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Die Chicago Bratwa Saga Buch 3

Autor:in
Renee Rose
Gelesen
19,2K
Kapitel
24
Autor:in
Renee Rose
Gelesen
19,2K
Kapitel
24
😱Thriller🌼Jungfrau💍Arrangierte Ehe🎭Drama🏙️Zeitgenössisch💪🏻Beschützer💰Milliardäre💪🏻Alpha-Männchen💪Starke Frauen🥵Erotik🖤Dunkel🔫Mafia🔒Erzwungene Nähe

Sie ist meine Schwäche, meine Obsession. Und jetzt meine Gefangene. Ich habe zwölf lange Jahre in einem sibirischen Gefängnis verbracht. Seit meiner Entlassung hat mich nichts mehr wirklich interessiert. Nichts außer ihr. Woche für Woche sehe ich zu, wie ihre Band auftritt. Ich bekomme sie nicht aus dem Kopf. Als meine Vergangenheit mich einholt, wird sie zur Zielscheibe. Der einzige Weg, sie zu retten, ist, sie wegzusperren. Sie gefangen zu halten, bis sich der Sturm gelegt hat. Sie wird mir das nie verzeihen, doch ich kann es nicht erklären. Ich kann nicht reden.

Für Leserinnen, die einen grüblerischen, moralisch verkommenen Vollstrecker lieben, mit einer besitzergreifenden Energie nach dem Motto „fass sie an und stirb“ – und ohne jede Gnade, außer bei ihr. Gefangenschafts-Romance, düstere russische Mafia-Atmosphäre und ein garantiertes Happy End.

Erstes Kapitel

Sasha

Die Männer meines Vaters sagen, dass er nur noch wenige Tage zu leben hat. Vielleicht sogar nur Stunden. Wir befinden uns in seinem Haus in Moskau – einer Residenz, die zu betreten mir nie zuvor gestattet worden war.
Ein Ort, den ich gehasst habe, seit ich ein kleines Mädchen war.
Jetzt bedeutet er mir wenig. Ebenso wie sein bevorstehender Tod.
Ich kann nicht behaupten, den Mann zu lieben. Er war ein furchtbarer Vater und ein noch schlimmerer Partner für meine Mutter. Partner, nicht Ehemann – nein, er hätte sie nicht heiraten können.
Das ist gegen den Bratwa-Kodex.
Sie war dreißig Jahre lang seine Geliebte, bis er sie letzte Woche darüber informiert hat, dass sie nun die Geliebte von Vladimir wäre, seiner rechten Hand. Genau – er hat seine Geliebte wortwörtlich einem anderen Mann überschrieben. Als ob sie eine Hure wäre, die sein Eigentum ist. Nein, schlimmer noch als eine Hure – als ob sie seine Sklavin wäre.
Sie hatte in der Sache keine Wahl.
Wie schon gesagt, er ist kein guter Mann, mein Vater.
„Komm, Sasha, dein Vater will dich sehen“, sagt meine Mutter gedämpft. Meine ehemals wunderschöne Mutter sieht plötzlich alt aus. Sie ist blass, ihr Gesicht eingefallen und angespannt vor Trauer.
Trotz allem liebt sie meinen Vater noch immer zutiefst.
Ich folge ihr in sein Zimmer. Er wollte nicht in einem Krankenhaus sterben, also wurde sein großes Schlafzimmer in ein Krankenzimmer umgewandelt. Um sein Bett herum stehen medizinische Geräte und er wird rund um die Uhr von Krankenschwestern betreute. Die Vorhänge sind aufgezogen und die Sommersonne scheint durch die großen Fenster.
„Aleksandra.“ Er spricht mich mit meinem vollen Namen an.
Ich zucke zusammen. Er ist so respekteinflößend wie eh und je, obwohl er abgemagert und zerbrechlich in seinem purpurroten Morgenrock aussieht. Sein Gesicht hat eine graue, todkranke Farbe.
„Komm.“ Er ruft mich an seine Seite. Ich leiste seinem Befehl widerwillig Folge. Ich mag dreiundzwanzig sein, aber etwas an diesem Mann vermittelt mir noch immer das Gefühl, ein verirrtes Kind zu sein. Er nimmt meine Hand und ich muss mich bemühen, bei der Berührung seiner trockenen, knochigen Finger nicht zu erschaudern.
„Sasha, ich werde für dich sorgen“, sagt er. Hustet.
Ich schlucke.
Für uns zu sorgen war das einzig Gute, was er für mich und meine Mutter je getan hat. Ich sollte dankbar sein. Wir haben unser ganzes Leben im Luxus verbracht. Ich konnte sogar das College meiner Wahl besuchen – die University of Southern California, wo ich Schauspiel studiert habe. Aber natürlich hat er mich zurück nach Moskau beordert, sobald ich meinen Abschluss in der Tasche hatte.
Und ich bin zurückgekehrt, weil er die Kontrolle über den Geldhahn hat.
Wenn er mir in seinem Testament genug Geld vermacht, werde ich nach Amerika zurückkehren und meine Träume verfolgen.
„Dein Ehemann wird heute eintreffen.“
Zunächst verstehe ich nicht, was er sagt. Ich blinzle. Blicke über meine Schulter zu meiner Mutter. „Wie bitte?“ Ich muss ihn ganz sicher missverstanden haben.
„Der Mann, der dich heiraten wird. Um dich zu beschützen und deine finanziellen Interessen zu verwalten.“
Ich ziehe meine Hand aus seiner. „Wie bitte, was?“
Zorn flackert in den Augen meines Vaters auf und mein Körper reagiert augenblicklich und beginnt zu zittern. Ganz egal, wie sehr ich mich bemühe, mich davon nicht aus der Fassung bringen zu lassen, ich bin immer noch das kleine Mädchen, das verzweifelt versucht, ihm zu gefallen, seine Liebe zu gewinnen. Ihn dazu zu bringen, mich zu sehen und mir seine Aufmerksam zu schenken.
Natürlich zeige ich das nie. Mittlerweile habe ich schon sehr lange den rebellischen Teenager für ihn gespielt. Ich werfe nachdrücklich meine Haare in den Nacken. „Ich werde niemanden heiraten.“
Er deutet mit dem Finger auf mich. „Du wirst tun, was ich dir sage, und dankbar sein, dass ich einen Weg gefunden habe, um dich zu beschützen und für dich zu sorgen, wenn ich unter der Erde bin.“ Ein paar Speicheltropfen fliegen aus seinem Mund.
Mein Magen dreht sich um. Es ist zu verstörend, zu beobachten, wie der Tod sich über ihn hermacht, um nicht davon berührt zu werden, aber ich will nicht, dass es mir etwas ausmacht. Ich will ihn einfach weiterhin hassen können.
Ich hasse ihn.
„Wer?“, verlange ich. „Wen soll ich heiraten?“
Ein Klopfen an der Tür ertönt und mein Vater nickt, als ob er zufrieden wäre. Vladimir betritt das Zimmer. „Maxim ist da.“
Mir stockt der Atem, als ob mir jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst hätte.
Maxim.
Doch ganz sicher nicht? Was für einen kranken, verdrehten Plan hat mein Vater denn da ersonnen?
Maxim, der charmante, mächtige, ehemalige Protegé meines Vaters? Den ich durch meine Lügen ins Exil vertrieben hatte?
Maxim betritt das Zimmer und ich weiche von der Seite meines Vaters zurück in die dunkle Zimmerecke, wo meine Mutter steht, die alles genau beobachtet, besorgt, die Hände ringt. „Du hast davon gewusst“, klage ich sie an.
Tränen schwimmen in ihren Augen. Darüber bin ich froh, weil es mir hilft, meine eigenen hinunterzuschlucken.
„Maxim“. Mein Vater hält ihm seine Hand hin.
Maxim wirft einen Blick in unsere Richtung und ich will gehen, aber meine Mutter greift nach meinem Arm und hält mich fest. Vladimir kommt ebenfalls ins Zimmer, positioniert sich vor der Tür, als ob er den Ausgang versperrt. Er sieht aus wie ein Gefängniswärter.
Maxims gut aussehendes Gesicht ist ausdruckslos. Allein sein Anblick, nach sechs Jahren, lässt mein Herz höher schlagen. Er trägt noch immer dieselbe undurchdringliche Maske. Ich erinnere mich. Er muss mich sicherlich hassen nach allem, was ich ihm angetan habe. Er greift nach der Hand meines Vaters, kniet sich neben das Bett. „Papa.“
Papa. So nennen sie meinen Vater, weil er ihr Anführer ist. Ich glaube, auf eine Art war er auch wie ein Vater für Maxim, der, so erinnere ich mich, mit vierzehn aus einem Waisenhaus abgehauen ist. Vermutlich war er ein besserer Vater für ihn als für mich, sein eigenes Fleisch und Blut.
„Endlich bist du hier“, krächzt mein Vater und legt seine freie Hand auf Maxims Schulter wie ein Priester, der ihn segnet. „Ich habe eine letzte Bitte, Maxim.“
„Was ist es?“ Maxims Stimme ist leise und ehrfürchtig. Wenn man sie so beobachtet, würde man nie denken, dass mein Vater Maxim verbannt hatte, nicht nur aus seiner Gegenwart, sondern sogar aus dem Land.
„Hast du den Diebeskodex befolgt?“
Maxim nickt.
„Du hast keine Frau, keine Familie?“
„Njet.“
„Gut. Du wirst den Kodex jetzt brechen und Sasha heiraten“, sagt mein Vater.
Auch wenn ich es halb erwartet hatte, treffen mich diese Worte dennoch wie eine Flutwelle, brechen über mir zusammen, reißen mich in eine Panik.
Maxim hat mir seine breiten Schultern und seinen Rücken zugewandt und ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber er muss ebenso schockiert sein wie ich.
Langsam erhebt er sich aus seiner knienden Position, steckt seine Hände in die Hosentaschen und wartet ab, erwidert nichts.
„Ich werde Sasha meine sämtlichen Anteile an den Erdölquellen vermachen, solange sie mit dir verheiratet ist. Du wirst ihre Finanzen verwalten und sie vor Bedrohungen beschützen. Wenn sie stirbt, bevor sie Kinder bekommen hat, gehen die Anteile an Vladimir über, der damit beauftragt ist, die Moskauer Zelle zu führen und für Galina, Sashas Mutter, zu sorgen.“
„Du verkaufst mich“, stoße ich aus meiner Zimmerecke hervor.
Das tut er – genauso, wie er meine Mutter verkauft hat.
„Ruhe!“ Mein Vater wirft eine Hand in die Luft, deutet in meine Richtung, lässt sich aber nicht einmal dazu herab, mich anzuschauen.
Maxim, hingegen, dreht sich zu mir um. Er mustert mich lange und gründlich, denkt vermutlich daran, wie ich sein Leben ruiniert habe. Er könnte nun an Vladimirs Stelle an der Spitze der Bratwa stehen, wenn ich nicht gewesen wäre.
Ich presse die Lippen zusammen, damit er nicht sieht, wie sie zittern.
„Sie ist keine Jungfrau mehr“, sagt mein Vater, als ob er sich dafür entschuldigen würde, minderwertige Ware zu liefern.
Ich möchte mich am liebsten übergeben.
„Sie hatte eine wilde Zeit, in der ich keine Kontrolle über sie hatte, als sie in Amerika aufs College gegangen ist. Aber andererseits bist du auch an amerikanische Frauen gewöhnt, oder nicht?“
Maxim erwidert noch immer nichts.
„Du wirst das für mich tun“, sagt mein Vater. Es ist keine Frage, es ist ein Befehl, aber er mustert Maxims Gesicht aufmerksam, sucht nach Reaktionen. „Nimm sie mit nach Chicago. Halte sie von dem ganzen Ärger hier fern – sicher und unversehrt. Genieß ihren Wohlstand.“
Maxim fährt sich mit der Hand über das Gesicht.
„Du kannst sie für die Lügen bestrafen, die sie über dich erzählt hat. Nichts für ungut, ja? Du bist gut zurechtgekommen in Amerika. Ich habe gehört, Ravil lebt wie ein König und du profitierst davon.“
Ich werde ganz still, als ich höre, dass mein Vater weiß, dass ich gelogen habe.
„Und wenn ich zuerst sterbe?“, fragt Maxim, ganz der Geschäftsmann. Das hier ist eine Transaktion. Mein Vater bietet ihm eine Aussteuer für meine Hand an. „Wer hat den Treuhandanteil an Sasha?“
„Vladimir“, antwortet mein Vater.
Maxim nickt eilig, fast unmerklich. Vladimir ist mit im Zimmer, aber Maxim schaut ihn nicht an. „Übertrage sie an Ravil“, sagte er. Ravil ist der Boss der Bratwa-Zelle in Chicago und somit Maxims Boss, seit er des Landes verwiesen wurde.
Vladimir verlässt augenblicklich das Zimmer.
„Du wirst das für mich tun“, wiederholt mein Vater und blickt Maxim an.
Maxim neigt den Kopf. „Das werde ich.“
„Sei meiner Familie gegenüber nicht respektlos, indem du meiner Tochter gegenüber nicht respektvoll bist.“
„Niemals“, erwidert Maxim sofort. Er dreht sich zu mir um und mustert mich. Etwas in meinem Magen flattert, als ich seinen düsteren Blick auf mir spüre. Wenn mein Vater seinen Willen bekommt, werde ich diesem Mann gehören. Er wird mich vollkommen kontrollieren. Mein ganzes Schicksal liegt in seiner Hand.
Aber ich werde mich ihm nicht zu Füßen legen und die unterwürfige, anbetende, allzeit verfügbare Geliebte spielen, wie meine Mutter es getan hat.
Drauf geschissen.
Ich werde mich wehren.

Maxim

Fick. Mich.
Nie im Leben könnte ich Igor seinen letzten Wunsch auf dem Sterbebett abschlagen – oder seinen Befehl, so wie es aussieht, Aber es ist ein verfluchter Knaller.
Ich muss Sasha heiraten, seine mafiya-Prinzessin, ein richtiges Miststück. Die mein Leben ruiniert hat. Nicht, dass ich es bedauern würde, Moskau verlassen zu haben. Igor hat recht – das Leben in Chicago unter Ravils Herrschaft ist viel einfacher. Ich habe nicht permanent das Gefühl, dass mir jemand einen Dolch in den Rücken stoßen will, so wie es hier der Fall war. Aber jetzt wird es wieder so sein.
Natürlich, nur deshalb will er, dass ich sie heirate.
Igors Anteile an den Erdölquellen sind mindestens sechzig Millionen wert. Und seine Kollegen sind widerwärtig, gelinde gesagt. Wir sind schließlich eine Bruderschaft von Dieben. Ich muss also annehmen, dass mindestens dreißig Männer darauf aus sein werden, dieses Vermögen an sich zu reißen, auf welche Art und Weise auch immer – indem sie Sasha umbringen, mich umbringen oder sogar die gesamte Chicagoer Zelle auslöschen.
Aber ich bin der Mittelsmann. Genau wie Ravil ein meisterlicher Stratege. Ich habe den Ruf, meinen Gegnern immer einen Schritt voraus zu sein. Igor weiß, seine Freunde wie seine Feinde werden es sich zweimal überlegen, bevor sie versuchen, sein Vermögen in die Finger zu bekommen, selbst wenn es sich in meinem Besitz befindet.
Ich werfe einen Blick auf meine unwillige, manipulative Braut. Sie ist sogar noch schöner, als sie es mit siebzehn war, damals, als ich sie nackt in meinem Bett liegend vorgefunden hatte, wild entschlossen darauf, mich zu verführen.
Sie ist zum Sterben schön, wie ihre Mutter. Langes, dickes, rotes Haar. Hohe Wangenknochen, Haut wie Porzellan. Sie hat lebendige, blaue Augen und einen Kussmund. Ihr Blick ist voller Verletzung und Wut.
Bljad. Sie ist ganz sicher eine Handvoll.
Vladimir kehrt mit den Dokumenten und einem nervös aussehenden Regierungsbeamten zurück – einem Beamten des öffentlichen Diensts, nehme ich an. Jemand hat ihn vermutlich bestochen oder ihm gedroht, um diese Angelegenheit zu einem Hausbesuch zu machen, anstatt dass wir alle zum Standesamt gehen müssen.
Wenn es irgendjemand anderes als Igor wäre, würde ich darauf bestehen, das Testament einzusehen, um sicherzustellen, dass alles so notiert ist, wie er behauptet. Aber es ist Igor, der Mann, der mit wortwörtlich das Leben gerettet hat, mich unter seine Fittiche genommen hat und mich zu dem Mann gemacht hat, der ich heute bin. Ich werde ihn nicht beleidigen. Wenn es sein letzter Wunsch ist, dass ich seine Tochter heirate, dann werde ich das tun.
Immerhin könnte Vladimir versuchen, meiner Braut ihr Vermögen abzuluchsen, was genau der Grund ist, weshalb Igor mich in dieses Chaos mit hineingezogen hat. Ich spreche leise und respektvoll. „Willst du, dass ich es erst überprüfe, Papa?“
Er mustert mich für einen Augenblick, dann nickt er, also nehme ich den Stapel Papiere und überfliege sie, so schnell ich kann. Es gibt Vorkehrungen für Galina, aber sie laufen ausschließlich über Vladimir. Abgesehen von den Erdölanteilen, Igors einzigem legalen Geschäft, geht alles an Vladimir, mit der strikten Auflage, dass er Galina monatlichen Unterhalt zahlen und für ihren Schutz sorgen muss.
Die Anteile an den Erdölquellen gehen in einen Treuhandfonds für Sasha, mit mir als Treuhänder. Wir müssen verheiratet bleiben oder wir verwirken die Anteile und sie fallen Vladimir zu, oder, in seiner Abwesenheit, an Galina. Wenn Sasha zuerst stirbt, wird Vladimir der Treuhänder. Wenn ich zuerst strebe, Ravil. Ich nicke, dann halte ich Igor die Dokumente hin, damit er unterschreiben kann.
Der Standesbeamte räuspert sich und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen.
„Wir sind so weit“, sagte ich ihm.
Galina schiebt eine wutschnaubende Sasha vor und sie landet neben mir. „Das passiert doch nicht wirklich“, beschwert sie sich auf Englisch, vielleicht, damit ihr Vater sie nicht verstehen kann. Sie hat Glück, dass sie die Sprache kann, oder ihr neues Leben würde noch tausendmal schwerer werden.
„Haben Sie Ringe, die sie tauschen können?“, fragt mich der schwitzende Beamte.
„Nein.“ Ich schüttle den Kopf.
Igor zieht einen Platinring von seinem kleinen Finger. Er hat ihn getragen, solange ich ihn kenne. Ich erinnere mich, wie er mir Dinge gesagt hat wie: „Ich habe auch mit nichts begonnen, Maxim, und jetzt trage ich Platinringe.“
Seine Hand zittert, als er mir den Ring reicht. Sein Atem geht schwer.
Galina bemerkt es und kommt an seine Seite. „Ist alles in Ordnung, mein Liebling? Brauchst du mehr Morphium?“
„Machen Sie schon.“ Igor winkt dem Beamten ungeduldig zu. „Verheiraten Sie sie.“
Der Beamte schluckt, dann beginnt er mit einer kurzen Ausführung zum Tausch der Ringe. Ich stecke Sasha Igors Platinring an und weise den Beamten an, die Stelle zu überspringen, als ihr Ring für mich an der Reihe ist.
„Ich erkläre Sie hiermit zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“
Ich schaue Sasha an, aber sie wendet den Blick ab, also gebe ich ihr einen Kuss auf die Wange. „Erledigt“, sage ich zu Igor.
„N-nachdem Sie die Urkunde unterschrieben haben“, stammelt der Beamte.
Ich reiße ihm den Stift aus der Hand und schmiere eine eilige Unterschrift auf das Papier, dann halte ich Sasha den Stift hin.
Ihre Finger greifen nicht danach. Sie schaut mich an, Rebellion funkelt in ihren ozeanblauen Augen. Als ob einer von uns diesen Ball aufhalten könnten, der lange, bevor wir dieses Zimmer überhaupt betreten haben, schon ins Rollen gebracht wurde.
„Unterschreibe!“, fährt Igor sie an. Oder er versucht zumindest, sie anzufahren, aber es klingt mehr wie ein verärgertes Pfeifen.
Galinas Mund wird schmal. „Tu es, Sasha.“
Sasha greift nach dem eleganten Füllfederhalter, die Muskeln in ihrem Kiefer spannen sich an und sie unterschreibt die Urkunde.
Zuletzt unterschreibt der Standesbeamte und nickt Vladimir zu. „Alles vollständig. Ich kann es innerhalb der nächsten Stunde erfassen lassen.“ Seine Hände zittern, als er die Eheurkunde zurück in die Mappe steckt, die er gegen seine Brust gedrückt hat.
„Gut. Bringen Sie die Kopien wieder her, dann erhalten Sie den Rest ihrer Bezahlung.“
Der Beamte verlässt wie von der Tarantel gestochen das Zimmer und wir wenden uns alle Igor zu, dessen Atem mittlerweile zu einem Keuchen geworden ist.
„Er braucht Morphium!“, blafft Galina Vladimir an, der eine der Krankenschwestern ruft.
Das ist alles zu viel, um es zu verarbeiten. Igor, der stirbt. Meine plötzliche Heirat. Meine verbitterte Braut.
„Sasha“, keucht Igor. Er windet sich unruhig auf dem Bett hin und her, seine Beine zucken unter der Decke und er scheint keine Luft zu bekommen. Oder Schmerzen zu haben. Seine Lippen werden blau. „Komm.“
Als sie sich nicht von der Stelle rührt, lege ich behutsam die Hand auf ihren unteren Rücken und schiebe sie vorwärts. Die Schwester tropft Morphium direkt auf Igors Zunge. Er greift nach der Hand seiner Tochter.
„Sasha“, wiederholt er.
„Was ist?“ Ich kann Tränen in ihrer Stimme hören. Und Wut.
„Vertraue … Maxim“, sagt er.
Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen und Beinen aus. In meinem Nacken. Igors Angst um ihr Leben ist womöglich noch größer, als ich ursprünglich geglaubt hatte. Oder er hat Angst, dass Sasha das Weite suchen wird.
Bljad.
Er atmet rasselnd ein. Dann nichts.
„Igor!“, ruft Galina.
„Papa?” Sasha klingt alarmiert.
Igor atmet noch einmal ein.
„Oh!“ Galina seufzt auf.
Aber es war sein letzter Atemzug. Sein Körper zuckt, als das Leben ihn verlässt.
Zum ersten Mal blickt Galina mich an. „Er hat gewartet, bis du hier bist“, sagt sie, aber es ist ein Vorwurf, kein Kompliment.
Ich habe zu lange damit gewartet, zurückzukommen. Ich habe mich vor seinen Anrufen gedrückt, wollte nicht herausfinden, was es war, das er mir geben wollte, bevor er starb.
Ich hatte Angst, es würde seine Position als Anführer der Moskauer Bratwa sein. Oder irgendeine andere hohe Stellung. Ich hatte geglaubt, er wollte mich zurück in den Dienst beordern.
Nicht in einer Million Jahre hätte ich damit gerechnet, dass ich seine Tochter heiraten soll.
„Möge ihm die Erde leicht sein“, murmle ich den traditionellen Spruch, dann verlasse ich das Zimmer.
Ich habe keine Zeit, den Verlust eines Mannes zu betrauern, der mich schon vor sechs Jahren aus seinem Leben verbannt hatte. Ich muss mir darüber Gedanken machen, wie ich seine dickköpfige Tochter beschützen kann, obwohl sie absolut kein Verlangen danach hat, sich an mich zu binden.

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