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Mason (Deutsch) Buch 3

Autor:in
Zainab Sambo
Gelesen
16.0K
Kapitel
20
Autor:in
Zainab Sambo
Gelesen
16.0K
Kapitel
20
👩🏻‍🍼Mütter💪🏻Beschützer😊Sauber🏙️Zeitgenössisch

Lauren erwacht in einem Krankenhaus, ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit, und muss feststellen, dass sie einen Autounfall hatte, der ihr einen Gedächtnisverlust hinterließ. Während sie sich auf dem Weg der Genesung befindet, trifft sie Menschen, die behaupten, ihre Freunde und Familie zu sein, doch es fällt ihr schwer, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Als sie erfährt, dass ein Mann namens Mason, der ebenfalls in den Unfall verwickelt war, im Koma liegt, beginnt ihre Reise, die Wahrheit über ihr Leben und ihre Beziehungen aufzudecken. Mit jeder neuen Enthüllung muss Lauren entscheiden, wem sie vertrauen kann und wie sie ihr Leben aus den Bruchstücken ihrer vergessenen Identität wieder aufbaut.

106: Kapitel 1

Man sagt ja, es gäbe nichts Schöneres als die Liebe.
Aber wenn man zu sehr liebt, kann das zur Last werden. Und wenn sich die Liebe plötzlich wie eine Last anfühlt, schleicht sich Verbitterung ein.
Dann bekommt alles einen bitteren Beigeschmack und das Unvermeidliche tritt ein.
Liebe ist, als stünde man an einem Abgrund und könnte jederzeit das Gleichgewicht verlieren und hinunterstürzen. Aber man entscheidet sich trotzdem, dem anderen zu vertrauen – blind zu vertrauen.  Niemand bereitet dich auf die Liebe vor. Ich war jedenfalls überhaupt nicht darauf vorbereitet. Sie kam so unerwartet, dass es sich wie ein Traum anfühlte. Ich hatte Angst, eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass alles weg ist. Das war meine große Angst, von dem Augenblick an, als ich wusste, dass ich mich in Mason Campbell verliebt hatte: ihn eines Tages zu verlieren. Aber die Angst hat nicht gesiegt. Ich habe es nicht zugelassen. Mason liebte mich ganz ohne Verlustängste, so leicht und mühelos. Alles, was danach kam, war einfach. Wir vertrauten und unterstützten einander und waren uns immer treu. In mancher Hinsicht war unsere Beziehung so perfekt, dass es sich anfühlte, als wäre alles nur vorgetäuscht. Doch wir waren einfach nur zwei traumatisierte Menschen, die versuchten einander dabei zu helfen, die Wunden ihrer Kindheit zu heilen. Zwei Menschen, die einander das zurückgeben wollten, was sie verloren hatten.
Das Schicksal hatte allerdings andere Pläne. Das Leben bewegt sich vorwärts, aber manche Menschen bleiben in der Vergangenheit stecken. Andere Menschen leben einfach im Hier und Jetzt, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen. Und das Leben geht weiter, selbst wenn dabei das Leben eines anderen komplett auf den Kopf gestellt wird.
Als Ginny in meinem Leben auftauchte, war das schrecklich für mich. Als jemand in mein Leben trat, der sich als mein Vater ausgab, war das ebenfalls schrecklich für mich.
Das Leben trieb seine grausamen Spielchen mit uns; es wusste, wo es zuschlagen und uns verletzen konnte, und wir hatten uns schon so oft gegenseitig aufgerichtet. Ich konnte nach jedem Schicksalsschlag wieder aufstehen, weil Mason für mich da war.
Mit ihm an meiner Seite konnte ich nie versagen. Ich ließ nicht zu, dass das Leben mich in den Abgrund zog. Ich kämpfte, um meinen Mann zu schützen.
Irgendwie hat das Leben einen gewissen Galgenhumor. Es gibt dir zahlreiche Chancen, dich wieder aufzurappeln, doch dann kann ein einziger Moment dein Leben für immer verändern.
Mein Leben änderte sich in einem Atemzug – in einer chaotischen Umgebung, in der man nur noch Sirenen hören und Blaulicht sehen konnte.
Das Fahrzeugwrack. Das zerbrochene Glas auf der Straße. Die Absperrung. Ich wusste, dass ein einziger Moment das Leben eines Menschen für immer verändern kann, aber ich hatte keine Ahnung, dass es so schnell gehen würde.
Ich hatte keine Ahnung, dass ich in einem einzigen Augenblick alles verlieren würde.
***

LAUREN

Ich wurde von einem lauten Piepton geweckt. Mir war nicht klar, wo der herkam, aber er nervte mich total. Ich hatte so starke Kopf- und Körperschmerzen, dass selbst die kleinste Bewegung fast unerträglich war. Aber ich wollte unbedingt das grässliche Piepen zum Schweigen bringen. Obwohl mein Kopf vor Schmerzen zu platzen drohte, versuchte ich, meine Finger zu bewegen.
Mein Körper fühlte sich schwer und steif an, als hätte man mich nach allen Regeln der Kunst vermöbelt … Ich versuchte, meinen Körper ein wenig zu bewegen, weil ich befürchtete, gelähmt zu sein. Ich schaffte es zwar, mich minimal zu bewegen, aber es war extrem schmerzhaft.
Das Piepen hörte einfach nicht auf und machte mich ganz kirre. Ich wollte einfach nur Ruhe. Und ich wollte einfach nur, dass der Schmerz aufhört. Warum tat mir alles weh? Wo war ich? Mein Kopf dröhnte und ich war irgendwie benebelt.
Ich versuchte, die Augen zu öffnen. Zunächst konnte ich nur ganz verschwommen sehen, aber nach ein paar Sekunden nahm ich einen hell erleuchteten Raum wahr. Das gleißende Licht war wie ein Schlag auf den Schädel. Mein Kopf pochte. Das Erste, was mir auffiel, war die weiße Decke, und ich wollte einfach die Augen schließen und dem Schmerz entfliehen. Aber das gelang mir nicht.
Ich schaffte es lediglich, meinen linken Finger zu bewegen. Ich umklammerte die Laken und genoss das Gefühl des weichen Stoffes auf meiner Haut.
Dann machte ich den Mund auf, um nach Wasser zu fragen. Meine Kehle war staubtrocken. Es fühlte sich an, als hätten sich tausend Schrammen in meine Lunge eingebrannt. Ich brauchte dringend Wasser, aber ich konnte meinen Mund ebenso wenig bewegen wie meinen Körper. Es dauerte eine Weile, bis die Worte kamen, und sie klangen kratzig und rau.
Es schien, als sei meine Zunge viel zu groß für meinen Mund.  Ich versuchte erneut zu sprechen. Diesmal war das Kratzen im Hals kaum auszuhalten. Ich wollte mich räuspern, um das Kratzen zu lindern, aber es war so schmerzhaft, dass ich die Augen gleich wieder schließen musste. Das brannte wie Feuer und trieb mir die Tränen in die Augen.
Ich atmete langsam und tief ein und drehte meinen Kopf vorsichtig von einer Seite zur anderen, wobei mein Blick auf die Maschinen fiel: das Zimmer, das Bett, der Tropf und die Fenster. Ich befand mich eindeutig in einem Krankenhaus. Erstaunt sah ich mich im Zimmer um. Es war leer, aber auf einem Tisch stand ein wunderschön gebundener Blumenstrauß. Mein Blick wanderte zur Tür. Ich hatte nicht die Kraft, aufzustehen, aber ich musste es zumindest versuchen. Ich musste raus aus dem Zimmer und nach Wasser suchen.
Wenn ich hier bliebe, lief ich Gefahr zu verdursten, und wer wusste, wann mich jemand finden würde?
Zuerst bewegte ich die Arme ein bisschen, bis ich mit der Hand die Kanüle aus der Haut ziehen konnte. Das tat höllisch weh, aber jede noch so kleine Bewegung schmerzte noch viel mehr.
Ich biss mir auf die Lippe und versuchte, mich auf meine Bewegungen zu konzentrieren. Stöhnend rollte ich mich auf die Seite. Zuerst berührte mein linker Fuß den kalten Boden, dann mein rechter Fuß, und dann gelang es mir, mich vorsichtig aufzusetzen. Ich wurde sofort von einem Schwindelgefühl übermannt, aber ich zuckte mit den Achseln und versuchte aufzustehen. Es klappte nicht.
Ich sackte zu Boden und stieß dabei ein Instrumententablett um. Scheppernd landete es auf dem Boden, und die Instrumente flogen in alle Himmelsrichtungen.
Ich wollte in Tränen ausbrechen, weil ich meinen Körper nicht in den Griff bekam, aber ich riss mich mit aller Kraft zusammen und griff nach der Bettkante, um mich aufzurichten.
Nach vier Versuchen stand ich endlich, aber mir wurde sofort wieder schwindelig und ich fiel erneut zu Boden. Ich hörte Geräusche im Flur und dann wurde die Tür aufgerissen. Plötzlich tauchte ein Gesicht vor mir auf. Eine Krankenschwester mittleren Alters sah mich besorgt an, weil ich auf dem Boden lag. Sie half mir auf und brachte mich zurück ins Bett.
„Du meine Güte! Warum haben Sie denn nicht den Rufknopf gedrückt?“, fragte sie, während sie es mir im Bett bequem machte.
Den Rufknopf? Tja, an den hatte ich nicht gedacht.
„Geht’s ihnen gut, meine Liebe? Können Sie mich hören?“
Ich zuckte beim Nicken ein bisschen zusammen, denn selbst eine so kleine Bewegung war schmerzhaft und erschöpfend. „Mein Kopf tut weh“, krächzte ich. „Wasser.“
Sie schenkte mir schnell Wasser aus der Flasche ein, die ich auf dem Ständer nicht gesehen hatte – wahrscheinlich weil ich vor lauter Schmerzen fast nichts wahrnehmen konnte.
Die Schwester half mir, mich aufzusetzen und hielt mir das Glas an den Mund. Ich trank zwei Gläser, bis meine Kehle endlich aufhörte zu brennen. „Danke.“
Sie lächelte. „Gern geschehen. Was Ihren Kopf angeht, werde ich den Arzt anpiepsen, damit er nach Ihnen sieht. In der Zwischenzeit besorge ich Ihnen ein Schmerzmittel.“
Sie verließ den Raum und kam nach knapp drei Minuten zurück. Ich war dankbar, dass sie zurückkam, denn mein Kopf war immer noch benebelt. Ich wusste nicht, was mit mir passiert war.
„Ich bin Schwester Ivy“, stellte sie sich vor. Sie schloss einen neuen Infusionsbeutel an und erklärte mir: „Die Infusion hilft gegen die Schmerzen.“ Bitte reißen Sie sie nicht wieder raus.“ Ich nickte, da ich keine Lust hatte zu sprechen. Mein Kopf pochte immer noch ganz unerträglich. Schwester Ivy überprüfte meine Vitalfunktionen, aber ich konnte mich darauf nicht konzentrieren.
Ich konnte lediglich langsam ein- und ausatmen.  Meine Augen fielen immer wieder zu, aber ich wusste, dass ich wach bleiben musste. Aus irgendeinem Grund hatte ich Angst davor, einzuschlafen.
„W...was ist mit mir passiert?“
„Sie hatten einen Unfall“, antwortete die Krankenschwester. „Sie haben einen ziemlich harten Schlag auf den Kopf abbekommen. Können Sie sich nicht erinnern?“
„Unfall?“, wiederholte ich und dachte darüber nach, was sie gesagt hatte. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, aber da kamen überhaupt keine Bilder. Nur Leere.
Ich hatte nicht nur den Unfall vergessen, sondern auch alles andere. Ich konnte mich nur daran erinnern, hier aufzuwachen. Ich versuchte, nicht in Panik zu geraten.
Vorsichtig hob ich eine Hand an die Stirn und spürte einen Verband, der fest um meinen Schädel gewickelt war. An den Armen entdeckte ich blaue Flecken und Schürfwunden.
Ich hob die Decke an und schaute auf meine Beine hinunter. Auch hier sah ich Verbände und noch mehr Blutergüsse. Mein Körper sah total ramponiert aus.
„Erinnern Sie sich wirklich nicht?“
Ich schaute sie an und schüttelte den Kopf.
„Das ist schon okay. Es ist verständlich, dass Sie verwirrt sind, nachdem Sie hier zwei Wochen lang bewusstlos gelegen haben. Es ist schon großartig, dass Sie sich bewegen können, und die Kopfschmerzen sind ganz normal. Wenn sie sich gut ausruhen, sind Sie bald wieder auf den Beinen.“
Mir blieb das Herz stehen. „Zwei Wochen?“ Meine Lippen zitterten. „Ich lag im Koma?“ Ich war verblüfft. Ich hatte zwei Wochen lang in diesem Bett gelegen? Das war echt ein heftiger Schock. Das Herzüberwachungsgerät fing an, wie wild zu piepen.
Plötzlich öffnete sich die Tür. Ein grauhaariger Arzt kam herein und ging ruhig auf mich zu. Seine sanften Augen blieben auf mir haften.
„Es freut mich sehr, Sie wach zu sehen, aber Sie müssen sich beruhigen und mich einen Blick auf Sie werfen lassen.“ Er trat an mein Bett heran. „Ich bin Dr. Benedict. Sie sind in guten Händen, das verspreche ich Ihnen.“
Ich versuchte, mich zu entspannen, aber die Tatsache, dass ich zwei Wochen lang im Koma gelegen hatte, schockierte mich zutiefst. Was für einen Unfall hatte ich denn gehabt? War ich überfahren worden? Gab es noch andere Verletzte?
Mir brannten so viele Fragen unter den Nägeln, aber ich musste mich erst einmal etwas entspannen, um die richtigen Worte zu finden.
Dr. Benedict bat mich, seiner Stiftleuchte mit den Augen zu folgen und gewisse Körperteile zu berühren, um sicher zu sein, dass ich sie fühlen konnte. Das reichte ihm aber noch nicht. Er ließ mich die Monate aufsagen und die Gegenstände im Raum benennen, aber als er mich bat, meinen Namen zu nennen, konnte ich das nicht.
Meine Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus. Mein Herz pochte wild in meiner Brust.
„Ich …“ Mein Brustkorb bewegte sich hektisch auf und ab und das Herzüberwachungsgerät fing wieder an zu piepsen. Ich starrte Dr. Benedict mit ängstlichen Augen an. „Ich weiß es nicht.  Ich weiß nicht, wie ich heiße.“ Die Antwort ertönte laut im Raum.
„Ist schon gut“, sagte er, um mich zu beruhigen. „Woran erinnern Sie sich?“
Auch diesmal war mein Gedächtnis wieder wie ausgelöscht. Mein Herz raste. Ich versuchte angestrengt, irgendetwas in meinen Erinnerungen zu sehen, aber alles war dunkel. In meinem Kopf herrschte nichts als Leere.
Ich bekam ein Engegefühl im Brustkorb. Die Panik drohte mich zu überwältigen. Mein Gedächtnis war komplett ausgelöscht. Da, wo eigentlich Erinnerungen sein sollten, war nur ein unbeschriebenes Blatt.
Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen.
„Ihr Name ist Lauren. Sie hatten einen Autounfall und lagen im Koma, weil Sie sich den Kopf schwer angeschlagen haben.“
„Ich weiß, es ist beängstigend, das alles zu hören, Lauren.  Es kann einige Zeit dauern, bis Ihre Erinnerungen zurückkommen, aber das Wichtigste ist, dass Sie wieder wach sind.“
„Werde ich mich je wieder erinnern können?“ Meine Stimme schwankte.
Er zögerte nur einen Sekundenbruchteil, aber ich sah es. Diese eine Sekunde stellte meine Welt auf den Kopf, denn mir wurde schlagartig klar, dass selbst Dr. Benedict das nicht wusste. Das Pochen in meinem Kopf wurde noch stärker. Meine Sicht verschwamm wieder. Ich konnte nichts mehr hören. Die Stimmen schienen jetzt weit weg zu sein. Ich atmete schwer und krallte meine Hände in die Laken. Dann wurde langsam alles um mich herum dunkel. Dr. Benedict spritzte etwas in den Infusionsbeutel, das mich in kürzester Zeit einschlafen ließ. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich geschlafen hatte, aber als ich aufwachte, waren zwei Personen im Zimmer.
Mit Entsetzen bemerkte ich, dass sie mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Erleichterung anstarrten.
Die Frau, die näher am Bett stand, versuchte, mich zu umarmen. Ich wich zurück und sie hielt inne.
Mein Kopf pochte immer noch, aber nicht mehr so stark wie zuvor.
„W...wer bist du?“, fragte ich und starrte ihr tief in die Augen, als ob dieser einzige Blick die Erinnerungen wachrufen könnte, aber nicht einmal ihr grünes Haar kam mir vertraut vor. Sie hatte olivfarbene Haut und ein Lippenpiercing.
„Du …“ Sie zögerte erschrocken. „Erinnerst du dich nicht an mich?“
Mein Herz pochte nervös. „Kennst du mich?“, fragte ich stattdessen.
„Ja, wir sind Freunde“, sagte der Mann, der an der anderen Bettkante stand. Ich schaute ihn an – ein schlanker Mann mit dunklen Haaren. Er lächelte sanft, aber ich konnte sein Lächeln nicht erwidern.
„Freunde“, wiederholte ich. Ich bemühte mich redlich, mich an diese Menschen zu erinnern, die angeblich meine Freunde waren, aber sie kamen mir nicht bekannt vor. Ich spürte nichts. Es gab keinen Erinnerungsblitz.
„Du erinnerst dich wirklich nicht“, sagte das Mädchen, fast so, als würde ihr das gerade erst bewusst. Sie hatte Tränen in den Augen.
„Wir sind seit mehr als vier Jahren befreundet. Ich bin Athena und das ist Aaron. Sagen dir diese Namen nichts?“
„Athena“, sagte der Mann mit sanfter Stimme. „Du hast doch gehört, was der Arzt gesagt hat. Wir sollten sie nicht drängen. Ihre Erinnerungen werden eines Tages zurückkehren. Wir sind einfach nur froh, dass du aufgewacht bist, Lauren.“
Er wollte beruhigend meine Hand berühren, aber ich entzog sie ihm. Seine Schultern sackten resigniert nach unten.
„Lauren. Ist das mein Name?“
„Ja, Lauren C–“
„Hart“, kam Athena ihm zuvor. „Dein Name ist Lauren Hart.“ Sie warf Aaron einen vielsagenden Blick zu, aber er schien über ihre Worte nicht gerade glücklich zu sein. Ich fragte mich, woran das lag, aber ich wollte nichts sagen.
„Okay.“ Ich nickte, dann erinnerte ich mich plötzlich an etwas. „Wie bin ich denn in den Unfall verwickelt worden?“
Die beiden sahen sich vielsagend an. Diesmal kam Aaron ihr zuvor.
„Ein Lkw hat dich angefahren. Es geschah alles so schnell. Ehrlich gesagt, sind die Einzelheiten nicht so wichtig. Wir sind bloß froh, dass es dir gut geht und du wieder wach bist.“
„Ja, ich auch.“ Ich zog die Laken an meine Brust, wandte den Blick ab und schaute zum Fenster. Ich hieß also Lauren Hart.
Der Name erweckte nichts. Es gab keinen Nervenkitzel, keinen Ansturm von Erinnerungen. Nichts. Da war nichts. Das frustrierte mich.
In meinem Kopf drehte sich alles und ich schloss die Augen. Mein Kopf füllte sich mit einer Müdigkeit, die mich vernebelte und die ich nicht abschütteln konnte. Obwohl es so viele Dinge gab, die ich fragen wollte, war ich nicht in der Stimmung dazu.
„Lauren? Alles okay?“
„Ja“, murmelte ich und verzog vor Schmerzen das Gesicht. „Meine Eltern … sind sie hier?“
Stille. Das veranlasste mich, die Augen zu öffnen und Aaron und Athena anzuschauen. Aaron wich meinem Blick aus und sah unbehaglich aus.
Athena ergriff meine Hand und drückte sie. „Deine Freunde und Familie sind bei dir, seit du ins Krankenhaus gebracht wurdest.“
„Dr. Benedict sagte, wir sollen dich nicht mit Besuchen überlasten, also wollten Aaron und ich dich zuerst sehen, aber sobald der Arzt weitere Besucher zulässt, wirst du alle deine Lieben kennenlernen.“
„Oh.“ Das war nicht die Antwort, die ich mir erhofft hatte. Mir wurde schwer ums Herz. Ich entzog Athena meine Hand und versteckte sie unter den Laken. „Das ist gut, danke. Es tut mir leid, aber ich möchte euch bitten, zu gehen. Ich wäre gerne eine Minute allein.“
„Klar“, antwortete Aaron. „Ruh dich ein bisschen aus. Wenn du etwas brauchst, drückst du einfach den Rufknopf und dann kommt Schwester Ivy sofort.“
Ich antwortete nicht. Ich rollte mich auf die Seite und starrte an die Wand, während ich ihren Schritten lauschte, die langsam verhallten.
„Wartet.“ Ich drehte mich um und zuckte zusammen.
Aaron war bereits hinausgegangen. Athena blieb an der Tür stehen und griff nach dem Türknauf.
Ich spürte ein Stechen in der Brust. Ich spitzte die Lippen. „War … war jemand bei mir, als der Unfall passierte?“
Ihre Hand glitt am Türknauf ab. Mein Herzschlag verlangsamte sich. „Nein“, sagte sie. „Es war niemand bei dir.“
Als sie das sagte, war ihr Tonfall etwas angespannt, obwohl ich mir nicht sicher war, warum. Sie lächelte, aber ihre Augen blieben ernst.
„Das ist gut.“ Ich schenkte der Frau, die sich meine Freundin nannte, ebenfalls ein Lächeln und wandte mich von ihr ab.
Dr. Benedict kam heute zum zweiten Mal, um nach mir zu sehen. Er bat mich, mein Schmerzlevel auf einer Skala von eins bis zehn zu benennen, und ich sagte ihm, es sei eine Vier. Schwester Ivy gab mir ein Medikament, das das heftige Hämmern in meinem Kopf beseitigte. Jetzt hatte ich nur noch Schmerzen und nicht mehr das ständige Pochen. Meine Beine mussten sich allerdings noch an die Schmerzmittel gewöhnen.
„Wie stark verletzt bin ich eigentlich?“, fragte ich ihn.
Er setzte sich auf den Stuhl neben meinem Bett. „Sie hatten zwei Operationen, eine am Kopf und die andere am Bein. Sie hatten auch einige Gewebeschäden, und die Arme und Oberschenkel wurden von Glassplittern durchbohrt.“
„Es ist ein Wunder, dass Ihr Unterleib heil geblieben ist. Keiner der Schnitte war besonders tief, also haben wir sie gereinigt und genäht. Zum Glück wurden auch keine Organe verletzt.“
„Die restlichen Verletzungen sind harmlos, aber das Schlimmste war die Kopfverletzung. Wir mussten Sie mit zweiunddreißig Stichen nähen.“
„So schlimm?“
„Es hätte schlimmer sein können, Lauren.“
„Normalerweise hätten wir den Verband zwei Wochen nach dem Unfall abnehmen können, aber Sie haben immer wieder an den Fäden gezogen, während Sie bewusstlos waren.“ Da Sie jetzt wach sind, kann ich ihn entfernen.“
Vorsichtig entfernte er den Verband um meinen Schädel und meine Hände zitterten, als ich ihn berühren wollte, um zu sehen, ob ich Narben davongetragen hatte oder ein Teil meiner Haare im Bereich der Wunden abrasiert worden war.
Das war ein beängstigender Gedanke. Ich traute mich nicht, hinzufassen oder um einen Spiegel zu bitten.
Ich wusste nicht mehr, wie ich aussah, aber ich wollte mich auch nicht völlig ramponiert das erste Mal im Spiegel sehen.  Ich wollte nicht, dass dieses Bild in meinem Gedächtnis gespeichert wird.
„Sie sagen, ich habe Glück und ich heile, aber es gibt keine Heilung für Gedächtnisverlust, oder?“ Ich starrte ihn an, und mir schossen wieder die Tränen in die Augen.
„Woher soll ich denn wissen, wie mein Leben aussieht?“ Vorhin waren einige Leute in meinem Zimmer, aber ich habe sie überhaupt nicht erkannt. Wird das so bleiben? Wird mir alles fremd sein?“
„Lauren.“ Er setzte sich, als mir die Tränen über das Gesicht kullerten.
„Amnesie ist eine häufige Erscheinung bei Kopfverletzungen. Sie ist nicht von Dauer. Sie werden sich langsam wieder erinnern – nach ein paar Tagen oder Wochen.“
„Jetzt müssen Sie bloß ihrem Körper Zeit lassen, zu heilen. Machen Sie sich keinen Stress, wenn Sie sich an etwas erinnern wollen.“
Ich wischte mir die Tränen aus den Augen. Ich wollte mich unbedingt an meine Vergangenheit erinnern – wissen, wer ich war und woher ich kam.
Ich wollte mich nicht mehr so verletzlich fühlen.

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