
Das Herz der Glasbläserin: Royal Romance
Autor:in
P.J.Williams
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Kapitel
49
Das verlassene Kind
Der Wind heulte durch die kleinen, gepflasterten Straßen, als das kleine Mädchen auf der Türschwelle eines alten Holzhäuschens abgelegt wurde. In eine zerschlissene Decke gewickelt, wimmerte sie leise vor sich hin, ohne zu ahnen, dass man sie in einem fremden Land zurückgelassen hatte. Die Gestalt, die sie dort abgelegt hatte, verschwand in den Schatten. Die Schritte verklangen in der Nacht.
Im Inneren des Häuschens horchte eine alte, blinde Frau namens Agnes auf. Ihre Finger hielten mitten im Nähen inne, als ihre Ohren das leise Weinen auffingen. „Was ist das denn?“, murmelte sie vor sich hin und erhob sich langsam von ihrem Stuhl am Kamin.
Die Frau war zwar gebrechlich, doch ihre Bewegungen hatten eine Entschlossenheit, die auf verborgene Kraft in ihren alten Knochen hindeutete. Von der Erinnerung geleitet, ging Agnes zur Tür, wobei ihre Hände nach den vertrauten Knäufen und Riegeln tasteten. Als sie die Tür öffnete, strömte kalte Luft herein und brachte das leise Weinen des Kindes mit sich.
Ihre Finger streckten sich aus, zitterten leicht, bis sie das kleine, warme Bündel auf ihrer Türschwelle berührten. „Ein Kind?“, flüsterte Agnes, ihre Stimme eine Mischung aus Überraschung und Unsicherheit. Sie kniete sich hin und zog die Decke vorsichtig vom Gesicht des Babys weg. Dabei spürte sie die glatten, runden Wangen unter ihren Fingerspitzen.
„Du armes Ding, hier draußen in der Kälte …“ Ohne zu zögern nahm Agnes den Säugling in die Arme und trug ihn hinein. Sie schloss die Tür mit dem Ellbogen und setzte sich mit dem Kind ans Feuer.
Die Wärme des Kamins umhüllte sie beide, und für einen Moment saß die alte Frau einfach nur da und wiegte das Baby, als versuchte sie zu begreifen, was das Schicksal ihr vor die Tür gelegt hatte. „So, so, Kleine“, gurrte sie sanft und streichelte die Wange des Babys. „Du hast hier keine Familie, oder? Na ja, dann müssen wir eben das Beste daraus machen.“
Agnes hätte sich nie vorstellen können, ein Kind großzuziehen. Nicht in ihrem Alter und schon gar nicht mit ihrer Blindheit. Doch als aus Tagen Wochen und aus Wochen Monate wurden, vertiefte sich die Verbindung zwischen ihr und dem Mädchen. Das Kind, das Agnes Emilia nannte – ein Name, der ihr im Traum erschienen war – wuchs schnell heran.
Ihre hellen, neugierigen haselnussbraunen Augen standen in scharfem Gegensatz zu Agnes' blicklosen Augen, und das Lachen des Mädchens erfüllte das stille, einsame Häuschen bald mit neuem Leben. Als Emilia fünf war, half sie Agnes bereits im Alltag.
Die alte Frau brachte ihr bei, wie man Wasser aus dem nahen Bach holte, wie man die Böden fegte und wie man den kleinen Garten vor dem Haus pflegte.
Obwohl Agnes die Blumen nicht mehr blühen sehen konnte, vertraute sie auf Emilias Beschreibungen der Farben. In diesen Augenblicken war es, als könnte sie die Blumen selbst sehen.
„Erzähl mir noch einmal, welche Farbe haben die Rosen dieses Jahr?“, fragte Agnes an einem Sommernachmittag, als sie draußen auf der Treppe des Häuschens saßen. Die Sonne war warm auf ihren Gesichtern, und der Duft frischer Erde lag in der Luft.
Emilia, das Gesicht vor Stolz strahlend, beschrieb die Rosen mit großer Genauigkeit. „Die roten sind am leuchtendsten, wie die Farbe der Sonne, wenn sie untergeht. Und die gelben … die sind wie das Licht am Morgen, wenn es zum ersten Mal die Bäume berührt.“
Agnes lächelte, den Kopf leicht geneigt, als würde sie sich die Szene vor ihrem inneren Auge ausmalen. „Ah, ich erinnere mich. Deine Beschreibungen sind so lebendig, Emilia. Du bist jetzt meine Augen, weißt du.“
Das Lächeln des Mädchens wurde breiter, und sie schmiegte sich enger an Agnes, den Kopf an die Schulter der alten Frau gelehnt. So saßen sie lange da, der Rhythmus ihrer Atemzüge im Einklang mit dem stetigen Summen der Welt um sie herum.
***
Emilias Neugier schien grenzenlos. Je älter sie wurde, desto mehr interessierte sie sich für die Geschichten, die Agnes ihr erzählte. Doch eine Geschichte im Besonderen fesselte ihre Vorstellungskraft und ließ sie nicht mehr los.
Es war an einem regnerischen Abend. Die beiden saßen am Feuer, während der Sturm gegen die Fenster peitschte. Agnes, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet, hatte von ihren jüngeren Tagen erzählt, als ihr verstorbener Mann Robert noch lebte. „Er war Glasbläser, mein Robert“, sagte Agnes leise, die Stimme schwer von der Erinnerung.
„Er arbeitete mit der Flamme, als wäre sie ein lebendiges Wesen, das er lenken konnte, wie er wollte. Er nahm rohes, geschmolzenes Glas und verwandelte es in die schönsten Kunstwerke.“ Emilia beugte sich vor, ihre dunkelbraunen Locken fielen über ihr herzförmiges Gesicht, während sie aufmerksam zuhörte.
„Was für Kunstwerke, Großmama?“
„Oh, alle möglichen“, antwortete Agnes, und ihre Finger bewegten sich, als könnten sie das Glas noch immer formen. „Vasen, Becher, sogar Skulpturen, die im Sonnenlicht schimmerten, als wären sie aus Diamanten. Aber am meisten war er auf seine Spiegel stolz. Er konnte das Licht auf eine Art einfangen, die kein anderer Handwerker beherrschte.“
Emilias Augen wurden groß, ihr Kopf voller Bilder von glühenden Öfen und geschmolzenem Glas, das zu wundersamen Formen geformt wurde. „Kann das jeder lernen?“
Agnes lachte leise. „Man braucht Geduld und eine ruhige Hand. Aber ja, wenn man bereit ist zu lernen, kann es wohl jeder.“
Von diesem Moment an veränderte sich etwas in Emilia. Das Glasblasen war mehr als nur eine Geschichte – es wurde zu einem Traum. Sie begann, immer mehr Fragen zu stellen, und wollte alles über das Handwerk erfahren. Obwohl Agnes die Schönheit des Glases nicht mehr sehen konnte, beschrieb sie es so anschaulich, dass Emilia das Gefühl hatte, es selbst vor sich zu sehen.
„Erzähl mir von den Öfen“, bat Emilia eines Abends. „Wie heiß müssen sie sein?“
„Oh, heiß genug, um Sand zu Flüssigkeit zu schmelzen. So heiß, dass man nicht zu nahe kommen darf“, antwortete Agnes. „Aber wenn das Glas weich ist, dann geschieht das Wunder. Man bläst in ein Rohr, und das Glas nimmt Form an. Es ist, als würde man etwas zum Leben erwecken, das vorher nicht da war.“
Emilias Herz schlug schneller vor Aufregung. Sie konnte die Hitze des Ofens fast spüren, das geschmolzene Glas sehen, das orange und rot glühte. „Kann ich es auch lernen?“
Agnes hielt inne und presste nachdenklich die Lippen zusammen. „Du hast das Feuer in dir, Kind“, sagte sie schließlich, und ein kleines Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln. „Aber du brauchst einen richtigen Lehrer. Ich kann es nicht mehr … nicht ohne mein Augenlicht.“
„Ich werde jemanden finden!“, verkündete Emilia, ihre Stimme voller Entschlossenheit.
Als Agnes die stille Entschlossenheit in Emilias Stimme hörte, bat sie das Mädchen, den alten Korb unter dem Bett hervorzuziehen.
„In der Nacht, als du vor meiner Tür lagst“, sagte Agnes leise, „wusste ich nicht, was ich von dir denken sollte oder von dem, was man bei dir zurückgelassen hatte. Aber eines wusste ich.“ Sie machte eine Pause, und ihre Stimme wurde fester. „Ich wusste, dass ich mich um dich kümmern würde.“
Emilia kniete sich hin und zog den Korb ins Licht. Er knarzte leise, als sie ihn anhob, und gab einen schwachen Duft von Lavendel frei, vermischt mit etwas Älterem, das die Zeit bewahrt hatte. Darin lagen einige sorgfältig eingewickelte Gegenstände, jeder mit Bedacht hineingelegt.
Ihre Finger schlossen sich zuerst um eine kleine Rassel. Sie war schwerer als erwartet, kühl auf ihrer Haut. Silber … echtes Silber, da war sie sich sicher. Die Oberfläche war mit feinen, geschwungenen Zeichen verziert, die das Licht einfingen, wenn sie die Rassel drehte.
Es waren keine Kratzer oder Verzierungen, die für ein Kind gedacht waren, sondern bewusst gesetzte Symbole, präzise und fremd. Emilia fuhr sie langsam nach, und ein seltsames Gefühl regte sich in ihrer Brust, als würde das Metall selbst ihre Berührung erkennen. Sie schüttelte die Rassel sanft. Der Klang war leise, klar, fast musikalisch – viel zu fein für etwas, das für ein Bauernkind bestimmt gewesen wäre.
Darunter lag eine zusammengefaltete Decke.
Emilia hob sie vorsichtig heraus. Der Stoff war unglaublich weich, wärmer als Wolle und glatter als Seide, in einem zarten, blassen Rosa gefärbt, das mit der Zeit nicht verblasst war. Feine Muster waren so zart eingewoben, dass sie fast verschwanden, es sei denn, das Licht traf sie genau richtig.
Sie strich mit den Fingern darüber und wusste, dass dies kein gewöhnlicher Stoff war. Er war kostbar, ja, aber mehr als das – es fühlte sich an, als wäre er für einen Zweck gefertigt worden, den sie noch nicht benennen konnte.
An einer Ecke befand sich ein kleines eingesticktes Zeichen. Kein Name, sondern ein Symbol – eines, das sie nicht kannte. Emilia betrachtete es stirnrunzelnd. Es bedeutete etwas, da war sie sich sicher, aber welche Bedeutung es trug, blieb ihr verborgen.
Sie blickte zu Agnes auf, Fragen brannten in ihren Augen.
Was auch immer diese Gegenstände waren, woher sie auch kamen – sie waren Teil einer Geschichte, die nie wirklich zu Ende erzählt worden war.
„Ich bin sicher, jemand sucht nach dir, Kind.“ Agnes machte eine Pause. „Eines Tages wird man dich finden.“















































