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Eis unter der Haut

Autor:in
Andreea Albu
Gelesen
112K
Kapitel
37
Autor:in
Andreea Albu
Gelesen
112K
Kapitel
37
🏈Sportgeschichten👱🏽‍♀️Teenager💔Verbotene Romantik🏃🏿‍♂️Sportler🏙️Zeitgenössisch🥵Erotik🏒Eishockeyspieler🖤Dunkel

Der Geruch von gebackenem Lachs und Enttäuschung hing in der Luft. Celine schnitt in totes Fleisch. Buchstäblich. Der Fisch auf ihrem Teller war bei exakt der Temperatur gegart worden, bei der Hoffnung und Geschmack verdampfen – und im Hause Ravel verdampfte die Hoffnung täglich. Serena, ihre Mutter, nippte schweigend an einem Glas Weißwein; sie trug den stumpfen Blick einer Frau, die wusste, dass keine Entscheidung mehr bei ihr lag. Einst war sie lebendig gewesen – nun war sie eine fragile Erscheinung in beigen Kleidern und abgemessenen Gesten. Was auch immer von ihren Träumen übrig geblieben war, löste sich Nacht für Nacht in kaltem chilenischem Wein und bruchstückhaften Gesprächen auf.

Kapitel 1

CELINE

Der Geruch von gebackenem Lachs und Enttäuschung hing in der Luft.
Celine schnitt in totes Fleisch. Buchstäblich. Der Fisch auf ihrem Teller war bei der genauen Temperatur gekocht worden, bei der Geschmack und Hoffnung verdampften – und im Haus der Ravels verdampfte die Hoffnung täglich.
Serena, ihre Mutter, nippte still an einem Glas Weißwein und trug den leeren Blick einer Frau, die wusste, dass sie keine Entscheidungen mehr traf. Früher war sie einmal lebendig gewesen – jetzt war sie eine zarte Präsenz in beigefarbenen Kleidern und mit maßvollen Gesten. Was auch immer von ihren Träumen übrig war, löste sich Nacht für Nacht in kaltem chilenischem Wein und abgebrochenen Gesprächen auf.
Am anderen Ende des Tisches saß Nathan Ravel sehr aufrecht, die Schultern leicht nach vorn gebeugt, als würde er die gesamte moralische Struktur des Raumes allein aufrechterhalten. Tadellos gekleidet, mit einer perfekt symmetrischen grauen Krawatte, wirkte er weniger wie ein Vater und mehr wie eine Institution.
Er hatte diese tiefe, wohlbedachte Stimme, die sich nie erheben musste – weil sie es einfach nicht nötig hatte. Er durchtrennte die Luft mit seinem Tonfall und erzwang Disziplin mit einem einzigen Blick.
Celine hasste ihn nicht. Das wäre zu einfach gewesen. Sie ertrug ihn mit der Schärfe von jemandem, der wusste, dass wahre Rache in wohlüberlegtem Schweigen lag, und in einer Antwort, die zu kultiviert war, um bestraft zu werden. Sie hatte ihn studiert, sie konnte ihn lesen, aber sie würde sich niemals beugen. Sie aß methodisch, schweigend, als wäre jeder Bissen eine Abhandlung über Kontrolle.
„Wie war die Schule heute?“, fragte er, ohne aufzusehen, und kaute so gleichmäßig, als wäre die ganze Frage nur ein bürokratisches Kästchen, das er beim Abendessen abhaken musste.
Celine stieß ihre Gabel in das schlaffe Gemüse und zog leicht eine Augenbraue hoch, aber nicht genug, um unhöflich zu wirken. Nur … aufmerksam.
„Nur ein weiterer Tag. Lehrer, die fest in ihren Lehrbüchern verankert sind, Mitschüler, die Gespräche über nichts führen, und unveränderte Horizonte.“
Serena hustete kurz. Nicht vor Verschlucken, sondern aus diesem unfreiwilligen Reflex heraus, der auftrat, wenn man spürte, dass sich gleich ein Riss bilden würde. Sie rückte auf ihrem Stuhl, berührte den Kragen ihres Kleides, sagte aber nichts. Vielleicht, weil sie wusste, dass es ohnehin nicht helfen würde.
Nathan blinzelte langsam. Er war die Art Mann, der mit kalkuliertem Schweigen antwortete, nicht mit Schlagfertigkeit. Er legte seine Gabel ab und richtete sie perfekt an der Kante seines Tellers aus.
„Ich habe dir schon gesagt, Ironie ist keine Waffe, Celine.“
Sie legte den Kopf leicht schief und strich die Serviette auf ihrem Schoß glatt.
„Ich nehme an, das hängt vom Kontext ab. Und vom Ziel. Manchmal merkt man nicht einmal, dass man getroffen wurde.“
Ein langes Schweigen folgte, dick wie Sirup und langsam fließend.
Und dann, als hätte er nichts gehört, legte Nathan sein Messer auf den Teller und sagte ruhig, aber deutlich: „Ezra Vale kommt zurück in die Stadt.“
Kein Klappern von Besteck. Kein auf den Tisch geknalltes Geschirr. Nur eine so präzise Stille, dass es wehtat – als hätte sich alles, sogar jede Bewegung, an einem unsichtbaren Knoten unter dem Tisch verfangen.
Die Luft wurde schwer und dicht. Es fühlte sich an, als würde der Tisch unter dem Gewicht dieses Namens ein paar Zentimeter im Boden versinken.
Celine blinzelte langsam, wie in einer Szene aus einem alten Film in Zeitlupe. Sie zuckte nicht zusammen, sprach nicht, aber etwas in ihrem Blick veränderte sich – nicht sichtbar, sondern im Inneren. Ein Hauch von etwas Vertrautem, etwas, das sie viel lieber begraben lassen würde, streifte ihren Augenwinkel.
Warum jetzt? Warum er? Und warum hier, mitten bei einem Abendessen, das ohnehin nur noch mühsam durch seine brüchige Oberfläche zusammengehalten wurde?
„Wie bitte?“, fragte sie mit leiser Stimme, gehüllt in eine Höflichkeit, die fast gehorsam klang – aber scharfkantig war wie in Eis getauchte Seide.
„Er wird dieses Jahr das Eishockey-Team trainieren. Ezra Vale. Du hast wahrscheinlich noch nichts von ihm gehört – er ist etwa acht Jahre älter als du.“
Nathan strich die Serviette langsam über sein Knie glatt, mit Fingern, die einen stummen Vortrag über die Wichtigkeit kalkulierter Gesten zu halten schienen.
„Ich habe ihn vor Jahren unterrichtet. Er hatte Talent. Roh, ungeschliffen. Wie ein Stein, den man aufbrechen muss, nur um zu sehen, ob ein Diamant darin steckt. Ich habe ihn diszipliniert, ich habe ihn geformt. Er wurde einer der Besten, aber nur, weil jemand ihn in der Spur gehalten hat.“
Serena neigte ihr Glas leicht, trank aber nicht. Sie drehte es zwischen ihren Fingern mit der mechanischen Präzision von jemandem, der gelernt hatte, ruhig zu wirken, während um ihn herum in Stille alles zerbrach.
Sie sah weder ihn noch ihre Tochter an, sondern nur das Glas. Vielleicht würde sich die Realität in Alkohol oder Vergessenheit auflösen, wenn sie nur den Blickkontakt mit dem Wein aufrechterhielt.
Celine bewegte ihre Hand langsam und hob ihr Besteck mit derselben Eleganz, mit der man eine Waffe ergreifen würde. Sie schwieg einen Moment, legte dann den Kopf schief, während sich ihre Lippen zu einem schwachen – fast anerkennenden – Lächeln kräuselten.
„Ich kannte ihn nicht persönlich“, sagte sie und ließ die Worte geschmeidig herausgleiten. „Aber sein Ruf ... das ist eine Geschichte, die die Jungs in der Schule ständig neu schreiben. Sie haben ihn zu einem urbanen Mythos gemacht – nichts als Schlittschuhe und Fäuste. Manche wollen ihn immer noch sehen. Andere wollen ihn einfach nur niederschlagen.“
Es war keine Anklage. Auch kein Witz. Nur eine Wahrheit, leise ausgesprochen, gehüllt in kalten Samt.
Nathan presste die Lippen aufeinander. Das gefiel ihm nicht – nicht, weil Ezra so war, sondern weil er die Erzählung nicht mehr kontrollierte. Er holte sie sich zurück:
„Ein Ruf wird von denen erschaffen, die vom Spielfeldrand aus zusehen. Ich habe ihn auf dem Eis gesehen, wo es zählt. Ich wusste, wozu er fähig war und wie viel Kraft in ihm steckte. Aber er war eine offene Flamme – und niemand kann ein Feuer zähmen, es sei denn, man bringt ihm bei, wie es richtig brennt. Ich habe ihn erzogen, ich habe ihn veredelt. Er ist nicht trotz seiner Schwächen zu jemandem geworden, sondern wegen der Richtung, die ich ihm vorgegeben habe.“
Serena trank. Nicht langsam, nicht übermäßig, aber genau genug, um das Glas zu leeren. Sie stellte es lautlos ab und griff danach, um es wieder aufzufüllen.
Celine lehnte sich zurück. Sie lächelte nicht, aber ihre Mundwinkel zogen sich leicht nach oben – ein Anflug eines Gesichtsausdrucks, den Nathan gut kannte, aber nicht deuten konnte.
„Interessant“, sagte sie mit einer Stimme wie ein eiskalter Faden, der die Kehle eines Satzes hinablief. „Das Problemkind hat sich also als erfolgreiche Schöpfung entpuppt. Und was kommt als Nächstes? Bringst du ihn her, um ihn in deinem persönlichen Museum moralischer Rettungsaktionen auszustellen?“
Sie sagte es nicht bösartig, aber auch nicht mit Respekt.
Celine lehnte sich vor, die Ellbogen auf den Tisch gestützt – eine berechnete Geste, feminin, aber in ihrer Leichtigkeit provozierend.
„Ich bewundere deinen Optimismus. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, ihm eine zweite Chance zu geben. Manchmal beginnen die besten Geschichten mit einer ... dramatischen Rückkehr.“
Nathan erhob sich langsam, wie ein König, der von seiner Armee im Stich gelassen wurde, den Rücken gerade, den Blick kalt.
„Ich will Respekt an diesem Tisch.“
Celine sah ihn an, und für einen Moment schien sich der Raum leicht in ihre Richtung zu neigen, wie ein Bühnenbild, das wusste, dass gleich etwas Wichtiges passieren würde. Sie antwortete nicht sofort, sondern hob langsam ihr Glas an, drehte es zwischen ihren Fingern und neigte es Nathan entgegen – nicht als Trotz, sondern als ordentlich verpacktes Dankeschön.
Eine Opfergabe, in Mehrdeutigkeit gehüllt.
„Natürlich“, sagte sie. „Und ich danke dir für den Abend. Und für die ... überaus relevanten Informationen.“
Ihre Stimme war warm, perfekt temperiert und ohne eine Spur von Ironie an der Oberfläche, was genau der Grund war, warum sie unmöglich zu entschlüsseln war. Eine zu präzise Geste. Ein zu sorgfältig gewählter Tonfall.
Nathan studierte sie mit starrem Blick. Er war sich selbst jetzt nicht sicher, ob er verspottet oder gelobt worden war.
„Ich werde mich dann zurückziehen“, fügte sie hinzu und erhob sich mit derselben Eleganz, mit der sie ihre Worte formte – ohne sich etwas anmerken zu lassen. Mit schlanken Fingern hob sie ihren Teller an, und für einen Moment schien sie zu einer völlig anderen Geschichte zu gehören – einer, in der dieses Abendessen nie stattgefunden hatte und sie nur Schatten aus einem unfertigen Theaterstück waren.
Ihre Schritte hallten leise auf den kalten Fliesen wider, wie ein altes Lied, das zu leise gespielt wurde. Die Tür knarrte oder knallte nicht; sie verschwand einfach, und wo sie gewesen war, blieb eine Leere zurück – eine, die nicht so leicht wieder zu füllen war.
Nathan seufzte – kaum hörbar. Dann ordnete er sein Besteck neu, als könnte Ordnung auf irgendeine Weise Frieden heraufbeschwören.
Serena trank. Blinzelte nicht, fragte nicht. Sie schenkte sich mit der ruhigen Bewegung von jemandem, der schon lange vergessen hatte, wie man aufhört, ein weiteres Glas ein.
***
Celines Zimmer war kalt, aufgeräumt und von jeder Spur eines Teenagermädchens befreit, das den Wänden um sich herum vielleicht vertraut hätte. Auf dem Nachttisch flackerte eine Lampe mit einem weichen, zitternden Licht, und der Laptop warf bläuliche Schatten an die Wände.
Celine saß mit angezogenen Knien da, gehüllt in einen Hoodie, den sie Serena vor Jahren gestohlen und eine Weile nicht mehr gewaschen hatte. Der Geruch vermittelte ihr ein vages Gefühl von Zugehörigkeit. Oder vielleicht eine Art behaglicher Einsamkeit.
Die Tastatur knarrte leise unter ihren Fingern. Ezra Vale. Suche.
Sie hatte nicht gelogen; sie hatte ihn nie persönlich gekannt. Er war viel zu alt, und damals hatte sie keiner Gruppe angehört, die sie in seine Nähe gebracht hätte. Weder bei den Mädchen, die sich in den Umkleidekabinen von den Jungs anfassen ließen, noch bei den Jungs, die sich für Götter der Eisfläche hielten.
Sie stand immer dazwischen. Immer in der Mitte.
Aber das bedeutete nicht, dass sie nichts gehört hätte.
Ezra war ihre Legende gewesen. Ihre – nicht Celines. Über ihn wurde zwischen den Stunden geflüstert, zwischen Kaffees, zwischen gescheiterten Flirts und testosterongeschwängerten Blicken.
Mal nannte ihn „die hübsche Faust des Eishockeys“ und behauptete, er habe gelernt, im Tor zu stehen, nachdem er ein Video gesehen hatte, in dem Ezra einen Puck mit dem Knie abblockte, seine Handschuhe abwarf und kampfbereit war.
Levi sah ihn an wie einen Geist und sagte, wenn Ezra eine sanftere Stimme gehabt hätte, wäre er wahrscheinlich König geworden.
„Er hat die Art von Kiefer, der Nein für dich sagt“, hatte Levi einmal gesagt, als er auf ein altes Foto von Ezra an der Ehrentafel der Schule starrte.
Die Mädchen – jene, die Celine instinktiv mied, mit ihren zu kurzen Röcken und dem in den Mundwinkeln verschmierten Lippenstift – redeten über ihn, als wäre er eine eigene Spezies von Mann. Sie himmelten ihn an, machten ihn zum Mythos, aber hassten ihn auch irgendwie.
„Er ist der Typ, der dich besinnungslos fickt und sich dann nicht einmal an deinen Namen erinnert“, hatte eine von ihnen auf der Mädchentoilette gelacht, während sie ihre Haare zu einem hohen Pferdeschwanz zusammenband.
Celine hatte sich für keine Seite entschieden. Sie hatte ihn nicht gewollt und nicht gehasst, sondern ihn auf Distanz einer Geschichte gehalten, die andere mit zu viel Feuer in den Augen erzählten. Aber jetzt war er nicht mehr nur eine Geschichte; er war der Mann, den Nathan – der Mann, den sie in Gedanken hunderte Male am Tag tötete – für würdig befunden hatte, beim Abendessen erwähnt zu werden.
Das bedeutete etwas. Ezra wurde real, und das ließ sie an einem Ort so tief erzittern, den sie nicht einmal benannte.
Das Bild auf dem Bildschirm lud langsam, Zeile für Zeile, wie eine Offenbarung, die sich nicht drängen ließ. Und als es schließlich voll sichtbar war, spürte Celine, wie sich ihre Brust zusammenzog.
Nicht, weil sie ihn wiedererkannte, und auch nicht, weil sie darauf gewartet hatte, sondern weil der Mann auf dem Foto absurd schön war. Gefährlich makellos. Unmoralisch unwirklich.
Er besaß jene Art von Schönheit, die nicht um Erlaubnis fragte – sie warf sich dir direkt ins Gesicht und wartete ab, was du tun würdest. Ein Pressefoto, wahrscheinlich ein paar Jahre alt, zeigte ihn in der Haltung eines Anführers: ein dunkelgrauer, perfekt sitzender Anzug, das Hemd am Kragen leicht geöffnet, und ein Zweitagebart, der ihm einen berechneten Hauch von Rebellion verlieh.
Sein Kiefer sah aus, als wäre er absichtlich so geformt worden – vom Skalpell der Genetik geschnitzt und durch Jahre brodelnder Wut gehärtet. Sein Blick schwebte zwischen Erschöpfung und Verachtung, aber etwas in seinen Augen – grau wie der Wind, der einem unbemerkt an den Schläfen vorbeistreift – schien genau zu wissen, wer er war und warum er dort war. Es waren die Augen von jemandem, der alles sah, aber um nichts bat. Und nichts vergaß.
Ezra Vale. Nicht nur ein Name. Nicht nur ein Ruf. Sondern eine Warnung, wunderschön verpackt in Haut, Stimme und Vergangenheit.
Celine spürte, wie ihr eine Hitzewelle die Kehle hinaufkroch; ein albernes Zittern in ihren Fingerspitzen. Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte, das Gefühl zu vertreiben, das weder Angst noch reine Anziehung war – sondern eine Form des Wiedererkennens. Ein Instinkt dafür, was kommen würde.
In dieser Nacht blieb der Laptop offen. Der Bildschirm wurde blau, aber sie bemerkte es nicht; sie schlief bei eingeschaltetem Licht ein, und ihr Herz war angespannt wie ein eiskalter Faden unter Druck.
Und als sie träumte, war Ezra kein Gesicht, sondern ein Schatten mit Gestalt. Eine Silhouette, die über das Eis ging, die Hände in den Taschen, den Mund nah an ihrem Ohr. Er sagte kein Wort, atmete nur. Und jeder Atemzug war ein Versprechen, das sie nicht hören wollte.
Und sie zog sich im Traum nicht zurück. Rannte nicht weg. Schrie nicht.
Sie trat näher heran.
Zum ersten Mal kühlte das Eis sie nicht.
Es brannte.

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