
Tödliche Rosen Buch 1
Autor:in
Ekridah
Gelesen
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Kapitel
64
Mit dir zusammenstoßen
VALERIE
Montag
18.08.
9:15 Uhr
Große Villen, teure Autos, Anteile an einem riesigen Konzern. Garantierter Wohlstand fürs Leben, jeder Wunsch zum Greifen nah, und eine Schar Bediensteter, die auf Abruf für einen da sind. All das hatte sie für dieses Leben hinter sich gelassen. Und sie war froh darüber.
„Verdammt!“, fluchte Valerie und blieb kreischend stehen. Sie versuchte, ihren Schal aufzufangen, als er ihr aus den überladenen Armen glitt.
Sie war schon wieder zu spät, und diesmal würde Janice bestimmt sauer sein. Der Schal landete auf dem Boden.
Als sie sich aufrichtete, musterte sie den Raum, der in den letzten Monaten ihr Arbeitsplatz gewesen war. Das Büro lebte vom fröhlichen Geräusch ausgedruckter Gerichtsanordnungen und schrill klingelnder Telefone mit Anrufen von rachsüchtigen, misshandelnden Eltern.
Sozialarbeiterin zu sein, machte ihr Spaß. Es war auf jeden Fall spannender, als die Erbin des Imperiums ihrer Eltern zu werden.
„Quinn!“
Valerie zuckte zusammen, als Janice Holloway wie eine Drill-Instruktorin im Flur auftauchte. Ihr bräunliches Haar mit ersten grauen Strähnen war zu einem unerbittlich straffen Dutt zurückgesteckt, wie eine typische Direktorin an einer Privatschule.
„Äh... guten Morgen, Janice!“, lächelte Valerie mit aufgesetzter Fröhlichkeit.
Die ältere Frau ließ sich davon nicht täuschen. „Was glauben Sie eigentlich, zu dieser Uhrzeit hier aufzutauchen, Quinn? Das hier ist nicht die Fabrik Ihres Vaters.“
Valerie hätte am liebsten die Augen verdreht. Sie war gerade mal 15 Minuten zu spät. Außerdem besaß ihr Vater keine Fabrik, er besaß Juweliergeschäfte. Fast 50 davon. In verschiedenen Ländern.
„Quinn?“
Sie blinzelte. „Ja, Janice. Es tut mir wirklich leid, der Verkehr war die Hölle, die Starbucks-Schlangen zogen sich endlos, und dann fing es auch noch an zu regnen! Es wird nicht wieder vorkommen.“
Die ältere Frau sah sie verärgert an. „Ach, so ist das? Starbucks? Ist unser Bürokaffee etwa nicht gut genug für Sie?“
biss sich auf die Zunge und sah weg. Der Bürokaffee war grauenhaft, aber das behielt sie besser für sich.
Stattdessen wippte sie auf den Fersen und wartete, bis Janice fertig war mit ihrer üblichen Standpauke.
„Nicht so fein wie der edle Kaffee, den Sie bei Ihrem reichen Papa bekommen, was?“, stichelte Janice weiter.
Valerie unterdrückte ein Seufzen. „Es tut mir leid, Janice. Entschuldigen Sie, aber auf mich warten einige Projekte, also fange ich lieber gleich an..“
„Ich weiß, dass Sie diesen Job nur zur Unterhaltung angenommen haben, aber versuchen Sie wenigstens, Respekt zu zeigen und pünktlich zu sein.“
Sie nickte, ohne zu widersprechen. Es war den Ärger nicht wert.
„Alles klar.“
Valerie ging an Janice vorbei und ging zu ihrem Büro. Oder dem, was man ihr Büro nannte.
Sie öffnete die Tür mit dem Ellbogen und blickte in den winzigen Raum. Er war vollgestopft mit Aktenschränken, ihrem Stuhl und Schreibtisch, wodurch ihr kaum Platz zum Atmen blieb.
Seufzend schob sie sich hinein und stellte ihren Vanilla-Latte von Starbucks sorgsam ab, bevor sie den Rest ihrer Sachen auf den Stuhl warf.
„Da riecht etwas nach reichem Mädchen“, ertönte eine freundliche Stimme von der Tür.
Valerie sah auf, als ihre Freundin und Kollegin Valentina Gomez hereinkam.
Valerie seufzte. „Hey, Tina.“
Die hübsche Frau hob eine Augenbraue. „Du willst, dass Janice dich mag? Glaubst du, teurer Kaffee hilft dabei?“
„Ich versuche nicht, mich bei ihr einzuschleimen“, erklärte Valerie und verzog das Gesicht, während sie ein schwarzes Haarband in ihre Haare schob.
Valentina heftete einige Unterlagen zusammen. „Nicht? Na, vielleicht solltest du es tun. Wenn du ihre Meinung über dich als Bonzenkind nicht änderst, wird sie dir weiterhin die Scheißfälle aufbrummen, Babe.“
Damit ging Tina hinaus und schloss die Tür. Valerie seufzte und blickte auf die Stapel brauner Akten, die ihren Schreibtisch bedeckten.Mit zusammengebissenen Zähnen griff sie nach einer und machte sich an die Arbeit.
Es ging hier nicht um Janices Vorurteile oder Valeries reiche Familie. Es ging um Valerie. Um sie und all die Kinder, denen sie als Sozialarbeiterin helfen konnte.
Klar, es hatte einst als genialer Plan begonnen, ihren Vater auf die Palme zu bringen, aber während des Studiums der Sozialarbeit und Psychologie hatteValerie gemerkt, dass es ihr lag.
Ihr Leben lang hatte sie im Überfluss gelebt. Jedes Kind, das sie kannte, hatte dieselben Privilegien genossen: die beste Privatschule, alle Klamotten, die sie wollten, und jede Menge Kohle zum Verprassen.
Es hatte ihr nie an etwas gefehlt. Natürlich arbeiteten ihre Eltern rund um die Uhr, reisten um die Welt, aber dafür war das hohe Taschengeld ja da, nicht wahr? Um die elterliche Fürsorge zu ersetzen. Na klar.
Dann hatte Valerie es mit Sozialarbeit versucht, und es hatte ihr eine neue Welt eröffnet.
Zum ersten Mal war ihr klar geworden, dass nicht jedes Kind auf der Sonnenseite des Lebens stand. Manche Kinder vegetierten unter miesesten Bedingungen, misshandelt von grausamen Eltern. Deshalb blieb sie dabei.
Der ursprüngliche Plan war, Sozialarbeit zu studieren, um ihren Vater dazu zu bringen, ihr Geld zu schicken und eine neue Bude zu spendieren, woraufhin sie dann das Studium schmeißen würde.
Allerdings ging dieser Plan nach hinten los.
Zuerst hatte ihr Vater gedroht, ihr den Geldhahn zuzudrehen, wenn sie nicht Betriebswirtschaft studierte, wie er wollte. Dann machte er seine Drohung tatsächlich wahr.
Das eine Mal, als sie rebellierte, ging der Schuss voll nach hinten los.
Aber sie hatte sich durchgebissen. Wenn Janice ihr also die schwierigsten Fälle geben wollte, bitte schön! Sie würde eine Heldin für diese Kinder in New York sein.
Sie fuhr ihren Computer hoch und machte sich an die Arbeit, sichtete Fälle und erstellte To-Do-Listen.
Ihre Augen verengten sich interessiert, als sie sah, dass sie in einer Woche in die Wiedereingliederung eines Kindes bei dessen Eltern involviert sein würde.
Scheiße.
Sie sprang auf und stürmte hinaus, um Tina nach den Eltern des Kindes auszufragen, und knallte fast mit ihr zusammen.
„Hoppla!“ Valerie hätte in ihren hohen Schuhen fast den Halt verloren und hielt sich gerade noch an der Wand fest. „Was ist denn los?“
Valentina drehte sich seufzend um. „Ich habe die Schnauze voll von diesen Rotzlöffeln, die an meinem Auto herumfummeln!“, schimpfte sie und schob sich die Haare aus dem Gesicht.
Valerie verzog das Gesicht. „Die Reifenschlitzer? Sind die wieder da?“
„Ja! Ich hätte gerade fast einen erwischt. Ein blonder Bengel! Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen, wie er an meiner Autotür herumgepfuscht hat! Kleine Scheißer!“
Tina hatte allen Grund, sauer zu sein. Eine Gruppe von Jungs hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, auf den Parkplätzen der Dienststelle abzuhängen und wahllos die Reifen von Autos auf den Parkplätzen zu zerschneiden.
Einmal war sogar ein Auto geklaut worden, alle waren in Panik geraten. Man hatte zwei weitere Wachleute eingestellt, aber das schien nicht zu helfen.
Valerie biss sich auf die Lippe. „Verdammt. Das heißt, keines unserer Autos ist sicher.“Sie dachte an ihren Chevy und schnappte nach Luft. „Mein Baby! Ich muss mein Auto woanders abstellen, ich kann kein Risiko eingehen!“
„Machst du Witze? Du bist eine Quinn, du kannst dir hundert Chevrolets leisten. Und wenn nicht, würde jeder Kerl darum betteln, dich zur Arbeit zu kutschieren, weil du so hübsch bist!“
Valerie verzog das Gesicht. „Erstens bin ich eine enterbte Quinn. Ich kann mir momentan kaum noch was leisten. Zweitens, Männer ... igitt.“
Valentina hob eine Augenbraue. „Igitt? Erst gestern hast du mir erzählt, wie sehr du dir wünschst, dass ein Feuerwehrmann dich an seine Stange fesselt …”
„Eine fiktive Stange! Ein fiktiver Feuerwehrmann!“, zischte Val und sah sich nervös um. „Genauer gesagt, der aus dem Buch, das ich gerade lese.“
Ihre Freundin lachte. „Du würdest aber nicht Nein sagen, wenn ein echter auf dich zukäme, oder?“
„Natürlich würde ich das!“ Sie reckte die Nase in die Höhe, ganz wie ihre feine Mutter. „Ich bin zu anständig, um …”
„Dein Auto, Schätzchen.“
„Oh, stimmt!“ Besorgt eilte Valerie zu ihrem Fahrzeug und hoffte inständig, dass es unversehrt war.Das Klackern ihrer Absätze hallte über den Parkplatz, als sie sich ihrem Auto näherte. Es stand am Ende einer Reihe von etwa 15 Autos, und Valerie seufzte erleichtert auf, als sie es sah.Es glänzte in einem kirschroten Farbton, der im Morgenregen schimmerte.
Sie hob den Arm, um aufzuschließen, hielt dann jedoch inne und sah genauer hin.Eine vermummte Gestalt duckte sich hinter ihrem Auto.
Valerie erstarrte,ihr Magen zog sich zusammen.
„Oh nein ...“, flüsterte sie. Die Reifenschlitzer. Einer von ihnen versuchte gerade, ihr Auto zu klauen!
Mit zitternder Hand kramte sie ihr Handy aus der Jacke, um die Polizei zu rufen. Sie würde diesen Reifenschlitzer und Chevy-Dieb hinter Gitter bringen lassen! Sie duckte sich, damit er sie nicht sehen konnte, und hielt das Telefon ans Ohr.
„Polizei, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hallo?“, sagte sie leise. „Hilfe! Ein ... Bandit versucht, mein Auto zu klauen!“














































