
Verrückt nach ihr
Autor:in
Catherine Blaze
Gelesen
308K
Kapitel
54
Kapitel 1
TANNER
Fuck. Das wird die schlimmste Nacht aller Zeiten.
Lichter blitzen über die aufgeregte Menge, während die Punkband ihre unverständlichen Lyrics in einer harten, kantigen Melodie herausschreit.. Konzertbesucher springen, singen und tanzen mit strahlenden Gesichtern, während der Geruch von abgestandenem Alkohol, Reinigungsmitteln und Zigarettenrauch in der Luft hängt. Dieser vertraute Bargeruch.
Aus irgendeinem Grund hat Dan völlig unter den Tisch fallen lassen, dass wir in einen heruntergekommenen Schuppen gehen würden, um uns eine Punkband anzusehen.
Wer kommt schon in schicken Sneakers, Khakis und einem Hemd zu einem Punkrock-Konzert? Ich. Ich bin dieser Typ.
Ich steche heraus wie ein bunter Hund und sehe aus wie ein verdammter Idiot, umgeben von zerrissenen Jeans, Bandshirts und einer wilden Mischung aus bunten Haaren, Piercings und Tattoos. Eigentlich wollten wir in irgendeinen Nachtclub oder eine Lounge – genau für diese Stimmung und deren bescheuerte Kleiderordnung bin ich angezogen.
Stattdessen hat er mir nicht gesagt, dass ich mich vorher hätte umziehen sollen, und mich einfach hierhergeschleppt.
Dan ist der Typ Mensch, der sich nicht um Details oder gesellschaftliche Etikette schert. Er geht in Jogginghose und T-Shirt in ein gehobenes Restaurant – und kommt irgendwie immer damit durch. Während ich dafür zur Rechenschaft gezogen werde.
Also hat es mich nicht weiter gewundert, als ich gesehen habe, was er trägt.
Versteh mich nicht falsch. Das hier ist total meine Szene – ich liebe Punkmusik.
Aber eigentlich sollte das ein Abend werden, um mein gebrochenes Herz zu kurieren, indem ich mich auf einer dunklen Tanzfläche an irgendeine Frau ranschmeiße, was im besten Fall darin endet, dass ich sie flachlege.
Aber so, wie ich hier aussehe? Vergiss es. Diese Frauen stehen nicht auf den geschniegelt-sauberen Typ.
Liza hat vor ein paar Wochen mit mir Schluss gemacht, und nicht nur passe ich hier nicht rein – mein Kumpel hat mich auch noch allein gelassen, während er irgendwo in der Menge mit irgendeinem Mädchen rummacht. Dabei sollte ich derjenige sein, der rummacht.
Ich seufze, schaue auf mein fast leeres Bier und kippe den Rest hinunter. Ich muss mehr trinken, um das hier durchzustehen.
Ich schiebe mich durch die Menge Richtung Bar. Als ich sie endlich erreiche, zwänge ich mich zwischen zwei Frauen und lege meine Unterarme auf die klebrige Oberfläche – nur um sie sofort wieder angewidert hochzuziehen.
Na großartig.
Der Barkeeper wirft mir einen abschätzigen Blick zu.
„Ich nehme ein Heineken, bitte!“, rufe ich ihm zu, damit er mich über die Musik hinweg hört – doch er dreht sich einfach weg und ignoriert mich.
Das Mädchen rechts von mir stößt ein spöttisches Schnauben aus, was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, gerade als sie den Kopf schüttelt.
Sie steht mit dem Rücken an die Bar gelehnt und blickt zur Bühne, ein Glas bernsteinfarbener Flüssigkeit in der Hand, Ringe an den Fingern. Ihre Ausstrahlung ist hart, der Kiefer angespannt, eine deutliche Mauer um sie herum, die man schon aus der Ferne erkennt.
Ihr langes, blondes Haar ist zu einem zerzausten Pferdeschwanz gebunden, mit ein paar kleinen eingeflochtenen Zöpfen und einzelnen Strähnen in Rot und Schwarz. Ihr Disturbed-Tanktop gibt den Blick auf graue und schwarze Tattoos an ihrem rechten Oberarm frei. Dazu trägt sie schwarze, zerrissene Skinny Jeans, Chucks und einen kleinen goldenen Nasenring.
Sie verkörpert den Rocker-Girl-Look perfekt, und ich bin sofort interessiert, obwohl ich sie nur im Profil sehe.
„Was ist so lustig?“, rufe ich über die Musik hinweg.
Das flackernde Licht streift ihr Gesicht und hebt das teuflische Grinsen hervor, das an ihrem Mundwinkel spielt. Sie beugt sich zu mir, ohne den Blick ganz von der Bühne zu lösen.
„Ihr geschniegelt-sauberen Jungs und eure Premiumbiere. Hast du zu Hause auch ein Brauset? Braust du dir dein eigenes IPA?“ Sie hält inne, mustert mich kurz von oben bis unten, ohne mir wirklich ins Gesicht zu sehen. Ihre abschätzige Meinung ist unverkennbar.
Sie dreht sich zur Bar, kippt ihr Getränk in einem Zug und stellt das Glas ab. Als sie mich erneut ansieht und sich unsere Blicke treffen, rauben mir ihre eisblauen Augen den Atem – betont durch ihr dunkles Smokey-Eye-Make-up.
Selbst ihr herzförmiges Gesicht wird von ihren vollen, rosigen Lippen perfekt ergänzt. Dieses Mädchen ist verdammt umwerfend.
Meine Kehle wird trocken, mein Puls beschleunigt sich. Ich mustere sie unwillkürlich, kann nicht anders, als dieses Kunstwerk in Menschengestalt in mich aufzunehmen.
Man sieht, dass sie trainiert – ihre Kleidung schmiegt sich perfekt an ihre Kurven. Und als jemand, der selbst trainiert, erkenne ich sofort: Sie hat alles an den richtigen Stellen.
Sie wendet sich wieder der Bar zu und hebt zwei Finger zum Barkeeper.
„Zwei Whiskey-Shots! Und eine Flasche Heineken für den geschniegelt-sauberen Typen!“, ruft sie und deutet mit dem Daumen grinsend auf mich.
„Kommt sofort!“, antwortet der Barkeeper – derselbe Typ, der mich eben noch ignoriert hat.
Ich bin der verdammte Außenseiter dieser Bar.
„Was? Bin ich unsichtbar?“, frage ich. Meine Augenbrauen ziehen sich frustriert zusammen.
Sie wirft mir erneut einen Blick zu.
„In einer Bar wie dieser, angezogen wie du? Ja. Du bist unsichtbar. Das hier ist so gar nicht dein Stil. Solltest du nicht in irgendeiner Lounge sein, wo sich die ganzen Buchhalter rumtreiben?“, spottet sie, hebt eine Augenbraue und wendet ihre Aufmerksamkeit wieder der Bühne zu.
Nein, ich sollte irgendwo anders sein – in einem dunklen Nachtclub zum Beispiel, wo ich mich an irgendeine Frau ranschmeiße, die genauso scharf auf einen One-Night-Stand ist wie ich. Aber stattdessen stehe ich hier und versuche, wenigstens ein bisschen Würde zu bewahren.
Ich lasse mir doch nicht von dieser umwerfenden Frau wegen einer schlechten Outfit-Wahl einen Korb geben. Also beuge ich mich näher zu ihr, weil ich plötzlich das Bedürfnis habe, mich zu erklären.
„Auch wenn du’s vielleicht nicht glaubst: Ich mag Bands und Läden wie diesen hier. Ich war nur nicht darauf vorbereitet, das ist alles. Mein Kumpel hat gesagt, wir gehen in einen Nachtclub, und dann hat er mich stattdessen hierhergeschleppt. Und jetzt hat er mich für irgendein Mädel sitzen lassen, mit dem er rummacht. Und ich steh hier und werde von einer wunderschönen Frau gemustert, die denkt, ich wäre jemand, der ich nicht bin. Ich bin nicht dieser lahme Preppy-Typ, für den du mich hältst. Ich hab auch ein Disturbed-Shirt, nur mal so.“
Warum sage ich das? Was zur Hölle, Tanner?!
Ich kneife die Augen zusammen, sofort von Reue überrollt. Ich hab’s einfach nicht drauf.
Ihr Kopf schnellt zu mir herum, und sie kaut auf ihrer Wange, um nicht loszulachen über meinen erbärmlichen Versuch, härter zu wirken, als ich heute Abend aussehe. Aber ich bin komplett gescheitert.
„Oooooh, echt, ja? Du bist dann richtig knallhart. Mit deinem Harter-Typ-T-Shirt.“ Sie nickt mit einem so gönnerhaften Ich hab’ Mitleid mit dir-Blick. „Lass mich raten: Logenplätze beim Konzert? Schön brav von oben ein bisschen headbangen – zusammen mit den Anzugträgern.“
Was stimmt mit diesem Mädchen nicht? Ich bin nicht der Loser, für den sie mich hält. Auch wenn wirklich alles, was ich sage und tue, genau diesen Eindruck vermittelt.
Bevor ich kontern kann, stellt der Barkeeper unsere Drinks vor uns ab, und ich werfe etwas Geld hin. Ich hebe meine Bierflasche leicht in ihre Richtung, und sie kippt ihren Shot weg, als wäre es nichts.
Nicht mal ein Zucken. Als würde der Alkohol ihr gar nichts anhaben. Diese Frau hat eine freche, unerschütterliche Art, die ich viel zu anziehend finde – und die mich nur noch neugieriger macht auf das, was unter dieser harten Fassade steckt.
„Hör zu, ich weiß, du bist ein toughes Mädchen, das mir wahrscheinlich jeden Tag den Arsch versohlen könnte.“
Sie schnaubt zustimmend.
„Aber wir wissen beide, dass du diese Mauer hochziehst, um Leute auf Abstand zu halten. Um zu verbergen, wer du wirklich bist“, sage ich selbstsicher. Ihre Augen huschen über mich, und ich sehe diesen kurzen Moment der Überraschung, dass ich sie so schnell durchschaut habe.
„Du glaubst, du kennst mich, ja?“, fordert sie heraus.
„Du beurteilst mich nach meinem Outfit und meinem Drink, um von etwas anderem abzulenken. Um mich direkt abzuwimmeln. Mädchen wie du haben immer ihre Gründe, so abweisend zu sein – aber das schreckt mich nicht ab. Wie du schon angedeutet hast: Ich bin einfach der nette Typ, der am Ende leer ausgeht. Der Leuten eine Chance gibt, die sie vielleicht gar nicht verdienen, weil er immer das Beste in ihnen sehen will. So, jetzt weißt du auch ein bisschen über mich.“
Sie beißt sich auf die Lippe, um ihr Grinsen zu verbergen, und beugt sich näher zu mir. „Tut mir leid, Preppy Boy – ich steh nicht auf nette Typen.“
Ich muss lachen. Obwohl sie mich längst mehrfach gemustert hat, tut sie so, als wäre da nichts.
Ich mag, dass sie nichts mit Liza gemeinsam hat. Sie ist standhaft. Und so sehr sie mich aufzieht – ich will mehr.
Ihre Energie hat mich komplett in ihren Bann gezogen. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass Dan mich hat stehen lassen.
Die Band legt eine Pause ein. Die Menge jubelt, und der Drummer springt von der Bühne direkt ins Publikum. Er bahnt sich seinen Weg zu uns, greift sich den zweiten Whiskey-Shot von der Bar – und kippt ihn runter.
Den Shot, für den ich bezahlt habe. Ich starre ihn an. Was zur Hölle macht der Typ da?
Dann zieht er das Rocker-Girl an sich, und sie fangen an rumzumachen.
Oh.
Die Enttäuschung sackt mir schwer in den Magen, aber ich kann den Blick trotzdem nicht abwenden. Sie wirft mir einen genervten Seitenblick zu, und ich nicke. Botschaft angekommen.
Ich nehme mein Bier und gehe Richtung Ausgang, brauche frische Luft. Offensichtlich ist sie vergeben. Außerhalb meiner Liga.
Und für sie bin ich nur irgendein Preppy-Arsch, obwohl ich in Wirklichkeit ein sportlicher Typ bin, der genau auf solche Konzerte steht wie sie.
Wenn ich nur die Chance hätte, ihr das Gegenteil zu beweisen.
Ich trete vor den Club und gehe ein Stück nach links neben den Eingang. Lehne mich gegen die Wand, atme tief durch und nehme einen Schluck Bier, während ich mich in meinem eigenen Elend suhle.
Ich trinke das hier aus und lasse Dan dann einfach stehen. Scheiß auf diesen Abend.
Während ich mich frage, was zur Hölle ich eigentlich mit meinem Leben anfange, geht plötzlich die Tür auf. Und zu meiner Überraschung tritt das Rocker-Girl unter die grellen Neonlichter des Eingangs.
Mein Herz macht einen Satz. Sieht so aus, als hätte mir das Universum gerade doch meine Chance gegeben.













































