
Sahara Ashdell Buch 1: Malorsty in Gefahr
Autor:in
Alyson Linker
Gelesen
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Kapitel
35
Die Unerwünschte
Die erstickende Dunkelheit des Kofferraums entsprach nicht dem, was Brooklyn Craig sich für die Nacht vor ihrem fünfzehnten Geburtstag vorgestellt hatte. Aber hier war sie nun, zu einer kleinen Kugel zusammengerollt, indem sie ihr tränenüberströmtes Gesicht an die Knie drückte und ihre dünnen Arme um ihren zitternden Körper schlang.
Das kalte Metall des Kofferraums rieb bei jedem Schlagloch gegen ihre Haut und die Reserveradmulde drückte in ihre Seite.
Es war nicht die Dunkelheit, die ihr am meisten Angst machte – schließlich war sie an die Schatten auf dem Dachboden gewöhnt –, sondern die Ungewissheit darüber, was passieren würde. Wohin fuhr sie? Und warum?
Die Frage, die sie am meisten schmerzte, war jedoch eine, die sie bereits ihr ganzes Leben lang begleitet hatte: Warum hatte sie nie jemand gewollt?
Die Bilder ihrer herzlosen Familie und die Ereignisse jenen Tages spielten sich unaufhörlich in ihrem Kopf ab, während der Motor des Wagens unter ihr dröhnte.
Charles Craig, ihr Onkel, wirkte wie ein mächtiger Mann. Er war seit fast zehn Jahren Bürgermeister von Canterbury und besaß einen Charme, der die Wähler auf seiner Seite hielt.
Er war groß und schlank und trug elegante schwarze Anzüge, immer kombiniert mit einer grünen Krawatte, die zu seinen stechenden Augen passte. Sein glänzend schwarzes Haar war sorgfältig gekämmt und fing das Licht der prunkvollen Lampen ein, wenn er durch das Rathaus schritt. Seine Tage waren gefüllt mit Haushaltsplänen, Händeschütteln und falschen Lächeln. Alles, was er tat, diente nur dazu, seine Macht zu sichern.
Seine Frau Margaret war wie für ihn geschaffen. Sie beherrschte das gesellschaftliche Leben der Stadt mit ihrem perfekten Make-up und ihrer teuren Kleidung, die sie nie zweimal trug. Bei ihren täglichen Mittagessen im Country Club saß ihr blondes Haar perfekt, wobei keine einzige Strähne fehl am Platz wirkte.
Ihre Tochter Trina war sechzehn und sah aus wie ihre Mutter. Sie war in der Stadt berühmt und zierte mit ihren blonden Locken Plakatwände und Zeitschriftencover. Ihr Gesicht war sogar in der Fernsehwerbung zu sehen. Die Jungs liefen ihr hinterher, während die Mädchen neidisch auf sie waren. Aber Trinas herablassendes Lächeln hielt sie alle auf Abstand. Sie hielt ihre Nase hoch erhoben, als wäre die Luft der Stadt nicht gut genug für sie.
Bei öffentlichen Veranstaltungen wirkten die Craigs wie aus dem Bilderbuch. Sie trugen aufeinander abgestimmte Outfits und präsentierten sich mit einem einstudierten, strahlenden Lächeln.
Sie wussten, dass sie die Elite von Canterbury verkörperten, aber um sicherzustellen, dass Charles wiedergewählt wurde, gaben sie sich als freundliche, nette Menschen aus.
Freundlich zu sein, war für sie jedoch ein Fremdwort. Ihr aus Stein erbautes Herrenhaus, das am Rande der Stadt neben einem privaten Golfplatz thronte, zeugte von ihrem Erfolg.
Es hatte acht Schlafzimmer, sieben Badezimmer und eine Garage für fünf Autos. Es gab einen Außenpool, der in der Sonne glitzerte, und einen weiteren Pool im Haus.
Trina nutzte drei Schlafzimmer: eines zum Schlafen, eines für ihre teure Kleidung und eines zum Trainieren.
Charles und Margaret hatten getrennte Schlafzimmer. Sie teilten sich jedoch ein drittes Zimmer für ihre Fitnessgeräte.
Ein weiteres Schlafzimmer diente als Charles' Arbeitszimmer. An den Wänden hingen Auszeichnungen und Fotos von ihm beim Händeschütteln mit wichtigen Persönlichkeiten.
Das letzte Schlafzimmer quoll über vor Margarets überflüssigen Einkäufen – teure Taschen und Schuhe, die zu schön waren, um auf dem Dachboden zu landen.
Und genau auf diesem Dachboden lebte Brooklyn, eine zierliche Vierzehnjährige, deren feuerrotes Haar sie als Außenseiterin in der perfekten Welt der Craigs kennzeichnete..
Seit ihre Eltern Marshall und Bella Craig bei einem Autounfall ums Leben kamen, als sie zwei Jahre alt war, kannte sie nur die Kälte und den muffigen Geruch des Dachbodens.
Da sie weder zur Schule gehen noch sich in der Stadt zeigen durfte, war ihre Existenz auf die dunklen Räumlichkeiten des Herrenhauses beschränkt, wo sie ihre Tage damit verbrachte, den endlosen Forderungen der Craigs nachzukommen.
Sie schrubbte die Böden, putzte das Silber und flickte Trinas abgetragene Kleider. Ihre Hände waren rau von Arbeit, die niemand auch nur ansatzweise zu würdigen wusste.
Morgen war ihr fünfzehnter Geburtstag, aber sie wusste, dass es niemanden interessieren würde. Kein Kuchen, keine Geschenke – ihr einziger Beweis, dass sie überhaupt existierte, lag in einer kleinen Holzkiste, versteckt unter einem Brett im Dachboden.
Darin befanden sich ihre Geburtsurkunde und ein altes Foto ihrer Eltern, auf dem sie sie als Baby auf dem Arm hielten.
Auf dem Bild glich ihr dunkles, lockiges Haar dem ihres Vaters und unterschied sich von den glatten roten Strähnen, die sie nun nervös zwischen ihren Fingern zwirbelte.
Das blonde Haar und das runde Gesicht ihrer Mutter hatten keinerlei Ähnlichkeit mit ihren eigenen markanten Gesichtszügen.
Charles und Margaret sagten oft abfällig, dass Bella eine Schlampe war, die fremdgegangen wäre, und dass Brooklyns rote Haare bewiesen, dass sie nicht Marshalls Tochter war.
Aber das Foto erzählte eine andere Geschichte – das Lächeln ihrer Eltern zeugte von Liebe, während sie sie beschützend in den Armen hielten.
Warum aber war ihr Haar jetzt rot? Diese Frage verfolgte sie, ebenso wie ihre Sehnsucht nach einem Leben, in dem sie erwünscht war.
Sie konnte nicht anders, als davon zu träumen, was ihre Eltern wohl anlässlich ihres Geburtstags für sie vorbereitet hätten – vielleicht ein ruhiges Abendessen mit viel Gelächter und einen Kuchen mit ihrem Namen darauf.
Die Craigs hingegen machten Trinas Geburtstage zu riesigen Events: Überraschungen, die im ganzen Haus versteckt waren, Partys mit Hunderten von Leuten, Feuerwerk, das den Himmel erleuchtete, und Geschenke, die so hoch gestapelt waren, dass sie den Raum füllten.
Das laute Läuten einer Glocke riss sie aus ihren Gedanken. Brooklyn schob die Kiste zurück unter das Bodenbrett, legte das Holzstück wieder darauf und eilte zur Dachbodentür.
Mit nackten Füßen schritt sie die knarrende Treppe hinunter. Ihr Herz schlug wie wild, als sie die Küche erreichte.
Dort stand Margaret und schimpfte mit Ms. Mabel, dem Hausmädchen, wegen eines Fleckchens auf einem Weinglas, während sie die Hände in die Hüften gestemmt hatte.
Als Brooklyn hereinkam, richtete Margaret ihren Blick, der scharf wie ein Messer war, auf sie. „Und wo warst du, du kleine Bazille?“, fragte sie. Ihre Stimme war voller Hass.
Brooklyn hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Sie wusste, dass Reden ihre Tante nur noch wütender machen würde.
Margarets Tonfall veränderte sich, als sich eine falsche Freundlichkeit auf ihre Lippen legte.. „Ich habe gute Neuigkeiten. Ms. Mabel wird dich zum Haus ihres Bruders bringen“, sagte sie.
Brooklyns Augen schnellten hoch und trafen den kalten Blick ihrer Tante. „Was?“ Ihre Stimme zitterte. Schock vermischte sich mit Angst.
„Seine Frau ist krank und braucht jemanden, der das Haus putzt“, sagte Margaret. Ihr Lächeln war kalt. „Da du uns eine solche Last bist, ist das für alle das Beste.“
Wut loderte in Brooklyns Brust – heiß und ungewohnt. „Eine Last? Ihr habt euch nie um mich gekümmert. Ich mache alles – ich putze, koche, tue, was immer ihr wollt, während ihr …“
Eine Ohrfeige traf ihre Wange und brachte sie zum Schweigen.
„Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden, du undankbares Balg?“, zischte Margaret. „Du gehst mit Mabel, und wir werden dieses schreckliche rote Haar nie wieder sehen.“
Charles erschien in der Tür. Seine grüne Krawatte fing das Licht ein. „Brillant, Liebling“, sagte er und küsste gleichzeitig Margarets Wange. „Ich wusste, du würdest unser Problem lösen.“ Dabei sah er Brooklyn mit Abscheu im Gesicht an.
Brooklyn blickte zu Ms. Mabel und hoffte auf Hilfe, aber das Gesicht des Hausmädchens blieb ausdruckslos.
„Ich verstehe das nicht“, flüsterte sie, während ihr Tränen in die Augen stiegen. Das war doch ihre Familie, auch wenn sie gemein waren – wie konnten sie sie so einfach so wegschicken?
„Das musst du nicht verstehen“, sagte Charles laut. „Geh und hol deine Sachen. Sofort.“
Brooklyn hatte gelernt, ihren Onkel nicht wütend zu machen – seine Wut hatte schon einmal blaue Flecken bei ihr hinterlassen –, also ging sie die Treppe hinauf. Ihr Herz fühlte sich schwer an vor lauter Schmerz.
Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen, außer Sichtweite, aber nah genug, um Charles' leise Stimme zu hören.
„Und dieses Haus ist wirklich gut versteckt, ja?“
„Oh ja, Sir“, sagte Mabel. „Mitten im Burgby-Wald, meilenweit von jeder Stadt entfernt. Die nächste Stadt ist halb verlassen – es gibt keine Telefone und keine Straßen hinaus. Sie ist völlig abgeschnitten.“
„Ausgezeichnet“, sagte Charles und klang dabei äußerst zufrieden. „Mal sehen, ob sie sie dort finden. Sie muss vor Einbruch der Dunkelheit verschwunden sein, und niemand darf sehen, wie du sie wegbringst.“
Brooklyn hielt den Atem an. Wer waren sie? Warum sollte sie versteckt werden?
Charles' nächste Worte ließen sie erstarren. „Wenn sie erst mal fünfzehn ist, darf sie nicht wieder zurückkehren. Verstanden?“
„Ja, Sir“, sagte Mabel mit zusammengebissenen Zähnen. „Wenn sie versucht, zu fliehen, wird sie in diesem Wald nicht überleben. Keine Chance, dass sie es zurückschafft.“
Brooklyn erreichte den Dachboden. Ihre Hände zitterten, als sie ihre Kiste herausholte und sie in eine alte Decke mit ihren wenigen Kleidern wickelte – ein alter Pullover, eine abgetragene Jeans, ein Paar Socken.
Sie sah sich in dem staubigen Raum um. Seine kahlen Wände und das alte Bett zeugten davon, dass sich hier niemand um sie kümmerte.
Schwere Schritte ließen sie zusammenzucken. Niemand kam je auf den Dachboden.
Charles trat schnell durch die Tür und packte ihren Hemdkragen. „Beeil dich“, knurrte er und schob sie zur Treppe.
„Warum wollt ihr mich nicht?“, fragte Brooklyn, während ein Funke Mut in ihr aufflammte. Was konnten sie ihr schon antun, wenn sie sie ohnehin rauswarfen?
„Wir haben dich nie gewollt!“, schrie Charles und schob sie vorwärts. „Marshall hat dich nie gewollt. Du wirst nie bekommen, was deine dreckige Mutter …“ Er hielt inne und schüttelte den Kopf, als hätte er bereits zu viel gesagt.
Doch Brooklyns Verstand arbeitete schnell. Hatten ihre Eltern ihr etwas hinterlassen? Ein Testament vielleicht, das an ihrem fünfzehnten Geburtstag in Kraft treten sollte?
„Was bekommen?“, fragte sie und riss sich los, als sie das nächste Stockwerk erreichten. „Was bekomme ich nicht?“
Er lachte, kaltherzig und schroff. „Du weißt nicht mal, wovon ich rede.“
„Meine Eltern haben mir etwas hinterlassen“, mutmaßte sie mit fester Stimme, trotz ihrer Angst.
Charles blieb stehen, packte sie und drehte sie zu sich. „Sie sind mittellos gestorben“, sagte er mit gemeiner Stimme. „Du hättest mit ihnen sterben sollen. Sie hatten nichts.“
„Was bekomme ich dann nicht?“, flüsterte sie und hob das Kinn.
„Du bekommst niemals die Familie deiner Mutter zu Gesicht“, warf Trina mit selbstgefälliger Stimme vom Flur aus ein. „Sie wollen dich zu sich holen, wenn du fünfzehn wirst.“
„Ich habe eine Familie, die mich will?“, fragte Brooklyn und spürte einen kleinen Funken Hoffnung aufkeimen.
„Nein“, sagte Charles und schob sie zur nächsten Treppe. „Ich habe ihnen gesagt, dass du weggelaufen bist. Sie werden dich nicht suchen. Und jetzt halt die Klappe.“
Er schob sie zur Hintertür. Mabel wartete schon neben einem alten dunkelroten Auto. Der Kofferraum stand offen. „Ist alles vorbereitet?“, fragte Charles.
„Ja, Sir“, antwortete Mabel mit einem beunruhigenden Lächeln.
Brooklyn sah die Craigs an – Charles, Margaret, Trina – deren triumphierendes Grinsen verkündete , dass sie sich alle als Gewinner fühlten. Wohin sie auch ging, es konnte nicht schlimmer sein als das hier.
Sie trat vor und legte ihr Bündel in den Kofferraum.
Ein plötzlicher Stoß beförderte sie ins Innere, wobei ihr Rücken gegen den Radkasten prallte.
„Nein!“, schrie sie und kämpfte gegen Charles' starke Arme an. Schmerz durchzuckte sie, als er den Kofferraumdeckel zuknallte.
Und dann umhüllte sie Dunkelheit.
Das Auto fuhr los und brachte sie ins Ungewisse.












































