
Vom Wikinger versklavt
Autor:in
Daphne Anders
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Kapitel
32
Kapitel 1
AGNARR
„Nur noch eine Stunde, bis wir an Land gehen!“, brüllte einer meiner Männer in unserer gemeinsamen Sprache.
Die Wellen bewegten sich und brachen in der Ferne, während wir unsere Reise fortsetzten. Es war keine besonders lange Reise gewesen – nur zwei Tage, um diese fast menschenleeren Länder zu erreichen. Aber es wurde Zeit, dass wir uns etwas Ruhe und Frieden gönnten.
Wir hatten uns bewusst dafür entschieden, dieses heruntergekommene Dorf zu übernehmen, um endlich Frieden zu finden. Und genau das war es – in jeder Hinsicht heruntergekommen. Das war es schon seit geraumer Zeit, seit ihr egoistischer und törichter König alle Männer in die Schlacht geschickt und die Frauen und Kinder sich selbst überlassen hatte.
Soweit ich gehört hatte, lebten dort nur noch etwa zehn Männer, die alle alt und dem Tode geweiht waren. Es würde zu keinem großen Kampf kommen. Schließlich suchten wir keinen Streit, sondern nur einen Ort, an dem wir für die Sommermonate unser Lager aufschlagen konnten, bis wir beschließen würden, weiterzuziehen.
Wir suchten nach Nahrung, einer Unterkunft, Frieden und Frauen. Und dieses Dorf würde uns all diese Dinge genauso bieten können wie jedes andere auch.
Unser Boot segelte weiter und kämpfte gegen die harten Wellen an, die uns zwar versenken wollten, es aber dennoch nicht wagten. Wir waren Götter des Ozeans, und ich war von den alten Göttern gesegnet und zu einem von ihnen ernannt worden. Die See war klug genug, sich nicht mit mir anzulegen.
Das Ufer lag felsig und zerklüftet vor uns. Dahinter erstreckte sich der Wald, und nur wenige Meilen entfernt lag das versteckte Dorf – verwüstet, fast zerstört, aber voller Frauen, die bald zu Wikingersklavinnen werden würden.
Ich hatte diese Gruppe von Männern schon seit geraumer Zeit angeführt. Mindestens fünfzehn Jahreszeiten waren vergangen, voller Schlachten, Zerstörung, Plünderungen und Eroberungen. Wir hatten seit meiner Segnung durch die Götter keine einzige Schlacht verloren.
Nachdem sie mich auf den Schlachtfeldern beobachtet hatten – voller Blut, wütend und von Zerstörungsrausch erfüllt –, beschlossen die Götter, mir ein Geschenk zu machen. Ein Geschenk, das es noch nie zuvor gegeben hatte. Es war die Gabe, mich in ein Tier verwandeln zu können: einen Wolf, um genau zu sein.
Dieses Geschenk war mächtig, und es hatte uns den Sieg in jeder Schlacht eingebracht, die ich anführte. Mein Wolf konnte mit nur einem einzigen Hieb menschliches Fleisch zerreißen. Er konnte ein Dutzend Männer im Handumdrehen auslöschen. Mein Wolf war der Gott der Schlacht, und ich lenkte den Kampf nach meinem Willen.
Ich hatte ihn Thor genannt, nach dem wahren Gott der Schlacht. Er war zufrieden mit dem Namen, zumindest sagte er das, wenn er manchmal mit mir sprach. Er war genauso wortkarg wie ich, und das gefiel mir.
Das Boot schwankte erneut gegen die rauen Wellen, setzte aber seinen Weg fort.
Schließlich ließen die Wellen unser Schiff los und gaben den Kampf auf, von dem sie wussten, dass sie ihn niemals gewinnen würden. Unser Boot erreichte das felsige Ufer, und meine Männer hievten ihre muskulösen Körper vom Boot und vertäuten unser Schiff.
Dann stellten sie sich einer nach dem anderen in zwei geraden Reihen auf und warteten darauf, dass ich von Bord ging. Ich schritt durch die Reihen der Männer.
Es war fast so, als würden sie für mich zur Seite treten, während ich hindurchging. Ihre Augen trafen niemals meine, stattdessen blickten sie auf das felsige Ufer. „Lasst uns feiern!“, brüllte ich. Meine scharfen Zähne traten wie von selbst hervor und schnitten in die Haut meines Mundes. Wenn ich müsste, würde ich mich in meinen Wolf verwandeln.
Meine Männer brüllten zustimmend und waren glücklich, meinem Ruf zu folgen, hin zu den Freuden, die in Form von Frauen, Nahrung, warmen Häusern und Fellen warteten, und uns einen friedlichen Sommer voller Heilung, Vögelei und Ruhe bescheren würden.
Meine schweren Füße zertrümmerten Teile des Waldbodens, während wir weitergingen. Die Dichte des Waldes versuchte, uns ganz zu verschlingen, während die Farben des Abendhimmels langsam verblassen.
Leuchtende Farben aus Rot, Gelb und Orange vermischten sich mit verblassendem Blau und verschwanden in der Ferne. Sie umgaben das Dorf am Horizont vor uns. Selbst der Himmel kam zur Ruhe, während sich der Tag dem Ende zuneigte, um der Nacht Raum zu geben, sich voll zu entfalten..
Um uns herum hörten wir die Geräusche von Tieren, die bei unserer Ankunft tiefer in den Wald rannten und in den Bergen verschwanden. Das Dorf kam in Sicht. Ich konnte das sanfte Geräusch von Stimmen in der Ferne ausmachen, hauptsächlich weibliche, zusammen mit dem Klang von Füßen und dem Geruch von Gekochtem.
Gut, sie bereiten sich auf uns vor, dachte ich, während sich ein Lächeln auf mein Gesicht schlich.
Aber die Dorfbewohner wussten nicht, dass wir kamen. Stattdessen erwartete sie eine ziemliche Überraschung – eine Gruppe von Wikingern, die entschlossen war, sie zu Sklaven zu machen und sie während der e Sommersaison zu benutzen.
ANNE
Ich war gerade dabei, meine jüngste Kräuterernte zu zerkleinern, als ich eine Stimme hörte. „Anne!“, rief die fröhliche, melodische Stimme. Es war Claire, eine meiner besten Freundinnen in der Stadt. Ich kannte Claire bereits seit unserer Geburt. Sie lebte im Haus nebenan.
Wie ich hatte sie beide Brüder im Krieg verloren, dazu ihren Vater und ihre Mutter. Aber im Gegensatz zu mir hatte Claire Erfahrung. Sie wusste über Männer Bescheid und wie man die Dinge tat, über die wir uns bereits zuvor unterhalten hatten.
Ich dachte nicht schlecht von Claire wegen dem, was sie tat. Wir alle brauchten etwas, das uns half, den Schmerz zu ertragen.
Ich wischte mir die Hände an dem schmutzigen Tuch ab, lief zur Tür und riss sie auf. Claire stand dort und lächelte, mit einem Bündel Brot in den Händen. „Ich habe Leckereien mitgebracht!“, sagte sie und trat ein.
„Das musst du nicht tun. Ich habe genug zu essen“, antwortete ich ihr.
„Ach! Aber du musst etwas zunehmen! Bitte sehr!“ Sie drückte mir den Korb mit dem Brot in die Arme.
„Schon gut. Danke.“ Ich zwang mir ein Lächeln ab und stellte den Korb ab. Daraufhin nahm ich zwei Stücke – eines für mich und eines für Claire.
„Heute ist wieder einer der Männer gestorben“, sagte Claire leise und blickte auf das frische Brot in ihrer Hand.
„Wer?“, flüsterte ich und drehte mich zu ihr um.
„Garrison.“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Du meinst den letzten Mann, der Metallwerkzeuge herstellen konnte?“
„Seine Werkzeuge haben nicht viel getaugt. Abgesehen von denen, die auf dem Feld arbeiten, braucht hier ohnehin niemand mehr Metall. Ich bin überrascht, dass die Wikinger uns noch nicht überfallen haben.“ Sie stieß ein besorgtes Lachen aus.
„Besser als gar keine Werkzeuge zu haben.“ Ich seufzte und ließ mir das letzte Stück Brot auf der Zunge zergehen.
„Stimmt“, sagte sie und starrte weiter auf ihre Hand.
„Was wird aus seinen Frauen?“, fragte ich.
Sie zuckte wieder mit den Schultern und stieß einen schweren Seufzer aus. „Sie werden wahrscheinlich Unterhalterinnen wie ich. Ich bin sicher, alle Frauen, die noch übrig sind, werden das bald machen müssen, bis auch das nicht mehr funktioniert. Dann müssen wir in die nächste Stadt ziehen und betteln.“ Ein nervöses Lachen kam aus ihrem Mund.
Ich zwang mir ein müdes Lächeln ab und blickte auf meine Füße. „Ich hoffe, sie können seine Werkzeuge verkaufen, vielleicht an diese Wikinger, und Geld verdienen.“
„Sobald die Wikinger merken, wie wenige Männer wir zu unserem Schutz haben, werden sie sie einfach zusammen mit uns verschleppen.“ Sie hatte recht. Bald würden sie kommen. Und ich war überrascht, dass sie nicht schon da waren.
„Vielleicht, aber wer weiß, vielleicht sind wir zu armselig und zu bedauernswert, um überhaupt überfallen zu werden.“ Ich lachte, aber es klang eher wie ein trauriges Weinen.
„Vielleicht“, seufzte sie. „Obwohl es mir nichts ausmachen würde, mit Essen versorgt zu werden, Kleider zu bekommen, warm gehalten zu werden und mit einem von ihnen zu schlafen.“
„Ohne Gegenleistung?“, fragte ich fast schockiert. Wikinger waren dafür bekannt, wild und gemein zu sein – durch und durch wild und gemein, ohne Freundlichkeit und voller Grausamkeit.
„Sie sind gute Liebhaber“, erklärte sie. „Eines Tages wirst du es verstehen.“
„Ich hoffe nicht. Zumindest nicht mit einem Wikinger“, sagte ich leise, während ich Wasser über das Feuer goss, um die Flammen zu löschen.
„Ich weiß, dass du meinen Job und wie ich mein Geld verdiene, nicht magst, aber es ist wirklich nicht so schlimm, solange der Mann reinlich ist“, sagte sie und fuhr sich mit den Fingern durch ihr rotbraunes Haar. Ihre grünen Augen blickten direkt in meine, während sie weitersprach.
„Sogar Wikinger sind sauber. Sie waschen sich häufig wegen der vielen Kämpfe, aber manchmal bleibt das Blut für immer auf ihrer Haut, weil sie so viel töten. Aber sie riechen nach frischen Kräutern, und sie sind gut im Bett, weißt du.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wissen, wie man Liebe macht“, schnaubte ich.
„Nun, das tun sie, zumindest soweit ich das beurteilen kann“, seufzte sie. „Es gibt einen, der immer nett zu mir ist. Er heißt Ragnar. Er hat diese wunderschönen blauen Augen, dunkle und raue Haut und hellbraun-blondes Haar.“
Ein Seufzer kam aus ihrem Mund, als würde sie an etwas Schönes denken.
„Ich bin mir sicher, er findet dich hübsch. Deshalb ist er so nett zu dir. Ich meine, schau dich an!“, sagte ich.
Claire war schön, trotz der schweren Zeiten in unserem Leben. Sie hatte glattes, welliges, rotbraunes Haar, das ihr über den Rücken hing, hellbraun-grüne Augen, die ohne Vorwarnung von Braun zu Grün wechselten, und blasse Haut. Sie war groß für eine Frau und hatte große Brüste und breite Hüften.
„Und du auch“, sagte Claire und versuchte, mich aufzumuntern.
„Früher war ich es“, sagte ich mit leerer Stimme.
„Du bist es immer noch, Anne.“
Dann hörte ich es. Schritte und Geschrei in der Ferne. Ich drehte mich um und blickte aus dem kleinen Fenster am hinteren Teil meines Häuschens und sah eine Gruppe großer Männer mit schwarzer Bemalung und Kleidung aus Leder und Fell. Es waren die Wikinger.
„Komm!“, sagte ich eindringlich, während ich sie an der Hand durch die Tür zog und mich tief ducktef, um uns vor den näher kommenden Wikingern zu verstecken. Nachdem wir mein Häuschen verlassen hatten, rannten wir so schnell wir konnten zum dichten Wald.
Ich kannte den Wald sehr gut. Er war ein Teil von mir und mein sicherer Ort. Ich sah mich um und suchte nach dem größten Baum oder einem Hügel, hinter dem wir uns verstecken konnten, fand aber stattdessen ein großes, ausgehöhltes Loch, aus dessen Spitze ein Baum wuchs.
„Hier!“, rief ich flüsternd, während Claire mir folgte.
Claires Atem war gleichmäßig, fast ruhig. „Du solltest dich weiter verstecken. Ich werde gehen …“
„Das kannst du nicht!“, sagte ich zu ihr und zog sie am Handgelenk, um sie im Verborgenen zu halten. „Wir haben keine Männer, die uns beschützen. Dem König ist unser Dorf egal, also wird er keine Soldaten schicken. Du bist die einzige Person, die mir wichtig ist und die noch am Leben ist, Claire.“ Meine Augen füllten sich mit Tränen.
Claires Gesicht wurde weicher, und sie drückte ebenfalls meine Hand. Aber da hörte ich bereits das Geräusch von Schritten, die näher kamen.
Mein Körper erstarrte, als wäre er von einem mir unbekannten Gefühl erfasst worden, und ich war unfähig, mich zu bewegen. Aber als ich aufblickte, stand kein Mann vor mir, sondern ein Wolf.













































