
The Hunter and the Wolf (Deutsch)
Autor:in
Nathalie Hooker
Gelesen
470K
Kapitel
36
Kapitel 1.
Evalyn
Die Blutspur wurde immer dichter. Ich kam näher.
Meine Beine schmerzten vom Laufen, doch der Schmerz störte mich nicht. Jeder Schritt brachte mich ihm näher. Näher an meine Rache.
Ich schlich lautlos durch den Wald. Plötzlich hielt ich inne. Vor mir sah ich einen großen, leuchtend roten Blutfleck.
Das war mehr Blut als die kleinen Tropfen, denen ich bisher gefolgt war. Er ist verletzt. Aber nicht mehr lange.
Bei dem Gedanken huschte ein Lächeln über mein Gesicht.
Geschickt machte ich meine Armbrust bereit. Meine Finger bewegten sich sicher, während ich mich auf den tödlichen Schuss vorbereitete. Diesmal würde er mir nicht entwischen.
Die silbernen Pfeile in der Tasche an meiner Hüfte fühlten sich schwer an. Doch ich würde sie nicht brauchen, denn ich würde nicht danebenschießen. Ich treffe immer ins Schwarze.
Ich hörte Schritte und wurde von Gestalten in Tarnkleidung umzingelt. Etwa ein Dutzend verteilte sich unter den Bäumen. Wurde auch Zeit.
Die anderen Jäger beruhigten mich. Falls ich versagen sollte, würde einer der harten Kerle hinter mir abdrücken.
Mein Herzschlag verlangsamte sich und ich wurde ruhiger. Wir bewegten uns wie ein eingespieltes Team und kreisten unser Ziel ein.
Aus dem Gebüsch vor mir drang schweres, keuchendes Atmen. Trotz der Dunkelheit spürte ich, dass der Werwolf nahe war. Und er hatte Angst.
Obwohl er verletzt und wahnsinnig war, witterte er die Falle, die wir sorgfältig aufgebaut hatten. Doch das würde das Biest jetzt nicht mehr retten. Nichts würde es retten.
Ich sah, wie sich die Jäger um mich herum zur Seite bewegten. Sie schlossen unser Ziel ein wie ein gut geöltes Uhrwerk: präzise und unaufhaltsam.
Es funktionierte und ich war bereit, als sich etwas vor mir schnell bewegte. Endlich zeigte sich das Biest und ich runzelte hasserfüllt die Stirn. Es blickte auf meine Waffe und knurrte mit schaumbedecktem Maul. Dann griff es an.
Und natürlich stürmte es direkt auf mich zu. Typisch. Es hält mich für das schwächste Glied in der Kette.
Aber ich würde ihm zeigen, wie falsch es damit lag.
Blitzschnell visierte ich mit meiner Armbrust an. Der Werwolf raste auf mich zu, kam immer näher. Doch ich wartete ab.
Er kam so nah, dass ich den Wahnsinn in seinen Augen sehen konnte. Aber immer noch wartete ich.
Nur noch ein bisschen näher... JETZT.
Die scharfen Reißzähne waren kurz davor, mir die Kehle aufzureißen, als mein Pfeil sein Ziel traf. Ich sah zu, wie die Wut und Mordlust in den Augen der Kreatur augenblicklich erloschen.
Für einen Moment wirkte es... erleichtert. Aber – nein. Das konnte nicht sein. Diese Kreaturen kennen nur Schmerz und Tod. Mitgefühl ist ihnen fremd. Das durfte ich nicht vergessen.
Nach dem dumpfen Aufprall des Werwolfkörpers auf dem feuchten Waldboden herrschte kurz Stille. Alte nasse Blätter dämpften seinen Fall und machten ihn weniger dramatisch.
Dann durchbrach langsames Klatschen hinter mir die plötzliche Ruhe der Nacht. Es klang hart in der Stille. Doch ich war noch nicht bereit zu feiern.
Ich schulterte die Waffe, bevor ich zu dem reglosen Körper ging. Mondlicht fiel durch eine Lücke in den Bäumen und beleuchtete meine Beute.
Er muss es sein.
Sein stumpfes braunes Fell war mit frischem und altem Blut verklebt. Er musste gerade erst gefressen haben.
Bei dem Gedanken ballte sich meine Hand zur Faust. Aber das war nicht, wonach ich suchte.
Den Atem anhaltend beugte ich mich über den toten Körper und hob vorsichtig seine Oberlippe an. Die Haut fühlte sich heiß und feucht unter meiner Hand an.
Verdammt!
Enttäuscht blickte ich auf.
Im schwachen Licht zeigte sich ein vollständiges Gebiss gelber Fangzähne, die selbst im Tod noch gefletscht waren. Wie ich vermutet hatte, war er wahnsinnig und gierig nach Menschenfleisch gewesen. Aber er war es nicht.
Mit einer Handbewegung hinter meinem Rücken beendete ich das Klatschen. Ich war frustriert. Warum hatte ich mir wieder Hoffnungen gemacht?
Mir war überhaupt nicht nach Feiern zumute. Doch die Gruppe von Jägern hinter mir sah das anders. Für sie war jeder tote wilde Werwolf ein Sieg.
Seufzend blickte ich zum blassen Mond auf und brauchte einen Moment, um mich zu sammeln. Doch viel Zeit blieb mir nicht.
Ich hörte schnelle Schritte, als Wendell zu mir kam. „Sauber und präzise wie immer, Evalyn. Du hörst nicht auf, mich zu beeindrucken.“
In den Augen meines Mentors sah ich Stolz, aber ich hatte ihn nicht verdient. Auch wenn der wilde Werwolf ein Killer war, war er trotzdem nicht der, den ich suchte.
Ihn zu töten fühlte sich falsch an.
Mein Lächeln war schwach und ich bin sicher, meine Augen verrieten meine Unzufriedenheit. Ich war noch nie gut darin, meine Gefühle zu verbergen.
Wendell drückte verständnisvoll meine Schulter, bevor er zum Wolf ging. „Ein Sieg ist ein Sieg, Evalyn. Vergiss das nicht.“
Nach seinen Worten kamen auch die anderen Jäger schnell herbei. Sie gratulierten mir und klopften mir auf den Rücken. Ich versuchte, mich zu bedanken. Die Gruppe meinte es gut, aber ihre Freude linderte den Schmerz in meiner Brust nicht.
Ein Schmerz, den ich seit Jahren nicht losgeworden war.
Ich werde ihn finden. Und ich werde ihn töten.
Ich wiederholte diese Worte wie ein Mantra und klammerte mich gerade jetzt daran wie an einen Rettungsanker. Es half gegen die leichten Schuldgefühle, als ich den reglosen Körper am Boden betrachtete.
Der Werwolf hatte den Tod verdient. Das wusste ich. Hätte ich ihn heute nicht getötet, hätte er weitere unschuldige Menschen verletzt.
Mein Herz wurde etwas leichter, als ich Wendell dabei zusah, wie er den toten Körper untersuchte. Ich rette Leben. Unschuldige Menschenleben.
Das Leben als Jägerin ist einsam, aber es ist das einzige Leben, das ich zu führen weiß.
Trotzdem blieb ich zurück, als die anderen laut jubelnd zum Lager gingen. Ich verstand nicht, wie sie so unbeschwert sein konnten, aber ich wünschte, ich könnte so sein wie sie. Ich fühlte mich nicht direkt schuldig, aber innerlich leer.
Und jetzt bemitleide ich mich auch noch selbst...
Ich schüttelte diese trübsinnigen Gedanken ab und lief der Gruppe hinterher. Wenn ich schon nicht feiern konnte, konnte ich wenigstens etwas Schlaf bekommen.
Zwanzig Minuten später war ich zurück im Lager und die Party war in vollem Gange. So war es immer nach einem erfolgreichen Abschuss.
Alkoholflaschen wurden herumgereicht und Geschichten erzählt. Es war durchaus unterhaltsam, aber ich hatte mich nie wirklich zugehörig gefühlt. Als würde ein Teil von mir fehlen. „Evalyn, komm zu uns! Du hast dir nach heute einen guten Drink verdient.“
Eine lächelnde Frau sagte das und hielt mir eine volle Flasche hin. Normalerweise würde ich nicht trinken, aber heute Abend... heute Abend brauchte ich etwas.
Die anderen sahen mich erwartungsvoll an. Ihre Gesichter glühten leicht im Feuerschein. Ich sah ein paar vertraute Lächeln, fühlte mich ihnen aber nicht nahe. Wie immer gab es eine unsichtbare Mauer zwischen uns.
Zwischen mir und den Jägern.
Ich blickte zurück zu der Frau – Megan? Nein. Regan? – und nickte einmal. „Danke.“
Der Kreis plauderte fröhlich weiter, als ich hinüberging und einen Schluck aus Regans Flasche nahm. Der Alkohol brannte in meiner Kehle und ich versuchte, nicht zu husten.
„Du warst heute Abend echt tough da draußen. Du musst doch noch andere Geschichten auf Lager haben! Ich weiß, du gibst dich gerne geheimnisvoll und so, aber erzähl uns was.“
Ach ja, geheimnisvoll. Ein anderes Wort für schüchtern und schlecht im Smalltalk.
Ich öffnete und schloss meinen Mund wieder, während ich versuchte, mir etwas einfallen zu lassen. Es war eine Weile her, dass ich mit jemandem gesprochen hatte, außer um nach einer Mission Bericht zu erstatten.
Da war dieser wilde Werwolf letzte Woche, den ich dabei erwischt hatte, wie er versuchte, auf einen Spielplatz zu gelangen...
Das junge Pärchen auf den Schaukeln war zu sehr mit Küssen beschäftigt gewesen, um zu merken, wie knapp sie dem blutigen Tod entgangen waren. Tatsächlich hatten sie das letzte Heulen des Biests wahrscheinlich für einen Nachbarshund gehalten.
Ja okay, warum nicht. Um freundlich zu sein und so.
Ich setzte an zu sprechen.
Doch ein Mann in den Zwanzigern kam mir vom anderen Ende des Feuers zuvor. „Komm schon, zier dich nicht! Du musst ja Wendells Liebling sein, aus gutem Grund.“
Ich errötete und winkte den Kommentar ab, aber es war zu spät. Alle verstummten. Toll, und jetzt starren mich alle an.
Ich zuckte leicht zusammen und gab Regan die Flasche zurück in ihre tätowierte Hand, um Zeit zu schinden. Ihr Angebot anzunehmen war ein Fehler gewesen, aber wie gesagt: Das Leben als Jägerin ist einsam. „Nee, nichts Besonderes“, sagte ich und versuchte, meine Stimme ruhig klingen zu lassen.
Sie glaubte mir nicht. Regan öffnete den Mund um zu widersprechen, aber ich ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Ich glaube, ich gehe ins Bett.“
Ich drehte mich schnell um und entfernte mich vom Feuer. Ich ging zügig und spürte die peinliche Stille, die ich hinterließ.
Perfektes Beispiel dafür, warum ich besser alleine bleibe.
Eilig kehrte ich zu meinem Zelt zurück und stieß einen erleichterten Seufzer aus, als ich endlich allein war. Die heutige Jagd war anstrengend gewesen, aber obwohl ich körperlich erschöpft war, fühlte ich mich rastlos.
Meine Hände fanden wie immer meine Halskette, wenn ich an ihn dachte.
Der Zahn, den meine Finger berührten, war glatt und abgenutzt. Er hing an einer schlichten schwarzen Lederschnur und die scharfe Spitze stach in meine Brust, wenn ich mich schnell bewegte. Aber ich nahm ihn nie ab. Der Schmerz war eine Erinnerung.
Eine Erinnerung an das andere Gebiss voller Reißzähne, das weiterhin unschuldige Menschen verletzte und tötete. An die Fangzähne, die mich zur Waise gemacht und meine Familie dem Verderben überlassen hatten.
Der Schmerz erinnerte mich an den wilden Werwolf, der meine Familie getötet hatte und den zu jagen ich geschworen hatte. Den Werwolf, dem genau der Fangzahn fehlte, der an meiner Brust ruhte.
Ich werde ihn finden. Und ich werde ihn töten.













































