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Das Halbblut Buch 2

Autor:in
Laura B.L.
Gelesen
312K
Kapitel
54
Autor:in
Laura B.L.
Gelesen
312K
Kapitel
54
😱Thriller🧛🏻Vampire🙅Widerwilliger Gefährte🎭Drama🐺Werwölfe & Gestaltwandler👩‍❤️‍👨Wahrer Gefährte🐺Lykaner💘Schicksalsgefährten💪🏻Beschützer🧙‍♂️Übernatürlich & Fantasy💪🏻Alpha-Männchen💪Starke Frauen⚔️Action & Abenteuer👑Königshaus & Aristokraten🧑🏽‍🦳Altersunterschied🧙‍♀️Hexen & Zauberer😇Engel & Dämonen🐉Drachen

Daphnes Leben nimmt eine dunkle Wendung, als sie ihren Job verliert und einen verzweifelten Pakt mit einem Dämon schließt, um ihren Bruder zu retten. An den Dienst gebunden, wird sie zur Jägerin für den Dämonenkönig Rothvaln. Während Daphne sich durch eine tückische Welt aus Dämonen, Hexen und Lycans kämpft, deckt sie Geheimnisse auf, die ihre Loyalität herausfordern und sie zwingen, sich ihrem eigenen Schicksal zu stellen. Mit dem Leben ihres Bruders auf dem Spiel muss Daphne entscheiden, wem sie vertrauen kann und wie weit sie gehen wird, um die zu beschützen, die sie liebt.

Prolog

Buch Zwei: Verführ mich

Neuengland, 1878
Das Geräusch eiliger Füße hallte auf der Treppe wider, das Holz jeder schwarzen Stufe knackte, als Daphne eilig die Treppe mit den frischen Laken hinaufstieg.
Die Geräusche ihrer Schritte wurden vom Ticken der Zeiger einer großen Uhr begleitet, die über 2 Meter hoch im Esszimmer stand.
Die Uhr stand auf einem stabilen, quadratischen Sockel, und der lange Mahagonischrank hatte die Form einer geschnitzten Lasche, die den Zeitmesser hoch hielt.
Bald würde Mr. Ormand zurückkehren. Alle Bediensteten beeilten sich, das Abendessen und das Bad vorzubereiten. Jeden Mittwoch in der Woche musste die gleiche Routine von allen eingehalten werden.
Nur, dass heute Badetag war.
Daphne erreichte das obere Ende der Treppe und eilte zu der großen schwarzen Doppeltür am Ende des Flurs, wo sich Mr. Ormands Quartier befand.
Niemand wollte dort hineingehen. Nur Daphne traute sich, denn sie hatte keine andere Wahl, sonst wäre sie hinausgeworfen worden. Und das war etwas, was sie sich nicht leisten konnte.
Ihr jüngerer Bruder James, der bald achtzehn werden würde, war gesundheitlich angeschlagen und sie war der einzige Mensch auf der Welt, den er noch hatte.
Das Mädchen betrat den Raum und ließ ihren Blick wieder einmal wild über die grauen Wände schweifen, an denen Hunderte von Kruzifixen hingen.
Die weißen Kerzen sollten immer angezündet sein. Andernfalls würden die bösen Geister, oder vielmehr Dämonen, wie Mr. Ormand sie nannte, zwischen den Schatten auftauchen.
Die religiöse Besessenheit eines der angesehensten Kirchenmitglieder des Dorfes war allen bekannt.
Viele hatten immer noch Angst, seine Räume zu betreten, und sie war da keine Ausnahme. Der einzige Unterschied war, dass sie ihren Job ohne Protest ausüben musste, ohne eine Meinung zu äußern, die ihr schaden könnte.
Inmitten von Kerzen und Kruzifixen begann sie, das an das Hauptschlafzimmer angrenzende Badezimmer vorzubereiten. Sie tauschte die schmutzigen Laken gegen die sauberen aus, die sie mitgebracht hatte.
Als sie fertig war, konnte sie nicht umhin, den düsteren Ort wieder zu bemerken. Ein Kruzifix hing neben dem anderen, und Rosenkränze lagen verstreut auf der Kommode und dem Bett.
Daphnes Blick fiel wieder auf das gequälte Objekt, das Mr. Ormonds Schreie zweimal pro Woche verursachte.
Die braunhäutige Peitsche mit hellen Bettdecken lag auf dem Boden neben dem großen, hohen Bett und wartete untätig darauf, dass ihr Besitzer zurückkehrte, um von ihr Gebrauch zu machen.
Jeder kannte den Grund für die Peitsche genau. Mr. Ormond quälte sich von Schuldgefühlen geplagt, nachdem er aus dem Haus von Mrs. Wallace zurückgekehrt war: eine Witwe, die mindestens achtunddreißig Jahre alt war, fast zwanzig Jahre jünger als er.
Da sie nicht widerstehen konnte, nahm Daphne die Peitsche in die Hand.
Sie betrachtete sie eingehend und dachte darüber nach, wie ein Mensch sich selbst so viel Schmerz zufügen kann, um sich von einem Schuldgefühl zu befreien, das so absurd ist wie fleischliche Lust.
Obwohl sie diesen lasterhaften Teil der Welt, in dem das Vergnügen die Vernunft übersteigen konnte, nicht kannte, hielt sie sich nicht für so prüde wie manche Damen.
Im Alter von zweiundzwanzig Jahren war ihr Verstand schon etwas gereift und sie hatte durch die Erfahrungen, die ihr andere Hausmädchen erzählt hatten, verstanden, dass der bloße sexuelle Akt nicht so sündhaft ist, wie Mr. Ormand glaubte.
Und doch war er von Lust getrieben.
Von ihrer Neugierde getrieben, streichelten ihre Finger den Folterknecht. Könnte es sein, dass Mr. Ormand sich durch den Schmerz wirklich von seinen Gewissensbissen befreien konnte?
Wie war es möglich, die Folter wieder und wieder zu ertragen, ohne aufzuhören? Von ihren Gedanken gefesselt, bemerkte sie nicht, dass sich schwere Schritte näherten.
Plötzlich öffnete sich die Tür und wütende blaue Augen in einem alternden Gesicht überraschten sie so sehr, dass Daphne nach Luft schnappte und die Peitsche losließ.
Mr. Ormand blickte auf den Boden, wo die Peitsche gefallen war, und sein Gesicht wurde mit jeder Sekunde noch wütender.
"Es tut mir furchtbar leid, Sir..." Daphne versuchte, sich zu entschuldigen, als sie unterbrochen wurde.
"Geh."
"Sir, bitte verschone mich. Ich hatte nicht die Absicht..."
"Ich sagte, geh. Jetzt!"
Verzweiflung war das, was Daphne jetzt fühlte. Mit Tränen in den Augen fiel sie auf die Knie und flehte Mr. Ormand um Vergebung an.
Er packte sie am Arm, zerrte sie über den Boden und ließ sie vor dem Zimmer stehen.
Sie war verloren. Ihr einziger Lebensunterhalt, von dem sie ihren Bruder ernähren konnte, war wegen ihres Fehlverhaltens einfach verschwunden. Warum nur? Warum musste sie die Peitsche vom Boden aufheben?
Warum konnte sie nicht das tun, was sie immer tat, ohne sich auch nur ein bisschen um Mr. Ormands Eigentum zu kümmern?
Daphne hatte gerade James' Leben verurteilt.
Mit Bedauern kehrte sie zurück, um James zu treffen, der am Rande des Dorfes auf sie wartete.
Er war in Begleitung von Agate, einer alten Frau, die ihr, obwohl sie etwas seltsam war, seit fast drei Jahren half.
Zuerst verstand sie nicht, warum Agate ihr mit ihrem Bruder helfen wollte.
Es war ungewöhnlich, dass arme Leute anderen armen Leuten halfen, und obwohl Agate eine frivole alte Frau war, hat sie ihr gegenüber nie ein böses Wort oder eine unhöfliche Geste benutzt.
Das trockene Laub knirschte unter den Füßen, als Daphne den Waldweg zur Hütte hinunterging.
Die Welt war in Orange- und Rottöne getaucht, und die kalte Luft schlug ihr ins Gesicht und hinterließ rötliche Spuren auf ihren Wangen und ihrer Nasenspitze.
Je weiter sie in die Bäume vordrang, desto kälter wurde ihr zumute.
Sie überlegte sich neue Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Vielleicht könnte sie in Mr. Browns Haus um Arbeit bitten.
Obwohl er den Ruf hatte, grausam zu den Gefangenen zu sein, hieß es zumindest, dass er recht anständig sei, obwohl seine Frau die Dienerschaft misshandelte.
Daphne trug die Verantwortung für die Pflege ihres Bruders und bezahlte Agate für all die Brühen, die bei James wirken sollten. Kein Arzt wollte ihren Bruder behandeln, aus Angst vor Ansteckung.
Man glaubte, dass James möglicherweise an Tuberkulose erkrankt war, doch sie hatte sich nie infiziert.
Natürlich wusste niemand von Daphnes Situation, denn sie befürchtete, dass ihr niemand mehr einen Job geben würde, sobald sich die Nachricht verbreitete.
Sie erinnerte sich daran, wie sie die alte Frau zum ersten Mal getroffen hatte.
Als sie eines Tages durch die Stadt wanderte und sich nach möglichen Arbeitsplätzen erkundigte, traf sie auf Agate, eine Dame, die sagte, sie sei mindestens siebzig Jahre alt.
Ihr graues Haar war zu Zöpfen geflochten, ihre Augen waren braun, ihre Hände waren mit Sommersprossen übersät und sie hatte eine Adlernase.
Als Daphne sie zum ersten Mal sah, wurde sie Zeuge, wie Mr. Brown und einer seiner Schergen sie als "Ketzerin" und "Hexe" beschimpften und traten und sie dann regungslos am Boden liegen ließen.
Viele fürchteten diese Worte noch immer, denn viele erzählten weiterhin die Geschichten der Salemer Prozesse.
Daphne sah aus der Ferne zu, denn sie wollte nicht angesprochen und mit ihr in Verbindung gebracht werden. Als sie sich gerade umdrehen wollte, um zu gehen, machte etwas in ihr schlapp.
Wie konnte sie eine arme, wehrlose alte Frau auf der Straße zurücklassen? Niemand hatte einen Grund, sie zu beschuldigen, eine Hexe zu sein.
In diesem Moment dachte sie an ihre Mama, die vor langer Zeit verschwunden war und sie und ihren Bruder im Stich gelassen hatte.
Ohne eine Spur zu hinterlassen, war sie einfach verschwunden. Und ihr Papa? Sie wusste nicht einmal, wer ihr Papa war.
Daphne ging auf sie zu, zog sie an den Armen und half ihr auf. Einige Leute schauten mit neugierigen Augen aus der Ferne zu, andere sahen mit Missbilligung zu.
Mr. Brown war bereits gegangen.
"Geht es dir gut?", fragte Daphne.
Die alte Frau starrte sie sekundenlang an, und Daphne fragte immer wieder, ob es ihr gut ginge.
"Es geht mir gut, danke, mein Kind." Sie lächelte, und die faltigen Augen sahen Daphne wieder prüfend an.
"Also gut, mach's gut." Sie wollte schon weitergehen, als die alte Dame sie plötzlich am Handgelenk packte.
"Wie heißt du?"
"Daphne Brooks", antwortete sie und betrachtete vorsichtig die alten Finger, die sich in ihrer Haut verfangen hatten.
"Und wie kann ich Daphne Brooks für diese Großzügigkeit danken?"
"Das ist nicht nötig..."
"Achat."
"Nur Achat?"
"Nur Achat. Ich möchte nicht, dass du gehst, ohne dass ich mich bei dir bedanken kann."
"Ich glaube nicht, dass du mir helfen kannst..." Sie sprach sanft zu ihr, ohne dabei unhöflich zu klingen.
"Ich glaube schon, dass ich das kann... Regana Damonish." Der Blick von Achat war seltsam.
"Wie bitte? Was hast du gesagt?", fragte sie etwas erschrocken. Sie hatte den letzten Satz, den die alte Dame gerade gesagt hatte, nicht verstanden.
"Wenn du Hilfe brauchst, komm zu mir. Ich wohne gleich außerhalb des Dorfes, im Wald."
"Einen schönen Tag noch, Achat." Daphne beeilte sich, sich zu verabschieden und ging, ohne sich noch einmal umzusehen.
Agate hatte sich noch nicht von ihrem Platz bewegt und sah zu, wie die junge Frau in der Ferne verschwand. Ein stilles Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
Die Regana war endlich aufgetaucht, und es blieb nur noch wenig Zeit, bis der Antequrom wieder auftauchte.
Daphne kam schließlich in der Achat-Hütte an, wo sie und James zurückblieben, alle Gedanken abstreiften und eintraten.
Die Krankheit ihres Bruders war noch nicht geheilt, obwohl die Achat-Tränke seine Schmerzen linderten.
"Daphne, was machst Du hier? Du solltest doch erst in zwei Tagen wieder hier sein", sagte James mit gerunzelter Stirn, während er auf dem schmalen Bett lag.
Ihr Bruder war ein großer, dünner junger Mann, dessen kränkliche, blasse Haut immer sein hübsches Gesicht überschattete. Braune Locken fielen ihm seitlich ins Gesicht.
"Du wurdest aus dem Haus geworfen." Achat wandte sich von dem kochenden Kessel über dem Feuer ab.
Daphne beobachtete, wie James seine Augen vor Sorge weit aufriss. "Was ist passiert, Daphne? Haben sie Ihnen wehgetan?" James begann sich zu regen und versuchte aufzustehen, aber ein lautes Husten ließ ihn wieder liegen bleiben.
Daphne eilte herbei, und erst als sie die Blutflecken auf James' Handfläche sah, bemerkte sie die anderen Stoffstücke, die sich auf dem Boden stapelten und mit Blut verschmutzt waren.
Sie fuhr mit ihrer Hand über die Stirn ihres geliebten Bruders und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. "Niemand hat mir etwas angetan, James.
"Ich habe einen Fehler gemacht und das hat mich meine Arbeit gekostet. Aber keine Sorge, morgen gehe ich zurück ins Dorf und schaue, ob jemand einen Assistenten braucht."
"Daphne..." sagte Agate mit erschöpfter Stimme, als sie ihre Aufmerksamkeit auf sie richtete. "Ich möchte einen Moment mit dir sprechen."
Daphne nickte und folgte ihr aus der Hütte. "Was ist los?", fragte sie und ahnte irgendwie die nächsten Worte der Hexe.
"James, er hat nicht mehr viel Zeit. Meine Medizin wirkt bei ihm nicht."
Daphne schwieg einen Moment lang.
"Aber hast du nicht gesagt, du kannst ihn heilen? Warst du es nicht, die damit geprahlt hat, dass du eine mächtige Hexe bist und ihm helfen wirst?" Sie fing an, unter Tränen Worte voller Wut auszuspucken.
"Daphne, weißt du noch, was ich dir gesagt habe, als du nach mir gesucht hast?" sprach Achat mit ernster Miene zu ihr.
Daphne konnte nur noch weinen.
"Ich sagte dir, dass ich deinem Bruder helfen würde, sein Leben so lange wie möglich zu verlängern.
"Ich bin in der Tat eine Hexe, mein Kind, und ich bin dir sehr dankbar, dass du dich die ganze Zeit um mich gekümmert hast, obwohl ich meine Schulden bei dir beglichen habe.
"Aber ich kann deinen Bruder nicht retten. Meine Kräfte haben eine Grenze. Ich kann keine sterbliche Seele retten, die bereits verdammt ist."
Daphne fiel auf die Knie und weinte untröstlich. Sie konnte James nicht verlieren, ihren Bruder, ihre einzige Familie. Sie fuhr sich mit den Händen über das rote, tränenüberströmte Gesicht.
Was würde sie ohne ihn tun? Was würde sie in dieser Welt ohne ihren lieben Bruder tun? Seine Stimme nicht mehr hören? Ihn nicht mehr lächeln sehen?
"Ich kann ihn nicht retten, Daphne, aber ich weiß, wer es kann."
Daphne hörte abrupt auf zu schluchzen und stand auf. "Du weißt von jemandem und sagst es mir erst jetzt? Wer ist diese Person? Ich werde ihn sofort suchen gehen."
"Es ist nicht jemand, den du leicht finden kannst. Aber... es gibt einen Preis, den du zahlen musst."
"Was immer ich tun muss, ich werde es tun", antwortete Daphne, ohne an die Konsequenzen zu denken.
"Nun gut."
Achat schloss ihre Augen und begann, einige seltsame Worte zu rezitieren. Ihre faltigen, verkrampften Finger berührten einen Ring mit einem grotesken schwarzen Stein, der an ihrem Hals hing.
"Was willst du jetzt?"
Eine männliche Stimme ließ Daphne aufschrecken, die sich schnell umdrehte. Ihre bernsteinfarbenen Augen trafen auf dunkelbraune Augen und eine römische Nase.
Der Mann, der aus dem Nichts aufgetaucht war, war in der Tat sehr gutaussehend, obwohl sie spürte, dass sich hinter dieser Fassade eine dunkle Aura befand. Etwas Böses.
"Du musst mir einen Gefallen tun", begann Achat zu sagen. "Das ist Daphne Brooks. Sie hat einen Bruder, der Hilfe braucht. Sie muss einen Deal machen."
Der Mann betrachtete die junge Frau von Kopf bis Fuß. Obwohl ihr schlichtes graues Kleid viel zu wünschen übrig ließ, blieb er stehen und betrachtete ihr Gesicht. Sie war zweifelsohne eine hübsche junge Frau.
Kleine Sommersprossen zierten ihre Nase und ihre Wangen, die bernsteinfarbenen Mandelaugen unterstrichen ihr Gesicht, und ihr haselnussbraunes Haar war die perfekte Ergänzung zu einer gewöhnlichen Schönheit.
"Wer bist du?" fragte Daphne ihn. Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass man diesem Mann nicht trauen durfte.
"Rothvaln."
"Er ist ein Dämon", erklärte Achat.
Daphne sah sie ungläubig an und ein hysterisches Lachen brach in ihr aus.
"Dämon?", sagte sie und beobachtete Agate, die ernst blieb. Dann blickte sie wieder zu dem seltsamen, schwarz gekleideten Mann und zuckte bei ihrem offensichtlichen Spott nicht zusammen.
"Willst du, dass ich deinem Bruder helfe? Ja oder nein?" fragte Rothvaln sie mit einer plötzlichen Ungeduld.
"Du... Wie kannst du ihm helfen?" Daphnes Stimme war fast ein Flüstern.
"Ich kann ihm mehr Lebensjahre schenken, aber ich muss etwas dafür bekommen."
"Ich habe kein Geld..."
"Geld ist für euch Sterbliche nur ein Wertgegenstand. Ich verlange mehr als das."
Daphne verstand nicht, was sie ihm noch geben konnte? Vielleicht sollte sie sich ihm mit Leib und Seele hingeben? Ihm ihre Jungfräulichkeit geben?
"Ich werde mich dir hingeben, wenn... wenn du das wünschst", sagte sie zögernd.
Rothvaln lächelte sie an, aber es war nicht eines dieser Lächeln der Komplizenschaft oder des Humors. Es war vielmehr ein sardonisches Lächeln, voller Geheimnisse, die nur er kannte.
"Ich mag dich, Daphne", sagte Rothvaln leise und ihr Herz begann heftig zu klopfen. Angst, das war es, was sie in diesem Moment fühlte. "Drei Jahrhunderte für deinen Bruder, und du wirst für mich arbeiten."
"Für wie lange?"
"Ein halbes Jahrtausend? Aber wenn du mich verrätst oder mir nicht gehorchst, wird dein Bruder genau in diesem Moment aufhören zu existieren."
Daphne gingen viele Dinge durch den Kopf. Ihr Leben war bereits dem Untergang geweiht.
Ein Deal mit einem Dämon würde ihre Situation nicht verschlechtern, sondern eher verbessern. Und darüber hinaus würde James noch viele Jahre leben.
Egal, ob es nicht für immer war, was zählte, war, dass er drei weitere Jahrhunderte gesund leben würde und sie genug Jahre haben würde, um sie mit ihm zu teilen.
Ihre Seele verkaufen? Sich einem Dämon hingeben? Sie würde alles tun, um James zu retten und ihre Zeit mit ihm zu teilen. Sie starrte Rothvaln an und dann Achat.
Zum ersten Mal, seit sie sie kennengelernt hatte, sah Agate sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. Rothvaln verpasste diesen Moment nicht.
Es kam ihr sehr seltsam vor, dass sie in Kenntnis der Natur von Agate Brevil beschloss, diesem einfachen Sterblichen zu helfen.
Und zu seinem Pech konnte er der alten Frau nicht absagen, nicht, wenn sie das größte Geheimnis des Königreichs der Dämonen kannte und durch einen Pakt gebunden war.
"Abgemacht", sagte Daphne schließlich.
***
Gegenwärtige Zeit
Unaufhörlich fielen Wassertropfen auf das Gesicht einer Jägerin, einer Frau, die eine Schuld begleichen wollte.
Diejenigen, die einst einen Pakt mit einem Dämon geschlossen hatten und ihn nicht einhalten konnten, fürchteten, sie würde sie finden. Dieser Albtraum versteckte sich nun in den Schatten und wartete auf das nächste Ziel.
Daphnes Körper war mit einem schwarzen Hemd, einer Lederhose und Stiefeln bekleidet, die von einem schweren Umhang geschützt wurden, der ihre Figur verbarg und eine bedrohliche Aura verströmte.
Sie konnte nur beten, dass ihr nächster Auftrag nicht so beunruhigend sein würde wie der vorherige. Es hatte zwei Wochen gedauert, bis Daphne sich von einem Zauber erholt hatte, der sie ständig halluzinieren ließ.
Und wieder einmal war es Rothvaln zu verdanken, dass sie diesen Qualen entkommen konnte. Denn es war nicht leicht, ihren James auf jede erdenkliche Weise sterben zu sehen.
Daphne blickte erneut auf die Tür eines Hauses, das dem Zustand nach eher eine verfallene Hütte zu sein schien.
Ein schwaches Licht, möglicherweise von einer Kerze, war das Einzige, was das Innere erhellte. Donner und Regen waren ihre Begleiter an diesem Nachmittag.
Das Königreich der Hexen schien noch trostloser zu sein, vor allem in diesem Teil des Reiches, in dem nur diejenigen verblieben, die nicht in Evanoras elitäre Gesellschaft passten.
"Niemalsland" nannten sie dieses Stück Land. Es gab keine Pracht. Es gab Schlamm anstelle von Straßen, Häuser, die wie Hütten aussahen, alte Wagen, Hexen und Zauberer, die zerlumpt aussahen.
Der Unterschied zwischen ihnen und denen von hohem Rang war gewaltig.
Daphne rückte ihren Mantel noch einmal zurecht und verbarg ihre Gesichtszüge noch mehr unter der dunklen Kapuze. Ihre Schritte kamen immer näher an ihr Ziel heran.
In ihren Fingern hielt sie den grotesken Steinring, den Agate ihr vor Jahren gegeben hatte, bevor sie verschwand.
Aus irgendeinem Grund gab ihr das Schmuckstück den Trost, den sie brauchte, wenn sie am ängstlichsten war.
Das schlammige Wasser plätscherte bei jedem Schritt; der Geruch von Fäulnis war durch den Sturm vorübergehend verschwunden.
Häuser mit schäbigen Dächern und bröckelnden Mauern säumten die schmale, sumpfige Straße. Eine unheimliche Atmosphäre, wenn man bedenkt, wie gefährlich dieser Ort war.
Angst war das vernünftigste Gefühl, das sie jetzt empfinden konnte, nachdem sie wusste, was beim letzten Mal passiert war... aber sie hatte keinen anderen Ausweg.
Seit sie einen Pakt mit dem König der Dämonen selbst geschlossen hatte, war es ihre Aufgabe, jahrelang Schulden zu begleichen.
Sie stieg die beiden verfallenen Holzstufen hinauf, ungeachtet des Lärms, der ihre Anwesenheit verriet. Wenn die Jägerin von Rothvaln kam, gab es für niemanden eine Möglichkeit zu entkommen.
Viele Jahre harten Trainings, Blut auf ihrem Gesicht, Wunden, die nie zu heilen schienen, Hunderte von Folterungen, die nie zu enden schienen, das war das harte Training, das sie zu dem machte, was sie heute war.
Rothvaln vergewisserte sich, dass sie für diese Arbeit ausreichend geeignet war.
Ohne anzuklopfen, öffnete sie die Tür, und mit ihrer charakteristischen bedrohlichen Anmut trat Daphne schließlich ein. Sie begutachtete den Ort.
Eine Kerze saß fast geschmolzen auf einem Tisch und eine andere, fast neue, stand am Rande eines Fensters. Der dunkelgrüne Baumwollmantel verriet das Gesicht der Gefahr.
Daphnes Blick ruhte auf dem Rücken einer Frauengestalt, die in der Ecke kauerte. Sie war mit Lumpen bedeckt, die einmal weiß gewesen zu sein schienen. Ihr Haar sah golden aus, und junge Arme stützten ein verborgenes Gesicht.
Kaum hörbare Schluchzer kamen von der seltsamen Gestalt. Das Licht im Inneren wurde schwächer, als die fast geschmolzene Kerze schließlich erlosch.
Vorsichtig näherte sich Daphne ihrem Ziel. Der Dolch, der an ihrem Oberschenkel steckte, wartete darauf, endlich eingesetzt zu werden.
"Filix Wood", begann Daphne zu sagen.
Der Körper der Frau zitterte und sie schluchzte verzweifelt.
"Sich gegen einen Dämon zu verschwören ist Hochverrat im Königreich Rothvaln..."
Ihr hysterisches Lachen ließ Daphne aufhören zu sprechen. Die Frau saß immer noch zusammengekauert da, den Kopf zwischen ihren Armen und Knien versteckt.
"Rothvaln...?" Ein Gesicht zeichnete sich aus dem Lachen ab. Die Frau sah so jung aus wie ihre Arme. Sie hatte grüne Augen und dicke Lippen.
"Ich weiß, was niemand weiß..." Die Frau lachte weiter wie wild.
Daphne sah sie ohne einen Hauch von Gefühl an. Ihr kaltes Gesicht verriet nicht, dass sie neugierig war, wovon diese Hexe sprach.
"Antequrom", sagte sie wieder lachend.
Antequrom? Was bedeutet das? Es war das erste Mal, dass sie dieses Wort hörte.
"Was ist Antequrom?" fragte Daphne.
Die Frau, die immer noch auf dem Boden saß, drehte sich zu ihr um. Ihr verrücktes Lachen verstummte und sie schenkte Daphne ein stummes Lächeln, ohne ihre Zähne zu zeigen.
"Niemand weiß es... niemand weiß es... jeder wird sterben... er wird sterben... jeder wird sterben... undankbare Menschen..." Die Frau begann, sich immer wieder zu wiederholen.
Als Daphne gerade eine weitere Frage stellen wollte, warf sich das junge Gesicht der Frau auf sie.
Wo einst ein Paar Arme und ein jugendlicher Teint waren, waren jetzt nur noch Falten und von den Jahren abgetragene Haut zu sehen.
Die Hexe stürzte sich auf Daphne und versuchte, ihr mit ihren langen, schmutzigen Fingernägeln die Augen auszukratzen.
Daphne gab ihr einen Schlag auf die Nase, so dass die Hexe zurückwich. Daphne nutzte diesen Moment und stand auf. Ihre rechte Hand umklammerte den Hals der Hexe und würgte sie fest, während sie sie vom Boden hochhob.
Die Hexe versuchte verzweifelt, sich aus ihrem Griff zu befreien, und Daphne drückte noch fester zu. Das Stöhnen hörte mit dem Geräusch des gebrochenen Halses auf.
Der Körper der Hexe fiel auf den Boden. Daphne sah sie von oben an, ohne jegliche Miene oder Gewissensbisse.
Es war schon lange her, dass sie diese Emotionen, diese Schuldgefühle, überwunden hatte.
Anfangs litt sie unter jedem Opfer, das ihr in die Hände fiel, aber James' Gesicht war das Einzige, das sie jeden Morgen aufstehen und ihre Aufgabe erfüllen ließ.
Sie konnte nicht alles wegwerfen, was sie bis jetzt erreicht hatte. James im Stich lassen? Nicht, wenn sie sich freute, ihn glücklich zu sehen, wie er all die Jahre gelebt hatte. Sie hatte ihre Entscheidung nie bereut.
Während der Regen weiter fiel, zog Daphne einen Gegenstand hervor, der um ihren Hals hing. Die runde, schwarze Eisenstruktur trug die Insignien des Reichs der Dämonen.
Wellen aus Eisen bildeten Flügel, die ein Symbol in der Mitte hielten, das wie eine Raute aussah, aber an der vierten Spitze ragte eine Art Dolch heraus, zumindest schien es so zu sein.
Daphne hielt die Medaille nahe an das Gesicht der Hexe. Die faltige Haut begann zu brennen und formte das Objekt. Jedes Wesen, das sich nicht an die Abmachung hielt, würde diese letzte Strafe erhalten.
Sie alle würden das unrühmliche Schicksal erleiden und ausnahmslos alle würden das Zeichen eines Schuldners des Königreichs Rothvaln erhalten.
Sie legte sich die Medaille wieder um den Hals und hinterließ einen leblosen Körper und eine Narbe in ihrem Gesicht. Jeder wusste, was das bedeutete. Die Hexe hatte einen Pakt mit einem Dämon geschlossen und hielt ihn nicht ein.
Daphnes Blick fiel auf das kleine Kristallgefäß, das am Hals des leblosen Körpers hing und eine rote Flüssigkeit enthielt. Sie zog es von ihrem Hals.
Es war nicht das erste Mal, dass sie ein solches Gefäß mit Blut gefunden hatte, das von den Hexen Daemon Touch genannt wurde, obwohl es nichts anderes als Dämonenblut war, so tödlich wie ein Fae-Kuss.
Sie zog ihren Mantel wieder über den Kopf, drehte sich um und verließ den Ort, um sich in das Reich der Dämonen zu begeben.

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