
Akademie der schwarzen Sonne 1: Neue Generation
Autor:in
R.J. Rogers
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Kapitel
34
Kapitel 1
BLAISE
Zwei Tage vor meinem achtzehnten Geburtstag bleibe ich am schwarzen Metallbriefkasten vor dem Haus stehen. Ich klappe den Deckel auf, stecke die Hand hinein und ziehe die losen Umschläge heraus – größtenteils Werbung, wie ich vermute – sowie ein paar andere Sendungen. Dann drücke ich alles an meine Brust, schließe den Deckel und gehe ins Haus meiner Großeltern.
Mit einem Seufzen, als hätte ich eine schwere Kiste getragen, lege ich die Post auf der Kücheninsel ab. Ich gehe sie durch, in der Hoffnung, einen Zulassungsbescheid von einem der Colleges zu finden, bei denen ich mich beworben habe, und entdecke einen großen, beigefarbenen Umschlag, der wie eine Zulassungsmappe aussieht. Er ist dick und prall gefüllt mit dem, was nach wichtigen Unterlagen aussieht.
Mein Herz flattert und beginnt schneller zu schlagen bei dem Gedanken, angenommen worden zu sein – bis mir bewusst wird, dass ich mich gar nicht daran erinnern kann, mich bei dieser Akademie beworben zu haben. Ehrlich gesagt glaube ich nicht einmal, je von dieser Schule gehört zu haben.
Ich ziehe verwundert eine Augenbraue hoch und gehe zum Küchentisch, wo ich den Inhalt auf der grauen Eichenholzplatte ausbreite. Neben einer ganzen Reihe von Dokumenten liegt der Zulassungsbescheid, der aussieht, als sei er von Hand auf altem Pergament geschrieben worden.
Blaise Salvino,
hiermit laden wir dich herzlich ein, die Black Sun Academy zu besuchen. Solltest du diese Einladung annehmen, findest du nachfolgend die wichtigen Termine:
7. Juli – Anmeldeschluss
31. Juli – Tag der offenen Tür
23. August – Zimmerzuteilung und Begrüßungsversammlung
24. August – Erster Unterrichtstag
Das Handbuch mit Schulregeln und -richtlinien sowie ein Campusplan und die Öffnungszeiten sind diesem Paket ebenfalls beigefügt. Wir freuen uns darauf, dich im Herbst bei uns begrüßen zu dürfen.
Mit freundlichen Grüßen,
Raegan Knight
Dekanin der B.S.A.
Etwa dreißig Sekunden lang starre ich fassungslos auf die Unterlagen, bevor ich mein Handy hervorhole. Ich will unbedingt wissen, welche Kurse diese Schule anbietet.
Schnell stelle ich fest, dass es online kaum Informationen über die Akademie gibt. Frustriert lege ich das Handy beiseite und wende mich wieder der Mappe zu. Ich nehme das Bild des Campus in die Hand.
Während ich die farbige Karte betrachte, höre ich, wie sich die Seitentür zur Garage öffnet, und schaue auf, als meine Großeltern die Küche betreten.
Oma Lisa sieht mich zuerst. „Hey, Süße. Was machst du da?“
Opa Steven ist direkt hinter ihr. „Da ist ja mein kleiner Feuerkopf!“, sagt er lächelnd, doch sein Lächeln verschwindet schnell, als er meinen Gesichtsausdruck bemerkt. „Was ist los, Liebling?“
Während er das fragt, kommen sie zu mir an den Tisch, und ich reiche meiner Großmutter den handgeschriebenen Brief. Opa beugt sich über ihre Schulter, damit sie ihn gemeinsam lesen können, und fast sofort höre ich, wie sie scharf die Luft einziehen.
Ich fahre so abrupt herum, dass ich mir beinahe den Nacken verrenke, und blicke in ihre Gesichter. Omas Hand ist zu ihrem Mund geflogen, und Opas Augen sind vor Schreck weit aufgerissen.
„Was? Warum seht ihr so überrascht aus? Habt ihr von dieser Schule gehört?“
Ich beobachte, wie sie zögernd nicken. „J-ja“, stammelt Oma.
Lisa wirft Steven einen Blick zu, den er mit einem leichten Nicken erwidert, während er sich durch sein grau meliertes Haar fährt. Dann sagt sie: „Blaise, wir müssen dir einige Dinge über unsere Familie erklären. Über deine Eltern …“
Sie setzt sich mir gegenüber an den Tisch, und Opa rückt auf den Stuhl neben mir, nimmt meine Hand in seine. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern lässt meine Anspannung schlagartig ansteigen.
„Ähm … okay.“
Sie wirken nervös und besorgt und sehen mich eindringlich an, als wollten sie meine mögliche Reaktion einschätzen.
„Schatz, wir haben nie verheimlicht, dass deine Eltern auf tragische und viel zu frühe Weise ums Leben gekommen sind. Was du nicht weißt, ist, wie und warum.“ Opas Stimme stockt, und er wendet seine grauen Augen meiner Großmutter zu.
Oma streckt den Arm über den Tisch, legt ihre Hand knapp unter seinen Ellbogen und drückt sanft zu, bevor sie seine Erzählung fortsetzt.
„Dominic und Alina waren außergewöhnliche Menschen.“ Lisa lächelt wehmütig. „Ali hat vor etwa fünfundzwanzig Jahren selbst die Black Sun Academy besucht.“
Diese Information lässt auch mich nach Luft schnappen.
„Damals war die Akademie allerdings nicht so, wie sie heute ist. Was ich dir jetzt erzähle, wird dich schockieren, aber bitte höre mir erst einmal zu, ohne Fragen zu stellen.“
Sie hält meinem Blick stand. Ich beiße mir kurz auf die Innenseite der Wange und nicke leicht.
„Als deine Mutter die Akademie besuchte, war sie eine Ausbildungsstätte für Hexenjäger.“ Lisa macht eine Pause, als müsse mein Gehirn erst begreifen, was sie gerade gesagt hat, und ich kann ein verwirrtes Lachen nicht unterdrücken. „Warte, Schatz, es gibt noch mehr.“
Ich presse die Lippen zusammen und nicke, damit sie fortfährt.
„Und obwohl Alina aus einer langen Linie von Hexenjägern stammte, war es ihr Schicksal, so viel mehr zu sein. Unser Sohn – dein Vater – und Alina waren dazu bestimmt, den Krieg zwischen Hexen und Jägern zu beenden. Und genau das haben sie getan.
„Nach dem Ende des Krieges einigten sich beide Gemeinschaften darauf, die Hexenjäger-Akademie in eine Schule für alle übernatürlichen Wesen umzuwandeln. Dort werden weiterhin Jäger ausgebildet, doch inzwischen erhalten alle Übernatürlichen eine Ausbildung, damit sie nach ihrem Abschluss der Abteilung des Übernatürlichen Rates beitreten können – kurz: S.C.D.
„Wer dem Rat beitritt, schwört, die Nicht-Übernatürlichen und weniger magisch Begabten dieser Welt zu beschützen.“
Mein Blick wandert zwischen meinen Großeltern hin und her. Mein Mund steht offen, während ich sie fassungslos anstarre.
Ich schließe ihn, öffne ihn jedoch gleich wieder, als ich versuche, Worte zu formen. Das Bild eines Fisches schießt mir durch den Kopf – vermutlich sehe ich gerade genauso aus, während ich verzweifelt nach Worten suche.
„Wollt ihr mir etwa weißmachen, dass ihr Hexen seid?“ Mein Mund verharrt in einem „O“, während ich sie mit großen Augen ansehe. Es ist der erste klare Gedanke, der es tatsächlich über meine Lippen schafft.
Doch kaum habe ich die Frage ausgesprochen, brechen die anderen Gedanken, die in meinem Kopf wirbeln, ebenfalls hervor.
***
„Ha! Das ist doch ein Witz, oder? Ihr könnt nicht ernsthaft erwarten, dass ich solche Märchen glaube … Was kommt als Nächstes? Erzählt ihr mir, dass Vampire und Werwölfe auch real sind?“ Ich schnaube und schüttle ungläubig den Kopf.
„Schatz, sieh uns an. Schau uns in die Augen. Du hattest schon immer einen sechsten Sinn dafür, wenn jemand lügt. Allein das sollte dir zeigen, dass wir keine Witze machen. Das ist tatsächlich eine angeborene Eigenschaft, die die meisten Hexen besitzen.“ Opa drückt meine Hand ermutigend, während er sie wieder in seine nimmt. „Liebling, wir sind nicht nur Hexen – du bist es auch.“
Der fassungslose Ausdruck auf meinem Gesicht ist wahrscheinlich komisch, während ich meine Großmutter weiterhin anstarre, ohne zu blinzeln.
„Und am dreißigsten Juni, wenn du achtzehn wirst, wirst du ebenfalls in deine Kräfte kommen.“
„Ich – was? Das ist doch völlig verrückt!“, rufe ich, stoße mich gleichzeitig vom Tisch ab und springe auf. „Ich – ich muss hier raus. Ich kann das gerade nicht verarbeiten.“
Ich wirble herum, stürme aus der Küche und nehme die Treppe zwei Stufen auf einmal, bis ich im zweiten Stock des Hauses meiner Großeltern bin. Dann haste ich den Flur entlang und werfe mich in mein Schlafzimmer.
Ich lasse mich aufs Bett fallen, starre an die Decke und lasse die Gedanken durch meinen Kopf tanzen. Verschwommene Bilder meiner Eltern flackern auf wie ein beschädigter Filmstreifen.
Gedämpftes Flüstern am Küchentisch. Meine Eltern, umgeben von einer Gruppe fremder Menschen. Gemurmelte Worte, die ich für Reime hielt. Hände, die in verschiedenen Farben leuchteten. Mein vierjähriges Ich war überzeugt, dass alle am Tisch besonders coole Taschenlampen besaßen.
Weitere Bilder blitzen auf, doch sie sind so schwach, dass sie geisterhaft wirken. Und so sehr ich mich auch bemühe, ich kann keine klaren Erinnerungen fassen.
Etwa eine Stunde verbringe ich in meinem Zimmer, bevor ich mich widerwillig wieder nach unten begebe.
Als ich die Küche betrete, sehe ich die leeren Stühle, auf denen wir zuvor gesessen hatten. Das Willkommenspaket liegt noch immer über den Tisch verteilt.
Ich gehe zurück und betrete das Wohnzimmer, wo meine Großeltern eng aneinandergeschmiegt auf der Couch sitzen.
„Hey“, sage ich in einem lauten Flüstern.
„Hey, Süße“, antworten sie wie aus einem Mund und lächeln mir zu, als sie den Blick zu mir wenden.
Ich stoße einen tiefen Seufzer aus und straffe die Schultern. „Okay. Ich bin bereit, euch zuzuhören. Es tut mir leid, dass ich wie ein trotziges Kind davongelaufen bin.“
Opa kichert leise, und Oma zieht mich neben sich auf das Sofa.
„Ach, mein Mädchen. Du musst dich für nichts entschuldigen. Wir hätten dir schon vor langer Zeit sagen sollen, wer – oder vielmehr was – wir wirklich sind. Aber wir haben deinen Eltern versprochen, dich so lange wie möglich von dieser Welt fernzuhalten“, sagt Oma rasch und wischt meine Entschuldigung mit einer Handbewegung beiseite.
„Doch als du die Einladung zur Black Sun Academy erhalten hast, wussten wir, dass die Zeit gekommen ist. Wir haben keine Ahnung, welche Art von magischen Fähigkeiten du entwickeln wirst, aber glaub uns einfach, wenn wir sagen, dass du eine Hexe bist – und dass jedes mythische Wesen, jedes Märchenwesen, von dem du je gehört hast, real ist. Übernatürliche Wesen sind real“, sagt Opa mit ernstem Ton. „Als mein kleiner Feuerkopf weiß ich, dass du an dieser Schule großartig sein wirst, wenn du dich entscheidest hinzugehen.“
Ich lächle sie beide an. „Also, ich habe noch eine Woche und zwei Tage Zeit, um mich zu entscheiden. Lasst uns erst einmal meinen Geburtstag hinter uns bringen, bevor ich mich darauf einlasse, diese Akademie zu besuchen.“







































