
Dunkle Geheimnisse des Milliardärs
Kapitel 3
HARLAND
"Schöner Wagen", meinte Ellie und folgte mir über den Parkplatz zu meinem Maserati.
"Magst du teure Autos?"
"Ja. Papa hat mir zum zehnten Geburtstag einen lila Porsche geschenkt. Er dachte wohl, er würde sterben, bevor ich sechzehn werde, und wollte mir vorher noch ein Auto schenken."
"Klingt nach Papa."
"Fahren kann ich ihn natürlich nicht. Aber manchmal setz ich mich einfach rein."
"Steig ein, Ellie", sagte ich und öffnete ihr die Tür.
Doch sie stieg nicht ein. Stattdessen funkelte sie mich wütend an, die Hände in die Hüften gestemmt. "Lass uns was klarstellen, großer Bruder."
"Okay", sagte ich und hob die Hände.
"Ich brauch keinen, der mir die Tür aufhält. Und ich bin kein Kind mehr."
"Versprochen, nie wieder eine Tür für dich zu öffnen." Ich lachte und setzte mich auf den Fahrersitz. "Und du bist zwölf. Also ja, du bist definitiv noch ein Kind."
"Ich bin klüger und reifer als andere in meinem Alter", erklärte sie.
"Trotzdem bist du ein Kind. Und Kinley und ich haben das Sagen."
"Das werden wir ja sehen", murmelte sie beim Anschnallen.
"Wie war's in der Pflegefamilie?", fragte ich, als ich auf die Autobahn fuhr.
"Schrecklich."
"So schlimm?"
"Total überfüllt. Ich musste mir ein Zimmer mit zwei anderen Mädchen teilen und es gab nur ein Bad! Sie hatten Hunde, die überall Knochen rumliegen ließen.
Und das Essen gestern Abend - grauenhaft! Fertigpasta mit Hackfleisch und Dosentomaten. Und sie trinken Leitungswasser! Igitt!"
"Tut mir leid, dass du das durchmachen musstest, Ellie."
"War lehrreich. Aber nie wieder. Versprich mir, dass das nie wieder passiert."
"Versprochen."
"Warum hast du mich nicht besucht, Harland?"
Ich rieb mir die Nase und überlegte, wie ich das einer Zwölfjährigen erklären sollte. "Papa und ich waren uns nicht immer einig."
"Mama meinte, es lag an ihr. Sie dachte, du hasst sie."
"Hass ist ein starkes Wort."
"Hast du meine Mutter gehasst?"
"Als sie heirateten, war sie 25 und er 71. Deine Mutter war pleite und hatte ein zehnjähriges Kind."
"Du denkst, sie hat Papa nur wegen des Geldes geheiratet?"
"Ich will nichts Schlechtes über deine Mutter sagen. Das wäre nicht richtig. Vor allem, weil sie gerade erst gestorben ist."
"Sie hat meinen Vater geliebt, Harland."
"Na ja, jetzt sind sie sicher im Himmel vereint." Oder eher in der Hölle. Aber ich würde dem Kind seine schönen Erinnerungen lassen.
"Warum hasst du Kinley?"
"Wir hassen uns nicht."
"Nach dem, was ich beim Anwalt gesehen hab, sieht's aber so aus", schnaubte sie.
"Wir haben uns 16 Jahre nicht gesehen. Früher haben wir uns dauernd so gezofft. Heute sind wir gleich wieder in die alte Schiene gerutscht."
"Warum bist du nicht verheiratet?"
"Hab die Richtige noch nicht gefunden."
"Papa war traurig, dass er keine Enkel hatte."
"Wie schlimm waren seine Gedächtnisprobleme?"
"Er hatte klare Tage, aber es wurde schlimmer."
"Wie ist deine Mutter damit klargekommen?"
"Gar nicht."
"Wie meinst du das?"
"Mama war 22 Jahre mit einem kontrollsüchtigen Mann verheiratet. Papas Gedächtnisprobleme waren ihre Chance, frei zu sein. Endlich konnte sie raus, ohne dass ein kontrollierender Mann sie überwachte."
"Wo ist sie hin?"
"Männer treffen und Sex haben."
"Hat sie dir das erzählt?"
"Nein."
"Woher weißt du das dann?"
"Papa wusste es. Er hat sie beschatten lassen."
"Und er hat's dir erzählt?"
"Nein, das hätte er nie getan. Ich hab's in einem seiner Briefe gelesen."
"Welche Briefe?"
"Die er geschrieben und überall im Haus versteckt hat. Ich hab sie eingesammelt und in meinem Zimmer aufbewahrt, damit das Personal sie nicht findet."
"Oh nein. Hast du sie gelesen?"
"Verurteile mich nicht, Harland. Ich hab versucht, meine Familie zu schützen."
"Ich verurteile dich nicht. Ich hätte sie auch gelesen."
Sie drehte den Kopf und sah aus dem Fenster. Was ging in ihr vor? Meine Schwester war klug und reif, aber erst zwölf. Ein Kind sollte sich nicht mit sowas rumschlagen müssen.
Ich hasste meine Stiefmutter. Sie war furchtbar und es war mir egal, dass sie tot war. Was für eine Mutter lässt eine Zwölfjährige mit einem dementen alten Mann allein, um Männer aufzureißen?
Ellie zeigte keine Gefühle darüber, dass sie plötzlich Vollwaise war. War das normal? Vielleicht konnte sie Gefühle gut verstecken. Das machten wir in unserer Familie so. Gefühle verstecken und nicht drüber reden.
Echte Männer reden nicht über Gefühle. Sie heulen nicht. Hollingbrook-Männer sind hart im Nehmen und schlucken alles runter wie Soldaten. Weitermachen und fertig.
Hat mein Vater Ellie solche Sachen eingetrichtert?
"Erzähl mir was von dir", schlug ich vor.
Sie wandte sich vom Fenster ab und sah mich aufmerksam an. "Was willst du wissen?"
"Gehst du auf die Forrichsnob Academy?"
"Nein, ich wurde zu Hause unterrichtet. Ich hatte einen Lehrer. So hatte ich mehr Zeit für Geschäftstreffen."
"Geschäftstreffen?"
"Ich hab Papa geholfen."
"War er noch in die Geschäfte von Hollingbrook Enterprises eingebunden?"
"Ja."
"Wusste der Vorstand nichts von seinen Gedächtnisproblemen?"
"Nein."
"Was machst du zum Spaß, Ellie?"
"Ich lese gern."
"Was für Bücher?"
"Wirtschaftsmagazine, politische Artikel, Finanzbücher."
"Hast du Freunde?"
"Nein. Papa meinte, Zeit mit Mädchen in meinem Alter wäre Zeitverschwendung."
Ich rieb mir den Kopf und war innerlich stinksauer auf meinen Vater, dass er dem Kind solche Sachen eingetrichtert und ihr keine normale Kindheit ermöglicht hatte. Und auf ihre Mutter, dass sie es zugelassen hatte.
"Hast du Hunger?", fragte ich. "Willst du was essen?"
"Ja. Ich hab heute noch nichts gegessen und bin am Verhungern. Die Pflegemutter hat mir 'ne Schüssel Zuckermüsli mit Kuhmilch angeboten. Hab ich abgelehnt."
Ich nahm die Ausfahrt nach Houlton und fuhr zu einem McDonald's in der Nähe. "Was möchtest du essen?"
"Was empfiehlst du?"
Ich schüttelte den Kopf. "Was?"
"Ich war noch nie hier."
"Heilige Scheiße", murmelte ich.
"Bitte keine Schimpfwörter in meiner Gegenwart."
"Tschuldigung", sagte ich kleinlaut.
"Bestell mir einfach das Gleiche wie dir", schlug sie vor.
Ich bestellte von allem was auf der Karte stand.
Ellie schüttelte den Kopf, als der Typ am Drive-In mir mehrere Tüten mit Essen reichte. "Was für eine Geldverschwendung, Harland."
"Als ich zuletzt nachgesehen hab, hatte keiner von uns Geldprobleme."
"Reich sein ist kein Grund, Essen zu verschwenden."
"Du hast zu vielem 'ne Meinung." Genau wie Papa.
"Ich bin gut ausgebildet und intelligent. Das gibt mir das Recht, zu vielen Themen meine Meinung zu sagen."
"Probierst du was von dem Essen?"
Sie nahm einen Big Mac raus und biss vorsichtig rein. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel und grinste, als sie den ganzen Burger ratzfatz verputzte.
"War's gut?", fragte ich.
"Überraschend ja."
"Du hast einiges verpasst, kleine Schwester."
"Ich hab mein Leben lang gutes Fleisch und frisches Gemüse gegessen. Du tust so, als hätt ich in 'ner Hütte im Wald gelebt."
"Du hattest keine normale Kindheit, Ellie."
"Schon. Aber ich war nicht unglücklich. Papa und ich standen uns sehr nah."
"Und deine Mutter?"
"Nein. Wir hatten nichts gemeinsam."
"Das ist schade."
"Ich hab Mama geliebt. Sie war nicht perfekt - niemand ist das - aber ich hab sie so akzeptiert, wie sie war. Es war schwierig, mit ihr zu reden, aber ich hab versucht, ein paar Sachen zu finden, die wir beide mochten.
Auch wenn ich über einiges, was ich aus Papas Briefen über sie erfahren hab, sehr sauer bin, bringt es nichts, über Tote zu urteilen."
"Deine Einstellung ist toll, Ellie."
"Danke, Harland", sagte sie. "Du könntest versuchen, dasselbe mit Kinley zu machen."
"Kann ich mir nicht vorstellen. Kinley hasst mich."
"Warum?"
"Ich war als Kind ziemlich gemein zu ihr."
"Du könntest dich entschuldigen."
"Ich glaub, es bräuchte mehr als 'ne simple Entschuldigung, um das zwischen uns zu kitten."
"Kannst du mir einen Gefallen tun?"
"Klar, Ellie. Alles."
"Nenn mich bitte nicht Kleine."
"Tut mir leid, tut mir leid."
"Das war aber nicht der Gefallen."
"Was brauchst du, Ellie?"
"Sei nett zu Kinley."
"Das ist ein ziemlich großer Gefallen."
"Echt jetzt, Harland?"
"Kinley und ich kommen überhaupt nicht klar."
"Kinleys Rückkehr nach Hollingbrook wird schwierig. Sie braucht viel Unterstützung und Verständnis. Von uns beiden."
"Weißt du, warum sie abgehauen ist?", fragte ich und sah sie an, als ich in die Hollingbrook Road einbog. Ich war seit Jahren nicht mehr zu Hause gewesen. Kinley war nicht die Einzige, die das Familienhaus gemieden hatte.
"Ja."
"Warum?"
Statt zu antworten, zeigte sie auf den alten Honda, der vorm Tor parkte. "Ist das Kinleys Auto?"
"Ja, ist es."
"Ich hab ihr den Code fürs Tor gegeben, bevor wir vom Anwalt weg sind."
"Vielleicht funktioniert er nicht."
Ich hielt neben Kinleys Wagen. Sie saß vornübergebeugt, den Kopf auf dem Lenkrad.
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