
Ignite Buch 1: Herz des Infernos
Autor:in
A. Duncan
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Kapitel
39
Kapitel 1
LEXI
Heute begrabe ich meine Mutter – meine beste Freundin und meinen Anker in diesem Leben.
Ich stehe hier und starre auf die aufgebrochene Erde, auf die Klumpen aus trockenem, staubigem, rotem Boden, die meine hochhackigen Schuhe umgeben. Langsam beuge ich mich hinunter und greife mir eine Handvoll.
Ich beobachte, wie die Erde durch meine Finger rieselt und hoffe, die Lebenskraft der Erde zu spüren, doch alles, was ich fühle, ist Leere.
Gleichzeitig sehe ich zu, wie sie meine Mutter in das tiefe Loch im Boden hinablassen.
Mein Vater steht neben mir. Und nimmt einen weiteren Schluck aus seiner Whiskyflasche. Auf dem Weg zum Friedhof haben wir noch angehalten, um sie zu kaufen, und die verdammte Flasche ist jetzt schon halb leer. „Endlich ist sie tot.“
Er spuckt auf ihren Sarg und torkelt davon, während er wahllos nach allem um sich herum greift.
Er war nie ein guter Ehemann oder ein guter Vater. Es vergeht kein Tag, an dem ich ihn nicht mit irgendeiner Flasche in der Hand sehe. Die einzige Zeit, in der er keine hat, ist, wenn er bewusstlos ist und sie ihm aus den Händen gerutscht ist.
Ich dachte immer, er würde als Erster sterben. Ich war mir sicher, dass seine Leber nicht so lange durchhalten würde. Man sollte meinen, bei der Menge an Alkohol, die er jeden Tag in sich hineinschüttet, hätte er längst an einer Leberzirrhose zugrunde gehen müssen.
Aber nein ... meine wunderschöne, fürsorgliche Mutter war diejenige, die zuerst gegangen ist.
„Komm, Lexi! Ich muss auf dem Heimweg noch beim Spirituosenladen vorbei!“
Ich werfe einen letzten Blick in das dunkle Loch, in dem der schlichte braune Sarg meiner Mutter liegt. Dann nehme ich eine einzelne weiße Rose aus meiner Tasche, lasse sie auf den Sarg fallen und spreche ein kurzes Gebet.
Ich bete, dass sie jetzt glücklich ist, frei. Keine Sorgen mehr, kein Schmerz aus der Vergangenheit.
Sie hat ihr Bestes getan, um in einer Welt zu überleben, die ihr immer wieder aufs Neuewehgetan hat. Und trotz allem hat sie sich nie beschwert – kein einziges Mal. Sie hat immer gesagt, dieses Leben sei ihre Prüfung, ihre Bürde, die sie tragen müsse. Wenn sie eines Tages vor Gott stehen würde, wollte sie, dass er stolz auf sie ist. Er ist stolz auf dich, Mama.
„Alexis!“
Ich drehe den Kopf und schaue den Mann an, der mich gezeugt hat.
Ich sehe ihm nicht im Entferntesten ähnlich. Je länger ich ihn ansehe, desto schmutziger fühle ich mich.
Es ist dieses schlimme, unangenehme Gefühl, das sich wie eine Schlange durch meinen Körper bewegt. Die Art, bei der man sich fast übergeben muss.
Man spürt es hinten im Hals und hofft mit allem, was man hat, dass es unten bleibt.
Er hat sich kaum die Mühe gemacht, überhaupt einen Anzug anzuziehen. Seine Hose ist zerknittert, die Krawatte hängt locker und schief. Sein Hemd ist nicht einmal richtig zugeknöpft und hat Flecken.
Keine Jacke, und an den Füßen trägt er Flip-Flops. Vom Geruch will ich gar nicht erst anfangen.
Widerlich.
„Ich liebe dich, Mama. Ich verspreche, ich werde irgendwie einen Weg hier raus finden.“
Auf dem Weg zum Auto frage ich mich, ob ich ihn nicht einfach bei Tempo neunzig auf der Autobahn aus der Beifahrertür schubsen und es wie einen Unfall aussehen lassen könnte. Bei meinem Glück würde er überleben und es besoffen allen erzählen.
Als ich mich hinters Steuer setze, rieche ich nur alten Whisky und Körpergeruch. Mir wird übel, und ich kurbele das Fenster herunter, in der Hoffnung, dass die frische Luft den Gestank der wandelnden Katastrophe neben mir vertreibt.
„Vergiss nicht, beim Spirituosenladen anzuhalten, du Schwachkopf. Und glaub bloß nicht, dass du ums Kochen herumkommst. Nur weil deine Mutter tot umgefallen ist, heißt das noch lange nicht, dass sich irgendwas ändert.“
„Ich setze dich zu Hause ab und fahre dann zum Laden. Ich muss sowieso noch ein paar Sachen für das Abendessen besorgen.“
„Von mir aus, solange du meinen Whisky besorgst und dich verdammt noch mal beeilst! Deine Mama ist nicht mehr da, um dich zu beschützen! Ich mache, was ich für richtig halte. Etwas, das schon vor langer Zeit hätte getan werden sollen.“
Ich erstarre.
Er hat meine Mutter fast jeden Tag geschlagen. Sie hat es zugelassen, nur damit er seine Wut nicht an mir auslassen würde.
Sie ist meinetwegen gestorben. Weil ihr schwacher Körper die Schläge nicht mehr ertragen konnte. Ein Tritt an der falschen Stelle, und ihr Herz hat einfach aufgehört zu schlagen.
Das Schlimme daran ist, dass ich meine Mutter für die Glückliche halte.
Nachdem ich diese traurige Entschuldigung eines Vaters abgesetzt habe, fahre ich zum nächsten abgelegenen Strand. In Südflorida zu leben macht das ziemlich schwer, aber da ich hier aufgewachsen bin, kenne ich ein paar Orte.
Ich ziehe meine Schuhe aus und spüre den Sand zwischen meinen Zehen. Muscheln kratzen über meine Fußsohlen.
Ich will nicht zurück – zurück in das heruntergekommene Haus mit den herunterhängenden Fensterläden und dem undichten Dach. Das Haus, wo alles umso mehr kaputt geht, je mehr man versucht, es zu reparieren. Man tritt ein und alles, was man riecht, ist abgestandener Alkohol und Schimmel.
Mama und ich haben unser Bestes versucht, aber manchmal reicht selbst das Beste nicht aus.
„Ich dachte mir, dass ich dich hier finde.“
Ich zucke zusammen bei dem Klang seiner tiefen Stimme in der Stille des Herbstnachmittags.
Maxwell hat gerade sein Studium abgeschlossen und ist zu Besuch, bevor er nach Kanada geht, um eine neue Stelle in Toronto anzutreten.
Ich? Ich habe es nie aufs College geschafft. Meine Familie konnte es sich nicht leisten. Ich habe im Diner gearbeitet, um Mama mit den Rechnungen zu helfen.
Jetzt weiß ich gar nicht, wie lange es dauern wird, bis sie sich stapeln.
Maxwell hingegen – ich bin froh, dass er seinen Platz im Leben gefunden hat. Egal, was das Leben mir entgegenwirft, ich werde mich immer für meinen besten Freund freuen. Die eine Person, die alles über mich weiß und trotzdem keine Angst hat, bei mir vorbeizuschauen.
„Ja. Ich musste dem Gestank entkommen.“
„Es tut mir leid, dass ich es nicht zur Beerdigung geschafft habe. Ich dachte mir, dein Vater würde einen Aufstand machen, wenn er mich dort sieht.“
„Ist schon okay, wahrscheinlich hätte er das auch.“
Er nimmt meine Hand und drückt sie. Er weiß, dass Mama mich all die Jahre beschützt hat. Und er weiß auch, dass ich ihretwegen geblieben bin. Dass ich geblieben bin, um ihr zu helfen.
Seine Berührung beruhigt mich normalerweise, aber dadurch kann ich auch meine Gefühle nicht mehr zurückhalten. Ich spüre, wie die verräterischen Tränen, die ich so lange zurückgehalten habe, sich in meine Augen drängen. Ich versuche, sie wegzublinzeln und mich zusammenzureißen, aber diesmal funktioniert es nicht.
Sobald Max mich in die Arme nimmt, schluchze ich los. Kein kontrolliertes, ich-muss-es-einfach-rauslassen-Schluchzen. Es ist ein unkontrolliertes, hässliches, rotziges Weinen. Ich weine so heftig, dass ich anfange zu hyperventilieren.
Er ist der Einzige, der mich all das fühlen lassen kann, was ich so verzweifelt zu verbergen versuche.
„Atme, Lexi, einfach atmen“, flüstert er.
„Ich ... kann nicht.“
„Doch, du kannst.“
Er nimmt meine Hand und legt sie auf seine Brust. „Hier. Fühl das. Fühl, wie ich atme. Ein und aus. Ein und aus. Langsam und gleichmäßig. Fühl einfach, wie ich atme.“
„Ich ... kann das nicht mehr.“
„Ich weiß. Und ich will auch nicht, dass du dich weiter quälst.“
„Aber welche Wahl habe ich denn?“
„Du kannst mit mir kommen.“
Meine Augen schnellen zu seinen grünen hinauf. Wenn wir nicht seit der Mittelstufe beste Freunde wären, wäre ich wahrscheinlich eines der vielen Mädchen, die in den unerreichbaren Maxwell Hayes verknallt sind.
Seit ich ihn kenne, war allerdings nur Freundschaft zwischen uns.
Aber ich bin nicht blind. Ich gebe zu, mit seinem dunklen Haar, den leuchtend grünen Augen, dem markanten Kiefer und seinem durchtrainierten Körper ist Max sehr attraktiv.
„Was?“
„Hast du noch deinen Reisepass, den meine Mutter dir besorgt hat, als du mit uns in den letzten Familienurlaub gefahren bist?“
„Ja.“
„Gut. Pack heute Nacht deine Sachen, Lex. Ich hole dich gegen Mitternacht ab. Auf keinen Fall lasse ich dich hier allein zurück.“
„Ich kann nicht. Ich habe noch nicht genug Geld gespart.“
„Ich habe dein Ticket schon besorgt, und du kannst bei mir und meinem Freund West wohnen. Wir haben mehr als genug Platz.“
„Max ...“
„Nur dieses eine Mal, Alexis ... bitte, diskutier nicht mit mir darüber.“
Er hat meinen ganzen Namen gesagt. Er nennt mich nie bei meinem vollen Namen, außer er ist wütend oder es ist ihm todernst mit etwas. Die Frage ist: Kann ich das tun? Kann ich einfach aufstehen und verschwinden, ohne etwas zu sagen?
Ich schulde meinem Vater keinerlei Erklärung. Außerdem bin ich dreiundzwanzig Jahre alt, und er hat nie auch nur einen verdammten Finger für mich gerührt. Ich kann tun, was ich will, und der letzte Ort, an dem ich sein möchte, ist hier.
Ich sehe meinen besten Freund an. Die eine Person, die alles mit mir durchgestanden hat.
Er nimmt eine Strähne meiner Haare und steckt sie mir hinters Ohr. „Was meinst du?“
„Ich werde bereit sein.“








































