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Die Chicago Bratwa Saga Buch 8

Autor:in
Renee Rose
Gelesen
60.6K
Kapitel
25
Autor:in
Renee Rose
Gelesen
60.6K
Kapitel
25
😱Thriller🌼Jungfrau💍Arrangierte Ehe🎭Drama🏙️Zeitgenössisch💪🏻Beschützer💰Milliardäre💪🏻Alpha-Männchen💪Starke Frauen🥵Erotik🖤Dunkel🔫Mafia🔒Erzwungene Nähe

Player bleiben Player. Flynn Taylor, Rock-'n'-Roll-Herzensbrecher, spielt lässig und locker. Jede Nacht ist er mit einer anderen Frau zusammen. Ja, mit mehreren. Kurz davor, nicht nur eine Chicagoer Sensation, sondern eine amerikanische Ikone zu werden, ist er alles, was ich meiden sollte. Andererseits – vielleicht spielt das gar keine Rolle. Ich bin so beschädigt, dass ich nicht einmal zu einer Beziehung fähig bin. Er könnte das perfekte Gegenmittel sein. Die Versuchung, die ich brauche, um mich zurück ins Leben zu locken. Er könnte mir helfen, mein Trauma zu überwinden. Körperliche Nähe zu wagen. Wenn es schiefgeht – kein Schaden, kein Foul, oder? Wenn ich nur meinen überfürsorglichen Bratva-Bruder davon abhalten könnte, damit zu drohen, ihn umzubringen, sollte er mich auch nur anfassen …

Erstes Kapitel

Nikolai

Es macht einfach keinen Spaß mehr, eine ordentliche Tracht Prügel auszuteilen.
Als Buchmacher der Chicagoer Bratwa ist das Teil des Jobs, aber ich bin einfach nicht mit Herzblut bei der Sache. Nicht bei diesem Bürschchen.
Ich vergrabe meine Faust in Zanes weichem Bauch und sehe zu, wie er vornüber klappt und nach Luft ringt. Wir befinden uns in seinem Zimmer im Studentenwohnheim an der Northwestern University. Ich hatte seinem Mitbewohner nahegelegt, einen Spaziergang zu machen, es sei denn, er wollte sich auch die Visage polieren lassen.
„Tut mir leid. Ich besorge euer Geld. Versprochen“, keucht er.
„Nee. Die Zeit für Versprechungen ist vorbei“, lasse ich ihn wissen. „Dieses Mal bin ich hier, um einzutreiben.“ Es ist ja nicht so, als ob er nicht gewarnt worden wäre. Die Wahrheit ist, dass ich vermutlich viel zu nett mit ihm umgesprungen bin, weil ich Zane einfach mag.
Er ist intelligent. War eine tolle Bereicherung für meine Pokerspiele, bevor er mit dem Koksen angefangen und sich wie ein Arschloch aufgeführt hat.
Oleg, der Vollstrecker unserer Bratwa-Zelle, reißt ihn wieder auf die Füße und hält ihn mir hin, damit ich ihm einen weiteren Kinnhaken verpassen kann. Ich nickte Adrian zu, einem unserer Fußsoldaten, damit er den Schlag ausführt.
Gewalt macht mich nicht an. Nicht so wie Pavel, dem größten Sadisten unserer Bratwa-Zelle. Aber er ist nach Los Angeles gezogen, um mit seiner Freundin, einer Schauspielerin, zusammenzuwohnen, die auf seine sadistische Art steht. Und Oleg, unser hünenhafter, stummer Vollstrecker, ist auch verliebt, was ihn weich gemacht hat.
Der Kerl war unter seinem furchteinflößenden Äußeren vermutlich schon immer ein Teddybär gewesen, aber in letzter Zeit hält er sich öfter zurück. Ein typisches Beispiel – er hält den Typen hoch, anstatt ihm einen Faustschlag zu verpassen. Wenn man bedenkt, dass ein gut platzierter Hieb von Olegs gigantischen Fäusten einen Kerl vernichten könnte, ergibt das keinen Sinn.
„Ich habe bereits ein Auge zugekniffen, während du das Geld zusammensuchst, aber du hast den Zahlungstermin letzte Woche verpasst. Hast nicht auf meine Nachrichten geantwortet. Also wird nun Folgendes passieren.“
Adrian verpasst dem Kerl einen Kinnhaken, dann einen Uppercut in die Rippen. Unser neuer Putzer ist vielversprechend. Adrian ist noch nicht lange im Land und hat eine schwere Zeit hinter sich. Er balanciert noch auf der scharfen Schneide der Gewalt. Die anderen von uns sind weicher geworden, seit wir in Amerika unsere Freiheit genießen.
„Du wirst mir die Schlüssel zu deinem Mustang aushändigen und mir die Papiere für den Wagen geben.“
Zane blickt mich mit offenem Mund an, die Augen weit aufgerissen. Blut tropft aus seiner Nase und von der Unterlippe. „Du kannst nicht … Ich …“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch und er beendet seinen Satz mit einem einfachen „Fuck“.
Adrian verpasst ihm noch einen Schlag.
„Ich bin nicht vollkommen herzlos. Ich ziehe die Verkaufssumme von dem ab, was du der Bratwa schuldest. Ist das ein 2018er-Modell?“
Erneut schlägt Adrian ihn, bevor Zane überhaupt antworten kann, und er sinkt auf die Knie. „Aufhören“, keucht er.
„Her mit den Papieren.“
„Hier sind die Schlüssel.“ Er stopft die Hand in die Hosentasche und zieht sie hervor. „Die Papiere sind in der Wohnung meiner Schwester. Ich bringe sie Freitag vorbei.“
Ich nehme ihm die Schlüssel ab. „Nee. Wir gehen sie jetzt holen – zusammen. Ich hätte nichts dagegen, die große Schwester kennenzulernen. Wie heißt sie noch mal? Chelle?“
Zanes Augen werden wild, versteht meine Andeutungen klar und deutlich. „Lass meine Schwester aus der Sache raus. Ich hole die Papiere jetzt sofort. Fahrt mich einfach hin.“
„Los geht’s“, sage ich und breite auffordernd die Arme aus.
Oleg zerrt Zane auf die Füße, aber er stolperte auf die Tür zu, als ob er sich nicht mehr daran erinnern würde, wie man läuft. Wir nehmen ihn in die Mitte, als wir den Flur hinuntergehen und die Treppen statt dem Aufzug nehmen.
Ich hatte den Mustang schon ausfindig gemacht, als wir angekommen waren, also gehe ich nun schnurstracks darauf zu und setze mich hinters Steuer. Adrian schiebt Zane auf die Rückbank und setzt sich selbst auf den Beifahrersitz.
Oleg geht zum SUV, mit dem wir hergekommen sind.
Zane beugt sich zwischen die beiden Vordersitze und deutet auf das Handschuhfach. „Da sind ein paar Papierservietten drin“, grunzt er. „Es sei denn, ihr wollt, dass ich euer neues Auto vollblute.“
„Das neue Auto von irgendjemand anderem“, sage ich milde und nicke in Richtung des Handschuhfachs, um Adrian wissen zu lassen, dass er die Servietten herausnehmen soll. „Glaubst du etwa, ich würde dein altes Auto fahren wollen?“
Adrian kräuselt die Lippen, als er die Servietten nach hinten reicht, und Zane zuckt bei der Härte im Gesicht unseres Soldaten zusammen.
Ich fahre zur Wohnung von Zanes Schwester, ohne dass er mir den Weg sagen müsste. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Mein Bruder Dima, der Hacker unserer Bratwa-Zelle, recherchiert zu allen unserer Spieler. Als Zane angefangen hat, Ärger zu machen, hatte Dima tiefer gebohrt. Ich habe alles, was ich wissen muss, um Zane völlig auszuquetschen.
Ich weiß beispielsweise, dass er und seine Schwester in der oberen Mittelklasse aufgewachsen sind. Ihr Vater war Börsenmakler, der sich vor drei Jahren erschossen hat. Sie hatten nur wenig geerbt, denn wie sich herausgestellt hatte, war der Kerl spielsüchtig gewesen. Ich schätze, in Zanes Fall fiel der Apfel nicht weit vom Stamm.
Die einzige Sache, die der Vater nicht angerührt hatte, war das Geld fürs College seiner Kinder, also genoss Zane dieses Privileg noch immer. Seine Schwester ist fünf Jahre älter als er und arbeitet für eine führende PR-Firma in der Stadt.
Ich halte vor einem Sandsteingebäude in einem aufstrebenden Viertel von Chicago. Es war eine diese brandheißen Hipster-Gegenden mit vielen alten Gebäuden, die gentrifiziert wurden, aber man konnte noch immer ein Schnäppchen finden.
Zane steigt aus dem Mustang und gibt an der Haustür einen Zahlencode ein, dann führt er uns über eine Treppe in den dritten Stock. „Du hast die Schlüssel“, murmelt er mir zu. Ich halte ihm seinen Schlüsselring hin und er sucht den passenden Schlüssel und schiebt ihn ins Schloss.
Die Wohnung ist klein, aber hübsch. Abgenutzte Eichendielen, weiße Wände, bis auf einige willkürliche Akzente in gedecktem Petrol und Pflaumenblau. Es gibt geschmackvolle, gerahmte schwarzweiße Kunstdrucke. Alles ist relativ ordentlich. Ich halte inne und nehme eins gerahmtes Foto in die Hand, das scheinbar Zanes Abschlusszeremonie von der Highschool zeigt. Er trägt seine Highschool-Tracht und hat den Arm um eine junge Frau geschlungen.
„Ist das Chelle?“ Die Frau ist viel kleiner als er, aber sie haben die gleichen Gesichtszüge – die Form ihrer Nasen und ihrer Münder, ihr Teint.
„Lass sie raus aus der Sache“, faucht Zane.
Ich erwidere nichts. Ich habe nicht vor, seiner Schwester etwas anzutun, aber ich bin mir nicht zu gut dafür, es ihn glauben zu lassen. Die Kunst der Einschüchterung habe ich von Ravil gelernt, unserem pachan. Ich weiß, dass es mehr darauf ankommt, was man nicht sagt, was man nur impliziert, als was man tatsächlich tut. Die Fantasie soll mit ihnen durchgehen. Sie sollen sich fragen, wozu wir tatsächlich in der Lage sind. Die Wahrheit ist, auch wenn wir bei vielen unserer Geschäfte auf der falschen Seite des Gesetzes operieren, folgen wir dennoch einem Kodex. Einer unschuldigen Frau etwas anzutun ist nichts, was wir tun.
Ich halte mir das Foto näher unter die Augen, um es zu inspizieren. Chelle ist wirklich reizend. Sie ist zierlich – ich bezweifle, dass sie größer als eins fünfzig ist, und alles an ihr ist niedlich. Ihre dunkelbraunen Haare wallen in langen Strähnen über ihre Schultern und sie hat ein paar vereinzelte Sommersprossen auf der Nase. Ich kann nicht sagen, ob es nur am Licht liegt, das auf das Foto fällt, aber ihre Augen scheinen weniger hellbraun zu sein als die von Zane und eher golden.
Zane ist zu einem Aktenschrank in der kleinen Ecke im Wohnzimmer gegangen, die sie scheinbar als Büro benutzt, und blättert die Unterlagen durch. „Ich meine es Ernst. Chelle hat nichts damit zu tun.“
Ich bin froh, dass Zane kein kompletter Idiot ist. Sein Bemühen, seine Schwester vor seinen Fehlern zu bewahren, verschafft ihm ein paar Pluspunkte bei mir.
„Hast du die Papiere gefunden?“
Zane reißt einen Ordner nach dem nächsten heraus, blättert sie durch und wirft sie auf den Boden. Schließlich richtet er sich auf. „Hier sind sie.“
Er kommt zu mir gehumpelt und hält mir die Papiere unter die Nase.
„Unterschreiben“, instruiere ich ihn.
„Das muss vom Notar beglaubigt werden.“
Ich grinse. „Darum kümmere ich mich schon.“
„Kannst du ihn nicht einfach behalten und mir zurückgeben, wenn ich meine Schulden bezahlt habe?“
„Nein. Ich brauche Bargeld. Du kannst von Glück sprechen, dass ich bereit bin, diese Angelegenheit für dich in die Hand zu nehmen. Es ist ein verfluchtes Geschenk, dass ich dir die volle Summe anrechne, also erweise dich auch als dankbar und besorge mir den Rest des Geldes.“
„Werde ich, werde ich.“ Zane nimmt einen Stift in die Hand und überschreibt mir den Wagen. Ich halte die Hand nach den Schlüsseln auf und er nimmt den Autoschlüssel ab. „Tut mir echt leid, Mann. Ich werde den Rest besorgen.“
Ich stopfe den Schlüssel in die Hosentasche und lege ihm die Hand auf die Schulter. „Du bist clever. Ich weiß, dass du aus diesem Mist herauskommen kannst. Ich erwarte bis nächsten Freitag eine weitere Zahlung, und wenn ich nicht von dir höre, werden wir nicht mehr so nett sein wie heute.“ Ich achte darauf, noch einmal einen Blick auf das Foto von ihm und seiner Schwester zu werfen. „Ich hätte nichts dagegen, Chelle in die nächste Transaktion mit hineinzuziehen. Sie sieht heiß aus.“
Zane stößt ein ersticktes Geräusch aus, aber wir machen uns bereits davon.
Er kann selbst zusehen, wie er wieder zurück ins Wohnheim kommt.

Chelle

„Ich möchte, dass du dich um die Medieneinkäufe für diese zwei neuen Klienten kümmerst“, lässt mich meine Chefin Janette wissen und knallt um sechs Uhr abends zwei Ordner auf meinen Schreibtisch.
Das war’s dann also mit dem Spinning-Kurs.
Trotz meiner Stelle als glorifizierte Sekretärin bin ich dankbar, ihre Assistentin zu sein. Als Gründerin und Chefin von First Image Publicity ist sie eine wirklich krasse Publizistin, die als Angehörige einer Minderheit ihre Firma innerhalb von drei Jahren in ein Unternehmen mit Millionenumsatz katapultiert hat.
Das ist der Grund, weshalb ich noch lange nach fünf Uhr hier bin, wenn ich eigentlich Feierabend haben sollte. Ich gehe nicht nach Hause, bis auch sie geht, denn ich versuche ihr zu beweisen, dass ich es verdient habe, stellvertretende Publizistin zu sein und meine eigenen Aufträge zu verwalten.
Ich liebe diesen Job. Ich finde PR faszinierend und glamourös. Ich habe definitiv Ambitionen, eines Tages meine eigene Firma zu leiten. Aber um das zu erreichen, muss ich ganz unten anfangen, was bedeutet, dass ich renne, sobald Janette mit den Fingern schnipst. Denn dieses Business ist extrem hart umkämpft und es gibt mindestens ein Dutzend Leute in der Firma, die für meinen Job töten würden. Also habe ich mich für den Augenblick damit abgefunden, kein Privatleben zu haben.
Was total in Ordnung ist, da meine drei letzten Bumble-Dates totale Reinfälle waren. Ich vermisse nicht viel.
Bis auf Sex.
Sex vermisse ich definitiv.
Ein bisschen körperliches Vergnügen hin und wieder wäre nett.
Das Problem ist nur, ich bin jemand, der Sex und Beziehung nicht trennen kann. Ich weiß nicht, wie man einfach nur um des Sex willen daten kann. Ich versuche, mir die Kerle, mit denen ich ausgehe, in Visionen über mein zukünftiges Leben vorzustellen. Es ist alles eine sehr ernste Angelegenheit und keiner ist den Anforderungen gewachsen, also muss ich darauf zurückgreifen, meine Finger und einen Vibrator zu benutzen, anstatt meine Ansprüche herabzuschrauben, damit meine Bedürfnisse erfüllt werden, und den Kerl dann am Morgen vor die Tür zu setzen.
„Ich leite alles in die Wege“, verspreche ich Janette, die stehengeblieben ist und sich mit der Hüfte an meinen Schreibtisch lehnt.
Das ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass sie langsam herunterfährt. Wenn sie innehält, um Konversation zu betreiben, weiß ich, dass sie bald nach Hause fahren wird.
„Nächste Woche kommen potenzielle Klienten aus Madison vorbei. Wir müssen sie zum Essen ausführen – ihnen zeigen, was an Chicago besonders ist. Irgendeine Idee, wohin wir mit ihnen gehen könnten?“
„Was immer gut ist, ist eins dieser Wolkenkratzerrestaurants, von denen man einen Ausblick über die ganze Stadt hat.“
Janette rümpft die Nase. „Zu steif. Sie sind jung. Skate3 – drei Skateboarder, die zu YouTube-Stars geworden sind und mit einem Online-Handel Kapital aus ihrer Popularität schlagen, der mehr als dreihunderttausend pro Monat abwirft. Also muss es irgendwas Lebhaftes und Angesagtes sein. Was ist neu im Nachtleben von Chicago?“
Ich knabbere an meiner Unterlippe herum. „Ich denke darüber nach und stelle eine Liste mit potenziellen Optionen zusammen.“
Janette belohnt mich mit einem Lächeln und einem schnellen Klopfen ihrer manikürten Fingernägel auf meinem Schreibtisch. „Das wäre toll. Ich weiß, dass dir etwas einfallen wird. Du bist jung und bist öfter unterwegs als ich.“
Ich belehre sie nicht eines Besseren, was mein Privatleben angeht. Ich meine, ich hätte liebend gern ein Privatleben. Im College bin ich zusammen mit meiner Mitbewohnerin Shanna hin und wieder feiern gegangen. Aber nach dem Selbstmord meines Vaters habe ich diese Seite von mir mehr oder weniger weggepackt und den Deckel zugemacht.
Derzeit besteht mein Sozialleben aus der Happy Hour jeden Mittwoch, wenn Shanna hinter der Bar steht, und den Besuchen meines kleinen Bruders Zane, wenn wir einmal in der Wochen zum Abendessen ausgehen, allerdings hat er mich in den letzten zwei Wochen immer versetzt. Ich mache mir Sorgen, dass er zu viel feiert. Seine Noten sind im letzten Semester definitiv schlechter geworden.
Die Vorstellung, dass er wie unser Vater endet, raubt mir den Schlaf.
Ich fange an, meinen Schreibtisch aufzuräumen, hoffe, dass ich die Zeichen richtig gedeutet habe und es in Ordnung ist, für heute Feierabend zu machen.
Janette steht auf. „Okay. Ich mache Schluss für heute. Wir sehen uns morgen.“
Ich fahre meinen Computer hinunter und folge ihr aus dem Gebäude, stelle in Gedanken bereits eine Liste mit möglichen Orten zusammen, wo sie mit den jungen Klienten hingehen könnte. Als ich in der Nähe meiner Wohnung aus der Straßenbahn steige, habe ich ein halbes Dutzend Ideen. Ich schreibe mir eine Notiz ins Handy, während ich die paar Straßenblöcke zu meinem Haus zurücklege.
Als ich die Tür zu meiner Wohnung aufdrücke, erblicke ich den langen Körper meines Bruders, der auf meiner Couch liegt. Die Freude, ihn zu sehen, verwandelt sich schnell in Sorge.
„Zane? Was ist los? Bist du krank?“
Es ist nicht vollkommen ungewöhnlich für ihn, hier zu sein. Er kommt manchmal vorbei, um seine Wäsche zu waschen, aber irgendetwas fühlt sich seltsam daran an, dass er an einem Freitagabend hier ist.
Im schummrigen Licht fällt mein Blick auf sein Gesicht und ich schreie erschrocken auf. Er ist verprügelt worden. Sein Gesicht ist geschwollen, kaum wiederzuerkennen.
„Oh mein Gott! Was ist passiert?“
Er stöhnt auf.
„Zane?“ Mit hämmerndem Herzen eile ich zu ihm. „Oh Gott. Soll ich einen Krankenwagen rufen? Wer hat dir das angetan?“
Die Angst, die in mir aufwallt und durch meine Adern schießt, verrät mir, dass ich bereits vermute, was passiert ist. Er steckt in irgendwelchen Schwierigkeiten. Verdammt. Ich hatte befürchtet, dass so etwas passieren würde, aber ich habe mir immer ausgeredet, mir Sorgen zu machen.
„Ich bin ein paar Kerlen in die Fäuste gerannt.“ Zane versucht, sich aufzusetzen, keucht vor Anstrengung.
„Was. Ist. Passiert?“, verlange ich. Ich will die ganze Geschichte. Was auch immer er in den letzten Monaten vor mir verheimlicht hat.
Mein Bruder ist alles, was ich auf dieser Welt habe, und er ist meine Verantwortung. Ich mag nur fünf Jahre älter sein als er, aber nach dem Tod unseres Vaters wurde ich der Vormund meines Bruders und Treuhänderin seines College-Vermögens. Ich sollte mich um ihn kümmern und ich habe ganz eindeutig so was von versagt.
Tränen brennen in meinen Augen. „Zane, sag mir, was hier los ist“, flehe ich.
Er verzieht das Gesicht, als er tief durchatmet. „Ich schulde ein paar Typen Geld“, gesteht er.
„Was für Typen? Drogendealer?“
„Nein.“
Das ist eine kleine Erleichterung. Er hat sich in letzte Zeit so seltsam verhalten, dass ich schon befürchtet hatte, er würde Drogen nehmen.
„Bratwa.“
„Was?“
„Die russische mafiya. Ich bin mit meinen Spielschulden im Rückstand.“
„Fuck, Zane.“
Gottverdammt. Ich wusste es! Ich habe es verdammt noch mal gewusst.
Ich stehe auf und gehe im Zimmer auf und ab. „Wie viel schuldest du ihnen?“
„Mittlerweile vermutlich vierzig Riesen. Sie haben heute den Mustang mitgenommen und gesagt, sie würden den Verkaufspreis von den Schulden abziehen.“
„Das bezweifle ich ernsthaft.“ Kredithaie gewährten notorisch schlechte Konditionen. Sie würden ihm nicht den vollen Wert des Autos anrechnen. „Wer sind diese Typen?“, wiederholte ich, auch wenn er es mir bereits gesagt hatte.
„Russische mafiya.“
„Okay. Und diese vierzig Riesen, ist das bevor oder nachdem sie den Wert deines Autos abgezogen haben?“
„Bevor.“
Ich ging weiter auf und ab. „Wie konnte das passieren?“
„Ich spiele schon seit einer Weile Poker mit ihnen. Ich habe immer hoch gewonnen. Aber … mein Glück hat sich gewendet“, sagt er, als ob das eine Schuld von vierzigtausend bei der russischen Mafia erklären oder entschuldigen würde.
„Dein Glück hat sich gewendet“, wiederhole ich nur fassungslos. „Wann hat sich dein Glück gewendet? Wie lange häufst du diese Schulden schon an? Ich meine, ist das die Summe aus einer Nacht oder –“
„Ein paar Monate. Vor einem Monat haben sie mir verboten, weiter mitzuspielen, weil ich am Untergehen war. Ich bin dabei, einen Plan zu entwerfen, aber –“
Ich lege den Kopf zur Seite. „Und der Plan ist was?“
Zane weicht meinem Blick aus. Zuckt halbherzig mit den Schultern.
„Also hast du nicht wirklich einen Plan?“
„Nein.“
„Und wie viel Zeit haben sie dir gegeben, um die Schulden zu bezahlen?“
Wieder zuckt er mit den Schultern. „Haben sie nicht gesagt. Ich schätze, heute war nur eine Warnung.“
„Eine Warnung.“
Ich gehe in die Küche, wickle einen Eispack in ein Geschirrtuch und bringe ihn Zane. „Ich kann das nicht glauben.“
Er nimmt mir den Eispack ab, legt ihn aber nicht auf sein geschwollenes Gesicht. „Ich weiß.“
„Ich meine, nachdem Dad –“ Meine Stimme bricht.
„Ich weiß.“
Ich kann nichts dagegen tun, die Tränen laufen mir über das Gesicht. Ich schnappe mir den Eispack aus seinen Fingern und halte ihn gegen seinen geschwollenen Wangenknochen, aber er zuckt zurück. „Zane. Ich schaffe das nicht. Das ist einfach zu viel, okay? Ich würde es nicht ertragen, wenn auch dir etwas zustoßen würde.“
„Mir wird nichts zustoßen“, versucht er mich zu beruhigen. „Diese Kerle sind nicht so schlimm. Ich muss nur einen Weg finden, ihnen den Rest des Geldes zu besorgen, und ich werde auch nicht wieder spielen. Okay?“
Ich schniefe. „Wie?“
„Ich weiß es nicht. Gibt es eine Möglichkeit, an das Geld fürs College zu kommen?“
„Nein“, blaffe ich ihn an. Ich wusste, dass er mich danach fragen würde. „Das Geld ist ausschließlich für deine Ausbildung da. Weißt du eigentlich, wie viel Glück du hast, dass Dad dieses Geld nicht angerührt hat?“
„Okay, okay. Ich wollte nur sichergehen.“ Er versucht, aufzustehen, fällt aber stattdessen schwer auf die Knie.
„Fuck, Zane!“ Ich stürze vor und schnappe mir seinen Arm. „Komm. Ich bringe dich ins Krankenhaus.“

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