
Krieg & Chaos – Buch 4: Skitzo
Autor:in
Gina O’Connor
Gelesen
174K
Kapitel
21
Kapitel 1
Skitzo: Buch 4
ROWAN
. . . . . . . . VOR ACHT JAHREN
„Du musst mit ihm reden, Ro. Er muss es erfahren – bevor du morgen abreist“, sagte Claudia, während sie meine Hand hielt und mir sanft die Tränen vom Gesicht wischte.
„Ich habe solche Angst, Dia ...“, meine Stimme brach, als ich versuchte, nicht noch mehr zu weinen. „Wir haben seit Wochen kein Wort gewechselt. Und jetzt das? Er wird mich hassen ...“
Claudia umarmte mich kurz, aber fest. Dann holte sie meine Jacke vom Stuhl und half mir beim Anziehen.
„Wo willst du hin?“, fragte ich, als sie selbst in ihre Jacke schlüpfte.
„Wir bleiben nicht die ganze Nacht hier, während du wegen eines Jungen heulst, der eigentlich um dich weinen sollte. Du wirst es ihm sagen. Heute Abend.“
„Warum?“
„Weil es mir das Herz bricht, dich so zu sehen“, erwiderte sie. „Er ist dein Freund, Ro. Wenn er dich so lieben würde wie du ihn, wäre er jetzt hier bei dir.“
Ihre Worte trafen mich hart, aber sie hatte Recht. Ich konnte nicht gehen, ohne es Beau zu sagen. Nicht so.
„Ich weiß, du hast Bammel“, sagte sie sanfter und nahm meine Hand, während sie mich zu ihrem Auto zog, „aber ich bleibe die ganze Zeit an deiner Seite – auch wenn ich in ein paar Wochen selbst wegziehe.“
Die Fahrt zu Beau verlief schweigend. Meine Hände zitterten in meinem Schoß, während mein Kopf vor Sorgen schwirrte.
Vor zwei Monaten hatte mein Vater ein Jobangebot in Großbritannien bekommen. Zuerst sagte ich ihm, er solle es annehmen – ich dachte nicht, dass es wirklich passieren würde.
Ich dachte, wir hätten noch Zeit. Aber dann wurde es plötzlich Realität – wir zogen um.
Ich erzählte es Beau ... und alles ging den Bach runter. Ein Streit. Eine richtig üble Auseinandersetzung.
Danach folgte eine sehr schmerzhafte Funkstille. Seitdem hatten wir kein Wort mehr gewechselt.
Claudias Hand auf meiner holte mich in die Gegenwart zurück. Ich schenkte ihr ein schwaches Lächeln, aber sie wusste, dass ich immer noch durch den Wind war. Sie wusste es einfach immer.
Als wir in Beaus Straße einbogen, stutzte ich. Es standen viele Autos am Straßenrand. Wir konnten Leute lachen hören.
„... Schmeißt er etwa eine Party?“, sagte ich, als ich aus dem Auto stieg. Auf dem Rasen lagen Bierflaschen verstreut.
Im Haus dröhnte laute Musik. In den Fenstern blitzten bunte Lichter.
Jemand kam lachend und angetrunken aus dem Haus getorkelt. „Was ist denn hier los ...“, murmelte Claudia leise.
Wir gingen durch die offene Haustür. Die Musik war ohrenbetäubend laut.
Die Luft roch nach Rauch, Schweiß und verschüttetem Bier.
„Rowan?“ George – Beaus bester Kumpel – sah mich verwirrt an, eine Bierflasche in der Hand. Er blickte sich um, als würde er etwas verheimlichen wollen.
„Wo steckt Beau?“, fragte Claudia.
George zögerte, bevor er antwortete. „Ich ... ich weiß nicht so genau.“
Ich wartete nicht ab. Ich drängte mich an ihm vorbei und bahnte mir einen Weg durch die Menge von Menschen und Plastikbechern.
In der Küche schenkte Brody – Beaus Zwillingsbruder – mit einem breiten Grinsen Getränke aus.
„Row!“, rief er gut gelaunt. „Was geht ab, Süße?“
„Wo ist Beau?“
„Wenn er nicht hier unten ist, schau mal oben nach.“
Ich sagte nichts. Ich drehte mich einfach um und rannte die Treppe hoch, mein Herz schlug mit jedem Schritt schneller.
Etwas fühlte sich falsch an. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Seine Schlafzimmertür war geschlossen.
Ich öffnete sie. Und meine Welt brach in tausend Scherben.
Beau. Im Bett. Mit ihr.
Das Mädchen aus seinem Mathekurs. Ich kannte ihren Namen nicht, aber ich hatte sie einmal gesehen, wie sie in der Bibliothek sehr nah bei ihm saß.
Ich erinnerte mich, wie sie ihn angelächelt hatte, als wäre es ihr schnuppe, dass er eine Freundin hatte. Als dächte sie, sie könnte ihn für sich gewinnen. Das hatte sie nun geschafft.
Sie bemerkten mich zunächst gar nicht. Sie waren zu sehr miteinander beschäftigt.
Der Raum schien sich zu drehen. Meine Brust schmerzte. Ich konnte kaum atmen.
Ich taumelte rückwärts. Mir war speiübel, ich war traurig, wütend und schockiert zugleich.
Plötzlich stand Claudia hinter mir. Sie knallte die Tür zu, sodass ich nichts mehr sehen konnte.
George kam die Treppe hochgestürmt und sah sehr besorgt aus.
„Row – es ist nicht so, wie –„
Ich schlug zu. Meine Faust traf sein Gesicht. Es gab ein lautes Knacken.
George taumelte zurück, Blut lief aus seiner Nase. Ich fühlte nichts.
Nicht den Schmerz in meiner Hand. Nicht den Schmerz in meiner Brust. Nicht Claudias entsetztes Keuchen hinter mir oder George, der meinen Namen sagte, als schuldete ich ihm irgendetwas.
Ich fühlte mich wie betäubt.
„Bring mich nach Hause“, flüsterte ich. Meine Stimme klang nicht wie meine eigene. Sie war schwächer. Kleiner. Als wäre ein Teil von mir noch in diesem Zimmer oben geblieben.
Claudia sagte nichts. Sie versuchte nicht, mit mir zu reden oder zu fragen, was passiert war. Sie nickte nur und griff nach mir, wie sie es immer tat – beständig, stark, die Art von bester Freundin, die nicht alles wissen musste, um zu verstehen, wie sehr es wehtat.
Sie legte ihren Arm um meine Schultern und führte mich die Treppe hinunter, durch die laute Musik und den Geruch von Schweiß und Alkohol. Niemand hielt uns auf.
Niemand bemerkte uns. Für sie waren wir nur Teil der Party. Aber für mich war die Zeit stehengeblieben.
Das Haus verschwamm hinter uns. Auf der Veranda lachten und redeten Leute wie Geister aus einem anderen Leben. Einem, in dem ich dachte, Beau würde für immer zu mir gehören.
Ich weinte nicht. Nicht einmal im Auto. Ich schaute einfach aus dem Fenster und fühlte nichts. Wie abgeschnitten von allem.
Straßenlaternen zogen wie verschmierte Sterne über die Windschutzscheibe. Die Nacht draußen war warm, aber mir war eiskalt. Nicht nur auf der Haut – tief im Inneren.
„Ich bring ihn um“, sagte Claudia irgendwann und umklammerte das Lenkrad. „Ich schwöre, Ro, das werde ich.“
Ich antwortete nicht. Ich konnte einfach nicht.
Sie sah immer wieder zu mir herüber. Ich spürte, wie sehr sie es irgendwie besser machen wollte, aber manche Dinge lassen sich nicht so einfach kitten.
Alles in mir war zerbrochen. Und wo einst Liebe war ... herrschte nun gähnende Leere.
***
Zurück bei mir zu Hause kam Claudia ohne zu fragen mit hinein. Das Haus war still – Dad hatte schon für den Umzug gepackt, zu beschäftigt mit Plänen, um zu bemerken, wie durch den Wind ich war.
Ich zog meine Schuhe an der Tür aus und ließ meine Jacke achtlos auf den Boden fallen. Die Stille schien lauter als die Party gewesen war.
„Du solltest was essen“, sagte Claudia. „Soll ich dir Toast machen?“
Ich antwortete nicht. Ich ging in mein Schlafzimmer und schloss die Tür. Nicht um unhöflich zu sein – sondern weil der Schmerz jetzt überwältigend war. Er dröhnte in meinen Ohren und machte es schwer zu atmen.
Meine Augen fühlten sich seltsam an – nicht vom Weinen, sondern weil ich zu viele Gefühle zu lange zurückgehalten hatte.
Das Bett knarrte, als ich mich darauf fallen ließ. Mein Kissen roch nach meinem Shampoo.
Die kleinen Lichterketten über meiner Kommode blinkten sanft.
Ich lag auf der Seite, zusammengerollt, und starrte die Wand an. Sie war übersät mit Bildern – ich und Beau, ich und Claudia, Tage am Strand, Lagerfeuer in der Nacht, späte Abende unter den Sternen.
All das fühlte sich an, als gehörte es zu jemand anderem.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag, bevor ich hörte, wie Claudia mit einem Teller Vegemite-Toast ins Zimmer kam. Sie sagte nichts.
Sie legte sich einfach neben mich ins Bett, mit Kleidung, und zog die Decke über uns beide.
„Ich bleibe hier, bis du aufwachst“, sagte sie leise.
Einen Moment lang dachte ich, vielleicht könnte ich sprechen. Vielleicht könnte ich ihr danken oder sie bitten, den Schmerz wegzunehmen.
Aber ich brachte kein Wort heraus.
Sie brauchte das auch nicht. Sie hielt einfach meine Hand.












































