
Violets Oktagon
Autor:in
Michaela Castello
Gelesen
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Kapitel
35
Eine dunkle Straße zwingt Violet zur Selbstverteidigung. Ein Kämpfer namens Derek lässt sie immer wieder zurückkehren. Sie hat sich geschworen, keine Beziehungen mehr einzugehen. Er beschützt den Ehrenkodex seines Gyms. Doch die Chemie zwischen ihnen ignoriert beides. Als das Training ernst wird und sein nächster Kampf näher rückt, brennt nur eine Frage: Ist das nur Hitze – oder der Anfang von etwas, für das es sich zu bluten lohnt?
Paranoia
VIOLET
Ich verließ mein Büro gegen zehn Uhr.
Die Büroräume, die ich gemietet hatte, waren wunderschön, aber sie lagen in einer üblen Gegend. Überall befanden sich alte Fabrikgebäude und enge, dunkle Gassen, daher ging ich nur ungern so spät von der Arbeit nach Hause. Meine Schritte hallten viel zu laut wider, und ich tat so, als hätte ich keine Angst.
Doch als ich einen Mann hinter mir bemerkte, setzte automatisch meine Paranoia ein. Sicherlich folgte er mir gar nicht wirklich. Er ging nur in dieselbe Richtung. Oder?
„Geh einfach weiter, Vi“, sagte ich leise zu mir selbst.
Gerade als ich an den ramponierten Autos vor der örtlichen Bar vorbeiging, bemerkte ich einen anderen Mann, der mir entgegenkam und mich unverwandt ansah. Ich schaute für ein paar Sekunden weg und hob dann wieder den Blick, aber er starrte immer noch.
Angst breitete sich in meinem Inneren aus, und ich umklammerte meine Handtasche fester.
Als er näher kam, verzog der Mann sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. Etwas in seinen Augen schimmerte, wie bei einem Jäger kurz vor dem Angriff. Meine Atmung beschleunigte sich, und ich drehte meinen Kopf, um schnell hinter mich zu schauen. Der andere Mann war immer noch direkt hinter mir und hatte mich fast eingeholt.
Es gab keine Möglichkeit zu fliehen. Wir hatten bereits die Bar passierti, und es war niemand sonst in der Nähe.
Noch ein paar Schritte, und er hätte mich eingeholt. Eins, zwei, drei …
„Hey, Mann, so schön, dich zu sehen!“ Die Stimme des Mannes hinter mir ließ mich zusammenzucken. Ich erschrak so sehr, als er anfing zu sprechen.
Der andere Mann, der mir entgegenkam, ging direkt an mir vorbei. Er umarmte den Mann hinter mir, und sie hielten sich ein paar Sekunden lang fest, ohne zu ahnen, dass ich beinahe laut aufgeschrien hätte.
Ich atmete erleichtert aus und schloss für einen Moment die Augen.
Dann ging ich, etwas schneller als zuvorr, zu meinem Auto. Oh mein Gott. Ich musste wirklich einen Weg finden, meine wilden Gedanken zu beruhigen.
***
Der nächste Tag ging etwas schneller vorüber. Ich hatte den ganzen Tag über Meetings, und war stolz auf mich, als ich um sechs Uhr die Arbeit verließ. Fürr die meisten Leute war das eine normale Zeit.
Ich kam nach Hause und beschloss, vor Sonnenuntergang noch eine Runde laufen zu gehen. Daher zog ich meine knallpinken Schuhe und meine Laufklamotten an. Anschließendmachte ich mich in meine übliche Richtung auf. Da ich ein Gewohnheitstier war, lief ich immer dieselbe Strecke.
Nach zwanzig Minuten verlangsamte ich mein Tempo etwas und atmete schwer.
Mein Blick hob sich zu einem grauen Backsteinhaus auf der anderen Straßenseite. Ich beobachtete den Besitzer dabei, wie er eine Mülltonne zum Bordstein trug. Sein Rücken war breit. Sein Shirt war schweißnass und über einer Schulter war die dünne Kontur eines Tattoos zu erkennen.
Er drehte sich um. Während ich weiterlief, konnte ich einen Blick auf sein Gesicht werfen. Er hatte ein markantes Kinn, wunderschöne Augen und sahr hervorragend aus. Er ging weiter, während ich weiterrannte. Unsere Blicke trafen sich für zwei … drei Sekunden, bis …
Bumm!
„Scheiße, autsch!“ Ich rannte gegen ein Stoppschild und schlug mir den Ellbogen so hart dagegen, dass mir die Augen tränten. Allerdings war es mir zu peinlich, mich umzudrehen und der Person ins Gesicht zu sehen, die das gesehen hatte, daher lief ich schnell weiter.
Das war typisch für mich. Ich schüttelte den Kopf und versuchte so zu tun, als wäre das nie passiert.
Ein oder zwei Minuten später stand ich auf meiner Veranda. Ich war außer Atem und öffnete meine Haustür. Anschließend schnappte ich mir meine Post und ging in mein Haus.
Ich ging die Post auf dem Tisch neben der Tür durch, als eine Karte herausfiel und auf den Boden glitt. Kampfsport: alles von Selbstverteidigung bis MMA.
Oktagon Gym. In einem gelben Kreis hieß es: Kostenlose Probestunde.
Es schien, als würde mir das Schicksal einen Wink geben.
Ich mochte es, neue Dinge auszuprobieren, die ich noch nie zuvor gemacht hatte. Eigentlich hatte daran gedacht, wieder mit dem Yoga anzufangen, aber ich war auch bereit, etwas auszuprobieren, das ein bisschen weniger … ruhig war.
Ruhe hatte ich schon genug, schließlich kam ich jeden Abend in mein leeres Haus zurück.
.
Ich nahm mein Handy zur Hand und war mir sicher, dass um diese Zeit wahrscheinlich keiner rangehen würde, aber ich wollte zumindest eine Nachricht hinterlassen.
Mit der Zeit hatte ich gelernt, dass es hilfreich war, frühzeitig kleine Zusagen zu machen, um später größere Verbindlichkeiten einhalten zu können. So war die Wahrscheinlichkeit geringer, dass ich wieder einen Rückzieher machte.
Ich wartete auf den Piepton des Anrufbeantworters und drehte die Karte in meiner Hand.
„Ja?“, antwortete eine raue Stimme.
„Oh, äh … hi! Ich habe angerufen … wegen der kostenlosen Probestunde? Ist da das … Oktagon Gym?“ Ich war immer noch etwas außer Atem von meinem Lauf und konnte kaum drei Worte sagen, ohne schwer zu atmen.
„Ja, das ist es. Geht es dir gut?“, fragte die tiefe Stimme.
Ich ging zur Küche hinüber, stützte meine Ellbogen auf die Arbeitsplatte und hoffte, wieder zu Atem zu kommen, aber … „Autsch!“ Augenblicklich wurde ich auf schmerzliche Weise an meinen Stoppschild-Unfall erinnert.
„Entschuldigung, ich war gerade … laufen, und ich bin mit meinem Ellbogen gegen ein Stoppschild gerannt … Wie auch immer.“ Warum hatte ich einem völlig Fremden gerade von meinem peinlichen Missgeschick erzählt?
Es folgte ein etwas längerer Moment der Stille am anderen Ende, und ich fragte mich schon, ob derjenige aufgelegt hatte.
„Hallo?“
„J-ja, ähm.“ Der Mann am Telefon räusperte sich, und seine Stimme klang etwas sanfter. „Welche Art von Kurs möchtest du gern ausprobieren?“
„Ich hatte daran gedacht, ... jegliche Art von Selbstverteidigungskurs zu besuchen, der angeboten wird“, antwortete ich zögerlich.
„Nun, unser Selbstverteidigungskurs besteht nur aus einer Einheit, daher bieten wir dafür keine kostenlose Probestunde an. Ich denke, die Krav-Maga-Kurse wären vielleicht die bessere Wahl. Sie sind bestens geeignet für Frauen, und du wirst viel mehr lernen, wenn du bereit bist, in den nächsten Wochen etwas Zeit zu investieren.“ Seine Stimme klang sanft, aber stark. Es war zwar schwer zu erklären, aber sie ließ meine Knie etwas weich werden. Oder vielleicht lag es auch nur am Laufen.
„Okay, das klingt gut.“ Meine Atmung hatte sich fast wieder normalisiert.
„Mittwoch, neunzehn Uhr. Passt das für dich? Bring einfach Sportkleidung und eine Wasserflasche mit, und du bist startklar.“ Er hielt inne. „Wie heißt du?“
„Ja, das ist perfekt! Mein Name ist Violet. Violet Peterson.“
Ich legte die Karte auf die Arbeitsplatte und schrieb Mittwoch, 19 Uhr auf einen Klebezettel. Ich benutzte große, dicke Buchstaben, die ich nicht ignorieren konnte.
Anschließend klebte ich ihn an den Türrahmen, damit ich ihn jedes Mal sehen würde, wenn ich daran vorbeiging. Er war wie ein winziges Schild, das mein zukünftiges Ich anschrie, dort aufzutauchen.
Keine Ausreden, Vi. Nicht dieses Mal.
„War schön, mit dir zu reden, Violet. Wir sehen uns am Mittwoch“, sagte er.
„Danke, geht mir auch so. Einen schönen Abend noch.“ Und ich beendete den Anruf mit einem Kribbeln im Körper.
Plötzlich konnte ich es kaum erwarten, bis Mittwoch kam.








































