
Schattenakademie 1: Geheimnisse von Blackwood
Autor:in
Amanda Underwood
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Kapitel
71
Liebste Mami
LARISSA
„Was meinst du damit, dass du nicht meine Mutter bist?!“, sind Worte, von denen ich nie dachte, dass ich sie sagen würde.
Und doch stehe ich hier. Ich starre die verhärmte Frau an, die mich aufgezogen hat. Die Luft stinkt nach Zigarettenrauch und billigem Wodka, vermischt mit dem feuchten Geruch von Schimmel von der alten, abblätternden Tapete.
Ihre Augen sind blutunterlaufen, und sie schwankt auf den Beinen – ein vertrautes Zeichen von Trunkenheit. Über uns flackert eine Glühbirne. Es ist das einzige Licht in ihrem dreckigen Schlafzimmer. Es wirft Schatten auf ihr Gesicht und betont die tiefen Falten auf ihrer Haut. Es sind mehr Falten, als eine fünfunddreißigjährige Frau haben sollte.
Es hat vor ein paar Stunden angefangen, als ich auf dem Dachboden über ein zerschlissenes Fotoalbum gestolpert bin. Darin war ein Bild meiner Mutter in einem Krankenhausbett. Sie hielt ein Baby im Arm, das mir überhaupt nicht ähnlich sah.
Auf den Fotos von meiner eigenen Babyzeit habe ich dunkle Haare und helle Augen. Ich bin so ruhig, dass ich eher wie eine Puppe aussehe als wie ein lebendiges Kind. Aber dieses Baby im Album hat helles, feines Haar. Auf jedem Foto ist sein Mund weit geöffnet und das Gesicht beim Weinen zusammengekniffen.
„Bin ich nicht“, sagt sie mit krächzender, rauer Stimme. Sie hält einen Moment inne. Ihre Schultern hängen herab, als wäre dieses Geständnis ein physisches Gewicht, das sie trägt. „Aber ich war ein Teenager. Meine Eltern waren scheiße. Dein Vater –“
Ihre Stimme bricht bei diesem Wort ab. Der Fehler.
„Mein Freund“, korrigiert sie. „Er hat mich geschwängert. Und dann abserviert. Ich war allein und hatte furchtbare Angst. Ich war bereit, alles zu tun, um durchzukommen.“
Ihre glasigen Augen treffen meine. In ihren wässrigen Tiefen liegt nichts als Ekel. „Sogar mein eigenes, plärrendes Gör gegen dich einzutauschen.“
Ein bitteres Lachen entweicht ihren rissigen Lippen, bevor sie nach der Flasche auf dem Nachttisch greift. Sie nimmt einen kräftigen Schluck und verschüttet ein wenig. Es glänzt auf ihrem Kinn. „Du warst wenigstens still. Hast die Nächte durchgeschlafen und nie geweint.“
„Mom, es reicht“, sage ich und versuche, den Schmerz zu ignorieren, der mich innerlich zerreißt. Stattdessen konzentriere ich mich auf meine Frustration.
Sie war schon immer unglücklich, sogar grausam. Aber noch nie so wie jetzt.
Ich greife nach der Flasche. „Du bist völlig abgefüllt. Du musst deinen Rausch ausschlafen.“
Sie zuckt zurück und drückt die Flasche an ihre Brust. Sie umklammert sie so fest, wie sie mich noch nie umarmt hat, und weicht auf wackeligen Beinen zurück. Aber der Boden ihres Schlafzimmers ist übersät mit Müll: zerknüllte Fast-Food-Verpackungen, schimmeliges Geschirr, schmutzige Kleidung.
Ihre Füße verfangen sich in dem Chaos. Während sie mit den Armen rudert, um das Gleichgewicht zu halten, rutscht ihr die Flasche aus der Hand. Sie fällt mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Vom Müll gepolstert, zerbricht sie nicht. Aber ein stetiges Gluck, Gluck, Gluck ertönt, während der Wodka ausläuft und in den schmutzigen Teppich sickert.
Meine Mutter sackt auf die Knie. Schmutzige, ungepflegte Finger tasten hastig danach, um die Flasche wieder aufzustellen, aber es ist zu spät.
Vom Schnaps bleibt nichts übrig als ein nasser Fleck auf dem Teppich. Die starken Alkoholdämpfe füllen die Luft zwischen uns.
Für einen Moment herrscht Stille. Dieses Zimmer, das so viel Unglück gesehen hat, scheint den Atem anzuhalten. Es wartet darauf, dass sie noch weiter zusammenbricht.
Und sie enttäuscht nicht. Sie lässt sich auf die Fersen fallen, ihr Gesicht verzerrt sich, und sie kneift die Augen fest zusammen. Sie schreit. In diesem Geräusch liegen Jahre. Jahre voller Bedauern, Verzweiflung ... Hass.
Ich mache einen einzigen Schritt auf sie zu. Ihre Augen reißen auf und durchbohren mich mit einem wütenden Blick, der mir den Atem raubt.
„Verschwinde!“, knurrt sie.
Ich hebe die Hände in einer beschwichtigenden Geste. „Mom –“
„Für dich heiße ich Teresa. Ich bin nicht deine Mutter, du ... Ding! Hau. Ab!“ Jedes Wort ist ein giftiges Zischen. Jede Silbe ist ein Messer in meinem Bauch.
Ein Schock betäubt mich, und eine Kälte breitet sich in mir aus. Das Zimmer – der Müll, der Schmutz, die zerstörte Frau inmitten ihres selbst erschaffenen Chaos – verschwimmt.
Wieder flackert die kaputte Glühbirne. Sie wirft unheimliche Schatten, die sich um sie drängen, während ihre Worte in meinem Kopf widerhallen.
„Ich bin nicht deine Mutter. Verschwinde, verschwinde, du Ding, VERSCHWINDE!“
Ich taumele rückwärts, und meine eigenen Füße verheddern sich in weggeworfener Kleidung. Eine leere Bierdose knirscht unter meinem Sneaker. Aber alles, was ich sehe, sind diese Schatten. Sie winden sich um die schluchzende Frau, die mich mit solch ständiger, beiläufiger Vernachlässigung aufgezogen hat.
Die mich immer mit so viel Ekel angesehen hat.
Die Schatten pulsieren – schwellen an. Ich habe sie schon früher gespürt – immer am Rande meiner Wahrnehmung. Aber die Dunkelheit hat sich noch nie so stark angefühlt. So sehr als ein Teil von mir.
Und in diesem Moment hasse ich sie.
Sie antworten auf diesen Hass.
Sie brechen aus. Nicht wild oder unberechenbar – sondern fokussiert. Hungrig.
Die Luft wird eiskalt. Wenn ich ausatme, bildet sich Nebel vor meinem Gesicht.
„Du bist erbärmlich“, flüstere ich, und meine Stimme zittert vor Wut. „Und du hast das getan.“
Die Schatten verdichten sich. Sie wirbeln um sie herum wie kriechende, verhungernde Schlangen.
Sie schreit erneut – aber diesmal ist es keine Wut. Es ist reine Panik.
Ich weiche weiter zurück. Meine Fäuste sind so fest geballt, dass sich meine Nägel in meine Handflächen bohren, bis ich die Schwelle zum Flur überschreite.
Aber ich kann meine Augen nicht von den Schatten abwenden. Sie strömen durch das Zimmer und verschlucken die Schlafzimmertür wie eine dunkle, wütende Flut.
Der Schrei meiner Mutter wird markerschütternd schrill – erfüllt von einer Qual, die einem das Herz stehen lässt.
Aber dann hört er auf. Endlich herrscht Stille.
Kalter Schweiß tropft mir in den Nacken, als sich die Schatten zurückziehen. Aber ich sehe nicht hin. Ich kann es nicht.
Ohne einen anderen Gedanken im Kopf renne ich los. Ich renne, und ich drehe mich nicht um.
Aus der Tür, die geschotterte Auffahrt hinunter, bis sich eine leere, nachtdunkle Straße vor mir erstreckt.
Erst als die Straße mich auf eine belebtere Allee führt, bleibe ich stehen. Ich stehe im flackernden Schein einer kaputten Straßenlaterne. Ich beuge mich vor. Ein Stechen in meiner Seite macht mir das Atmen schwer – mein rasendes Herz macht es noch schwerer – und ich versuche, Sauerstoff in mich hineinzupumpen.
Da sehe ich sie im grellen Licht der Straßenlaterne.
Die Schatten.
Sie folgen mir. Sie kehren zu mir zurück.
Adrenalin flutet meine Adern und füllt meinen Mund mit einem scharfen, metallischen Geschmack. Mein Körper sollte in Aktion treten – aber das tut er nicht.
Wie angewurzelt beobachte ich, wie die Schatten auf mich zu gleiten. Sie sind ebenso wunderschön wie furchteinflößend.
Zu meinen Füßen halten sie inne. Dann fließen sie zusammen und sammeln sich zu einer dunklen Masse. Sie verschieben und vereinen sich, dehnen sich aus, bis sie eine unverkennbare Form annehmen.
Meine Form.
Und da trifft mich die Wahrheit wie ein Schlag.
Oh Gott ... was habe ich getan?
Nein – schlimmer. Was bin ich?
Übelkeit breitet sich in meinem Magen aus. Meine Hände hören nicht auf zu zittern.
Ein Auto brummt vorbei. Der Bass ist so laut, dass er in meiner Brust vibriert. Der Fahrtwind weht mir die Haare zurück – scharf, erdend, real.
Aber dann – eine Bewegung auf der anderen Straßenseite.
Mein Kopf schnellt hoch.
Und für eine schreckliche, atemlose Sekunde denke ich, dass ich erwischt wurde. Jemand hat die Schreie gehört. Die Schatten gesehen.
Die Polizei gerufen. Sie sind hier, um mich in Handschellen abzuführen. Für etwas, das ich nicht erklären kann.
Aber das ist es nicht.
Da ist jemand. Eine Gestalt steht im flackernden Licht ihrer eigenen kaputten Straßenlaterne.
Eine weite Fläche aus rissigem Asphalt trennt uns, aber das spielt keine Rolle. Und selbst im Halbdunkel erkenne ich – irgendetwas an dieser Gestalt ist falsch.
Sie steht zu still. Ihre Form ist sowohl zu gekrümmt als auch zu kantig, um etwas Natürliches zu sein.
Ich sage mir, es ist nur ein Junkie oder ein Straßenmädchen, das eine Straßenecke für sich beansprucht. Beides ist in dieser beschissenen Gegend an der Tagesordnung.
Aber dann – Lichtblitze. Kugeln, die in der Dunkelheit zum Leben erwachen.
Augen? Aber nicht zwei. Mehr.
Wer – oder was – auch immer das ist, es ist nicht menschlich. Und es ist nicht durch Zufall hier.
Es ist wegen mir hier.
Weil es Bescheid weiß.
Die Stimme meiner Mutter hallt in meinen Ohren, kratzig und voller Hass: Du Ding. Du Ding. Du Ding.
Und jetzt weiß ich es.
Dieses Ding auf der anderen Straßenseite?
Es ist genau wie ich –
Ein Monster.









































