
Auf der Flucht vor dem Gefährtenband 1: Ella
Autor:in
Eleanor Moon
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Kapitel
42
Kapitel 1: Geburtstagskind
ELLA
Es ist nur ein Traum, Ella. Öffne deine Augen.
Die Stimme meiner Wölfin reißt mich aus der Dunkelheit. Sie klingt scharf und drängend. Ich schrecke hoch, mein Herz hämmert gegen meine Rippen. Der Schweiß kühlt langsam auf meiner Haut ab.
Wir sind gelaufen – schon wieder.
Der Albtraum lässt mich nicht los. Er will mich wieder hineinziehen, drängt mich dazu, die Augen erneut zu schließen und einen Blick auf denjenigen zu erhaschen, der uns verfolgt. Die Worte meiner Wölfin hallen noch in meinem Kopf nach.
Heute Nacht werde ich achtzehn – und solche Träume kommen nicht ohne Grund.
Ich zwinge mich, langsam einzuatmen, und versuche, mich zu beruhigen.
„Guten Morgen, Geburtstagskind!“ Cecile springt auf mein Bett und zieht mich in eine feste Umarmung, die mir fast die Luft abdrückt.
„Ahhh, Cecile, ich krieg keine Luft!“, schreie ich und versuche, sie von mir herunterzuschieben.
„Warum bist du denn so schlecht gelaunt?“, lacht sie und umarmt mich noch fester. „Es ist dein Geburtstag. Du bekommst heute deine Wölfin. Ich musste einfach die Erste sein, die dir gratuliert!“
Ich kann nicht anders, als zu lächeln. Ceciles Energie ist ansteckend, ich kann mich ihr nicht entziehen. „Runter von mir, du Verrückte“, protestiere ich und gebe ihr einen spielerischen Schubs, der sie vom Bett purzeln lässt.
Mit einem dramatischen Keuchen landet sie auf dem Boden. „Unhöflich“, schnaubt sie und wirft mir einen gespielt wütenden Blick zu, bevor sie wieder auf die Beine springt. Dann dreht sie sich zum Kleiderschrank um und wirft ihr langes Haar über die Schulter.
„Hier, du kannst meinen Jeansrock ausleihen, den du so magst.“ Lächelnd wirft sie ihn mir zu.
Ich fange ihn schnell auf, bevor er mir ins Gesicht fliegt. „Ist das dein Geburtstagsgeschenk für mich?“, scherze ich.
Sie schnaubt. „Ich schenke dir doch nicht meinen Lieblingsrock, El. Außerdem hat Mom eine Überraschung für dich. Also beeil dich!“
Kopfschüttelnd sehe ich ihr nach, als sie hinausgeht. Cecile ist meine Cousine und beste Freundin. Sie ist mein komplettes Gegenteil: groß und blond, sportlich, mit strahlend blauen Augen und dieser mühelosen Selbstsicherheit, mit der sie alle Blicke auf sich zieht.
Der Rock bringt ihre Kurven perfekt zur Geltung – Kurven, die ich nicht habe – aber sie teilt ihre Klamotten immer mit mir.
Meine Eltern wurden vor zehn Jahren bei einem Angriff von Wilden getötet, als sie unser Rudel verteidigten. Mein Bruder und ich mussten zu Onkel John und Tante Trudy ziehen, die damals gerade Zwillinge erwarteten.
Cecile, die zuvor ein Einzelkind gewesen war, liebt es, ein volles Haus zu haben. Aber ich weiß, dass es für meine Tante und meinen Onkel nicht immer leicht gewesen ist. Tante Trudy ist ständig am Kochen, Putzen und hinter den Zwillingen und Jake her.
Ich wühle in unserem Schrank und ziehe mein liebstes weißes Oberteil heraus, das gut zu dem Rock passt. Dann drehe ich mich um und betrachte mich im Spiegel.
Mein Blick fällt auf das Foto, das in der Ecke des Rahmens steckt – meine Eltern, lächelnd, der Arm meines Vaters um die Schultern meiner Mutter gelegt. Der vertraute Schmerz in meiner Brust flammt sofort wieder auf.
Jake, mein kleiner Bruder, wächst immer mehr zu einer großen, attraktiven Version unseres Vaters heran. Er hat dieselben blonden Haare und strahlend grüne Augen, umrahmt von langen dunklen Wimpern.
Und ich? Ich falle aus der Reihe. Ich habe zwar Jakes grüne Augen, aber meine welligen, braunen Haare stechen in einer Familie voller Blondschöpfe deutlich heraus. Auch wenn ich meine langen Haare mag, trage ich es meistens zu einem hohen Dutt gebunden, damit sie meinen fettigen Fast-Food-Job überleben. Es macht mir nichts aus. Wir brauchen das Geld.
Onkel John verdient als Schreiner nicht viel. Er hat seinen Beruf als Krieger aufgegeben, nachdem meine Eltern gestorben sind. Die Angriffe der Wilden wurden immer schlimmer und Tante Trudy hat ihn angefleht, seinen Posten im Rudelhaus aufzugeben. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, auch ihn zu verlieren.
Der süße, warme Duft von Pfannkuchen zieht die Treppe hinauf und reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Magen knurrt hungrig.
Ich folge dem Duft nach unten und schnappe mir den letzten Pfannkuchen vom Teller, während ich zu Jake hinüberschaue. Ausnahmsweise ist er heute nicht schlecht gelaunt. Er lächelt sogar, als die Zwillinge eine chaotische Version des Geburtstagslieds singen.
Ich setze mich neben ihn und berühre leicht seinen Arm. „Ich besuche heute Moms und Dads Grab. Willst du mitkommen?“
Sein Lächeln verblasst. „Ich kann nicht, Ella. Ich bin schon spät dran für meine Schicht in der Werkstatt.“
Ich versuche, ihm ein aufmunterndes Lächeln zu schenken. „Lassen sie dich inzwischen schon etwas reparieren oder musst du immer noch nur putzen?“
Er schaut weg. „Immer noch putzen.“ Die Art, wie sich seine Schultern anspannen, sagt mir alles. Jake hasst es, unter Menschen zu leben. „Ich muss los“, sagt er leise und schiebt seinen Stuhl zurück, bevor ich noch etwas sagen kann.
Seufzend sehe ich ihm nach.
Jake erinnert sich kaum an unsere Eltern. Er war erst fünf, als der Angriff geschah. Aber ich erinnere mich an jedes Detail. Die Wilden, die über das Rudelgelände herfielen. Das Chaos. Meine Mutter, die mich zu Tante Trudy schob. Sie hatte kaum Zeit, uns zum Abschied zu küssen, bevor sie aufs Schlachtfeld rannte.
Die meisten meiner Albträume handeln davon, dass die Wilden zurückkehren, um den Rest meiner Familie zu töten. Ich schreie nach meiner Mutter, sie soll uns retten, flehe meine Eltern an, zurückzukommen. Nur um dann der grausamen Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass sie nie wieder nach Hause kommen werden.
Tante Trudy tätschelt meine Hand. „Mach dir keine Sorgen um ihn. Es wird ihm gut gehen, Liebes.“ Ihr Gesicht hellt sich fast augenblicklich auf. „Komm, ich will dir dein Kleid für die Zeremonie zeigen.“
Ich folge ihr ins Wohnzimmer, und ein plötzliches Flattern der Vorfreude breitet sich in meinem Magen aus. Die Tradition verlangt, dass ich ein weißes Kleid für die Zeremonie trage. Ich habe das Thema nie angesprochen, weil ich wusste, dass wir uns nichts Neues leisten können. Aber offenbar hat Tante Trudy es nicht vergessen.
„Überraschung!“, ruft Cecile und springt hinter der Tür hervor. Sie hält ein Spitzenkleid hoch, das mir den Atem raubt.
Ich trete näher und meine Augen weiten sich. „Ist das … Mamas Hochzeitskleid? Aber wie …“ Meine Stimme bricht.
„Ich habe es für dich aufbewahrt“, sagt Tante Trudy leise. Ein stiller Stolz leuchtet in ihren Augen. Sie muss Stunden damit verbracht haben, es heimlich für mich anzupassen.
Meine Kehle schnürt sich zu, während ich mit zitternden Fingern über das zarte Mieder streiche. „Es ist wunderschön“, flüstere ich. „Vielen, vielen Dank.“
Tante Trudy zieht mich in eine warme Umarmung. „Deine Mutter hätte gewollt, dass du es trägst.“
Cecile gesellt sich sofort zu uns, ihre Begeisterung kaum zu bändigen. „Geh duschen. Ich schminke dich, und wir machen Fotos vor der Zeremonie!“
Ich lache durch meine Tränen, überwältigt von der Mischung aus Traurigkeit und Aufregung, die in mir wirbelt. Heute Nacht werde ich endlich meine Wölfin kennenlernen.
Sie war immer eine leise Präsenz im Hintergrund meines Bewusstseins, eine tröstende Stimme in einsamen Nächten. Ich kann es kaum erwarten, sie rauszulassen und unter dem Vollmond zu laufen.
Nachdem weitere Geschenke ausgepackt sind und das Lachen langsam verklungen ist, schlüpfe ich in das Kleid meiner Mutter und bereite mich darauf vor, das Grab meiner Eltern zu besuchen.
Der Stoff legt sich um mich wie eine Umarmung, die ich seit Jahren vermisse. Es ist, als wäre sie hier und würde mich in diesen neuen Abschnitt meines Lebens begleiten.
Cecile weigert sich, mich allein gehen zu lassen, und hält meine Hand, während ich still vor ihrem Grabstein weine.
Ich flüstere unter Tränen, wie sehr ich mir wünsche, dass sie heute hier wären, um mich zu sehen. Meine Brust wird schwer vor Sehnsucht nach dem Leben, das wir nie führen konnten.
Der einzige Trost ist der Gedanke, dass sie gemeinsam gegangen sind. Keiner von beiden hätte den Verlust seines Gefährten überlebt.
„Ella“, sagt Cecile leise, ungewöhnlich ernst. „Wirst du uns verlassen, wenn du deinen Gefährten findest?“
Ich begegne ihrem Blick und weiß nicht recht, wie ich antworten soll. Meinen Gefährten zu finden wird alles verändern. Vielleicht geschieht es heute Nacht, vielleicht erst in Jahren – aber das Band ist unvermeidlich.
Ich träume von der Liebe, die meine Eltern geteilt haben, beständig und stark. Aber der Gedanke, meine Familie zu verlassen, macht mir Angst.
„Ich weiß es nicht, Cecile. Du weißt, dass ich auf die Kunstschule gehen will. Ich habe jeden einzelnen Cent vom Trinkgeld aus dem Diner gespart.“ Ich versuche, selbstbewusst zu klingen, aber ich habe keine Ahnung, wie ich mir das leisten soll. „Ich schätze, wir werden sehen, was passiert.“
Cecile schlingt ihre Arme um mich. „Ich hoffe, unsere Gefährten werden beste Freunde sein. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass du in ein anderes Rudel ziehst.“
Ich zwinge mich zu einem kleinen Lächeln. „Das hoffe ich auch.“ Cecile bedeutet mir alles. Selbst mit unseren Geldsorgen kann ich mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.
Als wir nach Hause zurückkehren, wartet Onkel John bereits im Flur. Seine Augen leuchten vor Stolz, Nostalgie und bittersüßer Freude. Seine Gesichtszüge werdenweicher. „Du siehst genauso aus wie deine Mom, Liebes.“
Tränen brennen in meinen Augen. Ohne zu zögern werfe ich mich in seine Arme. Seine Umarmung ist warm und gibt mir ein Gefühl von Sicherheit auf eine Weise, wie nur er es kann.
Er zieht sich gerade so weit zurück, um mir in die Augen zu sehen. Seine Hände liegen fest auf meinen Schultern. „Sie wäre so stolz auf dich. Dein Vater auch.“ Seine Lippen formen ein kleines, trauriges Lächeln.
Ich atme tief ein und versuche, mich zu sammeln.
Onkel John blinzelt seine Tränen weg und räuspert sich. „Bist du bereit?“, fragt er und sucht meinen Blick.
Ich hake mich bei ihm unter. „Ich denke schon. Vielleicht bin ich ein bisschen nervös“, gebe ich zu.
Er führt mich in Richtung Garten. „Das ist normal, Liebes. Deine Mutter war auch nervös, weißt du.“
„Wirklich?“ Ich lache leise.
„Ja, Liebes. Sie wurde eine der besten Kriegerinnen, die ich je gekannt habe. Ihre Wölfin war außergewöhnlich. Ich bin sicher, deine wird es auch sein.“
Ich nicke und senke den Blick. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals so stark sein werde wie meine Eltern. Tief einatmend, blinzle ich meine Tränen weg, bevor wir in die kühle Nachtluft hinaustreten.
Der Garten ist in sanftes Mondlicht getaucht. Meine Familie hat sich in einem weiten Kreis um das zeremonielle Feuer versammelt. Ihre gedämpften Stimmen verstummen, als Onkel John und ich näher kommen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf mich.
Er bleibt kurz vor dem Kreis stehen und dreht sich ein letztes Mal zu mir um. „Ich werde hier sein und dich führen“, sagt er. Seine Stimme ist ruhig, auch wenn sein Griff um mich fester wird. „Geh und zeig ihnen, was in dir steckt.“ Mit einem letzten Druck meiner Hand tritt er zur Seite.
Tante Trudy und Cecile strahlen mich an, als ich meinen Platz zwischen ihnen einnehme.
Ich bin froh, im Juli geboren zu sein, und freue mich auf meinen ersten Lauf in einer warmen Sommernacht. Jake schenkt mir ein schiefes Grinsen, während die Zwillinge vor Aufregung auf und ab hüpfen. Ich bin die Erste der Kinder in unserer Familie, die achtzehn wird und weiß, dass sie alle auf ihren eigenen Wolfwarten.
Die Erwartung liegt förmlich in der Luft. Meine Brust schwillt vor Dankbarkeit an. Das ist der Moment, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe.
Ich blicke zum Mond hinauf und hebe meine Arme. Eine seltsame Energie durchströmt mich. Mein Körper beginnt zu vibrieren, meine Augen leuchten in seinem Licht. Mein Herz hämmert, als meine Wölfin sich aufgeregt unter meiner Haut regt.
Ich atme tief ein, bereit, die Verwandlung anzunehmen. Dann drehe ich meiner Familie den Rücken zu und lasse das Kleid von meinen Schultern gleiten.
Mein Puls beschleunigt sich, Energie summt heiß und elektrisch durch meine Adern. Mein Körper zittert, meine Sicht verschwimmt. Dann zerreißt ein scharfer, brennender Schmerz meinen Körper. Knochen knacken und verschieben sich. Das Geräusch ist furchterregend, der Schmerz unerträglich.
Ich schreie auf und falle auf die Knie.
„Atme weiter, Ella. Es dauert nicht lange“, ruft Onkel John hinter mir.
Ich kann nicht antworten. Ein glühender Schmerz schießt durch meine Adern, und ich ringe nach Luft. Meine Kehle schnürt sich zu. Als ich schließlich den Mund öffnen kann, kommt nur ein Knurren heraus.









































