
Die Kommandanten Tochter
Autor:in
Saphira Aelin
Gelesen
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Kapitel
38
Geborgen zu Hause
AMY
Ich schnappte meine Taschen und stieg die Treppe des Wohnheims hinunter. Jessica wartete schon in ihrem Auto.
„So, das war's“, sagte ich und verstaute die letzten Koffer im Kofferraum.
Das Studentenleben würde mir fehlen, aber Jessica hatte mich überredet, den letzten Uni-Sommer zu Hause zu verbringen.
„Prima. Dann mal los“, meinte Jessica und ließ den Motor an.
Sie fuhr einen dunkelblauen Buick Verano. Auf der Heckscheibe klebte ein kleiner Aufkleber mit einem weißen Katzengesicht. Sie war eben eine echte Katzenliebhaberin.
„Na, wie fühlt es sich an, endlich mal eine Pause von diesem Ort zu machen?“, fragte Jessica. „Du warst in letzter Zeit so im Stress. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.“
„Tut gut. Danke, dass du mich überredet hast, nach Hause zu kommen.“
„Du belegst doch sonst immer Sommerkurse“, sagte Jessica sanft. „Warum die Hetzerei? Du bist doch bald fertig. Außerdem könnte ich deine Hilfe im Restaurant gut gebrauchen.“
Ich wusste, was sie eigentlich meinte. Sie wollte mich einfach bei sich haben. Uns beiden war klar, dass ich erwachsen wurde, und Jessica war die einzige Familie, die ich noch hatte. Es tat gut, gebraucht zu werden. Jessica war für mich wie eine Mutter, abgesehen von ein paar verschwommenen Erinnerungen an meine leiblichen Eltern.
Ich warf einen letzten Blick auf den Campus, bevor wir losfuhren. Diesmal fühlte sich der Abschied irgendwie anders an. Als wäre es das letzte Mal, dass ich diesen Ort sah, was natürlich Quatsch war. Ich würde wiederkommen. Schließlich wollte ich unbedingt meinen Abschluss machen. Ich wollte meine Pflegemutter stolz machen.
Gemeinsam räumten wir mein Zimmer ein, als wir zu Hause ankamen. Nach einer halben Stunde war alles erledigt.
„Willst du mit ins Restaurant kommen oder lieber die ganze Nacht in deinem Zimmer hocken?“, rief Jessica von unten.
Unser Zuhause war ein kleines zweistöckiges Haus am Stadtrand. Jessica und ich hatten es in den Frühlingsferien knallgelb gestrichen. Rings ums Haus hatten wir Blumen gepflanzt. Es war das Haus, in dem sie aufgewachsen war, und wir werkelten ständig daran herum. Jessica hatte mir im Laufe der Jahre so viel beigebracht.
„Ein Burger mit Pommes klingt super.“ Ich lachte und flitzte die Treppe runter. „Ich hab einen Bärenhunger.“
Sie fuhr uns die paar Blocks zum Restaurant. Nach dem Essen verbrachte ich den größten Teil des Abends in meiner Lieblingsecke und schaute Filme auf meinem Handy. Jessica gab mir an dem Tag keine Tische zum Bedienen. Es störte mich nicht, aber ich mochte es, etwas zu tun zu haben.
Bevor ich sie kennenlernte, ließen mich meine früheren Pflegefamilien babysitten und putzen. Ich hätte es gerne getan, um mich für Kost und Logis erkenntlich zu zeigen, aber sie ließen mich nie etwas anbieten. Stattdessen drohten sie mir mit Gürtel oder Holzpaddel und brüllten mich einfach an. Die letzte Familie war die schlimmste. Sie sperrten mich nachts im Keller ein und verprügelten mich oft. Die Pflegefamilie zu verlassen und bei Jessica einzuziehen war die beste Entscheidung meines Lebens.
Sie behandelte mich wie ihre eigene Tochter. Im Restaurant mit Jessica zu arbeiten machte mich glücklich. Wir hatten dort so viele schöne Erinnerungen. Es machte Spaß, mit ihr herumzualbern. Am schwierigsten war es, heimlich mein Trinkgeld zurück in ihr Trinkgeldglas zu schmuggeln, ohne dass sie es merkte. Sie sagte zwar, ich solle mein Trinkgeld behalten, aber ich wusste, dass die Köche und anderen Mitarbeiter das Geld dringender brauchten.
Nachdem der letzte Mitarbeiter gegangen war, brachte Jessica die Geldkassette zu meinem Tisch und begann zu zählen. Ich hatte die Tische schon abgeräumt.
„Du glaubst es nicht“, sagte sie. „Katrina hat um mehr Schichten gebeten. Ihr Kind braucht eine Zahnspange. Ich hoffe, es macht dir nichts aus. Ich hab ihr das Wochenende gegeben. Du hast frei“, sagte sie, immer noch auf das Geld in ihrer Hand blickend.
„Armer Timothy. Er liebt doch Popcorn“, machte ich ein trauriges Gesicht bei dem Gedanken an seine Lieblingssnacks, die sich in den Drähten verfangen würden. „Und Süßigkeiten sind jetzt auch tabu.“
Ich überlegte, was ich an dem Wochenende machen würde. „Dein Plan, mich zur Pause zu zwingen, scheint aufzugehen.“
„Hey“, sagte sie. „Du hast zu viel geschuftet. Du musst mal abschalten. Wann hast du zuletzt einen Abend einfach nur entspannt und auf deinem Handy rumgedaddelt?“
Ich zuckte mit den Schultern. Die meisten Nächte büffelte ich bis spät. Ich stand auf.
„Wag es ja nicht, die Theke zu putzen. Das hab ich schon gemacht.“
Ich verzog das Gesicht. „Na gut.“
Wie sollte ich mich entspannen? Was hatte das für einen Sinn?
Ich streckte meine Arme aus. Gerade als ich mich reckte, erfüllte ein ohrenbetäubender, hoher Ton das Restaurant.
„Ah!“, schrie ich vor Schmerz. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er explodieren. Für einen Moment wurde alles weiß. In meinen Ohren dröhnte es. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Ich sackte zu Boden und schrie. Tränen liefen über mein Gesicht und mein Kopf pochte fürchterlich. Was geschah mit mir? Der Schmerz war so heftig, dass ich kaum Luft bekam. Es fühlte sich an, als wäre etwas in meinem Kopf geplatzt. Mein Herz raste vor Angst, während ich nach Atem rang.
„Amy. Sprich mit mir“, Jessica kniete neben mir. Sie strich mir die Haare aus dem Gesicht.
Jeder Winkel meines Gehirns fühlte sich an, als würde er immer wieder explodieren. Meine Hände zitterten. Meine Augen brannten. Alles verschwamm vor meinen Augen. Überall Schmerzen.
„Ich glaube... ich brauche einen... Arzt.“
„Amy! Oh, ich glaube, ich weiß, was los ist.“ Jessica kramte in ihrer Tasche nach ihrem Handy. „Halt durch. Es wird alles gut.“
Durch meine tränenden Augen sah ich, wie Jessica eine Nummer auf ihrem Handy wählte. Die Frau am anderen Ende meldete sich blitzschnell.
„Charlotte, ich brauche dich sofort im Restaurant. Es ist Amy. Sie ist eine von euch.“
Ich war mir nicht sicher, was passierte. Mein Kopf dröhnte, als Schmerzen durch meinen Körper jagten. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
Jessica hielt meine Hand. Ihr Handy war auf den Boden gefallen.
„Amy, erinnerst du dich an die Nacht, als wir uns gefunden haben?“
Ich erinnerte mich daran, wie ich von der Pflegefamilie abgehauen war. Ich hatte mich in der Gasse hinter dem Restaurant versteckt. „Es sah hier so gemütlich aus. Es sah so warm aus, so sicher.“
„Hier bist du sicher. Und bei mir bist du immer noch in Sicherheit.“
„Sicher“, sagte ich. Ich fühlte mich alles andere als sicher.
Mir wurde schwindelig. Mein Magen rebellierte. Die Welt drehte sich. Ich fühlte mich so leicht. Und dann wurde alles schwarz.

















































