
Table Eleven 2: Gespielt wird zu zweit
Autor:in
Lora Tia
Gelesen
201K
Kapitel
55
Kapitel 1
Buch 2: Gespielt wird zu zweit
EIRIN
In dem Moment, als die Metallketten über den Boden kratzten, wusste Eirin Klepp, dass dieser Fall anders werden würde.
Sie zerrten Richard Weiss in den privaten Besucherraum des Hochsicherheitsgefängnisses Edgefield Max, ketteten ihn wie ein wildes Tier am Tisch fest und verschwanden, ohne ein Wort zu sagen. Nicht einmal die Wärter wollten mit ihm im selben Raum sein.
Langsam hob er den Blick. Seine grauen Augen starrten sie unverwandt an.
Eirin rührte keinen Finger, und dennoch schlug ihr Herz schneller, was sie sehr ärgerte. Er sah nicht aus wie ein Mann, der in ein paar Tagen sterben würde, sondern eher wie jemand, der die ganzen fünf Jahre im Knast damit verbracht hatte, jeden Tag zu trainieren.
Ohne den Blick von ihm abzuwenden, nahm sie die Akte aus ihrer Aktentasche. „Wir können uns das Theater sparen“, sagte sie mit kalter Stimme. „Warum ich?“
Weiss legte den Kopf schief, sodass die Ketten leise rasselten . „Weil ich hier raus muss. Und Sie sind die Einzige, die das möglich machen kann.“
Diese Antwort hatte viel Gewicht. Wusste er von ihren Verbindungen zur Königsfamilie? Oder ging es darum, dass sie Vincents Schülerin war – oder die Tochter des Mannes, der einst die irische Mafia von Ordridge geleitet hatte?
Sie dachte jedoch nicht zu lange darüber nach. Fragen zu stellen, diente dazu, zu offenbaren, was sie wusste, und das hier war immer noch ihr Treffen. „Sie sollen hingerichtet werden, Mr. Weiss“, sagte sie. Sie öffnete die Akte. „Das ist normalerweise kein guter Zeitpunkt, um Forderungen zu stellen.“
Weiss lächelte leicht. „Ich bin nicht wie die meisten Männer.“
Nein, das war er nicht. Selbst in Ketten hatte er diese beängstigende Ruhe, die sie nur bei Royal-Elite-Killern gesehen hatte. Er wirkte wie jemand, der geduldig auf etwas wartete, das alle anderen zu langsam aufhalten konnten.
Und genau deshalb hatte sie diesen Fall angenommen. Ja, er würde ihr auch die Senior-Partnerschaft in der Kanzlei sichern. Aber hier ging es um Macht.
Irgendetwas an Weiss' Gefängnisaufenthalt ergab keinen Sinn. Er gehörte zu der Sorte Mann, die die Mafia umgebracht und nicht einfach in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt hätte. Und wenn die Royals ihn beobachten wollten, musste sie wissen, warum dem so war.
Eirin schloss die Akte und legte die Arme locker auf den Tisch. „Und trotzdem sind wir hier.“
Weiss zuckte mit den Schultern, so weit es die Ketten um seinen Körper zuließen. „Nun, ich bin ein Mensch. Ich mache manchmal Fehler. Ich dachte, ich nehme mir die Auszeit als eine Art Ruhestand.“
Sie lächelte nicht. „Erzählen Sie mir was Brauchbares.“
Weiss beugte sich vor, und die Stahlketten klirrten aneinander. „Sie haben die Akte gelesen. Sie wissen, dass ich sie nicht umgebracht habe.“
„Ist das alles, was Sie mir zu bieten haben?“, fragte sie. „Vergessen Sie nicht, dass man die Leiche in Ihrem Auto gefunden hat.“
„Sie war schon tot, als sie dort landete.“
„Wie praktisch“, sagte sie.
„Jemand hat ein paar lose Enden beseitigt. Und entschieden, dass ich verschwinden muss, nur nicht auf die übliche Art.“ Seine Stimme wurde leiser. „Eine Leiche in meinem Auto abzulegen, ist eine Sache. Mein Tod hätte für viel mehr Aufruhr gesorgt, mit einer Menge sehr unangenehmer Begleitumstände.“
Sie war überrascht, wie wahr das war. Die Royals verfügten über bessere Akten als jedes Gerichtsarchiv, und dieser Fall war seit Beginn immer ein brisantes Thema gewesen.
Sie und Tamara hatten wochenlang versiegelte Akten, versteckte Unterlagen und stillschweigende Zeugen durchleuchtet. Die Spur war immer sauber und endete im Nichts. Selbst die Royals hatten nicht herausgefunden, wer Weiss reingelegt hatte.
Aber jetzt, da sie ihn so ansah, war sie sich einer Sache sicher: Er wusste es wer es war.
Sie ließ die Stille einen Monent lang andauern, dann hob sie eine Augenbraue. „Sie scheinen sich keine Sorgen darüber zu machen, für den Mord an Senator Vinsons Tochter verantwortlich gemacht zu werden.“
„Männer wie Hayden sind meine geringste Sorge“, sagte Weiss. Seine Augen funkelten dabei vor Wut.
Das brachte sie zum Lächeln – ein kleines, wissendes Lächeln. Also hatte sie recht gehabt. Richard Weiss strebte nicht nach Freiheit. Er wollte zurück in die Unterwelt von Ordridge.
Und wer auch immer ihn hierhergebracht hatte, sollte besser seine Beine in die Hand nehmen und rennne.
Sie bewegte sich auf ihrem Stuhl hin und her, und schlug die Beine langsam übereinander. Ihre Augen lösten sich nie von seinen. „Wenn Sie wirklich unschuldig sind, dann hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, Sie hinter Gitter zu bringen.“ Sie ließ die Worte einen Moment wirken. „Glauben Sie nicht, dass Sie durch Ihre Freilassung wieder zur Zielscheibe werde?“
„Ich bin beeindruckt“, sagte er. „Sie haben jemanden geschickt, der klug ist. Und gefährlich.“
Sie. Ihr Rücken straffte sich ein wenig. Wer zum Teufel waren sie? Er hatte bei der Klepp Law Group ausdrücklich nach ihr gefragt. War das nur eine Vermutung oder wusste er etwas?
Wie auch immer, sie würde nicht darauf reagieren. Zu zeigen, dass es sie interessierte, gab ihm Macht, und sie hatte nicht vor, auch nur ein bisschen davon abzugeben.
Sie stand auf. „Wir werden die Hinrichtung vorerst aufschieben. Aber wenn Sie wollen, dass das zu Ihren Gunsten ausgeht, sollten sie anfangen, mir echte Informationen zukommen zu lassen.“
Weiss lächelte, aber es war kein angenehmes Lächeln. „Vorsicht, Ms. Klepp. Je tiefer Sie graben, desto weniger Auswege gibt es.“
Sie begegnete seinem Blick. „Es gab nie Auswege. Nur Dinge, die wie Auswege aussahen.“ Eirin drehte sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, um. Ihre Absätze hallten laut auf dem Betonboden wider, als sie aus dem Gefängnis hinaus in die kalte Luft von Ordridge trat. Als sich die schwere Tür hinter ihr schloss, hoben sich ihre Mundwinkel. Das würde interessant werden.
Sie zog ihr Handy heraus, als es vibrierte. Es war eine unbekannte Nummer, und sie ließ es einmal klingeln, bevor sie annahm.
„Schon Kontakt aufgenommen?“ Es war Xanders Stimme, scharf wie immer.
„Ich bin dabei“, sagte sie nur.
„Die Ältesten werden darüber informiert werden.“
Schon war die Verbindung unterbrochen. Keine Verabschiedung oder Smalltalk. Wie immer.
Eirin atmete aus und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie hatte ihre Maske wieder aufgesetzt. Sie war wieder die Klepp-Anwältin, die kaltäugige Tochter, der Hai, der ruhig seine Bahnen zog. Der Rest blieb genau dort, wo er hingehörte: weggesperrt und begraben.
Sie wollte gerade Tammy anrufen, als …
Jemand riss ihr das Handy direkt aus der Hand.
„Was zum Teufel …“, sagte sie scharf und wirbelte schnell herum.
Ein kahlköpfiger Mann in einem perfekt geschnittenen schwarzen Blazer starrte sie an. Er redete mit schwerem, russischem Akzent auf sie ein. Sie schnappte nur Bruchstücke auf – ihren Namen, etwas über Anweisungen –, aber es war schwer, es über das Pochen in ihrer Brust und diesen schweren Akzent hinweg, zu hören.
Hinter ihm tauchten sechs weitere Männer auf, als wären sie dem Erdboden entsprungen. Schwarze Anzüge. Ausdruckslose Gesichter. Die Sorte, die darauf trainiert war, sich ohne Fragen zu bewegen und ohne zu zögern zu töten.
Die Gefängnistore schlossen sich hinter ihr mit einem lauten Geräusch, und plötzlich war da nur noch sie, eine Handvoll gedungener Soldaten und ein wachsendes Gefühl von, na ja, Verdammnis.
Einer von ihnen trat vor und öffnete die hintere Tür eines schwarzen Lincoln, der heranrollte, als hätte er die ganze Zeit gewartet. „Ms. Klepp“, sagte der kahlköpfige Mann. „Mr. Kazimir möchte sich mit Ihnen unterhalten.“
Ihr Kiefer verkrampfte sich, während sich die Gedanken schnell in ihrem Kopf ausbreiteten. Auswege, Bedrohungslevel, Überlebenschancen. Alle niedrig. Aber wenn sie nicht gerade vorhatte, in zehn Zentimeter hohen Absätzen über den Parkplatz zu rennen, hatte sie keine Optionen.
Andererseits musste sie auch gar nicht rennen.
Mr. Kazimir wollte, dass sie zu ihm gebracht und nicht getötet wurde, und das bedeutete Macht. Sie atmete langsam und kontrolliert ein, und verschränkte die Arme mit einem kleinen, schiefen Lächeln. „Ich bin mit dem Auto da.“
„Man kümmert sich um Ihr Fahrzeug“, sagte er, als hätte sie ihn gebeten, es zu parken, statt sie zu entführen. Dann nickte er einem anderen Mann zu, der die Hand aufhielt. „Schlüssel. Jetzt.“
Ein Mann, der doppelt so groß wie sie war, trat vor. Sein Gesicht machte deutlich, dass es keinen Raum für Diskussionen gab, während er die Hand offen hinhielt.
„Niemand fährt Dick außer mir“, sagte sie und nickte zu ihrem weißen Mustang. „Er kann auf dem Beifahrersitz mitfahren, aber ich fahre.“
Der Kiefer des Mannes spannte sich an. Sie bemerkte das kurze Zögern, da er sich verzweifelt dagegen wehren wollte. „Steigen Sie freiwillig ins Auto?“, fagte er mit rauer Stimme. „Oder sollen wir das in die Hand nehmen?. Ihre Entscheidung.“
Sie zweifelte nicht daran. Das waren keine Sicherheitsleute mit Ohrstöpseln und mieser Laune. Das war die russische Mafia, die bereit war, Knochen zu brechen, ohne dass eine einzige Emotion den leeren Raum durchquerte, wo ihr Gewissen hätte sein sollen.
„Wenn Sie mich in den Kofferraum werfen wollten“, sagte sie, „wäre ich bereits dort drin.“ Sie verschränkte die Arme und ließ die Stille noch etwas länger andauern. Es war ein Risiko.
Aber Eirin ging immer Risiken ein. Sie traf sorgfältige Entscheidungen, und diese hier fühlte sich richtig an.
Sie starrten sich einen langen Moment an. Dann, mit einem Grunzen, zuckte der kahlköpfige Mann mit dem Kopf. Zwei seiner Leute zogen sich zurück, um ihr zu folgen.
Eirin drehte sich auf dem Absatz um. Ihr Mantel wehte hinter ihr, und sie ging zu Dick. Am anderen Ende des Parkplatzes glänzte ihr weißer Fastback-Mustang unter der spätnachmittäglichen Sonne wie ein geduldiger Wolf. Sie nannte ihn Dick aus einem bestimmten Grund, teils als Witz, und teils, weil er sich wie einer verhielt.
Als sie einstieg, atmete sie aus, während der Motor zum Leben erwachte und sie ihre Finger um das Lenkrad schloss. Sie hatte wieder die Kontrolle.
Einen Moment später rutschte der kahlköpfige Mann auf den Beifahrersitz und nahm Platz wie ein Berg aus Muskeln. Die anderen formierten sich hinter ihnen wie eine Trauerprozession.
„Zeigen Sie mir den Weg“, sagte sie mit trockener Stimme.
Er bellte ihr Anweisungen auf Russisch zu, fast so, als wüsste er, dass sie ihn verstand.
Zehn Minuten später bogen sie von der Autobahn auf einen Schotterweg ab und hielten vor einem Diner, das aussah, als wäre es seit den 1980ern nicht mehr renoviert worden. Neonlichter flackerten und die Fenster waren schmutzig.
Aber das Gebiet drumherum war streng bewacht. Bewaffnete Männer. Dicke Hälse. Enge Formation. Stille Kommunikationsgeräte.
Eirin stellte den Motor ab und ließ das Lenkrad langsam los. Für eine Sekunde hatten sich ihre Finger verkrampft. Dann stieg sie aus dem Auto. Ihr Gesicht zeigte keine Regung, jeder Schritt war bedacht. Sie hatte von Henrik Kaziehört. Jeder hatte das.
Man arbeitete nicht in Ordridges Strafgerichten oder bewegte sich innerhalb der königlichen Geheimdienste, ohne dass man seinen Namen wie eine Wetterwarnung zugeflüstert bekam. Kazimir war einer der wenigen Verbrecherbosse, bei dem es nie einen Grund oder die Erlaubnis gegeben hatte, ihn zu treffen. Bis jetzt.
Und er war nicht gerade bekannt für spontane Mittagstreffen.
Die Eingangstür wurde geöffnet, bevor sie sie erreichte. Ihre Eskorte deutete nach innen, als wäre das hier eine lockere Angelegenheit. Sie trat ohne zu zögern ein.
Das Diner war leer. Aufgeräumt und still wie eine Kirche. Jedes Geräusch war laut: ihre Absätze auf den Fliesen, das leise Verschieben von Körpern knapp außerhalb ihrer Sicht. Nur eine Nische war besetzt.
Ihr Puls pochte hinter ihren Augen, während ihre Absätze über den Boden klackerten. Sie war sich vollkommen bewusst über jeden bewaffneten Mann, der sie beobachtete, und jede geladene Waffe in Reichweite. Und dann sah sie ihn, und für einen kurzen Moment setzte ihr Verstand aus.
Das ist der Verbrecherboss?
Henrik Kazimir entsprach nicht dem, was sie erwartet hatte. Er war kein rauer Kriegsherr oder alternder Pate mit Zigarre und dem Hals voller Gold.
Der Mann hatte markante Züge und teuflische Augen. Er war schlank und perfekt gekleidet. Er trug einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug, ein marineblaues Hemd, das am Kragen offen war und keine Krawatte. Ein schlanker Finger ruhte neben einem Glas Rum, das noch unberührt schien.
Aber es waren seine Augen, die sie fesselten.
Eisblau. Unverwandt und sie lesend. Sie hätten mit einem Warnhinweis versehen werden müssen.
Er lächelte, ein kleines, beherrschtes Lächeln, aber es fühlte sich an, als würde man mit einem polierten Dolch erstochen. „Eirin Klepp“, sagte er, als wären sie alte Freunde, die sich zum Kaffee trafen.
Sie schaffte es, zu nicken, obwohl ihr Mund trocken war. „Ja, das bin ich, Mr. Kazimir.“
„Bitte“, sagte er, „nenn mich Henrik.“
Ihre Augen wanderten zu dem gedungenen Soldaten nahe der Tür, dann zurück zum Fenster. Sie suchte bereits nach Fluchtwegen, obwohl sie nirgendwo hingehen konnte. Aber es war Teil ihrer Gewohnheit. Es ging ums Überleben.
Ein Schweißtropfen glitt ihren Rücken hinunter, und sie hasste es, dass ihr Körper auf ihn reagierte, bevor ihr Verstand aufholen konnte.
„Warum das plötzliche Interesse am Weiss-Fall?“, fragte er, ohne Zeit zu verschwenden.
Sie zwang sich, sich zu konzentrieren. Zu atmen. Reiß dich zusammen. Nichts brachte sie aus der Fassung. Niemand brachte sie aus der Fassung. Außer vielleicht dieser Mann. „Dieser Fall könnte ein Game Changer sein“, sagte sie und richtete sich auf. „Größer als der Mamba-Fall.“
Er neigte den Kopf leicht, wie ein Panther, der überlegte, ob er angreifen sollte. „Und was denken Sie darüber?“
„Richard Weiss ist unschuldig.“ Sie sprach die Lüge aus, als ob sie sie selbst glaubte. Aber was sie wusste, war, dass er, obwohl er dieses Verbrechens nicht schuldig war, immer noch der angesehenste Auftragskiller des Kollektivs war. „Und ich werde es beweisen.“
Einen Moment lang sagte er nichts. Henrik Kazimir starrte sie einfach nur an. Diese eiskalten Augen durchbohrten sie wie eine laufende Autopsie. Dann sprach er endlich. „Ich bin sicher, Sie haben inzwischen herausgefunden, dass unsere Interessen … nicht miteinander übereinstimmen.“ Sein Lächeln beschränkte sich auf seinen Mund. Es erreichte nie seine Augen.
Ihr Puls raste, ohne dass sie es wollte. Sie war schon in viel Schlimmeres hineingeraten
, aber Henrik Kazimir hatte eine so furchterregende Präsenz und den Ruf, Menschen auf leise, aber dauerhafte Weise verschwinden zu lassen. Er konnte das hier beenden, ihr Leben beenden. Genau hier, genau jetzt, und damit durchkommen.
„Weiss bleibt, wo er ist“, fuhr Henrik fort. „Und Sie tun nichts. Auf diese Weise kann jeder mit intakten Körperteilen nach Hause gehen.“
Ihre Finger zuckten einmal auf ihrem Schoß, bevor sie sie entspannte.








































