
Jenseits des Schleiers: Die Fee des Drachenkönigs
Autor:in
K.D. Peters
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Kapitel
44
Prolog
Ich öffnete behutsam die Tür zu dem kleinen Raum unter der Treppe. Sie quietschte leise. Das erste Morgenlicht drang ins Haus und tauchte alles in ein fahles Grau. Ängstlich lugte ich hinaus.
Die grauenvollen Schreie und anderen schrecklichen Geräusche waren endlich verstummt. Jetzt herrschte eine unheimliche Stille, durchdrungen vom Geruch nach Blut. Mein kleiner Körper zitterte am ganzen Leib.
Sind sie noch hier?, ging es mir durch den Kopf.
Das einzige Geräusch war ein leises Tropfen auf den Holzboden. Der Raum glich einem Schlachtfeld. Möbel lagen umgeworfen und zerbrochen herum. An Wänden und Boden zeugten tiefe Kratzer von den Angreifern.
Vorsichtig trat ich heraus, die Hand auf meiner Brust. Mein Herz raste wie wild. Ich hörte es in meinen Ohren pochen, zusammen mit meinem zittrigen Atem.
Trotz meiner Angst wusste ich, dass ich fliehen musste. Wenn sie mich hier fänden, wäre ich verloren. Es spielte keine Rolle, dass ich erst fünf Jahre alt war. Der Blutgeruch und die schrecklichen Geräusche zeigten, dass sie uns alle umbringen wollten.
Meine einzige Hoffnung war, in ein nahegelegenes Dorf zu fliehen. Vielleicht wäre ich dort in Sicherheit.
Leise schlich ich durch den Raum. Als ich den Türrahmen erreichte, rutschte ich auf etwas Nassem aus. Ich fing mich mit der Hand ab und beging den Fehler, sie anzusehen.
Ich presste die andere Hand auf meinen Mund, um nicht loszuschreien, als ich sah, worauf ich ausgerutscht war.
„Blut!“, flüsterte ich.
Schnell kroch ich unter den Esstisch. Weinend lauschte ich angestrengt auf jedes Geräusch. In der Ferne hörte ich ein Heulen, das mir einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte.
Oh nein! Sie sind noch hier!, schoss es mir durch den Kopf.
Minutenlang hockte ich da und überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Ich könnte zurück in mein Versteck kriechen und warten, bis mich jemand findet. Aber wie lange würde das dauern? Und wenn die Lykaner zurückkämen, würden sie mich wittern. Ich hatte vorher nur Glück gehabt, weil meine Mutter mich mit etwas Starkriechendem versteckt hatte, um meinen Geruch zu überdecken.
Ich hatte keine Wahl. Wenn ich überleben wollte, musste ich hier raus.
Ich nahm all meinen Mut zusammen. Ich kroch unter dem Tisch hervor und ging zur Tür. Mit meiner kleinen Hand umfasste ich den Türknauf. Ich lauschte, bevor ich ihn langsam drehte.
Als ich nach draußen trat, lag das Dorf, in dem ich lebte, in unheimlicher Stille. Die Häuser wirkten dunkel und bedrohlich im Dämmerlicht. Ihre Türen standen sperrangelweit offen. Auf der Straße und um die Häuser herum lagen Leichen. Überall war Blut.
Wie versteinert stand ich da und versuchte zu begreifen, was ich sah.
Alle, die ich kannte, waren tot. Die Lykaner hatten sie alle dahingerafft.
Wir, die Sonnenfeen des Nordlandes, wussten von dem Rudel, das in unseren Landen hauste. Aber wir hätten nie gedacht, dass sie uns angreifen würden. Wir waren friedliebend. Wir hatten ihnen keinen Grund gegeben, wütend auf uns zu sein. Doch letzte Nacht fielen sie über uns her wie über Tiere, die sie fressen wollten.
Ich begann, die Hauptstraße aus dem Dorf hinaus entlang zu gehen. Mein Blick war starr geradeaus gerichtet. Ich stand unter Schock. Ich dachte nur daran, weit wegzukommen. Aber meine Beine fühlten sich bleischwer an, und mein Verstand war wie benebelt.
Alle sind tot, ging es mir immer wieder durch den Kopf. Sie haben alle umgebracht. Sie sind alle tot.
Ich erinnere mich nicht, wie ich zur Hauptstraße außerhalb des Dorfes kam. Plötzlich war ich dort, umgeben von Feldern. Der Himmel wurde heller, und ich konnte sehen, wie die Sonne über den fernen Bergen aufging. Weinend blieb ich stehen, um zuzusehen.
Ich war draußen! Ich könnte überleben!
Auf einmal erstarrte ich. Ich hörte etwas Großes hinter mir näherkommen, gefolgt von einem tiefen Knurren. Vor Angst konnte ich mich nicht rühren, aber ich wusste, was es war. Der Geruch nach nassem Fell, vermischt mit Blut, war unverkennbar.
Ein plötzlicher, furchtbarer Schmerz durchzuckte meinen Rücken. Ich fiel nach vorne und schrie auf. Instinktiv rollte ich mich zur Seite, aber der Schmerz war so stark, dass ich mich kaum bewegen konnte. Alles, was ich tun konnte, war aufzublicken zu der riesigen, furchterregenden Gestalt, die über mir aufragte.
Ich hatte noch nie einen Lykaner gesehen. Ich kannte sie nur aus den Schauergeschichten meiner Eltern. Dieser hier war noch schrecklicher, als ich es mir je hätte ausmalen können. Er war groß und muskulös, mit einem Körper und Gesicht, die entfernt menschlich wirkten. Aber seine Ohren waren groß und wolfsartig, und seine Augen hatten eine beängstigende dunkle Farbe. Seine Zähne waren scharf und glänzend, und an seinen Fingerspitzen saßen große, blutige Krallen. Mein Blut.
Der Lykaner stand über mir und hob seine Hand zum Schlag. Ich schloss die Augen und schützte meinen Kopf mit den Armen, in Erwartung des Schlages.
Doch er traf mich nicht. Stattdessen hörte ich ein lautes Geräusch, als würde etwas Schweres zu Boden fallen. Vorsichtig senkte ich die Arme und öffnete die Augen. Der Lykaner war verschwunden. An seiner Stelle stand jemand, der hell und weiß leuchtete. Sein Haar, seine Ohren, sein Schwanz - alles schimmerte wie der Vollmond.
Langsam setzte ich mich auf. Ich sah den toten Körper des Lykaners auf dem Feldweg liegen. Blut quoll aus tiefen Schnitten an seiner Brust und Kehle. Es tropfte auch von den weißen Krallen desjenigen, der ihn getötet hatte.
Ich brachte kein Wort heraus. Ich starrte nur auf das, was vor mir lag. Mein Rücken schmerzte furchtbar. Zum ersten Mal bemerkte ich die Fetzen meiner goldenen Flügel, die um mich herum auf dem Boden lagen. Der Lykaner hatte sie bei seinem Angriff zerfetzt.
Mein Retter wandte sich mir zu. Er kniete sich vor mich hin. Ich keuchte auf und schloss die Augen, als er die Hand ausstreckte, doch seine Berührung war sanft, als er mein goldenes Haar aus meinem Gesicht strich.
„Du bist jetzt in Sicherheit, Kleine“, sagte er leise. „Weißt du, ob noch jemand am Leben ist?“
Ich schüttelte den Kopf und öffnete die Augen, um in seine zu blicken. Sie waren golden und blickten besorgt.
„Ich verspreche dir, ich werde dir nicht wehtun“, sagte er zu mir. Dann rief er: „Emelio.“
Auf seinen Ruf hin erschien jemand. Es war ein seltsamer Mann mit leuchtend rotem Haar und Augen, die ihre Farbe zu wechseln schienen.
„Ja, mein Gebieter?“, sagte er respektvoll.
„Bring mir eine Decke. Wir müssen ihren Rücken bedecken. Wir nehmen sie mit zum Palast, versorgen ihre Verletzungen und überlegen, was wir sonst noch für sie tun können“, befahl er.
Emelio nickte. Er verschwand und kehrte rasch mit einer dunklen Decke zurück. Mein Retter nahm sie ihm ab und wickelte mich vorsichtig darin ein, bevor er mich hochhob. Während er das tat, begann sich mein Verstand zu klären, und ich fing an zu begreifen, wer diese Männer waren.
„Ich fürchte, es gibt keine weiteren Überlebenden, mein Herr“, sagte Emelio.
„Ich verstehe.“ Er drückte mich fester an sich. „Es tut mir leid. Ich kam zu spät, und der Tod deiner Familie ist meine Schuld.“
Da wurde mir klar, wer er sein musste.
„Ihr seid... Lord Jekia?“, fragte ich leise.
„Das bin ich“, bestätigte Lord Jekia. „Hab keine Angst. Ich werde dich beschützen. Sie werden dir nie wieder wehtun.“
Seine Worte beruhigten mich. Bei ihm war ich in Sicherheit. Er war eines der mächtigsten Wesen unserer Welt.
Niemand konnte mir etwas anhaben, solange ich bei ihm war, nicht einmal die Lykaner.
Doch als ich das begriff, wurde mir auch das ganze Ausmaß meiner Lage bewusst. Mein gesamtes Feenvolk war ausgelöscht, von den Lykanern ermordet.
Was würde aus mir werden, der einzigen Überlebenden?
Nur die Zeit würde es zeigen.










































