
In Too Deep (Deutsch)
Autor:in
Zainab Sambo
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Kapitel
42
Prolog
Sie konnte sich nicht erinnern, wann es angefangen hatte. Weder an den Tag noch an die Uhrzeit, nicht einmal an das, was sie getragen hatte. Aber eines wusste sie noch ganz genau – es war ein schlechter Tag gewesen.
Sie war direkt von der Wohnung ihres Bruders nach Hause gekommen, völlig durch den Wind wegen der Schwierigkeiten, in die er sie beide geritten hatte. An diesem Tag war sie tatsächlich froh gewesen, dass ihre Eltern tot waren.
Hätten sie gesehen, was aus ihrem Sohn geworden war, hätte es ihnen das Herz gebrochen. Er machte nicht nur ein paar kleinere Fehler – er ging mittlerweile darin unter. Er hatte Schulden, Leute bedrohten ihn, und er stand kurz davor, das Haus zu verlieren.
Man sagt ja, Weinen sei eine Befreiung, es soll einem dabei helfen, die Dinge wieder in einem besseren Licht zu sehen. Aber nachdem sie herausgefunden hatte, dass ihr Bruder immer noch zockte – und dabei alles verlor –, kam ihr Weinen wie das geringste ihrer Probleme vor.
Am liebsten hätte sie ihn angebrüllt. Sie wollte ihn packen und schütteln und fragen, warum Grant nicht ein einziges Mal für sie da sein konnte.
Er war doch ihr großer Bruder. Sollte er nicht ihre Probleme lösen, anstatt umgekehrt? Er sollte sie vor Problemen schützen, nicht sie hineinreiten.
Noch heute lief es ihr kalt den Rücken hinunter, wenn sie an den Moment zurückdachte, wie sie nach Hause gekommen war und ihre Haustür unverschlossen vorgefunden hatte. Ihr erster Gedanke war gewesen, die Polizei zu rufen.
Aber sie hatte es nicht getan. Es hatte sie nicht so sehr geängstigt, um die Nachbarn einzubeziehen – eher war sie verwirrt gewesen.
Hatte sie vergessen, die Tür abzuschließen? Das wäre einfacher gewesen. Wenigstens hätte sie sich dann selbst die Schuld geben können.
Aber sie hatte sich beim besten Willen nicht erinnern können.
Ihre Familie war nicht gerade für ihren Mut bekannt, aber in dem Moment hatte sie sich mehr darum gesorgt, was gestohlen werden konnte. Es gab Dinge, die sie nicht ersetzen konnte, und Dinge, die sie vielleicht verkaufen musste, um Grant bei der Begleichung seiner Schulden unter die Arme zu greifen.
Sie war in ihre Wohnung getreten. Es war stockdunkel und mucksmäuschenstill gewesen.
Als sie langsam weitergegangen war, hatte sie ein kaltes, kribbelndes Gefühl überkommen, eine Heidenangst hatte sie überfallen. Die Stille war das Schlimmste gewesen.
Als Nova ihn dann erblickt hatte, hatte sie laut aufgeschrien.
Ein Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, war ausgestreckt auf ihrem Sofa gelegen, dunkles, nasses Haar hatte sein Gesicht verdeckt. Panik hatte sie erfüllt, als ihr das Blut aufgefallen war – so viel Blut –, das sein weißes Hemd durchtränkt hatte, besonders auf der rechten Seite seines Bauches.
Blut war auf den Boden getropft und hatte eine Spur zum Sofa hinterlassen. Fast hatte es ihr mehr leid um ihr ruiniertes Sofa und den braunen Vorhang getan, der nun rot verfärbt war.
Es hatte einen Moment gedauert, bis sie begriffen hatte, was sie da sah. Dann hatte sie laut gekeucht und noch mehr Angst bekommen. Nova war ein wenig näher getreten und hatte den Fremden von Kopf bis Fuß gemustert. Sie hatte auf seine Brust gestarrt und die langsame Auf- und Abbewegung beobachtet, was bedeutete, dass er noch lebte.
Aber gerade so. Seine Atmung war flach gewesen.
Sie hatte ihn lange betrachtet. Seine Kleidung war dunkel gewesen, bis auf das weiße Hemd mit Knöpfen. Seine Jeans und die Jacke auf dem Boden waren beide schwarz gewesen.
Er hatte seine Hemdärmel hochgekrempelt, wodurch die Tattoos zum Vorschein gekommen waren, die seine Arme und seinen Hals bedeckten. Sogar seine Fingerknöchel waren tätowiert.
Er sah genau nach der Sorte Mann aus, deren Gesicht man auf einem Steckbrief im Polizeirevier finden würde, da war sich Nova sicher. Dieser Gedanke hatte sie nicht im Geringsten beruhigt.
Im Gegenteil, ihre Beine hatten sich angefühlt wie Wackelpudding, und ihr war beim Anblick all des Blutes so schwindelig geworden, dass sie gedacht hatte, sie müsse sich übergeben.
Hätte sie in diesem Moment die Polizei gerufen, wäre ihr Leben vielleicht wieder geordnet verlaufen. Stattdessen war sie näher auf ihn zugegangen, mit zitternden Händen, und hatte ihre Hand ausgestreckt, um ihn zu berühren.
Er war glühend heiß gewesen. Das hatte sie veranlasst, sein Hemd hochzuheben, und sie hatte einen zittrigen Atemzug ausgestoßen, als sie die Schusswunde gesehen hatte.
Wieder hatte sie daran gedacht, die Polizei zu rufen, aber eine Stimme in ihr hatte sie davon abgehalten. Wenn sie angerufen hätte, wäre sie Teil dessen hier, was auch immer das war. Sie wäre die Hauptverdächtige gewesen.
Niemand hätte ihr geglaubt, dass sie den Mann nicht kannte. Wie hätte sie einen blutenden Fremden in ihrem Haus erklären sollen? Sie hatte nicht einmal gewusst, wie er hereingekommen war.
Und wenn die Polizei Nachforschungen angestellt hätte, hätten sie auch ihr Leben durchleuchtet. Ihre Familie. Grant.
Sie wusste tief in ihrem Inneren, dass Grant Leichen im Keller hatte. Geheimnisse, die ihn hinter Gitter bringen könnten oder vielleicht sogar Schlimmeres. Er war bestimmt nicht nur ein Spieler.
Also keine Polizei. Nova hatte in die Taschen des Mannes gegriffen und schließlich sein Handy gefunden. Es war nicht passwortgeschützt gewesen.
Sie hatte überlegte, jemanden aus seinen Kontakten anzurufen – jemanden, der ihm das Leben gerettet hätte, denn sie war sicher gewesen, dass er keine dreißig Minuten mehr durchgehalten hätte.
Doch als sie seine letzten Anrufe durchgesehen hatte, hatte sie gleich noch mehr Angst bekommen. Keiner der Namen hatte ungefährlich geklungen.
Kein Kevin. Kein Ben. Nur The Owl, Razor, Bullet, Shadow, Skullcrusher. Das waren nicht die Art von Leuten, die Nova in ihrem Wohnzimmer haben wollte.
Selbst wenn er im Sterben gelegen hätte, hätte sie keinen von ihnen angerufen. In dem Moment hatte sie entschieden, dass der Fremde in ihrem Haus kein unbeschriebenes Blatt war.
Er war ein Krimineller. Vielleicht ein Gangster, vielleicht Teil der Mafia. Wieso sonst hätte er eine Schusswunde gehabt? Er war wahrscheinlich vor jemandem geflohen, und ihr Haus war zufällig der nächstgelegene Ort zum Untertauchen gewesen.
Ihn ins Krankenhaus zu bringen, war keine Option gewesen.
Nova war eine sehr emotionale Person. Sie weinte wegen jeder Kleinigkeit, weshalb sie nicht einfach hatte danebenstehen und ihn sterben lassen konnte, egal ob er ein guter oder ein schlechter Mensch war. Er würde nicht in ihrem Wohnzimmer ins Gras beißen.
Sechs Monate Medizinstudium hatten sich wohl endlich ausgezahlt. Obwohl sie es hingeschmissen hatte, hatte sie es schließlich geschafft, die Kugel zu entfernen und seine Wunde zu nähen.
Als sie ihm so nah gestanden hatte, hatte sie endlich sein Gesicht sehen können. Es war kantig und rau.
Seine Nase war gerade und markant, wie ein Messer. Er war so gutaussehend, dass es fast wehgetan hatte, ihn anzusehen, und sie hatte sich dabei ertappt, wie sie den Atem anhielt.
Seine Züge waren hart, seine Lippen voll und rot, sein Kiefer von dunklen Stoppeln bedeckt. Sie hatte sich bei der Frage ertappt, welche Farbe seine Augen wohl hatten, und ob sie genauso schön waren wie der Rest von ihm.
Als ihr klar geworden war, dass sie ein wenig zu interessiert wurde, hatte sich Nova zurückgezogen, nachdem sie sich ein weiteres Mal vergewissert hatte, dass er noch atmete.
Mit diesem Gedanken hatte sie sich ihren Erste-Hilfe-Kasten geschnappt und war in ihr Zimmer gegangen, direkt ins Bad. Die Dusche war heiß und kurz gewesen, aber es hatte eine Ewigkeit gedauert, die Blutflecken abzuwaschen.
Sie erinnerte sich, wie sie das Bad verlassen hatte, sich auf die Kante ihres Bettes gesetzt hatte und dann – nichts. Der Schlaf musste sie übermannt haben, denn als sie schließlich wieder zu sich gekommen war, waren Stunden vergangen.
Als Nova nach dem Fremden hatte sehen wollen, war dieser wie vom Erdboden verschluckt. Der einzige Beweis, dass er je da gewesen war, war der Blutfleck auf ihrem Sofa. Wäre der nicht gewesen, hätte sie sich vielleicht eingeredet, sie hätte sich das Ganze nur eingebildet.
Aber er war da gewesen. Und dann, von einem Moment auf den anderen, war er weg gewesen. Keine Verabschiedung, keine Erklärung, nicht einmal ein Danke, dass du mir das Leben gerettet hast.
Nova hätte sich wünschen sollen, ihn nie wiederzusehen.
Doch weniger als drei Wochen später fand sie ihn erneut vor ihrer Tür, bewusstlos und voller Blut, mit einer weiteren Schusswunde.
Und so wurde es schließlich zur Gewohnheit.












































