
Gezeichnet vom Alphakönig
Kein Zuhause mehr
ARIEL
Als Dad auf die Auffahrt unseres Hauses fährt, höre ich laute Musik und Gelächter aus dem Garten.
Es klingt, als wäre die Party schon im vollen Gange, doch auch wenn ich heute nach Hause komme, ist sie nicht für mich.
„Heute ist Silvester“, sagt Dad und drückt meine Schulter. „Und wie sollten wir besser ins neue Jahr starten als mit deiner Heimkehr.“
Es fühlt sich komisch an, einen Feiertag zu feiern. Die letzten zwei Jahre sind so an mir vorbeigegangen.
Ich lächle und nicke. „Es ist schön, zuhause zu sein.“
Ich versuche, eine tapfere Miene aufzusetzen, doch innerlich bin ich ein Wrack.
Ich bin schon von einer Party weggelaufen, weil ich es dort nicht aushielt … was, wenn es wieder passiert?
Amy, die auf dem Rücksitz sitzt, spürt meine Nervosität und umarmt mich von hinten.
„Wir gehen zusammen rein“, sagt sie beruhigend. „Wenn es zu viel wird, sag was und ich gebe dir Rückendeckung, damit du abhauen kannst.“
Wir steigen aus dem Auto und gehen ums Haus herum in den Garten, wo ein Lagerfeuer den Mittelpunkt einer wilden Open-Air-Party bildet.
Das ganze Rudel ist da, trinkt und feiert.
Jungs rangeln im Gras, Welpen jagen sich und Paare tanzen im Mondschein.
Auch wenn ich Angst hatte, nach Hause zu kommen, fühle ich mich besser, weil ich sehe, dass sich nicht wirklich viel verändert hat.
„Das habe ich vermisst“, sage ich gerührt. „Ich … ich dachte, ich würde mein Zuhause nie wiedersehen.“
„Nun, du bist jetzt zuhause. Und niemand wird dich uns mehr wegnehmen“, sagt mein Dad und umarmt mich.
„Ich gehe deine Mutter und Schwester suchen. Die werden so glücklich sein, dich zu sehen.“
Als er in der Menge der Partygäste verschwindet, werfe ich Amy einen Blick zu.
„Ich bezweifle, dass sie überglücklich sind, mich zu sehen“, sage ich leicht nervös.
„Ich weiß, ihr hattet eure Schwierigkeiten, aber sie sind deine Familie“, antwortet Amy vorwurfsvoll.
„Als du gekidnappt wurdest, war nicht nur dein Dad am Boden zerstört. Auch deine Mom war ein Wrack.“
Ich möchte Amy glauben, aber wenn meine Mutter so verzweifelt war, warum hat sie mich dann nicht zusammen mit Dad im Krankenhaus besucht?
Wenn sie sich solche Sorgen um mich macht, wieso hat sie dann nicht bei meiner Ankunft hier auf mich gewartet?
Nein, meine Mutter hat mich, tief im Inneren, schon immer verachtet. Sie war noch sehr jung, als mein Vater sie geschwängert hat und sie mich bekam.
Ich glaube, sie nimmt es mir übel, dass sie wegen mir nicht ihren wahren Lebensgefährten suchen konnte.
Ich glaube, sie nimmt es auch Dad übel, obwohl er besser als jeder wahre Lebensgefährte ist.
Natürlich, als sie Natalia bekam, hatte Mom endlich jemanden, durch die sie indirekt leben konnte. So beliebt, so hübsch und perfekt.
Während ich sie mein Leben lang enttäuscht habe.
Das Mädchen, das sich prügelte.
Das im Matsch spielte.
Das eine Kriegerin werden wollte.
Nun, da Nat mit dem Alpha vermählt ist und einen Welpen erwartet, lebt Mom ihren Traum.
Und was habe ich vollbracht? Ich wurde, verdammt nochmal, gekidnappt.
„Ariel, du hast diesen Blick drauf“, sagt Amy streng. „Versprich mir, dass du ihnen zumindest eine Chance gibst.“
„Ist ja gut, aber ich tue es nur für meinen Dad“, seufze ich.
Die Wahrheit ist, dass ich wirklich wieder eine Beziehung zu meiner Mom und meiner Schwester aufbauen möchte, aber ich nicht weiß, ob sie das wollen.
„ARIEL, SCHEIßE, BIST DU ES?!“
Wie aus dem Nichts werde ich von einem Mann zu Boden geworfen. Meine Wölfin will sich verteidigen, bis ich erkenne, wer er ist.
„James, runter von mir, du übergroßer Welpe“, lache ich, während er mich am Boden festhält.
„Ich kann nicht glauben, dass du wirklich hier bist“, sagt er mit feuchten Augen. „Wir dachten alle, du wärst für immer weg.“
Der Rest meiner ehemaligen Truppe kommt angerannt und alle schmeißen sich auf mich, wie ein siegreiches Rugby-Team, sodass Amy ihnen ausweichen muss.
Mir geht das Herz auf. Ich kann nicht glauben, wie sehr ich diese Rowdys vermisst habe.
„Die Truppe ist wieder vereint!“, ruft James und heult einmal auf. Er hilft mir wieder auf die Beine und plötzlich spüre ich, dass etwas anders ist.
Dwayne … Adam …Shane …
Sie alle tragen Vermählungszeichen.
„Ihr seid alle vermählt?“, frage ich erstaunt. Dann sehe ich James Zeichen.
„Selbst du?“
„Hey, was soll dieser Ton?“, fragt er grinsend. „Ich bin das perfekte Vermählungsmaterial.“
Ich kann nicht glauben, wie viele meiner Freunde plötzlich vermählt sind. Während mein Leben stillstand, hat sich das der anderen ohne mich weitergedreht.
„Nun, ich bin immer noch durch und durch Single, also fühl dich nicht zu schlecht deswegen“, sagt Amy entnervt.
„Und in diesem Sinne, ich sehe gerade, dass jemand beim Feuer eine neue Flasche Wein aufmacht, also entschuldigt mich bitte kurz …“
James und ich lachen, als Amy zum Lagerfeuer hastet. „Sie hat sich absolut nicht verändert. Darauf ist immer Verlass“, sagt James kopfschüttelnd.
„Der Göttin sei Dank“, stimme ich ihm zu.
Obwohl ich mich über die Wiedervereinigung mit James und den anderen freue, bemerke ich, dass ich ein Mitglied aus unserer Truppe noch nicht gesehen habe.
„Wo ist Xavier?“, frage ich und recke den Hals, um über die Köpfe der Partygäste zu spähen. Beim Aussprechen seines Namens bekomme ich aus irgendeinem Grund Schmetterlinge im Bauch.
„Er muss hier irgendwo sein. Wahrscheinlich bei deiner Schwester“, sagt James.
„Er ist vielleicht der neue Alpha, aber deine Schwester hält ihn an der kurzen Leine“, fügt er hinzu und legt sich die Hände wie ein Halsband um den Hals und gibt Erstickungsgeräusche von sich.
Die Schmetterlinge verschwinden augenblicklich. Ich habe fast vergessen, dass Natalia mit Xavier vermählt ist. Vielleicht teile ich mir die Flasche Wein mit Amy.
„Aber er wird sicher begeistert sein, dich zu sehen“, sagt James.
„Du warst die Einzige, die ihm beim Training das Wasser reichen konnte. Wenn du mit ihm sprichst, darfst du sicher wieder in die Truppe kommen und Rudelkriegerin werden.“
Rudelkriegerin werden …
Es ist das erste Mal, seit ich frei bin, dass ich über meine Zukunft nachdenke, und das ist aufregend.
Ich habe so viel verloren, aber das eine vielleicht nicht – meinen Traum, Rudelkriegerin zu werden.
Während ich in die tanzenden Flammen des Lagerfeuers starre und darüber nachdenke, ob ich wieder anfange zu trainieren, legt sich eine eiskalte Hand um mein Herz – meine Mutter kommt mit Dad auf mich zu.
Sie wirkt hart und reserviert.
Keine Umarmung. Keine Tränen. Keine Emotionen.
Das ist die Wiedervereinigung, die ich erwartet, aber nicht erhofft habe.
„Du siehst gut aus“, sagt Mom ohne das leiseste Gefühl. „Ich bin froh, dass die Göttin dich unversehrt zu uns zurückgebracht hat.“
Meine Wölfin positioniert sich innerlich in Alarmbereitschaft, als die Angst in mir hochsteigt.
Wieso lass ich immer zu, dass Mom diese Wirkung auf mich hat?
Auch Dad wirkt nervös, kratzt sich am Handrücken, unsicher, wie ich reagiere.
„Ohne die Göttin wäre ich jetzt nicht hier. Die Wahrheit ist, ohne sie wäre ich tot“, sage ich und starre ihr direkt in die Augen.
„Ich habe jeden Tag, den ich in der Gefangenschaft der Jäger war, für den Tod gebetet. Der Tod wäre eine wohltuende Befreiung gewesen. Aber ich schätze, die Göttin hat andere Pläne für mich.“
Die schroffen Worte rütteln meine Mom aus ihrer steifen Haltung.
„Müssen wir das jetzt auf dieser Party besprechen?“, fragt sie aufgebracht.
„Schon gut, ich will ja nicht, dass meine Entführung dir irgendwelche Umstände bereitet“, sage ich bitterböse.
„Ich war dir sogar egal, als ihr erfahren habt, dass ich lebe und Dad mich besucht hat.“
„Ariel, bitte …“, versucht mein Dad dazwischenzugehen, doch es ist zu spät.
In zwei Jahren hat sich viel verändert, aber das Zerwürfnis zwischen meiner Mutter und mir ist immer noch dasselbe.
„Das ist nicht fair, Ariel“, antwortet Mom in abwehrendem Ton. „Deine Schwester braucht mich. Ich konnte sie nicht einfach hier allein lassen.“
„Nat hat einen Gefährten, Mom. Ich habe dich gebraucht. Nicht nur gestern. Nicht nur heute.
Ich habe dich immer gebraucht, aber du bist immer nur für sie da. Warum ist das so?“, sage ich erhitzt.
Gefühle, die seit Jahren unter der Oberfläche brodeln, kochen jetzt auf einmal über.
Um uns herum versammeln sich Rudelmitglieder, die die Tochter-konfrontiert-Mutter-Show nicht verpassen wollen.
„Warum bist du mir gegenüber immer so kaltherzig?“, schreie ich.
„Jetzt bin ich also eine schlechte Mutter? Ist es das?“, schreit sie zurück. „Ich habe alles für dich aufgegeben und du bist nichts als undankbar!“
Na bitte, da haben wir es. Den wahren Grund, warum sie mich nicht ausstehen kann.
„Ariel, ich befehle dir, sofort aufzuhören!“ Eine sehr schwangere Natalia bahnt sich den Weg durch die Menge und bleibt neben Mom stehen. „So sprichst du nicht mit unserer Mutter!“
Meine Schwester hat mich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob ich noch lebe. Und trotzdem sind dies die ersten Worte, die sie an mich richtet …
„Du befiehlst mir?“ Nat hat schon immer gedacht, dass sich die Welt nur um sie dreht, aber für wen zum Teufel hält die sich?
„Ja, als deine Luna befehle ich dir, hier keine Szene zu machen“, sagt sie selbstgefällig.
„Ich bin deine Schwester, nicht deine Untertanin“, sage ich fassungslos.
„Was ist hier los?“, ruft jemand schroff.
Mein Körper versteift sich sofort, als ich Xaviers Duft wahrnehme. Feuerholz und Klee. Seltsam betörend.
Als sich die Menge für den Alpha teilt, starre ich plötzlich direkt in die Augen des Alphas und er in meine.
„Gefährte.“ Das Wort entschlüpft meinen Lippen, noch bevor ich es verarbeiten kann.
Oh meine Göttin. Er kann es nicht sein. Das kann nicht wahr sein.
Plötzlich kratzt meine Wölfin an meinem Bewusstsein, reißt es in Stücke – sie will raus.
NEIN! ICH WILL MICH NICHT VERWANDELN.
Nicht nur meine Wölfin übernimmt die Kontrolle … da ist noch etwas anderes. Pure Wut.
Schwer atmend fasse ich mir an den Kopf. Ich will schreien. Ich will vor Zorn explodieren.
Was passiert mit mir?
Mein Blick fällt auf Natalia, die die Augen aufreißt.
Ich sehe nur noch rot.
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