
Zwischen zwei Toren
Autor:in
Ayomide Babade
Gelesen
19,8K
Kapitel
47
Die Last der Geschichte
Millbrook, 1980
Der Lärm der Menge breitete sich über die alten Tribünen aus. Es klang wie Donner, der über Millbrooks einziges Fußballfeld rollte. Staub wirbelte unter den Schuhen der Spieler auf und vermischte sich mit der heißen Septemberluft.
Auf der einen Seite des Feldes gaben die Millbrook Falcons alles und hielten an ihrer Zwei-Tore-Führung fest. Auf der anderen Seite warteten die Ridgeway Royals. Die Royals wirkten ruhig und siegessicher. Es fühlte sich seltsam an.
So lief es immer ab. Jedes Jahr. Dieselben Teams standen einander gegenüber in demselben wichtigen Spiel.
Egal, wie sehr sie sich anstrengten, egal, wie hart sie kämpften – die Royals fanden immer einen Weg, zu gewinnen.
„Weiter so!“, brüllte der Kapitän der Falcons. Seine Stimme klang besorgt und erschöpft. Schweiß lief ihm über das Gesicht. Seine Brust hob und senkte sich schnell, während er sein Team dazu antrieb, weiterzumachen.
Die Anzeigetafel zeigte: 2:0 und fürr einen kurzen Moment schien ein Sieg möglich.
Doch dann, als wäre das Spiel dazu bestimmt, so zu verlaufen, erzielten die Royals ein Tor. Eine gute Flanke von rechts und ein kraftvoller Kopfball ins Netz: Und es stand 2:1.
Die Menge tobte laut und aufgeregt, und die Führung der Falcons begann zu schwinden.
Ein paar Minuten später flog ein weiterer Schuss an den Händen ihres Torwarts vorbei: 2:2. Die Leute auf den Rängen stöhnten enttäuscht auf.
Alle Blicke richteten sich auf Daniel Hayes, den bekannten Stürmer der Falcons. Er war der Junge, von dem die Stadt glaubte, er würde Großes bewirken. Mit brennendem Ehrgeiz forderte er den Ball ein.
Das war sein Moment. Seine Chance.
Die Uhr zählte die letzte Spielminute herunter. Daniel lief an einem Verteidiger vorbei und dann an einem weiteren, während seine Schuhe durch den Staub schnitten.
Das Tor lag offen vor ihm, groß und wartend. Er holte zum Schuss aus und die Menge hielt den Atem an.
Der Ball flog durch die Luft. Es war der perfekte Schuss …
Und er prallte mit einem traurigen, hohlen Geräusch gegen den Pfosten.
Bevor die Falcons sich wieder sammeln konnten, griffen die Royals an. Ein schneller Konter, ein präziser Pass und ein Schuss, der im Netz landete. Es stand 3:2.
Und schon ertönte der Schlusspfiff.
Stille breitete sich auf der Seite der Falcons auf den Tribünen aus. Auf der anderen Seite schrien die Fans der Royals hingegen vor Freude.
Daniel Hayes fiel auf die Knie. Seine Brust hob und senkte sich. Das schwere Gefühl der Niederlage lastete wieder auf ihm. Wieder einmal hatten die Falcons hart gekämpft.
Wieder einmal hatten die Royals gewonnen.
Und wieder einmal fühlte es sich an, als wäre Magie im Spiel.
2025
Das Foto hatte seine leuchtenden Farben verloren, aber das Lächeln war noch zu erkennen. Ein neunzehnjähriger Junge lächelte in die Kamera. Ein Ball klemmte unter seinem Arm. Seine Teamkollegen standen mit müden Gesichtern und dreckigen Trikots um ihn herum.
Sie hatten verloren, natürlich – jeder in Millbrook wusste, wie diese Geschichte endete –, aber Daniel Hayes' Lächeln war dennoch hell und stark.
Jennifer Hayes betrachtete das Bild auf dem Regal, während sie mit den Fingern das Glas berührte. Das Lächeln ihres Vaters zeigte eine ungebrochene Freude, trotz der Niederlage.
Daneben stand ein weiterer Rahmen: Jennifer mit vier Jahren, auf seinem Schoß sitzend, in ihrem ersten Trikot. Er hielt mit seinen großen Händen ihre kleinen Schultern fest. Eine Reihe von Fotos zierte die Wand. Sie im Alter von fünf, neun, vierzehn und nun neunzehn Jahren. Jedes einzelne zeigte, dass sie seine Liebe zum Spiel geerbt hatte.
Jennifer sah genauso aus wie ihr Vater – ein starkes Kinn, klare Gesichtszüge und ein Blick, der sowohl Stärke als auch Träume wiederspiegelte.
Ihr Vater hätte der Beste sein sollen. Das sagten alle.
Aber die Royals … Sie hatten immer einen Weg gefunden, zu gewinnen. Ihr bester Spieler war zum angesehensten Mann der Stadt geworden und war jetzt Bürgermeister.
Auch Daniel Hayes hatte seine aktive Karriere beendet und die Fußballschuhe gegen eine Trillerpfeife eingetauscht.
Nachdem seine Frau an einem Lymphom gestorben war, hatte er Jennifer und ihre Schwester allein großgezogen. Er hatte all seine unerfüllten Träume in seine älteste Tochter gesteckt und diese hatte sie ernst genommen.
Jennifer liebet Fußball, seit sie laufen konnte. Es war leicht, es zu lieben, da sie mit einem Ball an den Füßen und der beständigen Ermutigung ihres Vaters im Rücken aufgewachsen war.
Ihr Team hatte nicht viel Geld und die Trikots waren alt und ausgeblichen. Die Netze waren viele Male geflickt worden. Aber in Millbrook, ein paar Stunden außerhalb von New York City, genoss Trainer Hayes nach wie vor Respekt.
Die Leute wussten, wie er tickte. Sie kannten seinen Kampfgeist.
Der Bürgermeister jedoch schien darauf aus zu sein, besser als er zu sein. Alles, was Daniel tat, ahmte der Bürgermeister nach – allerdings auffälliger, reicher, glänzender.
Er hatte zwar Geld. Aber sie hatten Durchhaltevermögen. Und trotzdem konnte das Team ihres Vaters nicht mithalten.
„Jennifer!“
Die Stimme ihrer Schwester drang die Treppe herunter, laut genug, um sie aus ihren Gedanken zu reißen.
Jennifer Hayes saß am Küchentisch und betrachtete die Bilder. Ein Teller mit Toast stand kalt und unangetastet vor ihr. Sie blickte mit ihren hellgrauen Augen auf das Essen, bevor sie es mit einem müden Seufzer wegschob.
Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und strich die Strähnen ihres braunen Haares zurück. Dann drehte sie es zu dem unordentlichen Dutt zusammen, den sie immer zum Training trug. Ihr Trikot war vom vielen Waschen verblasst und die Nähte lösten sich an den Rändern. Es hing etwas locker an ihrem Körper herunter, aber sie trug es, als würde es sie beschützen.
„Jane“, rief sie, „wegen dir komme ich zu spät zum Training!“
Endlich kam ihre jüngere Schwester die Treppe herunter. Jane bewegte sich auf diese alberne, tollpatschige Art, wie nur ein Kind es konnte. Sie trug Socken, die nicht zusammenpassten, ein rosa Haarband und hatte einen entschlossenen Blick im Gesicht.
Sie war erst drei gewesen, als ihre Mutter starb. Zu jung, um sich zu erinnern und zu jung, um die Fragen zu stellen, die Jennifer noch immer quälten.
„Ich gehe heute nicht auf dieses alte Feld“, sagte Jane mit verschränkten Armen. „Ich hab Dad gesagt, dass ich bei Linda bleibe.“
Ihre beste Freundin. Natürlich.
„Schön“, sagte Jennifer mit einem müden Seufzer und griff nach ihren Schlüsseln. „Aber deinetwegen bin ich spät dran.“
Jane grinste und stieg auf den Beifahrersitz. „Okay, Mom.“
„Nenn mich nicht so.“
„Dann hör auf, mir zu sagen, was ich tun soll.“
Jennifer verdrehte die Augen. Sie hatten gerade die Einfahrt verlassen, als Jane wieder das Wort ergriff.
„Warte mal … hast du überhaupt deine Fahrstunden beendet?“
„Halt die Klappe, Jane“, sagte Jennifer mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. „Wenn ich uns umbringe, hast du es wahrscheinlich verdient.“
Janes Mund klappte auf. „Was zum …?!“ Sie setzte ihre AirPods ein und plapperte leise vor sich hin.
Jennifer lachte und dieser Laut löste die angespannte Stimmung an diesem Morgen..
Millbrook breitete sich um sie herum aus. Eine Stadt, zusammengehalten von Geschichte und Nachbarn, die alles über jeden wussten. Jede Straßenecke barg Erinnerungen. Jedes Gesicht hatte eine Geschichte.
Verbrechen waren selten. Klatsch und Tratsch nicht.
Sie setzte Jane bei Linda ab und beobachtete, wie ihre kleine Schwester davonlief, als würde ihr die Welt gehören. Dann lenkte Jennifer das Auto zu dem Ort, der ihr am wichtigsten war.
Das Feld.
Es sah aus wie immer – Gras, das zur Hälfte abgenutzt war, Stellen mit Erde und Linien, die in der Sonne verblasst waren. Jeder Grashalm schien Geschichten zu flüstern.
Ihr Vater hatte hart auf diesem Feld gekämpft und der Bürgermeister war dadurch erfolgreich geworden.
Inzwischen war es in der Mitte geteilt worden: eine Hälfte war für Coach Hayes und sein Team: die Underdogs. Die andere für das Team des Bürgermeisters: die Royals.
Jennifer parkte auf ihrer Seite. Sofort sah sie ihre Teamkolleginnen, die bereits ihre Runden um das Feld drehten. Ihre Schuhe trafen rhythmisch auf den Boden.Ihre Stimmen riefen aufmunternde Worte, ihre Lungen brannten und Schweiß glänzte auf ihrer Haut.
„Jennifer!“, hallte die Stimme ihres Vaters über das Feld. Er saß auf der Bank mit seinem Klemmbrett in der Hand und einem scharfen Blick. „Du bist zu spät. Schuhe an. Sofort.“
„Tut mir leid, Dad!“ Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und zog ihre Stollenschuhe an. „Jane ist schuld daran. Du weißt ja, wie sie ist.“
Er atmete durch die Nase aus. Seine Geduld war am Ende. „Wo ist sie?“
„Bei Linda.“
Mr. Hayes wirkte erschöpft. „Ich hab nicht erlaubt, dass sie gehen darf – sie hat dir das nur erzählt.“
Sie hob ihre Augenbraue. „Sie ist deine Tochter.“
„Ja, und sie ist auch deine Schwester“, sagte er leise.
„Okay!“, sagte Jennifer und sprang auf die Füße. „Bis später, Coach.“
Sie rannte zu ihren Teamkolleginnen und das vertraute Gefühl der Aufregung baute sich bereits in ihrem Körper auf. Die Sonne drückte heiß auf ihre Schultern, während der Geruch von Gras und Staub ihre Lungen füllte.
Jeder Schritt erinnerte sie daran, warum sie das Spiel liebte, warum sie diesen Sieg brauchte.
Sie konnte nicht zulassen, dass sich die Geschichte wiederholte.
Und als sie über das Feld zur anderen Seite blickte, wo das Flüstern der Royals durch die Luft schwebte, spürte sie es. Es war wie das Gefühl vor einem Sturm.










































