
Die Ursprünge des Bösen: Der Drache und die Feen
Autor:in
Taryn Tary
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Kapitel
65
Einhörner
Sie rannte, so schnell sie konnte. Der Wind zerzauste ihr wildes rotes Haar, und bei jedem Schritt schmerzten ihre Knie.
Äste zerkratzten ihr Gesicht, aber sie wich ihnen aus. Sie wollte nicht langsamer werden. Schweiß lief ihr über die Stirn und brannte in ihren Augen.
Sie sprang über einen umgestürzten Baum, und achtete gleichzeitig darauf, nicht auf den nassen Blättern auszurutschen. Auf keinen Fall durfte sie fallen – nicht jetzt. Sie durfte nicht ihre Beute aus den Augen verlieren.
Sie mussten dafür bezahlen, und sie wollte, dass ihr Blut an ihren Händen klebte. Genauso wie ihr Blut an den Händen dieser Kreaturen klebte.
Sie schrie auf, warf sich nach vorn und stieß ihr Schwert tief in den grauen Rücken der Kreatur. Diese schrie auf und rollte über den Boden, bevor sie sich auf alle viere hochrappelte, zitterte und sich streckte.
Aus seinem stacheligen, verkrümmten Rücken sickerte dicker, schwarzer Teer, dort, wo ihr Schwert ihn aufgeschlitzt hatte. Ein Ghoul. Sein Maul war nur ein rundes Loch voller verrotteter Stacheln, und es schrie, als würde es gleich sterben – weil es genau das tat.
Es rannte auf sie zu, und sie hob ihr Schwert, wobei ein kleines Lächeln auf ihren Lippen erschien . „Du bist tot.“
Sie schwang ihr Schwert, schnitt in seinen Körper und wehrte die Klauen des Ghouls ab, bevor sie sie aufschlitzen konnten. Es bewegte sich wie ein verrückter Affe, packte einen Ast und schwang sich von Baum zu Baum.
Daraufhin verengte sie die Augen und summte leise. „Na, sieh mal einer an. Der dumme Dämon denkt, er kann hier herumturnen.“
Es sprang ein letztes Mal auf sie zu. Seine schwarzen, leeren Augen weiteten sich für einen kurzen Moment – dann landete es auf dem Boden und bewegte sich nicht mehr. Es war tot.
„Ich habe dich gewarnt“, sagte sie leise und zog ihr Schwert aus seiner Brust. „Du bist einfach zu dumm zum Zuhören.“ Angewidert beobachtete sie, wie der Körper des Dämons zu Asche zerfiel und sich mit der Erde vermischte.
Ein normales Schwert konnte einen Ghoul nicht so leicht töten. Man musste ihnen schon den Kopf abschlagen oder ihr verrottetes Herz herausreißen.
Sie hob ihr Schwert, welches noch mit Asche bedeckt war. „Wir haben heute gute Arbeit geleistet, nicht wahr, Volor?“
Die Klinge glühte rot im dämmrigen Licht.
Volor war kein gewöhnliches Schwert. Es war so lang wie eine Wikingerklinge und trug eine Tulpe, die in den runden Knauf am Ende geschnitzt war.
Goldene und rote Ranken schlängelten sich um den Griff und führten zu Flügeln, die sich breit an der Parierstange ausstreckten. In der Mitte funkelten winzige rote Zirkone.
Wenn man wusste, wie man sie anwendete, konnten diese Steine selbst die schlimmsten Wunden heilen – aber das hatte immer seinen Preis. Echte Zirkone waren selten, was Volor noch besonderer machte.
Aber Volor war mehr als nur besonders. Es war ein Teil von ihr. Genau wie Valerie.
Gerade als sie darüber nachdachte, brachen die riesigen schwarzen Flügel aus ihrem Rücken hervor. Die silbernen Teile der Federn glänzten, während die unteren sich nach außen wölbten wie vergiftete Klingen.
Valeries Flügel sahen aus wie eine stachelige Rüstung. Sie forderten jeden heraus, der versuchte, ihr in den Rücken zu stechen. Sie musste fast lachen, wie seltsam das war.
Valerie beschützte immer ihren Rücken. Kein Schwert konnte sie durchdringen, solange Valerie da war.
Ihr Hass war zweihundert Jahre lang gewachsen, ebenso wie die Stärke von Volor und Valerie. Ob vor zweihundert Jahren oder heute waren sie die Einzigen, die sie in ihrem schlimmsten Zustand je gesehen hatten.
Sie, Volor und Valerie – sie waren eine Seele. Keiner von ihnen konnte ohne die anderen existieren.
Egal, was passierte, sie würde niemals einen Teil von sich selbst gegen etwas Normales eintauschen.
„Los geht's, Mädchen.“
Valerie schlug mit den Flügeln und war bereit zu fliegen, gerade als Volor aus ihrer Hand verschwand. Als sie jedoch das Rascheln von Gras hörte, wirbelte sie herum, und Volor tauchte wieder in ihrer Hand auf, scharf und einsatzbereit.
„Zeig dich, und ich werde Gnade walten lassen“, rief sie. Ihre bernsteinfarbenen Augen wanderten von Baum zu Baum. Rote Flecken wirbelten in ihren Pupillen umher.
Sie hielt das Schwert fester. „Wenn du mich überrascht angreifst, schlitze ich dich auf!“
Der Wald wurde still, bis auf die Frösche und Grillen. Die Stille lastete schwer auf ihr, und plötzlich wurde ihr bewusst, wie dicht die Bäume standen.
Fast kein Sonnenlicht drang durch die Blätter.
Eine kleine, schüchterne Gestalt lugte hinter einem Baum hervor. Das Mädchen trug ein zerrissenes, weißes Kleid. Ihr blondes Haar hing in wirren Strähnen um ihr Gesicht.
Rote Flecken bedeckten ihre Hände und Beine. Sie verengte die Augen und beobachtete, wie die Wunden des Mädchens sich schlossen – viel zu schnell, selbst für jemanden wie sie. „Wer bist du?“
„Haveneya.“ Die Stimme des Mädchens war sanft, aber ihre meerglasfarbenen grünen Augen funkelten mit etwas fast Magischem.
Sie richtete Volor auf Haveneya, ohne ihre Wachsamkeit zu verringern. „Und was genau bist du, Haveneya?“
Das Mädchen wartete nur eine Sekunde. „Ein Einhorn.“
Sie erstarrte. Sie war nun seit fünfhundertsiebenundsiebzig Jahre auf dieser Erde, und sie hatte noch nie ein echtes Einhorn zu Gesicht bekommen. Kein einziges.
In einer Welt voller Dämonen, Bestien, Nachtjäger, Wölfe, Feen und Elfen waren Einhörner nur Gutenachtgeschichten – sanfte, wilde Wesen, die niemals gefangen werden konnten.
Die Leute flüsterten darüber, ewig zu leben, wenn man aus dem Horn eines Einhorns trank, aber sie hatte das immer für Schwachsinn gehalten. Vielleicht waren dies alles nur Gerüchte, da Einhörner sich normalerweise nie jemandem zeigten.
Verdammt, sie hatte nicht einmal geglaubt, dass sie echt waren – bis jetzt. Sie würde dieses Mädchen aber nicht nach ihrem Horn fragen. Diese Grenze würde sie nicht überschreiten.
Sie wiederholte nur, leicht schockiert: „Einhorn?“
Haveneya nickte. „Danke, dass du mir das Leben gerettet hast.“
Sie hob eine Augenbraue. „Das war nicht meine Absicht. Ich dachte, Einhörner wären nur ein Mythos?“
Haveneya lächelte nur, als würde sie ein Geheimnis hüten. „Ich werde dich finden und dir den Gefallen zurückzahlen.“
Bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte, begann das Mädchen sich zu verwandeln. Sie beobachtete mit weit aufgerissenen Augen, wie Havenyas Arme und Beine sich in weiße, pelzige Gliedmaßen verwandelten.
Im Nu stand dort ein kleines, strahlend weißes Pony. Es hatte Flügel, die glitzerten, und ein winziges goldenes Horn, das auf ihrer Stirn leuchtete. Feenstaub explodierte überall, als sie mit den Flügeln schlug.
Das Einhorn senkte den Kopf und verschwand daraufhin.
Sie stand einfach nur da und war völlig verwirrt. Schließlich stieß sie einen langen Atemzug aus. „Sie existieren also wirklich. Und ich dachte, wir wären die Gruseligsten, Valerie.“ Dannzuckte sie mit den Schultern. „Lass uns gehen.“
Mit schlagenden Flügeln flog sie in den ruhigen Teil des Waldes. Diese Insel bestand nur aus Bäumen und Flüssen, wild und leer bis auf das gelegentliche Tier.
Sie flog direkt zu ihrer kleinen alten Hütte, die aus rissigen, moosbedeckten Ziegeln gebaut war.
Mawa war draußen, beugte sich über ihren Steinofen und kochte etwas, das wahrscheinlich besser roch, als es schmeckte. Mawa war uralt – faltig, weißhaarig, aber mit perfekten Zähnen.
Zähne waren ihr Ding. Niemand wusste, wie eine zweitausendachthundert Jahre alte Hexe ihre Zähne so perfekt hielt, aber andererseits trug Mawa auch eine Halskette aus Zähnen all jener Bestien, die sie getötet hatte.
Die winzige Hexe war eine Legende. Sie hatte einmal den Fehler gemacht zu denken, Mawa wäre schwach, woraufhin Mawa sie auf den Boden geworfen hatte.
Ihre Gedanken wanderten zurück. Vor zweihundert Jahren, während des Angriffs – der Tag, an dem Yodammeinetwegen fast starb – war sie nur knapp mit dem Leben aus dieser blutigen Höhle entkommen.
Natürlich wollte sie jeden verdammten Dämon tot sehen. Sie hatte Corey vertraut, aber er hatte sie verraten und sie leer und gebrochen zurückgelassen.
Sie hatte ihn in jener Nacht töten wollen, aber sie war zu müde, zu hungrig, zu verloren in Trauer und Verleugnung über Yodam gewesen – ihr wunderschönes Königreich, das nunnur noch aus Blut und Asche bestand.
Sie war weggeflogen, hatte sich endlich befreit nach Monaten der Folter. Sie war so weit geflogen, wie Valerie sie hatte tragen können.
Dann hatte sie die Dunkelheit verschlungen. Sie war sich sicher, dass sie anschließend bewusstlos im Wald gefunden und zu Tode gefoltert werden würde.
Aber Mawa fand sie – abgemagert, misshandelt und kaum noch am Leben. Mawa brachte sie auf die „Erde“, aber sie kümmerte sich nicht um ihre neue Beschützerin.
Sie war taub gegenüber allem, außer dem Verlangen nach Blut, das in ihr brannte.
Und dieses Mal würde er derjenige sein, der auf den Knien lag und um Gnade bettelte, die er niemals bekommen würde.
Mawa war voller Weisheit und Magie. Sie hatte ihr mehr als ein paar Tricks beigebracht.
Mawa machte sie zu einer Kriegerin, zu jemandem, der zuerst zuschlug und niemals zögerte. Sie half ihr herauszufinden, wer sie wirklich war – etwas, das das wilde, wütende Mädchen in ihr nie verstanden hatte.
Inzwischen konnte sie Telekinese. Am Anfang war es schwer gewesen, aber nach ein paar hundert Jahren Übung konnte sie Steine mit nur einem Fingerschnippen heben.
Sie konnte sogar Energiebälle auf ihre Feinde schleudern, obwohl es sie immer müde machte.
Aber ehrlich gesagt, reichte Volor vollkommen aus. Volor konnte durch fast alles schneiden.
Und Valerie beschützte immer ihren Rücken, bewegte sich mit ihr, als wären sie eine Person, und ließ sie niemals im Stich.
Und die drei zusammen? Waren unaufhaltbar.
„Du stinkst, Spargeltarzan“, sagte Mawa.
So nannte Mawa sie. Spargeltarzan. Und ehrlich gesagt störte es sie nicht. Sie hasste ihren echten Namen sowieso.
„Wirklich? Das wusste ich nicht. Vielleicht stinkst du mehr.“
„Ich werde dich mit Maden füttern, Spargeltarzan!“
„Oh, welch Freude. Ich frage mich, wie sich das von dem hier unterscheiden wird.“ Sie nickte zu dem blubbernden Topf in der Ecke, und ihre Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
Als sie in die Hütte trat, folgten ihr Mawas Flüche – diese waren zweitausend Jahre wert, wenn man mitzählte. Ihre Sticheleien standen auf der Tagesordnung, und ehrlich gesagt war sie sich ziemlich sicher, dass Mawa es genauso liebte wie sie.
Mawa sagte immer, sie sei für etwas Größeres bestimmt. Na toll. Aber alles, was sie wollte, war den Bastard zu jagen, der ihr Leben ruiniert hatte.
Also tat sie genau das. Jeden streunenden Dämon, den sie fand, tötete sie.
Und wann immer sie auf eine dunkle Fee traf, ließ sie sich Zeit beim Töten – vor allem, weil sie Pa und Beau ohne Gnade getötet hatten. Gott allein wusste, ob Ru noch am Leben war.
Aber sie war inzwischen viel mächtiger. Ihre Brust pochte nicht mehr vor Angst. Sie rannte nicht davon. Ihr Schwert war immer bereit, und ihre Schritte wankten nie.
Genau wie Mawa fühlte sie heutzutage nicht viel – außer Verrat, Hass und Wut.
Was jedoch Liebe, Angst, Traurigkeit und … Glück anging? Ihr Name stand zwar für das Wort Glück, aber sie hatte es längst vergessen.
Vertrauen? Das war auch weg. Keine einzige Calla war in über zweihundert Jahren geblüht.
Also war ihr Plan einfach: Sie würde so viele töten wie möglich, bevor sie in der Hölle landete.
Und wenn sie dort ankam, würde sie mitten unter diesen Monstern herrschen und dann …
Würde es Rache geben. Immer und immer wieder.













































