
Unnatürlicher Instinkt Buch 2: Alleine
Autor:in
G. M. Marks
Gelesen
19,8K
Kapitel
31
Verdorbenheit
Buch 2: Allein
YOU
„Sie ist nutzlos! Sie ist zu alt, und sie ist nutzlos!“
Dein Herz hämmert, während du deinem Vater lauschst, wie er durch deine Schlafzimmertür tobt. Dein Rücken ist gegen die Wand gepresst, als könntest du dich einfach hindurchdrücken und entkommen.
Fliehen.
In die Freiheit.
Deine Mutter sagt etwas. Du strengst dich an, es zu hören, aber ihre Stimme ist kaum mehr als ein Murmeln. Wie immer hat sie keine Macht gegen deinen Vater.
„Es spielt keine Rolle, ob sie ihn mag oder nicht“, faucht er. „Er ist der einzige Freier, der sie will. Sie nicht das Recht, abzulehnen.“
Du hältst den Atem an, als die schweren Schritte deines Vaters den Flur entlangdonnern. Das ganze Haus scheint unter seiner Wut zu erzittern.
Er bleibt vor deiner Tür stehen und ruft deinen Namen.
Du antwortest nicht.
Er dreht den Griff. „Mach die Tür auf. Mach die verdammte Tür auf, Mädchen, oder ich trete sie ein!“
Mit einem zittrigen Atemzug gehorchst du. Du schwitzt und zitterst so sehr, dass du beide Hände brauchst, um den Griff zu drehen.
Dein Vater ist ein großer Mann, und überragt dich deutlich.
„Was soll das bedeuten?“, zischt er, die Augen voller Zorn.
Du weichst zurück, als er hereinstürmt. Hinter ihm steht deine Mutter an der Türschwelle, gekrümmt, das Haar verbirgt ihre Tränen und den Bluterguss in ihrem Gesicht.
Mit langen, schmalen Fingern klammert sie sich an den Türrahmen.
Du kannst nicht sprechen, als deine Beine gegen die Bettkante stoßen und du dich hinsetzt.
„Du kannst froh sein, dass er dich überhaupt will, du kleine Schlampe.“
Die Worte brechen aus dir heraus. „Ich bin keine Schlampe!“
Seine Ohrfeige schleudert dich nach hinten. Das Blut schießt in deine Wange. In deinen Ohren dröhnt dein Herzschlag.
Für einen Moment wird alles schwarz. Als du wieder etwas siehst, liegst du benommen auf dem Bett, und er steht über dir.
Er verzieht das Gesicht. „Und eine Lügnerin noch dazu. Du kannst von Glück reden, dass er dich überhaupt will. Eine kleine, verlogene Schlampe.“
Deine Tränen fließen unaufhaltsam. Sie brennen auf deiner Haut. Schluchzer lassen dich nach Luft ringen.
Dein Vater war nie ein angenehmer Mann, aber seit deiner „Reinheitsprüfung“ vor zwei Jahren ist er zu einem Monster geworden.
Du kannst nicht erklären, warum du durchgefallen bist. Der Pfarrer hätte seine Finger nicht so in dich stecken dürfen. Du erinnerst dich an seinen Blick.
Diesen schockierten, angewiderten Ausdruck. Es ist derselbe Blick, den dein Vater jetzt trägt.
Seit diesem Moment steht deine Welt auf dem Kopf. Wozu bist du noch gut? Das ganze Dorf weiß es, und kein Mann nimmt eine „verdorbene“ Frau zur Ehe.
Niemand – außer Tate Rankin.
Und der ist keine Option. Du wärst lieber tot, als jemanden wie ihn zu heiraten.
Du wärst tot. Seine beiden verstorbenen Ehefrauen sprechen dafür.
„Du wirst sein Angebot annehmen“, fährt dein Vater leise fort, „oder ich werfe dich in den Wald, wo die Bären dich holen. Verstanden?“
Du starrst ihn an, die Augen brennend, die Brust schmerzend vom hämmernden Herz. Du kannst nicht antworten.
Dieses eine Wort – das alles beendet – bleibt dir im Hals stecken. Er runzelt die Stirn und hebt erneut die Hand.
„Ja“, gibst du schließlich nach.
Langsam lässt er die Hand sinken.
„Gut“, sagt er. „Ich werde ihm meine Zustimmung mitteilen. Du solltest besser eine gute Ehefrau sein. Er ist deine einzige Chance.“
Dann dreht er sich um und geht, greift nach dem Arm deiner Mutter und zieht sie mit sich hinaus. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss.
Du starrst lange darauf, während die Tränen über dein Gesicht laufen.
Später am Abend hilfst du deiner Mutter, das Abendessen zuzubereiten. Sie ist still, ein zweiter Bluterguss zeichnet sich an der linken Seite ihres Kiefers ab, während sie sich routiniert durch die Küche bewegt.
Sie ist traurig. Sie ist immer traurig. Mit leichten Berührungen an deinem Ellbogen, deiner Hand, deinem unteren Rücken zeigt sie dir ihre stumme Unterstützung.
Keine Worte werden gewechselt. Sie kann nicht sprechen. In ihrem Gesicht ist kein Raum mehr dafür.
Als ihr euch zum Essen setzt, ist es still. Eine Uhr tickt an der Wand.
Draußen ruft eine Eule. Leise Geräusche erfüllen den Raum – deine Mutter, dein Vater und dein jüngerer Bruder, die ihre Suppe löffeln.
Die Spannung ist greifbar. Sie ist immer greifbar.
Dein Bruder weiß nichts von dem, was vor sich geht, doch er spürt genug, um still zu bleiben und sich rauszuhalten. Dein Vater beobachtet ihn mit sichtbarem Stolz, während sie ein paar Worte wechseln.
Ein Stolz, den er dir nie gezeigt hat.
„Warum isst du nicht?“, fährt er dich plötzlich an.
Du schreckst aus deinen Gedanken hoch und schiebst hastig einen Löffel in den Mund. Er beobachtet dich mit gerunzelter Stirn.
„Das Letzte, was ich brauche, ist, dass Tate mir vorwirft, ich würde meine eigene Tochter verhungern lassen.“
Du hältst den Blick gesenkt und isst die Schüssel leer, während er dich beobachtet.
Du verlässt den Tisch erst, als alle fertig sind. Schweigend spülen du und deine Mutter das Geschirr, schüren das Feuer und sorgen dafür, dass die Hühner sicher für die Nacht untergebracht sind.
Als alles erledigt ist, wendet sich deine Mutter dem Stapel Kleidung zu, der gewaschen und geflickt werden muss, während dein Vater und dein Bruder am Feuer sitzen und lesen.
„Ich hole noch Holz“, sagst du und gehst durch die Vordertür.
Niemand reagiert. Niemand dankt dir.
Draußen gönnst du dir ein paar Momente der Ruhe. Das Dorf liegt still da.
Ein großer Vollmond erhellt den Himmel. Es fühlt sich an, als würden die anderen Häuser dich anstarren, dich mit ihren dunklen Fenstern verurteilen, während du deinen Schal enger um die Schultern ziehst.
Der Winter steht vor der Tür. Dein Atem bildet feinen Nebel, als du auf die Straße trittst und hinüber zu den sich im Wind wiegenden Ästen des Waldes blickst.
Manchmal denkst du, ein Bär wäre besser. Er würde dich wenigstens nur töten – nicht langsam zerstören.
Du schüttelst den Gedanken ab und gehst zurück.
Hinter dem Haus sammelst du das Feuerholz ein. Als du wieder hineingehst, sind dein Vater und dein Bruder bereits zu Bett gegangen, und das Feuer ist heruntergebrannt.
Deine Mutter sitzt noch immer im Halbdunkel und flickt Kleidung.
Die Flammen zischen leise, als du sie neu entfachst und Holz nachlegst.
Sie sagt nichts. Du wirfst einen Blick über die Schulter, beobachtest sie lange, bis sie schließlich zu dir aufsieht.
hre Hände verharren in der Bewegung. Du öffnest den Mund, willst etwas sagen – so vieles sagen –, doch deine Gedanken zerfallen, bevor sie Worte werden.
Stattdessen wendest du dich wieder dem Feuer zu. Die Tränen steigen dir in die Kehle und laufen schließlich über deine Wangen.
***
Dein Vater handelt schnell – und Tate Rankin ebenso.
Dein zukünftiger Ehemann empfängt euch mit seinem üblichen schmalen Lächeln. Sein ergrauendes, ungepflegtes Haar ist zu einem lockeren Zopf über die linke Schulter gebunden.
Die Schulterpolster seines Hemdes sind verrutscht und lassen ihn schief wirken. Unter den Achseln zeichnen sich dunkle Schweißflecken ab.
„Willkommen“, sagt er und zieht die Tür weit auf. „Kommt rein.“
Dein Vater packt dein Handgelenk und führt dich hinein. Im Vorbeigehen wirfst du Tate einen Blick zu.
Seine dunklen Augen gleiten über deinen Körper. Dir dreht sich der Magen um, und du schaust schnell weg. Er deutet auf das Sofa, und du setzt dich.
Dein Vater schüttelt ihm die Hand und lächelt zufrieden. Du presst deine Hände zwischen deine Knie und versuchst, dein Zittern zu kontrollieren.
Das Haus ist verwahrlost. Überall liegt Gerümpel herum, Staub bedeckt die Fensterbänke.
Essensreste liegen auf dem Boden. Eine Kakerlake huscht über einen harten Brotklumpen. Ohne Ehefrau gibt es niemanden, der sich um den Haushalt kümmert.
Einige Fenster sind zerbrochen, und es ist kälter, als es sein sollte. Die beiden Männer gehen ins Nebenzimmer, um zu sprechen.
Du willst ohnehin nichts hören. Als sie zurückkehren, lächeln beide. Ein schlechtes Zeichen – aber kein unerwartetes.
Du stehst sofort auf, senkst den Blick und verschränkst die Hände hinter dem Rücken, wie es sich für eine „anständige“ Frau gehört.
„Ein bisschen alt“, sagt Tate und mustert dich, während er um dich herumgeht. „Aber hübsch. Und kräftig.“
Er packt deinen Arm. Es kostet dich all deine Kraft, nicht zusammenzuzucken.
„Sie ist eine gute Köchin, reinlich, fleißig, und sie wird eine fürsorgliche Mutter und gehorsame Ehefrau sein“, sagt dein Vater, auch wenn seine Augen dich einen Moment lang unsicher mustern.
Tate legt dir die Hand an die Hüfte. „Fest gebaut. Gut. Da sollte sich leicht ein Sohn machen lassen.“ Er lacht leise, bleibt dann vor dir stehen und verschränkt die Arme. „Nun? Bist du bereit, mir zu gehören?“
Mit aller Willenskraft zwingst du dich, den Kopf zu heben und ihm in die Augen zu sehen. Du kämpfst dagegen an, ihn anzustarren.
Der Impuls, sich zu widersetzen, flammt in dir auf – doch ein einziger warnender Blick deines Vaters lässt ihn sofort erlöschen.
Ich werfe dich in den Wald, wo die Bären dich holen.
Du senkst den Blick und nickst.
„Ausgezeichnet“, sagt Tate. „Dann ist es beschlossen. Die Hochzeit kann noch diese Woche stattfinden.“
***
Die Woche vergeht wie im Flug. Natürlich. Ist es nicht immer so?
Vielleicht ein grausamer Scherz Gottes. Mit jedem Tag wächst deine Angst. Die Tränen kommen leichter.
Am Tag vor der Hochzeit stehst du vor dem Spiegel und kämpfst gegen den Drang an, dir das Gesicht zu zerkratzen. Für Tate willst du nicht schön sein. Für niemanden wie ihn.
Warum hasst Gott dich so sehr? Warum hat er dir deine Unschuld genommen? Ist das eine Prüfung?
Oder ein schlechter Scherz? Er hat dich den Wölfen vorgeworfen – und sieht einfach zu. Ohne das alles hättest du vielleicht ein gutes Leben führen können. Mit einem der besseren Männer.
Vielleicht mit jemandem wie Tristan. Oder Alex.
Aber sind sie wirklich besser? Nach allem, was du gesehen hast – nein. Kein Mann ist gut. Nirgendwo.
Die blauen Flecken deiner Mutter sind nichts Ungewöhnliches. Und die Verachtung eines Vaters für seine Tochter noch weniger.
Du schmeckst die Tränen auf deinen Lippen.
***
Der Morgen deiner Hochzeit ist hell und klar – beinahe spöttisch. Vögel zwitschern, Kühe muhen, die Hühner picken zufrieden nach Futter, während deine Mutter dir den Schleier anlegt.
Die ganze Woche hat sie daran genäht. Der feine Stoff fällt weich über deine Schultern und lässt das Sonnenlicht hindurchschimmern.
„Danke, Mama“, sagst du leise und streichst ihn glatt.
Ihr Lächeln ist angespannt, als sie dein Haar richtet und deinen Pony zurechtlegt. Du bist hübsch. Auf eine Weise, die dir fremd ist.
Gereinigt. Herausgeputzt. Deine Augen wirken groß und hell, deine Lippen voll und glänzend.
Das schlichte, cremefarbene Kleid passt zu deinem „Zustand“ und umspielt deinen Körper vorteilhaft.
Deine Mutter beugt sich vor und küsst dich auf die Wange. „Ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“
Du drückst ihre Hand. Ihre Finger zittern, als sie zurückdrückt.
Es gibt so vieles, was ihr einander sagen möchtet – und doch nichts, was etwas ändern könnte.
Deine Mutter ist innerlich längst gebrochen. Und du bist auf dem Weg dorthin.
Der Tag verschwimmt zu einem Wirbel aus Stimmen, Bewegung und Geräuschen. Du nimmst kaum etwas bewusst wahr.
Freunde hast du keine mehr. Nicht seit dem Skandal.
Überall siehst du tuschelnde Menschen. Männer, die Tate anzüglich zulächeln.
Frauen, die dir kühle, höfliche Küsse auf die Wange drücken.
Er steht am Ende des Ganges, das Haar gekämmt, geschniegelt im Anzug und lächelnd, die großen Hände vor sich gefaltet. Er sieht tatsächlich recht ansehnlich aus.
Die Grübchen auf seinen Wangen wriekn echt, als er deine zitternde Hand mit einem Wort der Ermutigung nimmt.
Du fühlst dich wie betäubt. Deine Haut ist eiskalt. Innerlich kennst du nur Schock und Verwirrung.
Der Pfarrer spricht, doch du hörst ihn kaum. Dein Mund ist so trocken, dass du nicht aufhören kannst, dir über die Lippen zu lecken. Ihr haltet immer noch Händchen, und es fühlt sich schrecklich unbeholfen an.
Er blickt dir in die Augen, und du kämpfst darum, den Blick zu erwidern, deine Augen blicken ständig auf deine Schuhe.
Dann ist es vorbei.
Tate beugt sich für den Kuss vor. Du hast keine andere Wahl.
Und so beginnt das Ende deines Lebens.















































