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Die Chicago Bratwa Saga Buch 9

Autor:in
Renee Rose
Gelesen
17,4K
Kapitel
16
Autor:in
Renee Rose
Gelesen
17,4K
Kapitel
16
😱Thriller🌼Jungfrau💍Arrangierte Ehe🎭Drama🏙️Zeitgenössisch💪🏻Beschützer💰Milliardäre💪🏻Alpha-Männchen💪Starke Frauen🥵Erotik🔒Erzwungene Nähe🖤Dunkel🔫Mafia

Sie ist meine Gefangene. Meine Geisel. Ich werde sie zum Reden bringen.

Die Bratva drückte mir mit dreizehn Jahren eine Waffe in die Hand. Gab mir Freiheit, ein Gefühl der Zugehörigkeit und die Familie, die ich nie hatte.

Auf keinen Fall lasse ich zu, dass dieses schmale Ding von einer Frau meinem Boss schadet. Egal, wie schön sie ist. Wie betörend. Wie schmerzhaft zerbrechlich.

Eine Frau zu verletzen kommt für mich jedoch nicht infrage. Also werde ich andere Wege finden, sie zu quälen. Andere, weit angenehmere Wege. Und am Ende wird meine kleine Gefangene all ihre Geheimnisse preisgeben. Am Ende: wird sie mir gehören.

1

Adrian

Komm schon raus, dijetka. Ich warte.
Ich lehne mit der Schulter an einer Backsteinwand, beobachte den Eingang zum Wohnhaus auf der gegenübergelegenen Straßenseite, wo meine Zielperson wohnt, Kateryna Poval. Der unablässige Liverpooler Regen hat für einen Augenblick nachgelassen, aber der Nebel wabert noch immer dicht über dem Gehweg und behindert hin und wieder meine Sicht.
Ein Mädchen, das auf Katerynas Beschreibung passt, kommt aus der Wohnung, aber das kann sie nicht sein. Das Mädchen sieht zu jung aus. Ihre langen Haare hat sie zu zwei Zöpfen geflochten und sie trägt eine Schuluniform: Kniestrümpfe und einen kurzen Faltenrock, dazu eine weiße Bluse …
Hm. Moment. Vielleicht ist sie nicht so jung, wie ich dachte.
Die Bluse hat sie unter ihren Brüsten verknotet, sodass ihr nackter Bauch zu sehen ist, und der Ausschnitt ist für eine Schuluniform viel zu weit aufgeknöpft und gibt den Blick auf einen ziemlich beeindruckenden Vorbau frei. Und sie trägt weder Blazer noch Krawatte. Außerdem ist der Rock viel zu kurz.
Und außerdem ist es zehn Uhr abends.
Das ist also keine Schülerin in Uniform, es ist meine Zielperson in irgendeiner Verkleidung. Sie hat einen winzigen Rucksack über eine Schulter geworfen, um das Schulmädchenbild zu vervollständigen, auch wenn der Rucksack eher die Größe eine Handtasche hat und nicht aussieht, als könne sie darin Bücher oder Ordner verstauen.
Warum trägt sie keine verdammte Jacke? Es ist nicht so eisig kalt wie in Chicago oder Russland, aber England im Januar ist trotzdem kalt, um Himmels willen. Ich weiß nicht, warum mir das etwas ausmacht, aber es stört mich.
Ich ducke mich in die Schatten, folge der jungen Frau auf der anderen Straßenseite.
Es war beinah unmöglich, irgendwelche Fotos von Kateryna aufzutreiben – sie hat keinerlei Profile auf den sozialen Medien, was für eine junge Frau von zwanzig vollkommen unerhört ist – aber unser Hacker konnte sich in die Dateien ihrer Sekundarschule einhacken und hat ein älteres Foto gefunden.
Leon Povals Tochter ist auf eine Privatschule gegangen, wo sie unter dem Nachnamen Kovalenko angemeldet war, aber sie hat die Schule bereits vor zwei Jahren abgeschlossen. Nun studiert sie hier in Liverpool an einer kleinen Kunsthochschule, was mir irgendwie seltsam vorkommt. Solche Schulen muss es doch auch sicher in der Ukraine geben. Vielleicht glaubt Poval, sie wäre hier besser versteckt.
Mir ist das alles vollkommen egal, solange sie einen Pulsschlag hat und als Druckmittel gegen ihn eingesetzt werden kann.
Ich gehe ihr bis zur Bushaltestelle hinterher, wo sie sich auf die Rückenlehne einer Betonbank setzt, ihre Füße – die in Plateauschuhen stecken – auf der Sitzfläche abgestellt. Sie wirft einen ihrer dunklen Zöpfe über die Schulter und bläst eine Kaugummiblase. Ich kann nicht genau sagen, ob sie wirklich nur ein trotziger, übergroßer Teenager ist oder ob sie irgendeinen Schulmädchen-Fetisch hat. Ich glaube, es gibt einen japanischen Modetrend, bei dem man sexy Schuluniformen trägt, und vielleicht ist das ihr Ding. Oder ist sie womöglich eine Stripperin? Ich meine mich daran zu erinnern, wie Pavel mir erzählt hat, dass dieses Schulmädchending ein beliebtes Stripperinnen-Outfit ist. Oder hat er von den BDSM-Kerkern gesprochen, die er immer besucht? Weiß der Teufel. Ich komme nicht oft aus dem Haus. Nicht bei dem fragilen Zustand meiner Schwester.
Ich hole mein Handy hervor und studiere das Foto, das Dima mir geschickt hat, vergleiche es mit der jungen Frau an der Bushaltestelle.
Das Mädchen auf dem Foto passt hundertprozentig. Auf dem Bild ist sie natürlich ein paar Jahre jünger und trägt eine etwas konservativere Uniform, einschließlich Blazer und Krawatte, und wirkt so jung und unschuldig wie diese Version hier anzüglich wirkt.
Der Bus kommt angefahren und ich überquere die Straße, bleibe etwas zurück, bis sie eingestiegen ist, dann steige ich ebenfalls ein und lasse mich auf einen Sitz ganz vorn beim Fahrer sinken. Ich ziehe meine Wollmütze tiefer in die Stirn. Sie sitzt hinter mir, aber ich kann ihre Reflexion in der Windschutzscheibe sehen.
Sie hat einen schmalen, goldenen Nasenring und steckt sich Kopfhörer in die Ohren, dann scrollt sie durch ihr Handy. Sie hat mich nicht bemerkt, was gut ist, denn ich habe nicht vor, sie heute Nacht schon zu schnappen.
Das Frachtschiff, auf dem ich ihre Überfahrt nach Amerika arrangiert habe, wird erst in ein paar Tagen anlegen. Im Augenblick behalte ich sie nur im Auge. Vermutlich ist das nicht mein cleverster Zug, denn ich habe keinerlei Übung in Unauffälligkeit, wenn es um Stalking geht. Ich will sie nicht auf meine Anwesenheit aufmerksam machen. Aber ich will sie auch nicht verlieren. Seit mittlerweile einem Jahr suche ich nach ihrem Vater. Seit er mir durchs Netz gegangen ist, nachdem ich seine Bude voller Sexsklavinnen abgefackelt habe, die er als Sofafabrik getarnt hatte.
Als Dima, mein Bratwa-Bruder und der beste Hacker von ganz Russland, mir erzählt hat, er hätte herausgefunden, dass Poval eine Tochter hat, musste ich diese Chance einfach ergreifen.
Ich werde ihr nichts tun. Nicht so, wie Poval Nadia etwas angetan hat.
Aber ich werde verdammt noch mal sicherstellen, dass er das glaubt. Ich will, dass er leidet und glaubt, ich würde jede einzelne Demütigung und jedes Trauma an seiner Tochter wiederholen, die er meiner Schwester zugefügt hat.
Der Bus stoppt an mehreren Haltestellen und schließlich steigt Kateryna aus. Ich warte ein paar Sekunden, bis sich die Türen schon schließen, dann stürze ich auf die Vordertür zu, dass der Busfahrer laut flucht und die sich schließende Tür wieder öffnet.
Ich springe aus dem Bus, ohne dass sie mich bemerkt, und folge ihr in einiger Distanz. Sie ist in einem zwielichtigen, industriellen Teil der Stadt ausgestiegen, aber es parken jede Menge Autos am Straßenrand. Irgendwas geht hier definitiv vor sich. Eine Party in dem alten Fabrikgelände. Oder vielleicht gibt es in Liverpool noch Raves. Wie auch immer, ich werde das heruntergekommene Gebäude ebenfalls betreten müssen, wenn ich sie nicht verlieren will. Sieht so aus, als ob es brechend voll wäre.
Ich beobachte sie, wie sie an die Tür klopft. Als sie aufgeht, dröhnt Musik aus dem Gebäude und ein massiger Kerl, der der Türsteher zu sein scheint, lässt sie hinein. Ich warte eine Minute ab, dann folge ich ihr.
„Passwort?“, verlangt der Kerl.
Ich ziehe eine Fünfzigpfundschein aus der Hosentasche und drücke ihn dem Kerl in die Hand. „Vielen Dank“, sage ich, wünschte, mein russischer Akzent wäre nicht so dick. Wenigstens sind die Tattoos auf meinen Fingerknöcheln bei einem Typen wie ihm kein Nachteil.
Er mustert mich von oben bis unten. „Kennst du jemanden hier drin?“
Fuck.
„Ja“, erwidere ich und meine Gedanken überschlagen sich. „Ich bin ein Freund von Kateryna. Das ukrainische Mädchen? Die in dem Schulmädchenoutfit?“ Vielleicht habe ich ja Glück und der Typ glaubt, mein Akzent wäre ebenfalls ukrainisch.
Es funktioniert. Er drückt die Tür auf. „Kat ist gerade eingetroffen.“ Er deutet mit dem Kopf nach drinnen.
Ich hoffe, ihren Namen genannt zu haben, kommt nicht am Ende zurück und beißt mir in den Arsch. Ich hätte mir besser etwas anderes einfallen lassen sollen. Tja, zu spät.
Ich betrete das düstere Warenlager. Es wird von bunten Lichtern erhellt wie ein Nachtclub und aus riesigen Boxen schallt Musik. Es gibt einen DJ in einer Ecke und an den Wänden entlang sind bequeme Loungemöbel aufgestellt. Der Raum platzt aus allen Nähten, lauter Körper, die zum Rhythmus springen und tanzen. Definitiv ein Rave. Kateryna – oder Kat, wie sie hier scheinbar heißt – ist nirgendwo zu sehen, aber sie passt perfekt zu all den anderen leicht bekleideten Mädchen.
Die gute Neuigkeit ist, dass ich mich einfach unters Volk mischen kann. Die schlechte Nachricht ist, dass ich keine Ahnung habe, wohin meine Zielperson verschwunden ist. Ich stopfe die Hände in die Jackentaschen und dränge mich lässig durch die Menschenmenge, nickte zum Beat der Musik mit dem Kopf, als ob ich nur zum Feiern hier wäre.
Wie sich herausstellt, ist es überhaupt nicht schwer, Kateryna wiederzufinden, weil sie auf ein großes, hölzernes Podest gestiegen ist und zum halben Tempo der Musik mit den Hüften kreist, jeden mudak zu ihren Füßen förmlich einlädt, ihr unter ihren verfickt kurzen Rock zu glotzen.
Was natürlich nicht mein Problem ist. Trotzdem, meine Finger ballen sich in meinen Taschen zu Fäusten, als ich daran denken muss, was ihr hier alles zustoßen könnte. Sie ist allein hier – was verdammt seltsam ist. Mädchen sind immer in Gruppen unterwegs. Und jetzt lenkt sie sonst was für männliche Aufmerksamkeit auf sich.
Oh, Mist. Ich wende den Blick ab, als sich unsere Blicke für einen Moment treffen. Ich weiche ein paar Schritte zurück, gehe an der Wand entlang und ziehe mein Handy hervor, tue so, als ob ich jemandem eine Nachricht schreibe.
„Hi.“ Eine weibliche Stimme zieht meine Aufmerksamkeit auf mich und im selben Moment zupft die Sprecherin an meinem Ärmel.
Das ist doch wohl ein Witz.
Ich bin aufgeflogen.
Kat steht vor mir, ein breites, freches Grinsen auf dem Gesicht, das die geradesten, weißesten Zähne präsentiert, die ich je im Leben gesehen habe. Sie schaut unter dem Vorhang eines dunklen Ponys zu mir auf und ich sehe, dass ihre Augen von einem überraschend elektrischen Blau sind. Sie trägt keinerlei Lidschatten, aber der dicke Eyeliner verläuft über ihre Augenwinkel hinaus und unterstreicht die Farbe ihrer Iris.
Ich antworte nicht, weil … Fuck. Ich hätte einfach nicht zulassen dürfen, dass sie mich sieht. Ich mag ein anständiger Reiniger sein, aber scheinbar bin ich ein abgrundtief schlechter Beschatter.
Sie hält noch immer meinen Ärmel fest und nun gleitet ihre Hand hinunter und schließt sich um meine Faust. „Hübsche Tattoos. Russisch, richtig?“ Sie zieht meine Finger näher an ihr Gesicht, um die kyrillischen Buchstaben zu entziffern, die ein Akronym für meine Bratwa-Zelle sind. Ihre Hände sind klein, ihre Berührung weich.
Ich ziehe meine Hand zurück und blicke sie finster an, versuche, sie zum Gehen zu bewegen. Auch wenn es vermutlich zu spät ist, schätze ich. Sie hat mich gesehen. Sie wird sich an mein Gesicht erinnern. „Da.“
Ihr Lächeln wird breiter. „Ich bin Ukrainerin. Ich heiße Kat.“ Sie hält mir ihre Hand hin, um meine zu schütteln. Als ich sie nicht ergreife, schnappt sie sich stattdessen meine Hand und schüttelt sie einmal energisch.
Bosche moi, dieses Mädchen hat grauenhafte Instinkte. Kann sie nicht sehen, dass ich nur Ärger machen werden? Ich bin buchstäblich hier, um ihr Leben zu ruinieren. Ich habe immer einen grimmigen Gesichtsausdruck. Ich sehe nicht aus wie ein netter Kerl. Ich war schon nicht besonders freundlich, bevor ihr Vater meine Schwester zerstört hat, aber jetzt? Jetzt bin ich tödlich. Sie berührt die Tattoos, die das beweisen.
Ihr schlechtes Urteilsvermögen muss der Grund sein, weshalb ihr Vater sie nach England abgeschoben hat. Trotzdem, es ist ein Wunder, dass sie bisher noch nicht in der Luft zerrissen wurde.
Ich zwinge mich, so zu tun, als ob ich hierhergehören würde. Ich bin einfach nur ein weiterer Partygänger. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und lasse meinen Blick über ihr Outfit wandern. „Bist du alt genug, um hier sein zu dürfen?“
Sie lässt ihren Kaugummi knallen und schaut mich herausfordernd an. „Was glaubst du denn?“
„Ich glaube, du solltest nach Hause gehen, bevor dein Daddy herausfindet, dass du an einem Wochentag heimlich aus dem Fenster geklettert bist.“
Ihr Lächeln erlischt. Ich bin mir nicht sicher, ob das an der Erwähnung ihres Vaters liegt oder daran, dass ich mich noch immer wie ein Arsch verhalte. Sie zeigt mir den Mittelfinger und lässt mich endlich stehen. Ihr Rock weht hoch, als sie sich abrupt umdreht, und ich erhasche einen Blick auf einen keuschen, weißen Omaschlüppi.
Was. Zur. Hölle?
Ich schaue ihrem verschwindenden Rücken hinterher und versuche zu begreifen, was hier gerade passiert ist. Kateryna Poval ist ganz und gar nicht so, wie ich es erwartet hatte. Ich hatte geglaubt, sie wäre verzogen, sicherlich. Möglicherweise überbehütet und naiv. Ich schätze, ich hatte mich auch für den Fall gewappnet, dass sie zerbrechlich und süß wäre. Eine zarte Blume, die ich zerdrücken und besudeln würde, um mich an ihrem Vater zu rächen.
Na gut, ich hätte so getan, als ob ich sie zerdrücke und besudle. Ich bin ja kein Monster wie Poval. Ich schände und zerstöre keine jungen Mädchen für meinen eigenen Nutzen oder meine eigene Lust.
Aber ich hatte keinen übersexualisierten Wildfang erwartet, der in Liverpool herumrennt und den Ärger herausfordert. Andererseits ist es das vielleicht, wie sich „verzogene Mafia-Prinzessin“ bei ihr äußert.
Ich schätze, das macht meinen Job einfacher. Ich war mir nicht sicher, ob ich es abkönnen würde, ein unschuldiges Mädchen in Angst und Schrecken zu versetzen. Dieses Mädchen hier scheint nicht zu wissen, wann sie Angst haben sollte, und ganz sicher scheint sie nicht unschuldig zu sein.
Kateryna Poval wartet nur auf Ärger.
Und ich bin der Typ, der diesen Ärger auf sie herabfahren lassen wird.

Kat

Der Typ war ein Arsch. Ein heißer Arsch zwar, aber trotzdem. Warum werde ich immer von Arschlöchern angezogen?
Ach, ja, genau. Vaterkomplexe.
Zumindest glaubt das Delaney, meine Therapeutin. Sie sagt, ich werde nicht aufhören, zu trotzen und zu rebellieren und Aufmerksamkeit bei den falschen Männern zu suchen, bis ich bereit bin, die Wunden zu heilen, die mein Vater mir zugefügt hat.
Aber dass ich mich mit irgendetwas auseinandersetze, was mit meinem Vater zu tun hat, wird erst passieren, wenn die Hölle zufriert.
Außerdem will ich vielleicht trotzen, rebellieren und die Aufmerksamkeit der falschen Männer auf mich ziehen. Insgeheim sehne ich mich danach, grob angefasst und bestraft zu werden. Irgendwie habe ich bei ihr das Gefühl, als ob sie mir ein schlechtes Gewissen wegen eines Fetischs machen will.
Dennoch hasse ich die Art und Weise, wie mich dieser Typ gerade aus dem Gleichgewicht gebracht hat, also stelle ich mir vor, ich wäre ein Klumpen Ton auf einer Töpferscheibe und finde meine Mitte wieder, während ich zu den Toiletten am hinteren Ende des Lagerhauses gehe. Es gibt eine lange Schlange und ich reihe mich mit den anderen Mädchen ein.
„Hey, Mädel“, sagt Shellee, eine regelmäßige Partygängerin, als sie aus einer der Kabinen kommt, und greif nach meinem Arm. Sie ist bereits auf Ecstasy, ihre Pupillen beinah so groß wie ihre Iris. In diesem Augenblick ist sie bis über beide Ohren verliebt in mich, weil sie im Moment bis über beide Ohren in alles und jeden verliebt ist. „Hast du einen Tampon?“
„Klar.“ Ich ziehe meine Rucksackhandtasche von der Schulter und wühle darin herum, finde den Tampon und drücke ihn ihr in die Hand.
Sie schließt die Finger um meine Hand und streichelt mir mit der anderen Hand über die Wange. „Vielen Dank“, sprudelt aus ihr hervor. „Ich liebe dich. Ich bin so froh, dass du hier bist. Du bist fantastisch, weißt du das?“
Wir sind nicht tatsächlich Freundinnen. Nur Bekannte. Ehrlich gesagt habe ich keine echten Freunde. Für die meisten von ihnen bin ich einfach zu viel. Zu beliebt bei den Jungs. Zu sexuell. Zu reich, sogar für die anderen Mädchen auf der Privatschule. Außerdem bin ich anders. Ich bin keine Engländerin. Die Geschäfte meines Vaters sind nicht legal. Ich habe schon am ersten Tag, als ich nach Liverpool gekommen bin, gelernt, dass ich nicht hierher passe und es auch nicht weiter versuchen sollte.
Delaney sagt, deshalb stürze ich mich in krasse, sexuelle Erfahrungen – ich fülle die Leere auf, die durch meinen Mangel an echten Freundschaften entstanden ist.
Ich glaube allerdings, ich bin einfach nur pervers. Ist das so falsch?
„Du auch“, versichere ich Shellee. „Hier, stell dich zu mir, damit du gleich wieder dran bist.“ Ich ziehe sie vor mich in die Schlange.
Sie dreht sich herum und fängt wieder an, mich zu betatschen, spielt an einem Zopf herum, während sie mich verträumt anlächelt.
„Hast du Spaß?“
„So viel Spaß.“ Sie blickt mich aus zusammengekniffenen Augen an. „Bist du high?“
„Nein. Ich kann nicht. Hab morgen eine Prüfung in Geschichte.“
„Oh mein Gott!“ Ihre Augen werden groß vor übertriebenem Schock. „Warum bist du dann hier?“ Sie zieht an meinem Zopf. „War nur Spaß.“ Ihr verspieltes Anschubsen lässt mich in meinen Plateausohlen schwanken. „Ich bin froh, dass du hier bist. Ich freue mich immer, dich zu sehen. Du bist einfach die Beste.“
Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie meinen Namen weiß, aber das ist okay. Ich mache mir keine Illusionen darüber, was das hier für eine Szene ist. Es ist nicht der Ort, an den ich komme, um langfristige, bedeutsame Beziehungen zu knöpfen. Was genau der Grund ist, weshalb ich es hier so liebe.
Ich bin hergekommen, um mich selbst für all das Lernen für meine Prüfung zu belohnen. Die Voraussetzungen meines Vaters, um hier in England auf dem College bleiben zu dürfen, war es, dass ich ausschließlich Einsen bekomme – in England also nichts als As. Wenn man bedenkt, dass ich in der Schule nur Vieren und ein paar Dreien bekommen habe, ist das eine ziemliche Verbesserung. Aber ich würde auch nie im Leben zulassen, dass ich wieder nach Hause zurückmuss.
Vor allem nicht, wenn ich endlich etwas gefunden habe, was mir gefällt.
Ich meine, abgesehen von den Raves und dem perversen Sex, von denen Delaney sagt, sie wären nur Ausläufer meines Vaterkomplexes.
In meinem letzten Halbjahr in der Schule hatten wir eine neue Kunstlehrerin bekommen, Miss Banff. Sie hatte die Schule dazu gebracht, eine Töpferscheibe zu kaufen und hat uns das Töpfern beigebracht. Ich nehme an, das ist nur eine weitere Art, auf die ich meinem Dad den Stinkefinger zeigen kann – ihm zeigen kann, dass ich genau der nutzlose, hohle Taugenichts bin, für den er mich anscheinend hält – aber ich habe entschieden, Töpferin zu werden. Ich habe mich Hals über Kopf darin verliebt.
Mir gefällt das Gefühl des Tons in meinen Händen. Das Drehen der Scheibe. Die Art und Weise, wie sich eine Schale formt und dann nur mit einer kleinen Berührung wieder in sich zusammenfällt. Jetzt würde ich also alles tun, um in England bleiben und Kunst studieren zu können. Ich sehne mich so sehr nach dieser Töpferscheibe wie nach diesen Partys. Oder nach einem großen, muskulösen Kerl, der mich anknurrt und mir niemals zeigt, dass er mich mag.
Endlich bin ich an der Reihe und als ich wieder aus meiner Kabine komme, ist Shellee verschwunden. Was mir nur recht ist, schließlich bin ich nicht hier, um sie zu treffen.
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, warum ich hier bin. Es ist schon eher eine Sucht als sonst irgendwas. Es gefällt mir, mich aufzubrezeln und mich sexy zu fühlen und vielleicht mit einem heißen Typen abzustürzen. Vorzugsweise einem, der auch ein bisschen auf perverse Spielchen steht. Ich liebe eine großen, rauen Kerl, der mich festhält und mir die Luft abschnürt. Oder mir den Hintern versohlt. Oder mich fesselt. Im Herzen bin ich ein Maso und die Endorphine, die ausgeschüttet werden und der Nervenkitzel, den ich davon bekomme, meine Fantasien ausleben zu können, ist genau das, was ich brauche, um die Woche zu überstehen.
Aber seien wir ehrlich. Dieser große, raue Kerl existiert nicht wirklich. Und wenn er das tut, dann birgt er immer einen Anflug der Gefahr, die ich nicht wirklich in Versuchung führen sollte.
Und doch ist in Versuchung führen genau das, was ich tue.
Ich verlasse die Toilette. Die Lagerhalle ist mittlerweile zum Bersten voll mit Gästen. Vermutlich mehr Gäste, als ein legaler Club erlauben könnte, um den Brandschutzmaßnahmen gerecht zu werden. Ich sauge die Energie auf wie eine Droge. Weil ich nach Ärger suche, klettere ich wieder auf eins der Podeste, um zu tanzen. Ich wippe und drehe mich zur Musik, lasse meine Augen über die Menschenmenge wandern. Ich entdecke den Russen, der an eine Wand lehnt und mich beobachtet. Er hat dunkle Haare, braune Augen und einen scheinbar immerwährend finsteren Ausdruck auf dem Gesicht.
Warum ist er so ein Arsch, wenn er interessiert an mir ist? Vorhin hätte ich schwören können, dass er Interesse hat, weshalb ich auf ihn zugegangen bin. Er hat den richtigen Vibe. Definitiv mein Typ. Unwirsch. Rau. Die Tattoos bedeuten wahrscheinlich, dass er schlimme Dinge getan hat. Seine Schultern sind breit. Es ist unter seiner Lederjacke schwer zu erkennen, aber er sieht muskulös aus. Ich wette, er könnte ein Spanking austeilen, bei dem mein Höschen richtig nass werden würde. Ich habe ihn definitiv als Sadist abgestempelt.
Schätze, ich habe mich geirrt.
Es ist nicht gerade so, als ob ich richtig gut darin wäre, die Richtigen herauszupicken. Allein in den letzten drei Monaten habe ich ein halbes Dutzend Nieten gezogen.
Mein Blick verweilt auf dem Russen, während ich tanze, aber er wendet wieder mit einem grimmigen Ausdruck den Blick ab. Ich weiß, dass er meinen Blick spüren kann. Ich schwöre, er schaut absichtlich weg. Was ist es nur an schwer zu kriegen, das ein Mädchen nur noch mehr anspornt? Ich überprüfe meine Titten – Doppel D, seit ich zwölf bin. Sie werden von meiner Bluse perfekt präsentiert. Ich sehe definitiv heiß aus. Kein Grund für ihn, nicht zu reagieren. Es sei denn, er ist wegen etwas anderem hier. Aber warum schaut er mich dann ständig an?
Da. Er schaut wieder her.
Ich drehe mich um, um ihm einen Blick auf meinen Arsch zu ermöglichen, während ich mich langsam in Richtung Boden räkle, dann wieder aufrichte.
„Kat!“, ruft ein Typ von der Tanzfläche unter mir.
Na toll. David, einer meiner Fehltritte. Ich werfe ihm einen Kuss zu, tanze aber weiter.
Er greift nach meinem Fußgelenk, zwingt mich dazu, mit tanzen aufzuhören oder ich würde die Balance verlieren. Ganz genau, deshalb war er ein Fehler. Ich hatte seine respektlose Art als Dominanz missverstanden. Die Wahrheit ist, dass er eher ein Brutalinski ist.
„Komm her!“ Er streckt die Hand nach mir aus.
„Nein, danke“, sage ich bloß. Nur weil wir einmal zusammen im Bett waren, heißt das nicht, dass ich deine sichere Bank bin, Kumpel.
Er hält mir ein Plastikbeutelchen hin. „Willst du was?“
Ich schüttle wieder den Kopf. „Nein, danke. Ich habe morgen eine Prüfung.“ Er punktet nicht, indem er mir Gratisdrogen anbietet. Ich werde nicht wieder mit ihm rummachen, selbst wenn ich nicht nüchtern wäre. Er war schlampig und hatte es nur seinetwillen gemacht. Bäh.
Er zuckt mit den Schultern und zieht ab und ich tanze weiter. Ein paar andere Typen kommen ebenfalls hoch auf das Podest, tanzen näher und näher, bis einer von ihnen seine Hand auf meine Hüfte legt und seine Hüfte mit meinem Arsch verbindet, sich an mir reibt. Ich lasse ihn machen, weil es sich gut anfühlt. Ich bin der männlichen Aufmerksamkeit wegen hier und die bekomme ich auch. Ein anderer Kerl stellt sich vor mich, sodass ich zwischen ihnen eingeklemmt bin.
Der Typ hinter mir legt mir eine Hand auf die linke Brust. Er ist nicht vollkommen ungeschickt. Er findet meinen Nippel und drückt ihn durch Bluse und Push-up-BH hindurch. Ich schiebe meinen Arsch zurück und lege meinen Kopf auf seine Schulter.
„Ich mag dein Outfit“, ruft er über die Musik.
Das ist nicht unbedingt das Allerdümmste, was er sagen könnte, aber ich wünsche mir irgendwie, er würde einfach den Mund halten. Ich versuche hier gerade, eine Fantasie aufleben zu lassen, und diese dämliche Bemerkung zieht mich wieder zurück in die Wirklichkeit. Der Typ hinter mir fährt mit seiner Hand über meinen Oberschenkel und drückt mein Bein.
Ich hatte noch nie zwei Typen auf einmal, aber solche Gruppen-Grapschereien passieren bei diesen Raves eben. Jeder spürt die Liebe und will sie einfach nur weitergeben. Das Problem ist nur, es gibt in der Regel jede Menge Begrapschen, aber kein Kommen. Das Ecstasy macht die Leute zu verstrahlt, um noch irgendeine Motivation zu haben, zum Höhepunkt kommen zu wollen. Ein weiterer Grund, weshalb ich auf Drogen verzichte, bis auf die CBD-Gummibärchen hin und wieder, wenn ich nicht schlafen kann. Ich suche nach einer anderen Art Endorphin-Kick.
„Wie alt bist du?“, frage der Typ vor mir. Vermutlich will er sicherstellen, dass er nicht im Gefängnis landen wird.
„Zwanzig.“ Ich fühle mich nicht wie zwanzig. Ich fühle mich wie dreißig, weil ich schon so lange fort von zu Hause bin. Aber ich fühle mich auch wie dreizehn, denn so alt war ich, als mein Vater mich fortgeschickt hat. Er hatte mich erwischt, wie ich mit einem Jungen geknutscht habe, und hat mich auf ein Mädcheninternat geschickt.
Als ob das verhindern würde, dass ich Ärger mache. Es hat mein Verlangen, unartig zu sein, nur zementiert.
Wollen Sie unartig sein, Kat, oder sehnen Sie sich eigentlich nach jemandem, der Ihnen sagt, Sie wären brav? Das hatte Delaney das letzte Mal gesagt, als wir darüber gesprochen haben, dass ich auf Raves gehe.
„Es würde mir gar nichts ausmachen, braves Mädchen genannt zu werden, wenn ich gehorche“, hatte ich frech erwidert.
„Cool.“ Der Typ nickt, sein anzügliches Grinsen anerkennend.
Wir tanzen noch eine Weile weiter, aber die Dinge steigern sich nicht besonders. Leute auf Ecstasy verlieren schnell den Fokus.
„Ich gehe eine Pause machen“, verkünde ich nach einer Weile, weil mir langsam heiß und langweilig wird und ich Durst bekomme.
Augenblicklich springen sie vom Podest herunter und folgen mir zu der improvisierten Bar, wo drei Jungs in Strickkäppis und Ohrringen Energy-Drinks und Wasser verkaufen. Ich kaufe ein Wasser, drehe die Flasche auf und drehe mich um, nur um meine zwei Bewunderer ganz übereifrig vor mir stehen zu sehen.
Mist. Ich war irgendwie durch mit ihnen, hatte auf etwas ein wenig Interessanteres gehofft. Mein Blick wandert, sucht wieder nach dem Russen. Ich weiß nicht, warum ich so besessen von ihm bin. Ich schätze, weil er mich abgewiesen hat. Warum schaue ich mir immer die aus, die nichts von mir wissen wollen?
Die Typen greifen jeder nach einer Hand von mir und ziehen mich in eine dunkle Ecke. Ich bin nicht vollkommen an Bord, aber ich bin auch noch nicht hundertprozentig bereit, das Schiff zu verlassen. Ich meine, ich schaue mir einfach mal an, was sie anzubieten haben.
„Was wird das?“ David schneidet uns mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht den Weg ab. „Sieht spaßig aus.“
Jetzt habe ich genug.
„Tja, ich weiß auch nicht so genau.“ Ich schüttle die Hände der beiden Typen ab.
„Du brauchst einen Stimmungsaufheller“, verkündet David und zieht erneut sein Tütchen mit den Pillen hervor.
„Kann ich eine haben?“, fragt der Typ zu meiner Rechten.
„Nein. Die sind für sie.“ David zieht eine der Pille hervor und bevor ich weiß, was passiert, schiebt er sie mir zwischen die Lippen.
„Hey!“ Ich versuche, sie auszuspucken, aber David lacht und presst mir die Hand auf den Mund.
„Ruhig, ruhig, ruhig. Einfach runterschlucken, Kat. Es wird dir gefallen.“
Ich kämpfe gegen ihn an, aber die anderen Kerle helfen mir nicht, sondern bedrängen mich sogar von der Seiten, halten mich fest, damit David seine Hand weiter auf meinen Mund pressen kann.
Jetzt bin ich richtig sauer und – gottverdammt – ich habe diese blöde Pille bereits geschluckt! Diese Ficker.
„Hier, trink dein Wasser, Kat.“ David legt seine Hand über meine auf die Wasserflasche und hebt sie mir an die Lippen.
Ich versuche immer noch, endlich ihre Hände von mir abzuschütteln. Während ich so herumzapple, höre ich ein lautes Knacken, Knochen auf Knochen, und dann fällt David schwer zu Boden. Ich starrte auf ihn hinunter, wie er ausgestreckt auf dem Betonboden liegt. Habe ich das gerade getan?
Und dann verstehe ich. Denn direkt vor uns stehen ein Meter fünfundachtzig stinkwütender Russe.
Er hat die Lippen verzogen und zeigt fauchend seine Zähne, während er die beiden Typen grimmig anstarrt, die neben mir stehen. „Verschwindet.“
Sie verschwinden. Sie hauen so schnell ab, dass man denken könnte, es wäre ein Feuer ausgebrochen.
Ich will schon protestieren, dass ich keine Hilfe brauche, als mich der Russe einfach über seine Schultern schmeißt und mit mir aus dem Warenlager stapft.

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