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Haunted 2 (Deutsch)

Der Neue Junge

CADE

. . . . . . . . Ich hätte es kommen sehen müssen.
Natürlich würde er nicht lange hinter Gittern bleiben...
Mit bangem Blick verfolgte ich die Abendnachrichten auf dem Fernseher in Joeys Wohnzimmer.
Der Bus, der Willy in die Psychiatrie bringen sollte, wurde umgekippt im Norden Colorados entdeckt.
Vier Wachleute und der Busfahrer lagen erschossen daneben.
Wie er sich aus seinen Fesseln befreien und vier bewaffnete Aufseher überwältigen konnte, bleibt ein Rätsel...
„Cade, mein Schatz“, beruhigte mich Joeys Mutter, „hier bist du in Sicherheit.“
Jeff und Monica, Joeys Eltern, waren stets überaus freundlich zu mir. Ich konnte mir nicht erklären, warum.
„Sie werden ihn bestimmt bald schnappen“, meinte Joeys Vater zuversichtlich.
Nein, das werden sie nicht.
Er ist alles andere als dumm.
Er wird einen Weg zu mir finden. Er braucht mich.
„Hierher würde er sich niemals wagen“, flüsterte Joey. „Das wäre viel zu riskant.“
Was kümmert Gefahr einen Mann, der nichts mehr zu verlieren hat?
Plötzlich schrillte die Türklingel und wir zuckten alle zusammen.
Joeys Vater erhob sich. „Ich gehe schon.“
Ich beobachtete, wie er zur Tür schritt.
Kurz darauf kehrte Jeff mit Raven zurück.
„Cade!“, rief sie und schloss mich in die Arme.
Raven flüsterte mir ins Ohr: „Alles wird gut. Er kann dir nichts anhaben. Nicht wenn er untertauchen will.“
Ich nickte und versuchte, ihren Worten Glauben zu schenken.
Vielleicht hatte sie ja Recht...
Erneut läutete es an der Tür und ich erschrak sofort.
Wer mag das jetzt sein?
Raven öffnete und Deputy Larsson trat ein. Mit ernster Miene drehte er seinen Hut in den Händen.
„Cade“, sagte er.
Larsson nahm am Ende des Sofas neben Raven Platz und warf einen flüchtigen Blick auf den stumm geschalteten Fernseher.
„Angesichts der... Vorkommnisse“, begann er, „haben wir uns entschlossen, einige Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.“
„Was für Vorkehrungen?“, fragte Joeys Mutter.
„Wir werden rund um die Uhr einen Beamten vor diesem Haus postieren“, erklärte Larsson.
„Außerdem werden wir je einen bei Frau Zheng und Cades Tante Lynn stationieren“, fuhr er fort.
„Das ist doch nicht nötig-“, setzte ich an.
„Cade“, unterbrach mich Larsson. „Ich weiß nicht, was er im Schilde führt, aber ich möchte für alle Fälle gewappnet sein.“

RAVEN

Am nächsten Morgen schlenderten Cade und ich Hand in Hand vom Parkplatz zur Elk Springs High. Die Schule war nur halb so groß wie jede andere, die ich bisher besucht hatte, und sah ziemlich alt aus.
Viele Schüler wuselten aufgeregt schwatzend durch die Gänge.
Es war mein letzter erster Schultag.
Gott sei Dank.
Ich erkannte ein paar Gesichter aus der Stadt, aber die meisten waren mir fremd.
An Großstadtschulen konnte man eine Weile untertauchen. Hier jedoch spürte ich, wie alle Blicke an mir klebten.
Die üblichen Schülergrüppchen waren leicht auszumachen – die Sportler, die Kiffer, die Streber und so weiter.
Cade versteifte sich, als wir um die Ecke in den Flur mit unseren Spinden bogen.
Eine Gruppe sportlicher Typen stand im Kreis, lachte und schubste sich gegenseitig herum.
„Hast du das neue Mädel gesehen?“, schnappte ich auf. „Die hat ja Beine bis zum Himmel.“
Die reden bestimmt von irgendeinem ANDEREN „neuen Mädchen“.
Cade führte mich langsam zu ihnen, den Blick gesenkt. „Dein Spind ist gleich hier.“
„Hey Leute. Schaut mal, wer da angetanzt kommt“, rief einer der Sportler – ein blonder Knirps mit Stiernacken.
„Na, wie war dein Sommer, Psycho-Boy?“
Cade zuckte zusammen, schwieg aber und drehte ihnen den Rücken zu.
„Ich hab gehört, dein Alter ist draußen“, fuhr der Typ fort. „Kannst es sicher kaum erwarten, ihn zu sehen, was Woods?“
Der Kerl baute sich neben Cade und mir auf. Er legte seine Pranke auf Cades Schulter und wir zuckten beide zusammen.
„Wynston! Was geht ab, Alter?“, ertönte AJs Stimme und wir drehten uns um, als er auf uns zukam.
Wynston wandte sich wieder Cade zu, mit einem fiesen Grinsen. „Cade wollte mir gerade seine hübsche Freundin vorstellen – äh...“
„Raven“, sagte ich.
„Hör zu, Mann“, sagte AJ und legte seinen Arm um meine Schulter. „Ich will nicht, dass du die beiden nervst, kapiert? Sie sind in Ordnung.“
„Würde mir im Leben nicht einfallen“, sagte Wynston und zwinkerte Cade zu.
„Ich meine es todernst.“
„Ich auch!“
„Alles klar, Mann“, sagte AJ. „Wir sehen uns beim Training.“
Wynston salutierte und zog Leine, gefolgt von seinen Kumpels.
AJ nahm seinen Arm von meiner Schulter und wandte sich Cade zu. „Sorry wegen Wynston. Der hat zu oft einen Ball an den Kopf gekriegt.“
Cade schüttelte den Kopf. „Bin's gewohnt.“
„Danke, AJ“, fügte ich lächelnd hinzu.
Ich konnte mir kaum vorstellen, wie er mit allem klarkam. Sein letztes Schuljahr ohne seine Freundin oder seinen besten Kumpel zu beginnen. Das musste echt hart sein...
Caleb und seine Mutter waren wie aus heiterem Himmel eine Woche vor Schulbeginn nach Denver gezogen.
Caleb meinte, er sei froh darüber. Ich konnte verstehen, warum.
„Na ja... ich muss zu meinem ersten Unterricht“, sagte AJ. „Wir sehen uns später?“
Ich nickte. „Klar doch.“
Nachdem AJ weg war, wandte ich mich Cade zu.
„Du musst es nicht sagen“, kam er mir zuvor, gerade als ich den Mund aufmachen wollte. „Ich hab sowieso Wichtigeres im Kopf.“

CADE

Ich saß in meiner vierten Stunde AP Psychologie und versuchte krampfhaft, Herrn Ritter zuzuhören, der den Unterrichtsplan vorlas.
Ich musste mich auf irgendetwas konzentrieren - Hauptsache, es hatte nichts mit Willy zu tun.
Aber meine Gedanken kreisten ständig darum, wo er wohl gerade steckte.
Was er wohl machte.
Ob er versuchte, einen Weg zu finden, um zu mir zu kommen.
Plötzlich knackte die alte Lautsprecheranlage der Schule.
„Cade Woods und Raven Zheng, bitte kommen Sie in Frau Cooleys Büro.“
Zwanzig neugierige Augenpaare richteten sich auf mich.
Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken.
***
„Ich habe euch beide hergebeten, weil ich weiß, dass ihr einen schwierigen Sommer hattet“, sagte Frau Cooley mit monotoner Stimme.
Ich ließ meinen Blick über die „Greif nach den Sternen!“-Poster an den Wänden ihres Büros schweifen.
Ich fragte mich, was jemanden dazu bringt, Schulberater an einer Highschool zu werden. Hat sie nicht einen Abschluss in Psychologie?
„Cade“, sagte Frau Cooley, „möchtest du uns erzählen, wie du dich fühlst, nachdem dein Vater ausgebrochen ist?“
Ich sah sie an. Frau Cooley saß da und tat so, als wäre sie meine beste Freundin.
Ich blieb stumm und starrte sie einfach nur an.
Frau Cooley seufzte und wandte sich von mir zu Raven. „Gibt es irgendetwas, worüber ihr reden möchtet? Vielleicht über Emily?“
Raven warf mir einen Blick zu, bevor sie antwortete: „Nein. Eigentlich nicht.“
Frau Cooley lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und gab klein bei. „Na schön. Ihr wisst ja, wo ihr mich findet. Meine Tür steht euch jederzeit offen.“
„Danke“, sagte Raven und stand auf. Ich folgte ihr aus dem Büro, erleichtert, dass wir so glimpflich davongekommen waren.
Normalerweise ließ Frau Cooley mich eine halbe Unterrichtsstunde lang dort sitzen, während sie versuchte, mich zum Reden zu bringen.
„Kommt das öfter vor?“, fragte Raven und nahm meine Hand.
„Ein paar Mal pro Halbjahr. Ich bin sowas wie ... ihr Sorgenkind.“
„Das tut mir leid.“
Ich küsste ihre Hand. „Schon okay.“
„Wie geht es dir?“, fragte Raven. „Mit ... du weißt schon.“
„Ich ... es geht mir gut“, log ich. „Aber mir ginge es viel besser mit etwas zu essen. Wann hast du Mittagspause?“
Raven sah auf die Uhr an der Wand. „Jetzt, glaube ich.“
„Ich auch.“ Ich lächelte. „Lust zu sehen, was die Cafeteria heute an Fraß zu bieten hat?“
***
Ich beobachtete, wie Raven in ihrem quadratischen Stück Pizza herumstocherte, von dem ich ihr abgeraten hatte.
„Glaub mir, du willst das wirklich nicht essen“, sagte Gretchen angewidert.
Gretchens Haare, die früher hellviolett waren, leuchteten jetzt in einem knalligen Grün.
„Was ist da drüben los?“, fragte Joey und blickte zur anderen Seite der Cafeteria, wo sich eine Gruppe Schüler aufgeregt um einen Tisch versammelt hatte.
„Das ist das andere neue Mädchen“, sagte Gretchen. „Cassandra. Ich habe English mit ihr.“
„Was macht sie da?“, fragte Raven.
Cassandra saß im Schneidersitz auf der Bank und hielt einen dicken Stapel Karten in der Hand.
Sie begann, die Karten in einem Muster auf dem Tisch auszulegen und schloss die Augen.
„Ich glaube, sie legt Tarotkarten“, sagte ich.
Raven verdrehte die Augen.
„Was?“, grinste ich und stupste sie an. „Glaubst du etwa nicht an die Macht des Tarot?“
„Nicht, wenn jemand zwanzig Mäuse dafür verlangt!“, Raven zeigte auf ein kleines, gerahmtes Schild am Ende des Tisches.
Wahrsagungen
$20 Spende
Keine Rückerstattung
Namaste

RAVEN

„Möchtest du einen Blick in die Zukunft werfen?“, fragte Gretchen und sah Cassandra neugierig an.
„Meinst du das ernst?“
„Ach komm schon“, sagte Gretchen und blickte zu mir, Joey und Cade. „Wir hatten einen langweiligen Sommer. Lass uns ein bisschen Spaß haben.“
„Ich passe“, sagte Joey. „Ich will früh im Computerraum sein. Möchte einen Platz mit guter Tastatur ergattern.“ Joey verabschiedete sich und verschwand.
Ich folgte Gretchen durch die Mensa und zog Cade mit.
Als wir näher kamen, konnte ich Cassandra besser sehen. Sie trug ein geblümtes Oberteil mit klobigen Stiefeln, und ihre dunklen Haare fielen wild auf ihre Schultern.
Als wir ankamen, stand das Mädchen ihr gegenüber auf, und Cassandra schaute nach ihrem nächsten Kunden.
Sie sah Gretchen an und lächelte. „Soll ich dir die Karten legen?“
„Ja“, sagte Gretchen und setzte sich. „Du bist Cassandra, oder?“
„Cassie“, erwiderte sie. „Cassie Ramirez. Misch die Karten für mich, Schätzchen, und denk darüber nach, wo du in deinem Leben Hilfe brauchst.“
Glauben die Leute wirklich an so etwas?
„Jetzt heb ab.“
Gretchen tat wie ihr geheißen und gab die Karten zurück.
Ich beobachtete, wie Cassie die Karten in Kreuzform auslegte und sie kurz musterte, bevor sie Gretchen ansah.
Da läutete die Schulglocke und signalisierte, dass wir fünf Minuten Zeit hatten, um zu unseren nächsten Kursen zu kommen.
Cassie lächelte. „Ich habe jetzt keine Zeit für eine vollständige Deutung ... aber ich kann dir eine Sache verraten, die ich in deiner nahen Zukunft sehe. Umsonst.“
„Okay.“
„Schick das Foto. Das, das du von ihr gemacht hast“, sagte sie mit einem Lächeln. „Du bekommst den Job – wenn du mutig genug bist.“
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, sagte Gretchen und sah mich an.
„Was ist mit ihnen?“, fragte Gretchen und zeigte auf Cade und mich. „Ganz kurz?“
„Schon gut-“, sagte Cade leise und zog mich zum Ausgang.
„Eine schnelle“, sagte Cassie, mischte die Karten und reichte sie Cade. „Zieh eine Karte“, sagte sie lächelnd.
Ihre Stimme klang herrisch und selbstgefällig.
Ich war überrascht zu sehen, wie Cade nachgab.
„Von mir aus.“ Er bewegte seine Hand über die Karten, bevor er eine aus der Mitte zog und auf den Tisch legte – ein beunruhigendes Bild eines Engels, der drei nackte Menschen betrachtete.
„Das Gericht“, stand darauf.
Cassie sah Cade einen Moment lang nachdenklich an. Langsam lächelte sie.
„Du bist schwer zu durchschauen, nicht wahr?“, fragte sie neckisch.
Das gibt's doch nicht.
Sie versuchte, mit ihm zu flirten.
Sie sah mich an, und ihr Lächeln verschwand.
„Tut mir leid, ich habe doch keine Zeit ...“, sagte Cassie. Sie packte ihre Karten in ihre Tasche und stand auf.
„Vielleicht ein andermal“, fügte sie hinzu. Sie blickte mich an, dann für einen Moment zu Cade.
Dann verschwand sie.
***
Die letzte Glocke läutete, als ich in den AP-Chemiekurs stürmte und mich auf den einzigen freien Platz setzte, bevor Herr Laupner mich bemerkte.
Alle anderen Schüler hatten ihre Hefte offen und schrieben etwas von der Tafel ab. Ich kramte in meiner Tasche nach einem Bleistift.
„Na Schätzchen, verfolgst du mich?“, sagte jemand neben mir, und ich sah langsam und mit einem mulmigen Gefühl auf.
Cassie saß neben mir und kaute auf ihrem Stift. Sie zwinkerte.
Nenn mich nicht noch mal „Schätzchen“ ...
„Okay, alle zusammen“, sagte Herr Laupner. „Seht euch die Person an, die neben euch am Tisch sitzt.“
Das tue ich bereits.
„Gewöhnt euch an sie. Sie sind für den Rest des Jahres euer Partner.“
Cassie grinste. „Das wird ein Riesenspaß.“
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