
The Royal Legacy Universum: Der Beta & seine Hexe
Autor:in
Emily Goulden
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Kapitel
9
Kapitel 1
Der Beta und seine Hexe: Die Geschichte von Ethan und Sybil
Ethan schlief tief und fest in einem billigen Motel, als sein Handy auf dem Nachttisch neben dem Bett plötzlich losklingelte. Er stöhnte, drehte sich um und tippte ein paarmal aufs Display, bis er endlich den grünen Button erwischte.
„Hallo?“ Seine Stimme klang rau wie Schmirgelpapier.
„Ethan?“ Der Typ am anderen Ende lachte – wahrscheinlich darüber, wie übel Ethan klang.
„August, bist du das?“ Ethan stützte sich auf einen Ellbogen und rieb sich die Augen.
„Ja, ich bin’s. Alles in Ordnung bei dir?“, fragte August.
„Ich war die ganze Nacht unterwegs. Hab’ kaum geschlafen.“ Ethan blinzelte zur Uhr. Es war nach vierzehn Uhr.. Scheiße.
„Sorry, dass ich dich geweckt hab’, aber ich hab’ Neuigkeiten.“ August klang viel zu fröhlich für diese Uhrzeit.
„Was gibt’s?“ Ethan setzte sich auf; das Motelbett knarrte unter ihm.
„Josie hat letzte Nacht unseren Sohn bekommen. Kade Johnathan Hayes. Der zukünftige Alpha von Crescent Moon.“ Augusts Stimme war voller Stolz, und Ethan konnte es durchs Telefon förmlich spüren.
„Das ist großartig, Mann! Glückwunsch.“ Ethan grinste breit, plötzlich hellwach. „Wie geht’s Josie? Und dem Baby?“
„Beiden geht’s prima. Josie war echt stark. Das Einzige, was gefehlt hat, war sein Onkel Ethan.“ August stieß einen Seufzer aus, und Ethans Brust zog sich vor Schuldgefühlen zusammen.
„Ich weiß, Mann. Tut mir leid. Ich dachte, ich wär heute nah dran, aber sie ist mir wieder entwischt. Soll ich nach Hause kommen?“ Ethan verzog das Gesicht – die Antwort konnte er sich schon ausmalen.
„Nein. Nicht, bevor du sie gefunden hast. Ich versteh dich, Ethan. Wenn es um Josie ginge, würde ich dasselbe tun. Kade ist noch da, wenn du seine Tante nach Hause bringst.“ Augusts Stimme war weich, und Ethan fühlte sich ein wenig weniger allein.
„Danke, August.“ Erleichterung durchströmte ihn. Es bedeutete ihm alles zu wissen, dass August noch hinter ihm stand.
„Schlaf ein bisschen, okay? Wir reden später.“ August lachte leise, dann legte er auf.
***
Fünf lange Monate waren vergangen, seit Ethan herausgefunden hatte, wer seine Gefährtin war – eine Hexe aus der Armee, die Victoria aufs Rudelgelände von Crescent Moon gebracht hatte. Die meisten dieser Hexen waren zum Kämpfen gezwungen worden, und sie ergaben sich in dem Moment, als Victoria starb.
Ethan war sich sicher, dass seine Gefährtin eine von ihnen war. Sie war weggelaufen, sobald ihnen klar wurde, dass sie Gefährten waren.
Als sich der Tumult gelegt hatte, war Ethan mit Mayze – der guten Hexe – losgezogen, um sie zu finden. Irgendwann trennten sie sich.
Seitdem rief Mayze ab und zu mit einem neuen Hinweis an und nutzte ihre Magie, um die geflohene Hexe aufzuspüren. Ethan ließ dann alles stehen und liegen und fuhr in die Stadt oder in den Bundesstaat, den Mayze ihm nannte.
Jeder Hinweis war solide. Ethans Beta-Instinkte und seine Spürnase erhaschten den schwächsten Hauch des Geruchs seiner Gefährtin. Seine Sinne standen dauerhaft unter Spannung – doch er war immer ein oder zwei Tage zu spät.
Immer auf der Jagd, nie am Ziel.
Gerade war er irgendwo in Michigan und fror sich den Arsch ab, während er versuchte, ihrer Spur durch verschneite Wälder zu folgen. Die Fährte war alt – sie war seit Tagen weg.
Jesse, sein Wolf, hielt sich nur mit Mühe zusammen, verzweifelt nach auch nur dem kleinsten Hauch ihres Geruchs. Dieses Verlangen machte Ethan wacher, schärfer, entschlossener – aber es reichte nie.
Das Schlimmste? Ethan kannte nicht mal ihren Namen. Er wusste nicht, wie sie aussah.
Er hatte ihren Geruch nur auf dem Schlachtfeld wahrgenommen; Jesse hatte ihn zu ihr gezogen, doch sie hatte ihn gespürt und war losgerannt. Alles, was er gesehen hatte, war ihr Schatten, als sie zwischen den Bäumen verschwand.
Ethan grummelte unzufrieden, rollte aus dem Bett und zog die Decke mit sich. Er schlurfte ins winzige Badezimmer und stellte sich unter die Dusche.
Drei Stunden Schlaf waren inzwischen normal. Es war ihm egal. Er würde für immer darauf verzichten, wenn es bedeutete, sie zu finden.
Er duschte schnell, stopfte seine Sachen in den Rucksack und verließ das Motelzimmer. Dann stieg er in seinen schwarzen Jeep Wrangler, der mehr vom Land gesehen hatte, als die meisten Menschen je sehen würden.
Er warf die Tasche nach hinten und fuhr vom Parkplatz. Jesse hatte die Spur nach Norden verloren, Richtung Kanada. Also fuhr Ethan dorthin – nach Norden, in die Kälte, der Hoffnung hinterher.
Ethan war dankbar, dass er an seinen Reisepass gedacht hatte. Die Grenzkontrolle zu passieren war ein Kinderspiel – Göttin sei Dank für kleine Wunder.
Er ließ sich von Jesses Instinkten leiten, während er über kurvenreiche, leere Straßen fuhr – Straßen, die einem das Gefühl gaben, der letzte Mensch auf der Welt zu sein.
Schließlich erreichte er das Green-Mountain-Rudel. Der Ort sah aus wie eine Postkarte: Blockhütten, Kiefern, überall Schnee.
Die Wachen winkten ihn durch, und er parkte vor der größten Hütte. Alpha Quinton und seine Luna Michelle warteten auf der Veranda, dick eingepackt gegen die kalte Bergluft.
Ethan fröstelte, als er aus dem Jeep stieg, und wünschte sich, er hätte eine dickere Jacke mitgebracht. Er rannte die Stufen hoch und versuchte, selbstbewusster zu wirken, als er sich fühlte.
„Danke, dass ihr mich durchgelassen habt, Alpha, Luna. Ich bin Beta Ethan von Crescent Moon in Rhode Island.“ Er streckte die Hand aus und hoffte, dass er nicht so nervös klang, wie er sich fühlte.
Luna Michelle lächelte warm. „Komm rein, Beta Ethan.“
Das Wohnzimmer war gemütlich; im riesigen Steinkamin knisterte ein Feuer. Ethan spürte, wie sich seine Schultern ein wenig entspannten, als er sich aufs Sofa sinken ließ.
„Die Wachen sagten, du suchst deine Gefährtin?“, fragte Alpha Quinton sanft.
„Ja, lasst mich erklären …“ Ethan begann seine Geschichte. Er hatte sie in den letzten fünf Monaten so oft erzählt, dass er sie wahrscheinlich im Schlaf aufsagen konnte.
Er war von Küste zu Küste gereist und hatte bei jedem Rudel Halt gemacht, das er finden konnte. Jedes Mal hörten die Leute zu, boten Hilfe an und versprachen, die Augen offenzuhalten.
Niemand schien sich daran zu stören, dass seine Gefährtin eine Hexe war. Die Freundlichkeit, er er unterwegs begegnete, ließ ihn sich fragen, wie der Rat so voller Hass sein konnte, wenn alle anderen einfach nur helfen wollten.
Alpha Quinton beugte sich vor. „Tatsächlich, Beta Ethan, hat ein Hexenzirkel darum gebeten, sich direkt außerhalb unseres Landes anzusiedeln, oben am Berg. Die Mutter des Zirkels und ihre zwei Schülerinnen kamen zu uns, unterzeichneten ein Friedensabkommen, und wir ließen sie sich etwa fünf Meilen nördlich von hier niederlassen.“
Ethans Herz schlug schneller. Endlich mal gute Nachrichten.
„Könnte ich eine Wegbeschreibung bekommen?“, fragte er und versuchte, nicht zu verzweifelt zu klingen.
Alpha Quinton grinste breit. „Ich mach’s noch besser. Mein Beta bringt dich direkt zu ihnen. Die Mutterhexe wirkte freundlich – sie wird dir helfen, selbst wenn deine Gefährtin nicht dort ist.“
Ethan konnte nicht anders, als zu lächeln. „Vielen Dank, Alpha.“
Alpha Quinton drückte die Hand seiner Luna. „Was wir nicht alles für unsere Gefährtinnen tun, hm?“
***
Etwa eine Stunde später saß Ethan wieder in seinem Jeep – diesmal mit Lance, dem Beta von Green Mountain, auf dem Beifahrersitz. Die Fahrt war zunächst ruhig; der Wald drängte sich von beiden Seiten heran.
„Schon ziemlich anständig von deinem Alpha, dass er dich auf diese Suche gehen lässt“, sagte Lance und sah rüber.
Ethan lachte. „Mein Alpha ist ein ziemlich anständiger Typ.“
Lance grinste. „Meiner würde durchdrehen, wenn ich einfach abhaue.“
Ethan grinste zurück. „Ganz ehrlich: Wenn August seine Luna nicht gefunden hätte – und sie ist übrigens großartig – hätte ich wahrscheinlich auch nicht gehen können. Sie ist wie ein zweiter Alpha.“
Lance schnaubte. „Was würden Alphas ohne ihre Betas und Lunas machen?“
„Ganz genau“, sagte Ethan und schüttelte den Kopf.
Plötzlich richtete Lance sich auf und zeigte nach vorn. „Oh. Da ist es.“
Ethan starrte angestrengt. „Wo? Ich seh nichts –“
Bevor er den Satz beenden konnte, rollte der Jeep durch etwas Unsichtbares, und plötzlich tauchte ein ganzes Lager aus dem Nichts auf: Zelte, Gärten und ein kleines Cottage – alles durch Magie verborgen.
Ethan stöhnte auf. „Warte, echt jetzt? Magische unsichtbare Blasen gibt’s wirklich? Ich hätte direkt neben meiner Gefährtin stehen können und hätte es nie gewusst?“
Lance lachte. „Nicht üblich, aber ja. Halt hier an. Jemand wird uns abholen.“
Ethan parkte, und beide stiegen aus. Zwei Frauen kamen auf sie zu – eine ältere mit langem grauem Haar und einer Blumenkrone, und eine jüngere mit langen blonden Haaren.
„Beta Lance, willkommen“, sagte die ältere Frau, ihr Lächeln freundlich. „Wer ist dein Gast?“
„Das ist Beta Ethan, von einem Rudel in den Staaten“, sagte Lance. Ethan neigte höflich den Kopf.
„Ich bin die Mutterhexe dieses Zirkels, und das ist meine Tochter Rhea“, sagte die ältere Frau. „Was führt dich zu uns, Beta Ethan?“
Rhea trat vor, ihre Augen leuchteten. „Er vermisst jemanden. Jemanden sehr Wichtiges.“ Sie streckte die Hand aus und berührte Ethans Arm – und ihre grünen Augen begannen zu leuchten.
Bitte, lass es das sein. Lass sie etwas wissen. Lass mich dich endlich finden.
„Rhea hat die Gabe“, erklärte die Mutterhexe, sanft, aber bestimmt. „Sie kann die tiefsten Gefühle und Gedanken der Menschen spüren.“
Ethans Hände waren an seinen Seiten zu Fäusten geballt. „Ich suche meine Gefährtin. Sie ist eine Hexe, aber ich kenne weder ihren Namen noch weiß ich, wie sie aussieht. Sie folgte einer dunklen Hexe – Victoria – die unser Rudel angegriffen hat. Sie ist weggelaufen, bevor ich mit ihr reden konnte. Ich glaube nicht, dass sie freiwillig bei Victoria war. Ich will sie nur treffen. Ich suche seit fünf Monaten.“
Seine Worte kamen schnell heraus – verzweifelt und ehrlich.
In Rheas Augen flackerte etwas, das Ethan nicht deuten konnte. „Deine Gefährtin heißt Sybil“, sagte sie leise.
Ethan erstarrte. Sybil. Sie heißt Sybil.
„Wie … wie weißt du das?“ Seine Stimme zitterte.
Rheas Blick war sanft, fast betrübt. „Ich kann sie durch deine Seele sehen. Möchtest du sie auch sehen?“
„Ja. Bitte.“ Ethan versuchte, ruhig zu klingen, doch Hoffnung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Rheas Augen leuchteten heller, fast unnatürlich. Sie drückte ihren Daumen auf Ethans Stirn. Plötzlich durchströmte eine Vision seinen Geist – so klar, dass ihm der Atem stockte.
Er sah eine wunderschöne Frau mit kurzem, welligem braunem Haar und großen, ozeanblauen Augen. Ihre Haut war warm, goldbraun, ihre Wangen voll und rund. Sie wirkte gleichzeitig stark – und erschütternd verletzlich.
Dann trat Rhea zurück und ließ ihre Hand sinken. Die Vision verblasste.
„Weißt du, wo sie ist?“, fragte Ethan atemlos.
„Nicht hier“, antwortete Rhea – frustrierend vage.
Ethan flehte: „Bitte. Ich will nur meine Gefährtin.“
Rhea stieß einen langen Seufzer aus, ihre Augen wurden weicher. Es war, als würde sie in ihm nach etwas suchen.
„Sie reist allein und meidet Hexenzirkel. Die dunkle Hexe, die du erwähnt hast – sie hat Sybil verletzt. Jetzt vertraut Sybil niemandem mehr. Sie ist mächtig, hat die Gabe wie ich, und sie ist stark in Zaubersprüchen.
Sie weiß, dass du ihr folgst, und sie hat dich von ihrer Spur abgelenkt, indem sie ihren Geruch in verschiedene Richtungen geschickt hat. Von ihrem letzten Standort aus ist sie nach Süden gegangen, nicht nach Norden.“
Ethans Herz verkrampfte sich. „Sie führt mich absichtlich in die Irre?“
„Ja. Doch ihre Magie ist nicht stärker als die Verbindung – oder deine Beharrlichkeit. Dein Wolf hat dich geleitet, sich durch ihre magischen Tricks gekämpft und dich dicht hinter ihr gehalten“, sagte Rhea sanft.
Ethan stieß einen langen Seufzer aus. „Ich will ihr nicht wehtun. Ich will sie nur beschützen. Ich will nur meine Gefährtin.“
Rhea nickte, ihr Gesicht voller Verständnis. „Ich spüre deine Aufrichtigkeit, Beta. Aber Sybil wurde zu oft betrogen und verletzt. Sie kann sich nicht vorstellen, dass etwas Gutes von einem Gefährten kommt – erst recht nicht von einem Werwolf. Du bist ihr zweiter Gefährte.“
Die Worte trafen Ethan hart. Zweiter Gefährte.
„Bin ich das?“, flüsterte er.
Rheas Augen wirkten traurig. „Ich weiß nicht, was mit ihrem ersten Gefährten passiert ist, aber es war nichts Gutes. Sie leidet – tief in ihrem Inneren. Sie zu finden wird nicht leicht. Sie davon zu überzeugen, dir zu vertrauen, wird noch schwerer.“
Ethans Kiefer verkrampfte sich. „Es ist mir egal, wie lange es dauert oder wie schwer es ist. Ich würde alles für sie tun.“
Rhea lächelte leicht. „Ich glaube dir.“ Dann wandte sie sich an die Mutterhexe. „Er ist es wert. Er braucht unsere Hilfe.“
Die Mutterhexe seufzte, dann nickte sie. Sie griff in die tiefe Tasche ihrer dicken Robe und zog ein Amulett hervor – einen Rubin, gefasst in altem Eisen.
Sie reichte es Rhea, die ihre Hand darum schloss. Ihre Augen und ihre Faust leuchteten, dann hielt sie Ethan das Amulett hin.
„Nimm das. Es wird rot leuchten, wenn du in die richtige Richtung gehst. Je näher du deiner Gefährtin kommst, desto heller und wärmer wird es“, sagte Rhea und legte den Rubin in Ethans Handfläche.
Ethan schloss die Hand um das Amulett und hielt es fest. „Danke. Ich bin so dankbar. Wenn ihr jemals etwas braucht – ich stehe in eurer Schuld.“
Die Augen der Mutterhexe waren freundlich, aber ernst. „Deine Schuld wird beglichen sein, wenn du unsere Schwester von ihrem dunklen Pfad rettest.“











































