
Ja, Mr. Knight. Buch 4: Erster Teil
Autor:in
Natalie Roche
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Kapitel
31
Kapitel 1: Die leere Grube
JAMIE
Die Luft roch nach Salz und dem süßen Kokosduft von Sonnencreme. Hinter mir brachen die Wellen am Strand.
Ich kniete auf einem großen, bunten Strandtuch. Meine Haut war warm von der Sonne und nasser Sand klebte an meinen Armen. Ich konzentrierte mich voll auf meine Aufgabe. Penelope saß direkt vor mir im Sand.
Sie sah in ihrem roten Badeanzug und dem weichen Strohhut, der ihr immer wieder über die Augen rutschte, sehr süß aus. Sie arbeitete hart und glättete den Boden mit ihrer kleinen Plastikschaufel.
„Mom, die Burg muss höher sein als die Mauer“, sagte sie mit ernster Stimme. Sie zeigte auf einen Sandberg. „Wir brauchen den höchsten Turm der Welt. Dann können wir jeden schon von Weitem sehen!“
Ich lächelte sie an, mein Herz war voller Freude und ganz leicht. Ich nahm eine Handvoll kühlen, nassen Sand und packte ihn auf den mittleren Turm. „Guter Plan, mein Schatz“, murmelte ich. Ich beugte mich vor und küsste sie oben auf den Hut.
Dann durchbrach eine Stimme das Rauschen der Wellen. Sie war tief und vertraut, und ich fühlte mich sofort sicher.
„Wer will schwimmen gehen?“, fragte Mason.
Ich sah auf. Er stand dort und hatte die Sonne im Rücken. Der Wind hatte sein dunkles Haar zerzaust, und um seine Augen bildeten sich kleine Lachfalten, als er mir dieses wunderschöne Lächeln schenkte. Er trug helle Leinen-Shorts, und seine breiten Schultern waren bereits nass vom Meer. Er sah glücklich aus. Er sah perfekt aus.
Penelope sprang auf und wirbelte dabei Sand auf. „Ich will! Ich will!“, rief sie laut. Sie rannte so schnell zu ihm, wie ihre kleinen Beine sie tragen konnten. Mason lachte, hob sie hoch in seine Arme und sie rannten zusammen ins Wasser.
Ich stand auf, um ihnen zu folgen, doch plötzlich verschwand die Wärme. Mir wurde flau im Magen, denn etwas stimmte nicht. Meine Hände begannen zu zittern und das Sonnenlicht verfärbte sich in ein seltsames, krankes Gelb. Mason sollte eigentlich gar nicht hier sein, dachte ich. Mason ist tot.
Ein stechender, brennender Schmerz schoss durch meinen Kopf. Der Strand zersplitterte wie ein Stück Glas, das auf den Boden fällt.
***
Ich riss die Augen auf.
Als Erstes sah ich Eoin. Mein Herz schlug nicht nur, es hämmerte gegen meine Rippen. Ich wollte zurückweichen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich sah an mir herab und bekam schreckliche Panik. Meine Hände waren fest an die Lehnen eines rauen Holzstuhls gefesselt, und meine Knöchel waren mit einem dicken Seil zusammengebunden.
„Halt still“, befahl Eoin. Seine Stimme klang flach und kalt. Er stand direkt vor mir und tröpfelte eine klare Flüssigkeit aus einer kleinen braunen Flasche auf ein weißes Tuch.
Eoin kam auf mich zu. Seine Berührung war gefühllos, als wäre er ein Arzt, dem es völlig egal war, ob sein Patient lebt oder stirbt. Er versuchte, das Tuch auf die tiefe Wunde an meiner Stirn zu drücken. Ich zuckte zurück und drehte meinen Kopf zur Seite. Er stieß ein langsames, genervtes Seufzen aus, als wäre ich ein bockiges Kind.
Mein Widerstand war ihm völlig egal. Er packte mein Kinn, um mich festzuhalten, und drückte das Tuch hart auf meine Wunde. Das Desinfektionsmittel brannte wie Feuer. Mein Kopf war schwer und dumpf, als wäre mein Gehirn voller Watte.
Da wurde mir klar, dass man mich betäubt hatte. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, nachdem Eoin und Jason mich am Waldrand in das Auto gezwungen hatten.
„Wo sind wir?“, fragte ich scharf. Mein Hals war trocken, und die Worte klangen schwach und kratzig. Ich starrte ihn durch den Nebel in meinem Kopf wütend an. „Hast du mich betäubt?“
Eoin drückte das Tuch noch ein paar Sekunden fest auf meine Stirn, um den Schmerz richtig wirken zu lassen. Schließlich nahm er es weg und warf das blutige Tuch auf einen staubigen Tisch in der Nähe.
„Wir sind nirgendwo, wo du schon einmal warst“, antwortete er. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete seine Arbeit. „Es ist ein Ort, an dem wir ungestört reden können. Nur wir beide. Keine Unterbrechungen.“
Er nahm die kleine braune Flasche wieder in die Hand. Langsam drehte er sie zwischen seinen behandschuhten Fingern. „Und ja, ich habe dich betäubt“, bestätigte er. Ein kaltes, spöttisches Funkeln trat in seine Augen. „Du hast mir kaum eine Wahl gelassen. Ich hatte erwartet, dass du dich wehrst, und genau das hast du getan. Ich finde, ein leichtes Beruhigungsmittel entspannt die Nerven. Die Wirkung lässt bald nach, keine Sorge.“
Ich zwang mich, gegen den Nebel in meinem Kopf anzukämpfen. Das schreckliche Bild von Erics Leiche beherrschte noch immer meine Gedanken. Wenn Eric tot war, konnte es auch jeden anderen treffen.
Niemand wird kommen!
SECHS MONATE ZUVOR
Ganz behutsam drückte ich die Türklinke des Schlafzimmers herunter. Das leise Klicken klang in dem stillen Raum wie ein Schuss. Ich öffnete die Tür nur einen winzigen Spalt breit und bewegte mich dabei so lautlos wie möglich. Doch gerade als ich mich hindurchschleichen wollte, spürte ich ein Vibrieren an meiner Hüfte.
Mein Handy!
Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich erstarrte völlig, während eine Welle der Angst mich überrollte. Mein Blick schoss sofort zurück zum Bett. Meine Augen suchten nach dem dunklen Umriss unter der Bettdecke.
Die Erleichterung war so groß, dass meine Knie weich wurden. Mason rührte sich nicht. Ich beobachtete, wie sich seine Brust langsam und ruhig hob und senkte. Gott sei Dank. Nach fast achtundvierzig Stunden war er vor knapp einer Stunde endlich völlig erschöpft eingeschlafen.
Die letzten Stunden hatte ich auf der Stuhlkante gesessen und über ihn gewacht. Seit dem Tod seines Vaters stürzte sich Mason wie besessen in seine Arbeit, um so seinem Schmerz zu entkommen. Normalerweise roch dieses Zimmer vertraut nach Zuhause, doch jetzt hing der schwere, bittere Geruch von Scotch in der Luft.
Es machte mir Angst, ihn so zu sehen. Er wirkte so verletzlich und selbstzerstörerisch.
Ich verließ das Haus lautlos, fuhr zum vereinbarten Treffpunkt und stellte den Motor ab. Durch die Windschutzscheibe starrte ich auf den dunklen Wald, der mit dem Nachthimmel verschmolz. Wir waren uns alle einig gewesen, dass dies nur im Schutz der Dunkelheit möglich war.
Mir drehte sich der Magen um, als ich an vorgestern Nacht dachte – an das hektische Graben und an die schwere Last. Niemand von uns wollte heute hier sein, aber ein Rückzieher kam nicht infrage. Dafür war es längst zu spät, wir steckten bereits viel zu tief in der Sache drin.
In der Ferne warteten zwei Gestalten. Ich traf Carmens Blick – ihr Gesicht war in der Dunkelheit nur ein blasser Fleck. Ethan stand direkt neben ihr, und seine breiten Schultern hingen schlaff herab. Das Mondlicht spiegelte sich auf den Schaufeln in ihren Händen.
Es fühlte sich total unwirklich an – als wäre eine Ewigkeit vergangen, dabei war unser Leben noch vor wenigen Tagen völlig normal gewesen. Mason und ich hatten uns verlobt, und unsere Zukunft lag strahlend vor uns.
Damals gab es noch Hoffnung.
Jetzt war alles anders. Harrys Tod hatte ein riesiges Loch in unser Leben gerissen, das wir unmöglich jemals wieder schließen konnten. Und dann war da noch Eoin. Er war gar nicht der Cousin, für den wir ihn gehalten hatten, sondern Masons Bruder. Dieses Geheimnis brachte Jahre voller heimlichem Hass und fiesen Intrigen ans Licht.
Während Mason zu Hause völlig betäubt von Trauer und Scotch schlief, stand ich hier im stillen Wald, kurz davor, dieselbe Leiche ein zweites Mal zu vergraben. Unser Plan war völlig verrückt, aber wir mussten sichergehen, dass unser Geheimnis für immer verborgen blieb.
Auf der anderen Seite der Lichtung sah Carmen mich mit besorgten Augen an. Sie formte lautlos die Worte: „Bist du okay?“ mit ihren Lippen.
Mir geht es absolut nicht gut, dachte ich. Ich hasste diese Wahrheit, gab ihr aber trotzdem nur ein knappes, steifes Nicken. Es war eine glatte Lüge, aber ich hatte keine andere Wahl, denn ich musste stark bleiben. Wenn ich jetzt zusammenbrach, waren wir alle erledigt.
Ich nahm noch einen zittrigen Atemzug, öffnete die Autotür und stieg aus. Der Kies knirschte laut unter meinen Schuhen, ein raues Geräusch in der ruhigen Nacht. Ich ging auf sie zu und klammerte meine Finger fest um das kalte Metall der Schaufel.
Ethan sah nicht auf, als ich näher kam, sondern starrte nur auf den dunklen Erdhaufen neben seinen Stiefeln. Aber Carmen ließ mich nicht ausweichen. Sie wartete, bis ich direkt vor ihr stand, und suchte intensiv meinen Blick.
„Ich hatte schon Angst, dass du nicht aus dem Auto aussteigst“, sagte Carmen mit sanfter, leiser Stimme.
„Wir haben einen Pakt geschlossen, erinnerst du dich?“, flüsterte ich zurück. „Wir stecken da gemeinsam drin.“
Ich streckte die Hand aus und drückte sanft ihren Arm. Ihre Jacke war feucht vom Nachtnebel, und sie zitterte am ganzen Körper. Nach allem, was wir durchgestanden hatten – das Blut, die Panik, die ständigen Lügen –, würde ich sie das auf keinen Fall alleine durchziehen lassen. Es war meine Idee gewesen, die Leiche noch einmal umzubetten, und deshalb war es auch meine Pflicht, diese Last mitzutragen.
Wir brauchten einander für viel mehr als nur für die schwere körperliche Arbeit. Knapp hundert Kilo totes Gewicht zu bewegen, war die eine Sache, aber sich erneut dieser tiefen Dunkelheit zu stellen, war etwas völlig anderes. Abgesehen von Jack waren wir die einzigen drei Menschen auf der ganzen Welt, die die Wahrheit kannten.
Dieses Geheimnis würde bei Sonnenaufgang nicht einfach verfliegen. Wir würden diese Last gemeinsam tragen müssen – nicht nur in dieser Nacht, sondern für den Rest unseres Lebens.
Meine Schaufel durchbrach zuerst die Oberfläche und glitt mühelos in den weichen, vom Regen aufgeweichten Schlamm. Carmens Schaufel folgte sofort. Ihre Bewegungen waren schnell und sehr gezielt. Ethan schien jedoch sehr zu zögern. Seine Schaufel schwebte einen Moment in der Luft, bevor er sie schließlich ebenfalls in die Erde stieß.
Wir gruben schweigend. Die nasse Erde klebte schwer an unseren Stiefeln. Jede Schaufel voll Dreck fühlte sich schwerer an als die letzte. Mittlerweile regnete es ununterbrochen und der Boden verwandelte sich in eine rutschige Schlammgrube, was es schwer machte, einen festen Stand zu behalten. Doch das Grab wieder zu öffnen, war leichter als beim ersten Mal; die Erde war noch locker, da wir sie erst vor zwei Nächten festgedrückt hatten.
Bring es einfach hinter dich, sagte ich mir immer wieder. Die Worte kreisten wie ein Gebet in meinem Kopf. Jeder Muskel in meinen Armen brannte. Die Eile in mir fühlte sich wie ein fester Knoten im Magen an. Mit jeder Schaufel Erde zog er sich weiter zu.
Ich muss unbedingt zurück sein, bevor Mason aufwacht und merkt, dass ich fehle. Die beängstigende Frage, was ich ihm dann überhaupt sagen sollte, stand unbeantwortet im Raum. Ich hatte mir noch nicht einmal eine gute Ausrede überlegt.
Sein Vater ist gerade bei einem Feuer gestorben. Ich sollte jetzt bei ihm sein.
Eine Stunde war vergangen. Mit dem Handrücken strich ich mir die nassen Haare aus den Augen und schmierte mir dabei versehentlich einen dicken Streifen kalten Schlamm auf die Stirn. Das war mir völlig egal. Ich hielt für eine Sekunde inne, atmete schwer und mein Atem bildete weiße Wolken, die im Regen verschwanden.
Ich sah hinab in die dunkle, mit Wasser gefüllte Grube. Am Boden bildete sich bereits eine große Pfütze aus Regenwasser. Plötzlich verwandelte sich das flaue Gefühl in meinem Magen in pure Panik. Ich konnte mich wirklich nicht daran erinnern, dass das Loch so tief gewesen war.
„Ich erinnere mich nicht, dass das Loch so tief war“, sagte ich mit zitternder Stimme.
Auch Ethan hielt inne und stützte sich schwer auf seine Schaufel. Sein Gesicht war aschfahl. „Du hast recht. Wir graben jetzt schon eine ganze Stunde. Wir hätten die Plane längst erreichen müssen.“
Eine unheimliche Stille legte sich über uns. Das einzige Geräusch war der prasselnde Regen auf dem nassen Schlamm. Ethan sah zu Carmen auf, seine Augen waren vor Panik weit aufgerissen. „Du hast behauptet, es wäre genau diese Stelle“, sagte er, und seine Stimme wurde schrill und wütend.
„Das ist auch genau die Stelle!“, giftete Carmen mit abwehrender und sich fast überschlagender Stimme zurück.
„Ganz offensichtlich nicht! Wo zur Hölle ist er?“ Ethans Stimme brach plötzlich. Er starrte hinab in die Grube. „Wo ist die Leiche, Carmen? Wir hätten ihn längst finden müssen!“
Der kalte Regen fühlte sich an wie eisige Finger, die mir langsam den Rücken hinabglitten und die Spur meiner Angst nachzeichneten. Brent war verschwunden. Die Leiche lag nicht mehr dort, wo wir sie vergraben hatten, und nun verloren Carmen und Ethan völlig die Nerven und schrien sich mitten im nächtlichen Wald lauthals an.
„Er muss einfach hier sein!“, schrie Ethan verzweifelt auf. Er rammte die Schaufel immer wieder in den Schlamm, wobei seine Hände so stark zitterten, dass das Metall laut gegen die Steine klirrte. Er grub schon gar nicht mehr, sondern schlug einfach nur noch wie ein Verrückter auf den Boden ein.
„Ich schwöre dir, ich habe den Baum markiert!“, schrie Carmen zurück. Ihre Augen waren vor lauter Panik riesengroß.
„Haltet die Klappe! Ihr beide!“, zischte ich. Meine Stimme klang so scharf, dass sie sofort verstummten. Beide erstarrten und starrten mich in der Dunkelheit an. Ich zeigte hinab auf die schlammige, wassergefüllte Grube. „Ich weiß ganz genau, dass es diese Stelle ist. Ich erinnere mich an den Aufbau der Lichtung. Und seht euch doch den Boden an – die Erde hier ist ganz locker. Sie wurde vor Kurzem erst bewegt.“
„Was hat das zu bedeuten, Jamie?“, fragte Carmen mit einem ängstlichen Wimmern.
„Es bedeutet, dass uns jemand zuvorgekommen ist“, sagte ich und trat noch einen Schritt näher an den Rand, während der tiefe Schlamm schwer an meinen Stiefeln zog. „Jemand hat die Leiche weggebracht.“
Der klare Beweis lag direkt vor uns im Schlamm. Jemand hatte Brent ausgegraben, noch bevor wir hier angekommen waren. Es war ganz sicher nicht die Polizei – es gab weder Sirenen noch gelbes Absperrband oder Kamerateams. Das hier war etwas völlig anderes. Jemand, der uns beobachtet hatte. Jemand, der ganz genau wusste, wo er graben musste.
JACK!







































