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Grausame Erziehung Band 1: Erbarmungslos

Autor:in
Ziggy Silver
Gelesen
15.3K
Kapitel
40
Autor:in
Ziggy Silver
Gelesen
15.3K
Kapitel
40
🧶BDSM🖤Dunkel👱🏽‍♀️Teenager🔒Erzwungene Nähe👩🏽‍🎓Studierende🏙️Zeitgenössisch💰Milliardäre💪🏻Alpha-Männchen💪Starke Frauen🤑Milliardäre🎓New Adult & College

Ein Stipendium. Ein Vertrag. Ein Jahr Dienstbarkeit für Rafe Ashford. Er ist wunderschön. Gefährlich. Und er besitzt sie voll und ganz. Kit kann die Demütigung überstehen. Die Grausamkeit. Was sie nicht überstehen kann, ist das Gefühl, wenn er sanft zu ihr ist. Sie hasst ihn. Sie begehrt ihn. Beides ist wahr.

Kapitel 1: Blackthorne College

Das Taxi kostet zweiundfünfzig Pfund. Ich beobachte, wie die Zahlen auf dem Taxameter in die Höhe klettern, während wir uns durch schmale Straßen schlängeln. Sie sind von Hecken gesäumt, die so perfekt sind, als hätte man sie mit einer Nagelschere gestutzt.
Das entspricht fast drei Schichten in der Frittenbude. Das reicht für eine ganze Woche Essen, wenn man weiß, wie man es sich einteilt. Es ist der Unterschied zwischen einer warmen Mahlzeit und Hunger, wenn man ohne einen Cent aus dem Pflegesystem entlassen wird.
Aber das Geld ist weg. Bereits ausgegeben.
Das Stipendium deckt die Studiengebühren und die Unterkunft, aber die Anreise? Die muss ich selbst zahlen.
Ich habe noch fünf Pfund auf meinem Girokonto und weitere zweiundvierzig in bar. Insgesamt besitze ich genau siebenundvierzig Pfund, bis in zwei Wochen das Geld vom Stipendium kommt.
Ich habe schon mit weniger überlebt.
Die Hecken weichen steinernen Mauern, und dann liegt es vor mir: das Blackthorne College.
„Verdammt noch mal“, murmelt der Taxifahrer. Er hat nicht unrecht.
Gotisch trifft es nicht ganz. Das Gebäude erhebt sich aus der gepflegten Anlage, als hätte es sich jemand mit mehr Geld als Verstand ausgedacht. Alles besteht aus grauem Stein, Spitzbögen und Fenstern, die so hoch sind, dass man eine Leiter bräuchte, um sie zu putzen. Efeu rankt in eleganten Mustern an den Wänden empor.
Sogar die Pflanzen hier kennen ihren Platz.
Vier separate Gebäude umgeben einen zentralen Innenhof, jedes von ihnen einzigartig. Ich erkenne sie von den Fotos auf der Website: Blackthorne House im Norden, Ashford House im Osten, Thornfield im Westen und Ravenswood im Süden. Es sind die vier Gründerfamilien. Ihre Namen sind in sechzig Zentimeter großen Buchstaben in den Stein über jedem Eingang gemeißelt.
Ein in Stein gemeißeltes Erbe.
„Welches darf es sein, Liebes?“
„Blackthorne House.“ Das Hauptgebäude. Es ist der ältesten Gründerfamilie zugeteilt.
Genau hier soll Kit Webb aus Sunderland für die nächsten drei Jahre leben – eine Studentin der ersten Generation mit siebenundvierzig Pfund auf dem Konto und ihrem gesamten Besitz in einem ramponierten Koffer. Ich habe es geschafft.
Der Gedanke überrascht mich. Ich habe es wirklich geschafft.
Raus aus dem Pflegesystem. Raus aus dem winzigen Zimmer, das nach Feuchtigkeit und Enttäuschung roch. Und ganz weit weg von Sunderland. Hierher, wo der Heckenschnitt wahrscheinlich mehr kostet, als ich in einem ganzen Jahr verdient habe.
Der Fahrer hält vor dem Haupteingang. Ein paar Studenten laufen herum. Es sind meistens ältere, die wie ich schon früh da sind. Ihre Kleidung schreit nicht nach Reichtum – sie flüstert ihn.
Kaschmirpullover, Designerjeans, die irgendwie ganz beiläufig wirken, und Schuhe, die wahrscheinlich so viel kosten wie meine Monatsmiete.
Ich zähle den Fahrpreis in Scheinen und Münzen ab und gebe zwei Pfund Trinkgeld. Meine Mutter hat mich gut erzogen, auch wenn sie mich nicht lange erziehen konnte. Der Fahrer starrt das Geld an, als könnte es ihn beißen.
„Bist du sicher, Liebes?“
„Es ist der volle Betrag.“
„Ich meinte … bist du sicher, dass du hier richtig bist?“
Ich sehe ihm in die Augen. Eigentlich sind es freundliche Augen. Er glaubt wahrscheinlich, er tut mir einen Gefallen und weist mich auf einen Fehler hin, bevor es zu spät ist.
„Volles Stipendium“, sage ich. „Das Ashford-Stipendium.“
Etwas huscht über sein Gesicht. Vielleicht Überraschung.
„Na dann. Viel Glück für dich.“
Ich hole meinen Koffer aus dem Kofferraum. Darin befindet sich alles, was ich besitze. Dann gehe ich auf den Eingang zu. Die Steinstufen sind in der Mitte ganz glatt getreten. Zweihundert Jahre lang sind Füße denselben Weg gegangen.
Wege des Erbes. Wege der Gründerfamilien.
Jetzt gehen meine Füße ihn auch.
Die Eingangshalle raubt mir den Atem. Die Gewölbedecken. Die dunkle Holzvertäfelung.
An eisernen Ketten hängt sogar ein Kronleuchter, der so groß ist wie mein altes Zimmer. Große Porträts säumen die Wände. Männer und Frauen in historischer Kleidung blicken auf mich herab. Ihre Gesichtsausdrücke reichen von streng bis leicht enttäuscht. Der Boden besteht aus schwarzen und weißen Marmorquadraten wie ein Schachbrett. Plötzlich habe ich den verrückten Gedanken, dass ich ein Bauer bin, der in Position gebracht wird.
Eine Frau in den Fünfzigern kommt auf mich zu. Sie hat ein Klemmbrett in der Hand und ihr Lächeln ist professionell, aber herzlich. „Willkommen in Blackthorne. Ihr Name?“
„Katherine Webb. Ich bin –“
„Die Empfängerin des Ashford-Stipendiums, ja.“ Ihr Lächeln wird strahlender. „Herzlichen Glückwunsch, Katherine. Das ist ein äußerst hart umkämpftes Stipendium. Sie müssen sehr talentiert sein.“
Wohl eher verzweifelt. Aber ich nehme auch talentiert.
„Vielen Dank.“
Sie schaut auf ihr Klemmbrett. „Sie sind im Blackthorne House, im dritten Stock. Zimmer 3C. Jemand wird Sie gleich nach oben bringen. Möchten Sie sich in der Zwischenzeit zu den anderen in den Gemeinschaftsraum gesellen?“ Sie deutet auf eine Tür auf der linken Seite. „Wir versammeln alle Erstsemester um sechzehn Uhr zur Orientierung, aber es gibt Tee und Kekse, während Sie warten.“
Der Gemeinschaftsraum ist riesig. Er hat hohe Decken und große Fenster mit Blick auf das Gelände. Die Möbel sehen antik aus, sind aber irgendwie trotzdem bequem.
Etwa ein Dutzend Studenten sind schon hier und in kleinen Gruppen verteilt. Ich durchschaue die soziale Dynamik sofort. Wer sich wohlfühlt, wer nervös ist und wer so tut, als ob er sich wohlfühlt, obwohl er eigentlich nervös ist.
Die meisten von ihnen sehen entspannt aus.
Ich steuere auf den Teetisch zu, weil ich wirklich durstig bin und weil ich dann etwas mit meinen Händen zu tun habe. Die Kekse sind echte, gute Kekse. Die teure Sorte. Schoko-Leibniz.
Ich esse drei davon und schäme mich nicht im Geringsten dafür.
„Stipendium?“
Ich drehe mich um. Ein großer Junge, vielleicht neunzehn, mit einem lockeren Lächeln und Kleidung, die alten Reichtum ausstrahlt. Dunkle Haare, warme braune Augen. So ein Gesicht, das ihn in der Schule wahrscheinlich aus jedem Ärger herausgeholt hat.
„Ist das so offensichtlich?“ Ich runzle die Stirn, nicht dass ich etwas anderes erwartet hätte. Über Generationen vererbten Reichtum kann man nicht vortäuschen.
„Du bist die Einzige, die die Kekse auch wirklich isst.“ Sein Lächeln wird breiter. „Marcus Ravenswood. Zweites Jahr.“
Ravenswood. Eine der Gründerfamilien. Natürlich ist er das.
„Kit Webb.“
„Das Ashford-Stipendium, großartig. Herzlichen Glückwunsch“, sagt er. Er klingt, als ob er es ernst meint, nicht so wie der Taxifahrer. „Wie gefällt es dir bisher?“
„Groß“, sage ich ehrlich. „Und es sieht teuer aus.“
Er lacht. „Gute Einschätzung. Es wird weniger einschüchternd, wenn man erst einmal weiß, wo alles ist. Apropos, studierst du Ingenieurwesen oder Wirtschaft?“
„Ingenieurwesen. Nachhaltige Energiesysteme.“
„Ausgezeichnete Wahl. Professorin Whitmore ist brillant, du wirst sie lieben.“ Er macht eine Pause und blickt zur Tür. „Kleine Vorwarnung: Zur Orientierung gehört heute Abend ein Abendessen. Formelle Kleidung. Also, falls du etwas Passendes in dem Koffer hast …“
Ich habe ein anständiges Outfit. Eine schwarze Hose von Primark und eine weiße Bluse aus dem Secondhandladen, die ich vor dem Einpacken sorgfältig gebügelt habe. Das muss reichen.
„Danke für die Vorwarnung.“
„Kein Problem. Oh, und Kit?“ Er zögert. „Es gibt die offiziellen Regeln, und dann gibt es das, wie die Dinge hier wirklich ablaufen. Das ist nicht ganz dasselbe.“
Bevor ich fragen kann, was er meint, taucht ein Mädchen mit blonden Haaren und einer schneidenden Stimme neben ihm auf.
„Marcus, Liebling, hör auf, die Stipendiatin für dich zu beanspruchen. Wir alle wollen sie kennenlernen.“
Sie ist auf diese mühelose Art wunderschön, die von Geld, guten Genen und wahrscheinlich einer Hautpflegeroutine kommt, die mehr kostet als mein wöchentliches Essensbudget. Ihr Lächeln erreicht ihre Augen nicht.
„Georgiana Thornfield“, sagt sie und reicht mir die Hand, als würde sie mir einen Gefallen tun. „Sehr erfreut. Das Ashford-Stipendium, wie großzügig von ihnen. Du musst so dankbar sein.“
Da ist es schon.
„Sehr dankbar“, antworte ich und erwidere ihr Lächeln. „Schön, dich kennenzulernen.“
„Woher hast du gesagt, dass du kommst?“
„Sunderland.“
„Oh.“ Ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Es ist etwas zwischen Mitleid und Genugtuung. „Wie … nördlich. Nun, ich bin sicher, du wirst dich irgendwann einleben. Wenn du Hilfe brauchst, um dich zurechtzufinden, die richtige Kleidung suchst oder wissen willst, wie man sich hier verhält. Lass es mich einfach wissen. Ich helfe den weniger Privilegierten immer sehr gern.“
Marcus spannt den Kiefer an. „Georgiana.“
„Was denn? Ich bin doch nur nett.“ Sie wendet sich wieder mir zu. Eine kratzige Persönlichkeit, eingewickelt in weichen Kaschmir. „Wir sehen uns beim Abendessen, Katherine.“
Sie gleitet davon und hinterlässt eine Wolke aus teurem Parfüm. Mir wird klar, dass ich ihr nie meinen Namen verraten habe. Es scheint, als liefe die Gerüchteküche schon eine ganze Weile.
„Nimm sie nicht ernst“, sagt Marcus leise. „Sie ist zu jedem so.“
„Nein, das ist sie nicht.“ Ich sehe ihm direkt in die Augen. „Sie ist so zu Stipendiaten aus dem Norden, die nicht hierher gehören. Ich verstehe das schon. Es ist in Ordnung.“
„Es ist nicht in Ordnung.“
„Man kann es überleben.“ Ich trinke meinen Tee aus. „Danke für die Warnung, Marcus.“
Ich verbringe die nächste Stunde damit, in meinem Zimmer auszupacken. Es ist klein, aber sauber. Es hat ein Einzelbett, einen Schreibtisch, einen Kleiderschrank und ein Fenster mit Blick auf den Innenhof.
Es ist größer als mein altes Zimmer. Und auch ruhiger. Ich räume meine Kleidung ein, stelle meinen schicken neuen Laptop vom Stipendium auf den Schreibtisch und stelle das Foto meiner Mutter auf den Nachttisch.
Emma Webb, dreiundzwanzig Jahre alt. Sie lächelt in die Kamera und hält mich auf der Hüfte. Ich war vielleicht vier, bevor alles schlimm wurde. Vor den Drogen, vor der Überdosis.
„Ich habe es geschafft, Mama“, flüstere ich dem Foto zu. „Eine richtige Universität und alles.“
Sie antwortet nicht. Das tut sie nie.
Um sechzehn Uhr beginnt die Orientierung. Der Dekan, Dr. Sebastian Aldridge, hält eine Rede über Spitzenleistungen, Erbe und das Privileg, in Blackthorne studieren zu dürfen. Sein Blick streift mich, als er das „großzügige Stipendienprogramm“ erwähnt, „das es talentierten Studenten aus allen Gesellschaftsschichten ermöglicht, Teil unserer Gemeinschaft zu werden“.
Dann spricht er über das „einzigartige Mentorenprogramm“. Es bringt Erstsemester mit Studenten aus dem zweiten Jahr aus den Gründerfamilien zusammen. Er nennt es „eine unschätzbare Gelegenheit zum Netzwerken“. Es sei „eine Chance, den Blackthorne-Weg direkt von denen zu lernen, die unsere Traditionen verkörpern“.
Irgendetwas an der Art, wie er das sagt, lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Aber wahrscheinlich bin ich einfach nur paranoid.
Um achtzehn Uhr werden wir zum formellen Begrüßungsessen in den Speisesaal getrieben. Der Saal sieht aus wie in einem Film.
Lange Holztische erstrecken sich über den ganzen Raum. Es gibt hohe Decken mit freiliegenden Balken und noch mehr Porträts von strengen historischen Persönlichkeiten. Am anderen Ende steht ein erhöhter Tisch auf einem Podest, an dem die Professoren sitzen.
Ich finde einen Platz in der Mitte und beobachte, wie sich der Raum füllt. Studenten in formeller Kleidung, ihr Geplapper hallt von den Steinwänden wider. Ich bin absurd dankbar für meine Primark-Hose und die Bluse aus dem Secondhandladen, auch wenn es die billigsten Sachen im ganzen Raum sind.
Dann sehe ich ihn.
Er steht am anderen Ende und unterhält sich mit einem Professor. Er fällt mir auf wie ein Feueralarm: augenblicklich, intensiv und unmöglich zu ignorieren. Groß. Dunkle Haare, die ihm leicht in die Augen fallen, als wäre es ihm zu anstrengend, sie richtig schneiden zu lassen.
Markante Gesichtszüge, die auf Fotos sicher gut aussehen würden. Teure Kleidung, die er ganz achtlos trägt. Er ist auf eine gefährliche Art wunderschön. Wie ein wildes Tier, das gelernt hat, einen Anzug zu tragen.
Dann blickt er auf und ich sehe seine Augen. Graublau und so kalt wie das Wasser der Nordsee. Es sind Augen, die deinen Wert abschätzen und dich für nicht gut genug befinden.
Diese Art von Augen sieht alles und kümmert sich um nichts. Er ist gelangweilt. Völlig und absolut gelangweilt.
Er betrachtet den Raum, als hätte er das alles schon einmal gesehen und für mangelhaft befunden. Sein Blick schweift abfällig über die Studenten, bis er an mir hängen bleibt.
Etwas an seinem Gesichtsausdruck verändert sich. Keine Wärme, nichts dergleichen. Vielleicht Interesse.
Er mustert mich. Er merkt, dass ich ihn ansehe, und ein Mundwinkel hebt sich leicht. Dann schaut er weg, schon wieder gelangweilt.
Mein Herz schlägt wie verrückt und ich weiß nicht, warum. Wahrscheinlich ein Fluchtreflex. Dieser Blick fühlt sich an, als würde man von einem Raubtier fixiert, das gerade entscheidet, ob sich die Jagd überhaupt lohnt.
„Das ist Raphael Ashford“, flüstert jemand neben mir. Es ist ein Mädchen mit dunkler Haut und freundlichen Augen, das sich vorhin als Amara vorgestellt hat. „Masterstudent im zweiten Jahr. Seiner Familie gehört im Grunde halb London. Du kennst doch die Bankier-Familie Ashford?“
Tue ich nicht, aber ich nicke trotzdem.
„Offenbar ein absoluter Mistkerl“, fährt Amara fort. „Aber schön und reich genug, um damit durchzukommen.“
Ich sehe zu, wie er seinen Platz am erhöhten Tisch einnimmt – natürlich sitzt er am Tisch der Professoren. Etwas Kaltes macht sich in meiner Brust breit. Nicht direkt Angst. Eher so etwas wie Wiedererkennen.
Ich weiß, wie Gefahr aussieht. Ich bin damit in verschiedenen Formen aufgewachsen. Und Raphael Ashford, wunderschön, gelangweilt und mit einem Blick, als ob die Welt ihm etwas schuldet, ist gefährlich.
Der Dekan steht auf, um noch eine Rede zu halten. Ich sollte zuhören, aber ich denke immer noch an diese graublauen Augen und diesen abschätzenden Blick.
„Und nun“, sagt der Dekan, „ein besonderes Willkommen an unsere Stipendiatin, die durch die Großzügigkeit unserer Gründerfamilien zu uns kommt. Die diesjährige Gewinnerin des Ashford-Stipendiums, Katherine Webb, bringt außergewöhnliche akademische Leistungen von der –“ Er macht eine winzige Pause. „Sunderland Academy mit.“
Ein leises Kichern geht durch den Raum. Die Sunderland Academy ist eine Gesamtschule. Sie ist staatlich finanziert und liegt in einer der ärmsten Gegenden des Nordostens.
Ich halte mein Gesicht neutral. Scheiß auf sie.
„Katherine ist hier, um Ingenieurwesen zu studieren, und wir freuen uns sehr, sie bei uns zu haben.“
Höflicher Applaus. Ein paar neugierige Blicke. Georgianas Lächeln von der anderen Seite des Tisches besteht nur aus Zähnen.
Vom Lehrertisch aus beobachtet mich Raphael Ashford mit diesen kalten Augen, immer noch gelangweilt, immer noch abschätzend. Ich erwidere seinen Blick. Ich schaue nicht weg. Nach einem Moment tut er es mit einem kleinen, unerträglichen Grinsen. Er nimmt sein Weinglas, trinkt und schaut weg, als wäre ich seine Zeit oder Aufmerksamkeit nicht wert.
Gut. Das ist in Ordnung. Sogar perfekt.
Ich bin weder für ihn noch für Georgiana oder sonst jemanden hier. Ich bin wegen des Abschlusses hier, wegen der Berufsaussichten. Wegen des Lebens, das man sich mit Bildung erkaufen kann. Drei Jahre und ich bin frei. Drei Jahre lang werde ich den Kopf einziehen, hart arbeiten und beweisen, dass ich hierher gehöre. Selbst wenn sie das nicht glauben.
Drei Jahre. Drei Jahre lang kann ich alles überstehen.
Das Abendessen zieht sich hin. Gang um Gang, unzählige Reden und Toasts. Ich lächle höflich und beantworte Fragen zu meiner Herkunft mit bewusster Unschärfe. Ich weiche aus und lenke ab, genau wie ich es in den Kinderheimen gelernt habe. Es interessiert ohnehin niemanden wirklich. Ich bin die Stipendiatin aus dem Norden, das Häkchen für die Diversitätsquote, die Wohlfühlgeschichte über sozialen Aufstieg und Chancen.
Um zehn Uhr abends bin ich erschöpft. Weniger vom Tag an sich, sondern vielmehr von dem ständigen Schauspielern, dem Wechseln meiner Ausdrucksweise und dem vorsichtigen Navigieren in gesellschaftlichen Gewässern, die ich kaum verstehe. Ich schleiche mich davon, während die Leute noch trinken und lachen, und gehe zurück in mein Zimmer im Blackthorne House.
Mein Laptop steht auf dem Schreibtisch. Ich sollte die letzten Sachen auspacken, meine Jacke aufhängen und mich auf den morgigen Stundenplan vorbereiten. Stattdessen sitze ich auf dem Bett und starre auf das Foto meiner Mutter.
„Ich bin hier“, sage ich ihr. Eigentlich sage ich es mir selbst. „Der erste Tag ist geschafft. Ich bin so weit gekommen.“
Drei Jahre fühlen sich unmöglich lang an – und vielleicht, ganz vielleicht, machbar.
Ich ziehe meinen Schlafanzug an und putze mir im Gemeinschaftsbad auf dem Flur die Zähne. Als ich zurückkomme, liegen die Unterlagen für das Stipendium immer noch auf meinem Schreibtisch. Zweihundert Seiten mit Vertragsbedingungen. Ich hatte sie unterschrieben, ohne sie richtig zu lesen. Denn wer liest schon Verträge für Stipendien genau durch, wenn er verzweifelt und dankbar ist und sein Glück kaum fassen kann?
Ich sollte sie jetzt lesen. Ich sollte sie sorgfältig durchgehen, um zu verstehen, was ich da unterschrieben habe.
Morgen, sage ich mir. Morgen werde ich sie mir in Ruhe durchlesen.
Heute Abend bin ich einfach nur müde.
Ich schalte das Licht aus und liege im Dunkeln. Ich lausche den Schritten auf dem Flur und dem fernen Lachen. Es sind die Geräusche von wohlhabenden Studenten, die sich in ihrem wohlhabenden Leben an ihrem wohlhabenden College einrichten.
Und ich denke an kalte, graublaue Augen, die mich ansehen, als könnte ich interessant sein.
Als wäre ich es wert, beachtet zu werden.

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