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Schatten und Schimmer

Autor:in
Corinthe Davies
Gelesen
17,8K
Kapitel
40
Autor:in
Corinthe Davies
Gelesen
17,8K
Kapitel
40
💕Romantik👑Königshaus & Aristokraten🎭Drama🧙‍♂️Übernatürlich & Fantasy🐉Fantasy

Prinz Ian und Prinzessin Sophilia, in verfeindete Königreiche hineingeboren, waren dazu bestimmt, ihre Reiche durch eine Heirat zu vereinen. Doch als eine Tragödie ihre Verlobung zerstört, versinken ihre Königreiche in Verbitterung und Schweigen. Jahre später führt das Schicksal sie unweigerlich wieder zusammen. Ian ist kälter, härter und weitaus gefährlicher geworden als der Prinz, den sie einst kannte. Doch unter dem Groll und den schmerzhaften Erinnerungen lodert das Band zwischen ihnen noch immer. Gefangen zwischen politischen Unruhen, uralter Magie und den Geistern ihrer Vergangenheit, müssen sich Ian und Sophilia der Wahrheit über das stellen, was sie einst entzweit hat, bevor sich die Geschichte wiederholt.

Kapitel 1

SOPHILIA

Dunkle Felder und schattige Bäume zogen an meinem Kutschenfenster vorbei. Sie bildeten eine unheimliche, aber passende Kulisse für meine aktuelle Situation. Vier Jahre der Angst gipfelten in einer einzigen Nacht. Meiner Verlobungsfeier.
Ich war nun achtzehn Jahre alt und würde bald vermählt werden. Jede Prinzessin war zur Heirat verpflichtet, und theoretisch hatte ich auch nichts dagegen. Mein Zukünftiger hatte sich jedoch bereits einen Platz in meinem Herzen und in meinem Kopf erobert. Leider nicht auf eine Art, die mir gefiel.
Der zukünftige König von Baysleth war der grausamste und gefühlloseste Mann, dem ich je begegnet war. Meine behandschuhten Hände verkrampften sich ineinander. Mir graute es schon bei dem bloßen Gedanken, ihn wiederzusehen. Die Kutsche wurde langsamer. Dann bog sie in einen Weg ein, der einen großartigen Blick auf das Schloss des dunklen Reiches freigab.
Meine ältere Schwester Callie drängte sich an mich. Sie wollte einen besseren Blick durch die Glasscheibe erhaschen. Eine gewaltige Steinfestung ragte vor uns auf. Vier hoch aufragende Türme erhoben sich an jeder Ecke. Es sah aus, als würden sie den Himmel aufspießen.
Der geschwärzte Stein schimmerte im schwindenden Abendlicht. Ich hatte noch nie etwas gesehen, das an diese Größe heranreichte. Nicht einmal unser eigenes Schloss zu Hause in Algernon.
„Götter, Filly“, murmelte meine Schwester. „Du wirst Königin über all das hier sein.“
Ich wusste nicht, ob sie versuchte, mich aufzumuntern, oder ob sie mich damit nur noch nervöser machen wollte. „Du bleibst den ganzen Abend bei mir, oder?“ Ich klammerte mich an ihren Ellbogen, als die Kutsche vollständig zum Stehen kam.
Sie warf mir einen trockenen Blick zu. „Dein Plan ist also, deinen Verlobten zu ignorieren?“, flüsterte Callie, während ein königlicher Kutscher die Tür öffnete. Mutter und Vater stiegen als Erste aus. „Und das an dem Tag deiner Verlobung?“
„Ich will ihn nicht unbedingt ignorieren ... eher das Unvermeidliche hinauszögern?“ Ich schenkte ihr ein gequältes, aber hoffnungsvolles Lächeln und zeigte dabei all meine Zähne.
Das Hochzeitsdatum mit Prinz Ian würde kurz nach dem heutigen Abend festgelegt werden. Ich trug das gleiche salbeigrüne Kleid, das meine Mutter und Callie auf ihren eigenen Verlobungsfeiern getragen hatten. Allerdings erforderte meines sorgfältige Änderungen und zusätzlichen Stoff, damit es passte. Der Brustbereich war nicht richtig geschnitten. Ich hatte jedoch den bösen Verdacht, dass dies absichtlich geschehen war.
Meine großen Brüste wogten am Ausschnitt des Korsettkleides und berührten fast mein Kinn. Ich musste gegen den steifen Stoff um jeden Atemzug kämpfen. Meine Taille wirkte dagegen unfassbar schmal. Ich vermutete stark, dass auch das pure Absicht war.
Mein Haar war zu weichen Locken aufgedreht. Ein Diadem hing in Form eines einfachen Goldbandes über meiner Stirn. Ich betrachtete mich im Spiegel, bevor wir losfuhren. Ich war mir nicht sicher, ob mir das Endergebnis gefiel. Das letzte Mal, als ich mich so hübsch gefühlt hatte, war Prinz Ian so furchtbar enttäuscht gewesen. Ich hätte genauso gut ein Brückentroll sein können.
Meine Zofe und ich hatten damals ebenfalls Stunden damit verbracht, mich wunderschön herzurichten. Und all die verschwendete Schafgarbe, die wir zu einer Krone geflochten hatten ... Selbst vier Jahre später ließ mich die Erinnerung daran innerlich noch zusammenzucken.
Der einzige Unterschied zwischen damals und heute? Meine Kurven waren deutlich fülliger geworden. Und ob hässlicher Brückentroll oder nicht: Ich weigerte mich, mir von Ian den Abend verderben zu lassen.
Es war genauso sehr meine Feier wie seine. Ich hatte vor zu tanzen, zu trinken und mich zu amüsieren. Lebhafte, fröhliche Musik hallte aus der Ferne wider. Große Fackeln beleuchteten unseren Weg. Es war kühl an diesem Abend. In den dunklen Reichen, wo die Sonne die Erde nie ganz erwärmte, war es sogar noch kälter.
Selbst bei Tageslicht lag das Reich unter einem ständigen Dunst, und die Sonne blieb hinter einem dunklen Schleier verborgen. Nachdem mein jüngerer Bruder ausgestiegen war, verließen Callie und ich als Letzte die Kutsche.
Inmitten der Reihe von Schlossbediensteten stand Prinz Ian und wartete darauf, uns zu empfangen. Ich blieb abrupt stehen. Mir stockte der Atem, als ich ihn musterte. Ich hatte mich seit unserem letzten Treffen vor vier Jahren körperlich weiterentwickelt – aber das galt auch für ihn.
Ian war groß und breitschultrig. Sein glattes, weißblondes Haar war gewachsen und zurückgekämmt. Im Nacken lockte es sich leicht. Seine klugen grauen Augen wirkten schärfer denn je. Er beobachtete meine Familie und mich, wie wir über einen roten Teppich schritten, um ihn zu begrüßen.
Dann fiel dieser prüfende, intelligente Blick auf mich. Ich machte mich auf dieselbe Enttäuschung gefasst, die ich bei unserer ersten Begegnung gespürt hatte. Er musterte mich langsam von oben bis unten. Sein Blick glitt mein Kleid hinauf und verweilte den Bruchteil einer Sekunde länger auf meinen Brüsten, bevor er sich auf mein Gesicht richtete.
Na also! Selbst wenn er dachte, ich sei ein Brückentroll, dann war ich zumindest einer mit einer beachtlichen Oberweite.
„Eure Majestäten.“ Ian verbeugte sich vor meinen Eltern.
Innerlich wollte ich mit den Augen rollen. Mein Vater streckte dem Prinzen die Hand entgegen, und sie schüttelten sie fest.
„Es ist schon eine Weile her“, sagte mein Vater mit einem zurückhaltenden Lächeln. „Du bist gewachsen, Ian. Du überragst jetzt sogar deinen Vater.“
Ian nickte humorlos und wandte sich dann meinen Geschwistern und mir zu. Wie aufs Stichwort machten meine Schwester und ich einen Knicks. Mein jüngerer Bruder Sven startete einen kläglichen Versuch einer Verbeugung. Er war kaum dreizehn, und der Etikette-Unterricht lief nicht besonders gut.
Sven starrte Ian an, als er sich wieder aufrichtete und die Arme verschränkte. „Wusstest du, dass meine Schwester schnarcht? Vielleicht stimmt etwas mit ihrer Nase nicht. Ich wusste gar nicht, dass ein Mensch solche Geräusche machen ka–“
Meine Schwester stieß ihm für mich heftig den Ellbogen in die Seite, und er grunzte auf.
„Bitte verzeiht meinem Sohn.“ Der König des Lichtreiches deutete auf meinen Bruder, während meine Wangen vor Verlegenheit brannten. „Er lernt noch ... wie man sich richtig verhält.“
Ians Lippen zuckten, als sein Blick wieder auf mich fiel. „Dieses Alter ist mir durchaus vertraut.“
Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte. Es sei denn, ihm war bewusst, wie grausam er vor vier Jahren zu mir gewesen war. Meine Erwartungen hielten sich jedenfalls stark in Grenzen. Der Prinz trat einen Schritt zurück. Wie ein perfekter Gentleman deutete er nach drinnen.
„Bitte tretet ein, Eure Majestäten. Meine Eltern warten im Speisesaal auf Euch.“
Meine Mutter hakte sich beim angebotenen Arm meines Vaters ein, als sie die lange Treppe hinaufstiegen. Meine Geschwister lieferten sich mit ihren Ellbogen einen stillen Kampf, bevor sie folgten.
„Callie!“, zischte ich. Ich erntete jedoch nichts als ein amüsiertes Schulterzucken und ein schlaues Lächeln, das sie mir über die Schulter zuwarf. So viel dazu, dass sie an meiner Seite bleiben wollte!
Ian wartete auf mich. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas seltsam Sanftes an sich, als ich näher kam. Er bot mir seinen Ellbogen an, genau wie mein Vater es bei Mutter getan hatte. Früher oder später musste ich mich ohnehin mit ihm befassen. Ich hatte nur gehofft, vorher ein paar Gläser Wein intus zu haben.
Aber es wurde von uns erwartet, dass wir funktionierten. Nicht nur für unsere Familien, sondern heute Abend für das Licht- und das Dunkelreich gleichermaßen. Und wenn Ian schauspielern konnte, dann konnte ich das auch. Ich legte meine behandschuhte Hand mit einem schmalen, schwachen Lächeln um seinen Arm und stieg mit ihm die Treppe hinauf.
„Hallo, Eure Hoheit.“
„Nenn mich Ian“, bestand er darauf. Der Klang seiner Stimme war seit unserem letzten Treffen um eine Oktave tiefer geworden.
„Dann ist Filly für mich in Ordnung. Zu Hause nennen mich alle so. Sophilia klingt wie eine Schlafkrankheit.“
Das sorgte nicht für das Lachen, auf das ich gehofft hatte. Ians Gesicht blieb jedoch weich und nachdenklich, als wir das weitläufige Foyer des Schlosses betraten. „Du siehst wunderschön aus heute Abend.“
Mein Kopf ruckte so schnell herum, dass mir das Diadem fast von der Stirn flog. Ich starrte Ian mit großen Augen an. Ich musterte ihn mit der vollen Strenge eines Richters vor Gericht. Er machte keine Witze und verspottete mich auch nicht.
Nach seinem ernsten Auftreten zu urteilen, vermutete ich sogar, dass Ian kein einziges Körnchen Humor in seinem Körper besaß.
„Danke. Ich würde dir ja gerne weismachen, dass ich schon so aufgewacht bin, aber in Wahrheit steckt eine Menge Arbeit dahinter.“
Nicht einmal ein Schmunzeln oder ein amüsiertes Zucken der Mundwinkel. Götter, er war wirklich eine harte Nuss!
Ian sah mich an und ließ seinen Blick dann wieder auf meine Brüste gleiten. „Das kann ich mir vorstellen.“
Nun ... wenigstens ein kleiner Sieg. Meine Aufmerksamkeit wanderte zu unserer Umgebung. Glitzernde Kronleuchter hingen von der weißen, palastartigen Decke herab, die sich mehrere Stockwerke über uns erhob.
Bedienstete eilten in beide Richtungen vorbei. Die Luft summte vor Lachen und den Gesprächen der elegant gekleideten Aristokraten. Aus der Ferne erklang Streichmusik. Es war wunderschön, ein wahrhaft großartiges Spektakel.
Sven drehte sich auf dem Absatz um, als er zwei Diener beobachtete, die eine Fleischplatte in Richtung Speisesaal trugen. „Ihr habt euch all diese Mühe gemacht?“, fragte Sven und rümpfte die Nase in Ians Richtung. „Nur für Filly?“
„Sven! Götter, halt den Mund.“ Callie packte ihn am Arm und folgte meinen Eltern.
„Bitte verzeih das Verhalten meines Bruders.“ Ich kämpfte gegen den Drang an, mir an die Stirn zu schlagen, als wir zusahen, wie Sven weggezerrt wurde.
Ian schüttelte einmal den Kopf, um meine Bedenken beiseitezuwischen. Seine Lippen waren schmal. „Ich war ... in dem Alter auch nicht gerade angenehm. Falls du dich erinnerst.“
„Ich erinnere mich sehr wohl, ja“, antwortete ich mit einem Stirnrunzeln. „Du hast mich zum Weinen gebracht.“
Im Foyer war es plötzlich ruhig geworden, und mir wurde klar, dass wir allein waren. Genau die verdammte Situation, die ich hatte vermeiden wollen. Mein Mut verließ mich, und ich bereute meinen trotzigen Tonfall, als Ian sich in meine Richtung drehte.
Der Prinz kam einen Schritt näher. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und wich einen Schritt zurück. Erschreckenderweise glich er meine Bewegung sofort mit einer eigenen aus.
Ein weiterer Schritt im Namen der Selbsterhaltung erwies sich als zwecklos. Mein Rücken stieß gegen eine massive, runde Säule. Ich saß in der Falle. Ich war gefangen zwischen seinen muskulösen Unterarmen, die er links und rechts von mir auf den Marmor stützte. Sein hübsches Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt.
Mein Herz hämmerte in meinen Ohren. Mir wurde klar, dass ich einem erwachsenen Mann, der nicht mein Leibwächter oder mein Vater war, noch nie so nah gewesen war. Und noch schlimmer: Das letzte Mal, als ich ihm so nahe gestanden hatte, hatte er mich herabgewürdigt und mit einem süffisanten Grinsen zugesehen, wie ich weinte. Nun stand er wieder vor mir. Älter, breiter und mit derselben unerträglichen, ruhigen Gewissheit. Als ob ich bereits ihm gehörte.
„Lass uns reden“, flüsterte er. „Darüber, was du für mich bist.“

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