach ihrem Abschluss, begleitete sie Leanna manchmal auf Geschäftsreisen. *Stanton Enterprises.* Ein Imperium. Ein Erbe, das sie nicht wollte – und doch nicht ablehnen konnte.
Als sie das Studio betrat, saß Natalie schon am Empfang, eine Studentin im letzten Semester, die Mia vor Jahren als Aushilfe eingestellt hatte. Trotz des Altersunterschieds war Natalie eine der zuverlässigsten Personen, die sie kannte.
»Morgen, Nat.« Mia hing Schal und Mantel an die Garderobe. »Wie war deine Woche?«
Natalie blickte von ihrem Laptop auf, ein müdes Lächeln im Gesicht. »Verrückt. Die Abschlussarbeit macht mich kirre, und meine Kommilitonen sind absolut unfähig. Und dann die Marktforschung...« Sie stöhnte. »Ich glaube, ich verbringe mehr Zeit damit, andere zu motivieren, als selbst zu arbeiten.«
»Brauchst Hilfe?« Mia setzte sich auf die Ecke des Schreibtischs. »Ich kann dir ein paar Tipps geben, wenn du willst.«
Natalie schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Ich regle das schon. Ich jammere nur.« Sie zeigte mit dem Daumen auf Mia. »Aber danke, dass du zuhörst. Du bist die beste Chefin ever.«
Mia lachte. »Schön, dass du das denkst. Denn jetzt müssen wir den Saal für die Nachmittagskurse vorbereiten.«
Natalie seufzte theatralisch, stand aber sofort auf. »Ja, Boss.«
---
Am Abend, nach dem letzten Kurs, schickte Mia Natalie früher nach Hause. *„Konzentrier dich auf deine Arbeit. Ich schließe hier allein ab.“*
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, blieb Mia noch einen Moment stehen. Der große Spiegel an der Wand warf ihr Bild zurück – ein schmales Gesicht, dunkle Ringe unter den Augen, ein Körper, der sich in dem engen schwarzen Trikot und den hautfarbenen Strumpfhosen fast fremd anfühlte.
Sie atmete tief durch. Dann holte sie den alten Kassettenrekorder hervor, befestigte ihn an ihrem improvisierten Gürtel. Die Kopfhörer setzte sie auf, spulte das Band zurück.
*Tschaikowskys „Blumenwalzer“.*
Der erste Takt erfüllte ihre Ohren – und plötzlich war sie wieder zwölf, stand auf einer Bühne in Edinburgh, das Herz bis zum Hals schlagend. *Der Nussknacker.* Ihre erste große Aufführung.
Sie schloss die Augen, ließ die Musik durch sich hindurchfließen. Dann begann sie zu tanzen.
Doch ihr Körper gehorchte nicht mehr wie damals. Die Bewegungen waren steif, die Sprünge nicht mehr so leicht. Sie blieb stehen, keuchend, frustriert. *Verdammt.* Noch ein Versuch. Noch ein Fehler.
»Ich *hätte* es besser können«, flüsterte sie wütend.
Plötzlicher Applaus ließ sie aufschrecken.
Richard stand am Empfangstresen, ein breites Grinsen im Gesicht. »Mia, du bist unglaublich. Du solltest wieder professionell tanzen.«
Sie lächelte unwillkürlich, ging auf ihn zu. Seine Arme öffneten sich, und sie schmiegte sich an ihn. »Ich bin zu lange raus. Ballett ist gnadenlos – wenn du nicht ständig trainierst, bist du schnell vergessen.«
»Trotzdem.« Er drückte sie fest. »Du hast es noch drauf.«
»Danke.« Sie löste sich leicht von ihm. »Hast du was zu essen mitgebracht, oder gehen wir aus?«
Bevor er antwortete, küsste er sie schnell auf die Stirn. Dann hielt er eine braune Papiertüte hoch. »Cheeseburger. Mit extra Käse. Und Pommes.«
Ihr Magen knurrte. »Perfekt. Ich könnte einen ganzen Ochsen vertilgen.«
Er lachte. »Das ist ein gutes Zeichen. Normalerweise bestellst du doch immer diesen komischen Salat mit Hüttenkäse.«
»Heute nicht.« Sie nahm die Tüte, roch den fettigen, herzhaften Duft. »Boden oder Tisch?«
»Boden ist gut.« Er ging zum Spiegel, lehnte sich dagegen. »Und ich habe dir Eistee mitgebracht. Keine Cola.«
»Mein Held.« Sie setzte sich ihm gegenüber, die Spiegelwand im Rücken. »Also. Erzähl. Wie war die Arbeit?«
»Wie immer.« Er biss in seinen Burger. »Und bei dir?«
»Auch wie immer. Aber Natalie ist kurz vor dem Burnout. Die Uni macht ihr zu schaffen. Ich überlege, ihr ein paar Wochen frei zu geben.«
»Kommst du allein klar?« Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Ich könnte nach Feierabend helfen. Allerdings wäre ich dann nur noch gut zum Abschließen.«
Mia stupste ihn mit dem Fuß an. »Danke. Aber ich schaffe das schon. Ich habe den Laden auch allein geführt, bevor Natalie kam.«
»Damals hattest du aber auch nur halb so viele Kurse.«
»Stimmt.« Sie hob ihr Getränk. »Aber ich mache das jetzt seit Jahren. Ich weiß, was auf mich zukommt.«
In diesem Moment klingelte das Telefon.
Mia stellte ihren Burger ab, wischte sich die Hände an der Hose ab und hob ab.
»Harnett Ballettschule, Mia Harnett am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?« Ihre Stimme klang professionell, fast routiniert. Sie erwartete eine Mutter, die die Uhrzeit für den nächsten Kurs bestätigen wollte.
Doch die Antwort ließ ihr Blut gefrieren.
»Ms. Harnett, hier ist Detective Wallis vom *Chicago Police Department*.« Eine kurze Pause. »Es tut mir leid, Sie zu dieser Uhrzeit zu stören, aber Sie stehen als Notfallkontakt für Mrs. Leanna Stanton in unseren Unterlagen.«
Mias Herz setzte einen Schlag aus. *Tante Leanna.*
»Ist etwas mit ihr passiert?« Ihre Stimme war plötzlich schrill, zu laut. »Ist sie...«
Der Detective zögerte. Dann sagte er es.
»Es gab einen Autounfall. Mrs. Stanton wurde mit schweren Verletzungen ins *Northwestern Memorial Hospital* eingeliefert.« Eine weitere Pause. »Als ihre nächste Angehörige bitten wir Sie, so schnell wie möglich hierherzukommen.«
Die Welt um sie herum begann zu verschwimmen. Die Wände des Studios neigten sich. Sie drehte sich um – und sah Richard, der bereits aufgestanden war, die Augen weit aufgerissen.
Seine Arme fingen sie auf, als ihre Knie nachgaben. Der Hörer fiel klirrend zu Boden.
*Nein. Bitte. Nicht sie. Nicht auch noch sie.*











































