
Moontochter
Kapitel Zwei
Aurora
Frau Kala schickte mich nach Hause, damit ich mich umziehen und etwas ausruhen konnte. Ich hatte ihr nicht von meiner Begegnung mit Alpha Wolfgang erzählt. Das hätte nur unnötig viel Aufsehen erregt. Morgen musste ich wieder zum Haus des Anführers. Die Gala würde allerdings nicht vor 21 Uhr beginnen.
Der Gedanke an Wolfgangs arrogantes Grinsen versetzte mich in Rage. Sollte ich überhaupt wieder hingehen?
Als ich zu Hause ankam, wurde ich von dem unangenehmen Anblick meiner splitternackten Stiefmutter begrüßt.
„Igitt!“, riefich laut, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. „Du weißt, dass diese Zimmer zwar eigens für unsere Privatsphäre konzipiert wurden, aber doch nicht, um völlig nackt im Haus herumzulaufen.“
Ich drehte mich um und wartete darauf, dass sie sich etwas überzog.
„Oh, das tut mir leid, Schatz. Ich habe dich nicht so früh zurückerwartet, ich komme gerade von einer Patrouille am südlichen Dorfrand zurück“, antwortete sie lässig.
Meine Stiefmutter war eine Späherin mit einem extrem ausgeprägten Geruchssinn.
Gelegentlich beauftragte der Alpha sie mit einer Patrouille, um zu sehen, ob sie die Witterung der Rudellosen aufnehmen kann, die sich in letzter Zeit an der Grenze herumtrieben.
„Aber nackt rumlaufen geht einfach gar nicht.“ Ich verdrehte die Augen, ging dann direkt in mein Zimmer und warf mich aufs Bett.
Ich versuchte zu schlafen, aber mir schwirrten zu viele Gedanken im Kopf herum, also stand ich auf und beschloss, wieder nach unten zu gehen, um das Abendessen vorzubereiten.
Als ich unten ankam, bemerkte ich, dass ich ganz allein im Haus war. Montana war scheinbar wieder auf Achse.
Ich zuckte mit den Schultern. „Umso besser.“
Ich ging in die Küche und machte mir Nudeln, dann setzte ich mich vor den Fernseher und suchte nach einem passenden Film. Mein Handy klingelteund ich lächelte freudig, weil meine Freundin dran war.
„Hey, Em“, antwortete ich, während ich weiter durch die Liste der Filme auf dem Bildschirm scrollte.
„Wie lief es denn mit dem Putzen und den Vorbereitungen für die große Party?“, fragte sie.
Ich überlegte, ob ich Em davon erzählen sollte, was mit Alpha Wolfgang passiert war, entschied mich aber dagegen. Sie würde sich nur beschweren und sich darüber auslassen, wie scharf er ist. Alle Mädchen im Dorf waren in ihn verknallt.
„Nervig. Der Schuppen ist echt riesig. Ich dachte schon, wir würden nie mit der Deko fertig.“ Ich stopfte mir eine Gabel voll Nudeln in den Mund, während ich sprach.
„Ach, das kann ich mir vorstellen. Wann geht es los?“, fragte sie.
„Ich muss schon um 17:30 Uhr da sein, aber das ganze Tamtam geht dann um 20:00 los.“
„Weißt du schon, wann du Feierabend hast?“
„Nicht wirklich, aber ich bin mir sicher, dass es nicht vor Mitternacht sein wird.“
„Mist … das ist ja doof. Dann werde ich dir wohl übermorgen zum Geburtstag gratulieren müssen.“
„Ja, man hat mir befohlen, mein Handy zu Hause zu lassen, also werde ich keine SMS lesen können, bis ich zurück bin.“
Emma knurrte. „Das ist scheiße.“
Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen.
Den Rest des Abends verbrachten wir mit Plaudern und Lachen. Ich merkte kaum, wie die Zeit verging. Schließlich schlief ich ein, und der nächste Tag war wie im Flug vergangen. Nun befand ich mich auf dem Weg zum Haus des Anführers. Ich stellte mich an der Pforte vor und ging dann hinein. Drinnen angekommen, ging ich zu den Zimmern der Dienstmädchen, wo ich meine offizielle Uniform anzog.
Sie bestand aus einem weißen, bis oben durchgeknöpftem Hemd mit langen Ärmeln, einer roten Fliege, einer schwarzen Hose mit hoher Taille und schwarzen High Heels.
Sobald wir umgezogen waren, gingen wir Dienstmädchen in den Festsaal, wo das Licht gedämpft war. Wir nahmen uns je ein Tablett, um die Gäste gebührend zu empfangen.
Frau Kala wies jeder von uns einen bestimmten Bereich zu, den wir im Auge behalten sollten, und trug uns dann auf, uns an der nächstgelegenen Wand zu positionieren.
Schon bald füllte sich der Raum mit Menschen, die alle ihre teuersten Outfits zur Schau stellten.
Ganz zum Schluss betraten unsere Verbündeten, das Blaumond-Rudel aus dem Westen, den Festsaal.
Ihr Alpha kam mit seiner Tochter Tallulah Wilhelm herein. Sie war echt das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte.
Sie hatte langes, wunderschönes blondes Haar, sonnengebräunte Haut und strahlende, haselnussbraune Augen. Ihr ganzes Wesen strahlte Perfektion aus.
Nach ihnen kam der Gamma unseres Rudels, Remus Boman, der schon Ende zwanzig war, Hand in Hand mit seiner Gefährtin Aspen. Remus hatte dunkelbraunes Haar mit vereinzelten grauen Strähnen. Er hatte braune Augen und war einer der kleinsten Männer in unserem Dorf. Doch trotz seiner geringen Körpergröße war er nicht nur einer der Klügsten im Rudel, sondern auch einer der stärksten.
Der nächste war der Beta, Maximus Barone. Er war groß, hatte aschblondes Haar und grüne Augen. Alle Mädchen waren verrückt nach ihm, obwohl er ein totaler Frauenheld war. Er war der Zweitstärkste im Rudel.
Zu guter Letzt betrat der Mann der Stunde den Saal: Alpha, Wolfgang Fortier Gagliardi. Die Mädels fuhren ja alle schon auf den Beta ab, aber der Alpha hätte wirklich jede rumgekriegt. Er war der absolute Frauenmagnet. Ich konnte auch nicht anders, als sein tolles Haar zu bewundern, das immer so wirkte, als wäre er gerade aus dem Bett gekrochen, und die Augen so blau, dass sie wie Saphire leuchteten.
Alle konnten die Muskeln sehen, die sich unter seiner Kleidung abzeichneten, und ich erinnerte mich daran, wie es sich angefühlt hatte, an seine Brust gedrückt zu werden … Es war, als hätte ihn die Göttin selbst geschaffen.
Aber da gab es ein Problem … Dieser Mann wusste offenbar nicht, wie man lächelt oder einfach mal nett ist.
Obwohl er umwerfend gut aussah, sorgte sein höhnischer Gesichtsausdruck in Kombination mit seiner starken Alpha-Aura dafür, dass die Leute gebührend Abstand hielten.
Zumindest dachte ich das.
Sein Grinsen blitzte in meinen Gedanken wieder auf, aber ich schüttelte es schnell ab.
Du bist hier, um zu arbeiten, nicht um zu träumen!
Die meiste Zeit sah man Wolfgang nur mit seinem Beta, der zufällig auch sein Jugendfreund war. Oder mit Tallulah, der Tochter des Alphas unserer Verbündeten.
Einen Augenblick lang trafen sich unsere Blicke – und sein intensiver Blick ließ mich wie angewurzelt stehen bleiben. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, aber es reichte, um eine große Erregung in mir auszulösen. Als der Alpha seinen Platz eingenommen hatte, setzten sich auch alle anderen. Nun ging die Party richtig los.
Es ging alles superschnell vorbei. Ich war so sehr mit meinen Tischen beschäftigt, dass ich gar nicht merkte, wie die Zeit verging.
„Rory, Frau Kala braucht dich kurz in der Küche“, sagte einer meiner Kollegen.
„Ich komme gleich“, antwortete ich, während ich Geschirr abräumte und einige Sektflöten auffüllte.
Sobald ich den Küchenbereich betrat, wurde ich mit Konfetti beworfen.
„Alles Gute zum Geburtstag, Aurora!“, riefen alle. Eine wunderschöne Torte mit achtzehn Kerzen wurde hereingetragen.
„Meine Güte! Leute, das wäre doch nicht nötig gewesen!“ Ehrfürchtig sah ich die Torte an.
„Ach, komm schon! „Man wird ja nicht jeden Tag achtzehn“, erwiderte einer der Köche.
„Ja, schon bald wirst du deine Wölfin hören. Dann kannst du dich verwandeln …“, flötete Frau Kala und sah alle bedeutungsschwanger an, „und deinen Gefährten finden!“
Ich verdrehte die Augen und alle lachten.
Nachdem wir etwas Kuchen gegessen hatten, gingen wir alle zurück in den Saal, um mit unserer Arbeit fortzufahren.
Plötzlich hörte ich eine seltsame Stimme in meinem Kopf.
„Hallo, Aurora …“ Die Stimme war leise, aber doch ganz klar zu hören.
Es war meine Wölfin. Sie war endlich aufgewacht.
„Ähm … hallo?“, antwortete ich in meinem Kopf.
Sie kicherte und tauchte vor meinem geistigen Auge auf. Ihr Fell war weiß wie Schnee und ihre Augen violett.
"Es ist mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen. Ich bin deine Wölfin. Mein Name ist Rhea“, sagte sie und starrte mich an.
„Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Rhea“, antwortete ich. „Ich hoffe, wir kommen gut miteinander aus.“
Ich wurde unterbrochen, als plötzlich ein köstlicher Duft meine Nase erfüllte. Es war eine Mischung aus Waldkiefer, Mandeln und Ambra.
Dieser Duft war über alle Maßen anziehend und verlockend. Auch Rhea nahm ihn wahr. Sie streckte ihre Nase hoch in den Himmel und schnupperte.
Dann sagte sie etwas, das mich zutiefst schockierte.
„Unser Gefährte ist hier. Ich kann ihn riechen.“
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