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Moontochter

Kapitel Fünf

Aurora

Die Sonne ging auf und schien hell auf mein trübes Gemüt. Ich nahm mir die Worte meines Vaters zu Herzen und versuchte, mich nicht auf die negativen Ereignisse von gestern Abend zu konzentrieren.
Ich ging duschen und suchte mir etwas zum Anziehen aus, damit ich ins Haus des Anführers gehen konnte, um meine Dienstmädchenuniform zurückzugeben.
Und um mit Alpha Wolfgang über den gestrigen Abend zu sprechen.
Was kann denn Schlimmstenfalls passieren?“, fragte ich mich.
Wenn er mich nicht mag, kann er mich ablehnen. Dann lassen wir das Ganze einfach hinter uns und leben weiter wie bisher.
Aber der Gedanke an seine Zurückweisung ließ mich am ganzen Körper zittern.
Wenn er mich zurückweisen würde, wäre ich für den Rest meines Lebens Gefährtenlos – im Gegensatz zu ihm, der genug Macht hatte, um eine andere zu wählen, auch wenn es keine Verbindung gab.
Da er ein Alpha war, hatte er die Macht, diejenige abzulehnen, die die Mondgöttin zu seiner Gefährtin auserkoren hat.
Was ist, wenn er mich ablehnt?“, fragte ich mich und spürte, wie sich kalter Schweiß auf meiner Stirn bildete.
„Er wird dich nicht ablehnen. Entspann dich. Rede einfach mit ihm“, versuchte Rhea mich zu beruhigen.
„Rory! Kommst du bitte kurz runter?“, rief meine Stiefmutter aus dem Erdgeschoss.
„Ich komme“, antwortete ich. Ich bürstete mir die Haare und befestigte meinen Pony mit einer Haarspange an der Seite. Er wurde langsam etwas zu lang.
Ich hatte das lange seidenweiche Haar und die blasse Haut meiner Mutter geerbt, aber die kastanienbraune Haarfarbe und die grauen Augen von meinem Vater. Ich war wirklich eine ausgewogene Mischung der beiden.
„Aurora! Komm sofort runter!“, rief meine Stiefmutter erneut.
„Mann! Welche Laus ist der denn so früh am Morgen über die Leber gelaufen?“, murrte ich. Ich nahm mein Handy und die Tasche, in der die Uniform fein säuberlich gefaltet lag, und verließ mein Schlafzimmer.
„Was ist los, Monta—“ Mir blieben die Worte im Hals stecken, als mein Blick ein Paar eiskalter blauer Augen traf, die mich direkt anstarrten.
„A-Alpha Wolfgang“, hauchte ich überrascht. Er stand mitten in unserem kleinen Wohnzimmer, zusammen mit seinem Gamma und Frau Kala.
„Aurora, zeig bitte etwas Respekt“, fauchte Montana neben mir am unteren Ende der Treppe, was mich aus meiner Trance riss.
„Oh, das tut mir leid. Guten Morgen, Alpha Wolfgang, Gamma Remus, Frau Kala“, sagte ich und neigte respektvoll den Kopf.
„Aurora, wir sind hier, um etwas zurückzuholen, das du gestern vom Ball mit nach Hause genommen hast. Wir werden dich nicht wegen Diebstahls anzeigen, aber wir sprechen hiermit eine Warnung aus“, verkündet Gamma Remus.
„Ähm … etwas, das ich mitgenommen habe? Ich habe nichts mitgenommen.“ Ich war schockiert und verwirrt. Wovon war hier die Rede?
„Ähm, du hast gestern die Dienstmädchenuniform mitgenommen, Liebes“, erklärte Kala.
„Oh! Die hier? Ich wollte sie gerade zurückbringen …“, begann ich zu erklären, wurde aber von Alpha Wolfgang unterbrochen.
„Diebstahl wird in diesem Rudel nicht geduldet. Du hast Glück, dass wir nur eine Warnung aussprechen. Beim nächsten Mal wirst du zur Strafe ausgepeitscht und für einen Monat ins Verlies geworfen!“
Seine Stimme war so streng, dass ich sofort anfing zu zittern.
„Ich bin mir sicher, dass das nur ein Missverständnis war, Alpha Wolfgang. Ich weiß, dass Rory so etwas nicht machen würde“, sagte Kala.
„Das stimmt“,fügte Montana hinzu. „Ich kann Ihnen versichern, dass meine Rory keine Diebin ist, Alpha. Irgendjemand oder irgendetwas hat sie gestern sehr verstört. Sie kam weinend nach Hause gerannt.“
Montana stand vor mir und versuchte, mich zu verteidigen. „Bestimmt hat sie vergessen, die Uniform zurückzugeben, als sie versucht hat, sich vor demjenigen in Sicherheit zu bringen, der sie verletzt hat.“
Ich konnte nicht sprechen. Ich zitterte, war wie angewurzelt, und kämpfte mit den Tränen.
Warum war er so gemein zu mir?
„Wer hat dich so verletzt, Rory?“, fragte Kala plötzlich.
Ich blickte zum Alpha auf, der mir eine stille Warnung gab. Ich presste die Lippen zusammen und blickte auf meine Füße.
„Darf ich kurz mit Aurora sprechen? Unter vier Augen?“, fragte Alpha Wolfgang.
Ich sah zu Montana auf, die mir einen Blick zuwarf, und dann zurück zu den drei Personen, die vor uns standen.
„Ähm. Gut“, sagte sie. Mein Herz raste vor Panik. „Hier entlang. Ich mache Ihnen eine Tasse Tee.“
Sie führte den Gamma und Kala in die Küche, und ich war plötzlich mit dem Alpha allein.
Ein paar Minuten lang standen wir uns stumm gegenüber, bis er endlich sprach.
„Ich werde das nur einmal sagen, also hör gut zu. Ich bin der Alpha dieses Rudels und bekannt für meine Stärke und meine Fähigkeit, dieses Dorf anzuführen, so wie mein Vater und seine Vorfahren vor mir.“
„Von mir wird viel erwartet. Besonders in Hinblick auf die Gefährtin, die ich als meine Luna wähle …“
Er machte eine Pause und betrachtete mich von Kopf bis Fuß.
„Und ich bin todsicher, dass du nicht qualifiziert bist. In deinem eigenen Interesse hoffe ich, dass du es noch niemandem erzählt hast. Denn wenn das der Fall sein sollte, werde ich es abstreiten.“
Da war es. Ich sah ihn an, wie er so dastand, sein Gesichtsausdruck stoisch wie immer.
Davor hatte ich mich am meisten gefürchtet. Er würde mich ablehnen.
Ich würde für den Rest meines Lebens Gefährtenlos bleiben.
„Warum bin ich nicht gut genug, Alpha?“, wagte ich mit zittriger Stimme einzuwenden.
„Was?“
„Ich habe gefragt … warum ich nicht gut genug für Sie bin? Warum verdammen Sie mich dazu, für den Rest meines Lebens eine gefährtenlose Wölfin zu sein?“Jetztsah ich ihm jetzt direkt in die Augen.
Tränen liefen mir über das Gesicht.
„Weil du nur ein gewöhnliches Dienstmädchen bist. Du wärst nur eine Belastung für mich, wenn ich dich als Gefährtin wählen würde“, sagte er.
Er schüttelte den Kopf. „Ich habe Nachforschungen über dich angeordnet. Du hast keine nennenswerten Fähigkeiten, die mir als Anführer helfen könnten, zu herrschen und das Rudel zu beschützen.“
Beschämt senkte ich den Kopf. So wenig hielt er also von mir.
Eine Belastung. Eine wertlose Person. Jemand, der ihm keine Vorteile bringen würde, wenn er mich als Gefährtin annehmen würde.
„Ich … Ich verstehe …“, sagte ich und wagte es nicht, ihn anzusehen.
Schlimmer konnte es doch wirklich nicht kommen, oder?
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