Emily Goulden
AUGUST
Ich fluchte leise über die grelle Sonne, den zähen Verkehr und die leichten Kopfschmerzen, als ich links zum Krankenhaus abbog.
Heute hatte ich wirklich keine Lust auf ein ödes Vorstellungsgespräch. Ich war gereizt und Arlo, mein Wolf, lief unruhig in meinem Kopf hin und her.
Ich wusste nicht, warum wir uns so mies fühlten. Hoffentlich lag es nur am schwülen Wetter und nicht daran, dass etwas Schlimmes in der Luft lag.
Missmutig gab ich dem Parkservice meine Schlüssel und betrat das Gebäude. Eine schicke Ärztin aus New York kam zum Vorstellungsgespräch für die Stelle in der Notaufnahme. Wahrscheinlich wollte sie nur zum Spaß mal die Luft in der Vorstadt schnuppern.
Ich war mir sicher, dass sie die Biege machen würde, sobald sie sich langweilte – und Menschen langweilten sich hier immer. Ich gab ihr höchstens zwei Monate.
Meine Firma war der Hauptsponsor des Little Compton Hospital. Vor ein paar Jahren war es noch ziemlich heruntergekommen, aber mit unserer Hilfe wurde es komplett auf Vordermann gebracht.
Leider bedeutete das für mich, dass ich ab und zu bei Meetings und Interviews dabei sein musste. Letzte Woche hatten sie mich angehauen, weil sie Dr. Taylor beeindrucken wollten, indem wichtige Leute wie ich sie trafen. Widerwillig hatte ich zugesagt.
Als ich ankam, stellte ich fest, dass ich fast eine Stunde zu früh dran war. Mist. Jetzt verschwende noch mehr Zeit, August. Ich war heute Morgen so hibbelig gewesen, dass ich grundlos viel zu früh losgefahren war.
Ich setzte mich auf den Stuhl direkt neben der Tür, damit ich schnell verschwinden konnte, wenn es vorbei war. Dann zückte ich mein Handy und begann meine E-Mails durchzugehen.
Eine halbe Stunde später, als die anderen Teilnehmer des Gesprächs eintrafen, seufzte ich und hielt mir demonstrativ das Handy vors Gesicht, um zu signalisieren, dass ich nicht plaudern wollte.
Ich war allerdings etwas erleichtert, als Kasey hereinkam. Sie war Krankenschwester in der Notaufnahme, aber auch die Gefährtin meines Gammas. Es war schön, hier ein bekanntes Gesicht zu sehen.
Sie lächelte mich an und berührte meine Schulter. „Sieh an, wie hilfsbereit Sie sind, A … Mr. Hayes.“ Sie grinste und verbesserte sich schnell vor den Menschen.
Ich zwinkerte ihr zu. „Ich tue nur meine Pflicht.“
Sie lachte, weil sie wusste, dass ich scherzte, und setzte sich.
Nach ein paar Minuten Smalltalk klopfte es an der Tür und mein Wolf begann in meinem Kopf zu heulen. Ich rieb mir die Nase, da ich Kopfschmerzen kommen spürte.
Warum benimmst du dich so?, schrie ich Arlo in Gedanken an.
Gefährtin!, brüllte Arlo zurück.
Ich setzte mich kerzengerade auf und wäre fast vom Stuhl gekippt, als sie hereinkam. Ihre roten Locken wogten um ihre Schultern und verströmten den köstlichsten Duft nach Erdbeeren und Vanille.
Als Dr. Grace endlich zur Seite trat, konnte ich meine wunderschöne Gefährtin in voller Pracht sehen. Die Frau stolperte fast über ihre eigenen Füße und ich wollte aufspringen, um ihr zu helfen.
Ich beobachtete, wie sich ihr Gesicht verzog, als sie hastig den Raum musterte. Dr. Grace stellte die anderen vor, aber ich hörte nicht zu, weil ich sie anstarrte. Als ich meinen Namen hörte und wusste, dass ich an der Reihe war, sah meine Gefährtin mir direkt in die Augen.
Sie erstarrte. Dann leckte sie sich über die Lippen und ich wäre fast gestorben. Ich wollte diese Lippen so sehr.
Sie nestelte an ihrer Jacke, als sie durch den Raum ging. Ich verschlang sie mit meinen Blicken, als sie sich setzte und die Beine übereinanderschlug. Voller Vorfreude wartete ich darauf, ihre Stimme zu hören.
„Schön Sie alle kennenzulernen“, sagte sie mit ruhiger Stimme, die nicht verriet, ob sie das gleiche heftige Verlangen spürte wie ich. „Ich bin Dr. Josephine Taylor.“
Ich liebte den Klang ihrer Stimme, mein neuer Lieblingsklang. Josephine. Mein neuer Lieblingsname.
Ich beobachtete sie während des ganzen Gesprächs genau, aber ich bekam nicht mit, was sie sagte. Meine Gedanken rasten. Mein Wolf drehte durch.
Ihre heftige Reaktion, bevor sie mich sah, wie sie mich anstarrte ... sie spürte die Verbindung, aber ich wusste nicht wie.
Sie war definitiv ein Mensch. Sie roch menschlich. Eine menschliche Gefährtin war für Wölfe nicht üblich – aber in meinem Rudel, Crescent Moon, kam es häufiger vor.
Mein Vater wurde der Rudelführer, nachdem Alpha Johnathan Valentine vor etwa zehn Jahren gestorben war. Meine Eltern waren beide Wölfe, aber ich wusste, dass Alpha Johnathans Gefährtin menschlich war und eines seiner Kinder auch als Mensch geboren wurde.
Es gab vielleicht noch einen Menschen in der Familie ein paar Generationen zuvor, aber ich kannte die Details nicht. Viel von der Valentine-Familiengeschichte ging nach ihrem Tod verloren. Alpha Johnathan hatte nicht viel preisgegeben.
Aber warum dachte ich jetzt über Rudelgeschichte nach? Es war mir egal, ob diese Frau, diese Josephine, vier Augen und zwei Nasen hatte. Sie war mein und sie war perfekt.
Ehe ich mich versah, stand Josephine auf und das Gespräch war vorbei. Ich sprang so schnell auf, dass mein Stuhl umkippte. Ich wollte zu meiner Gefährtin, aber jemand stellte sich mir in den Weg.
„Alpha“, sagte Kasey leise und stand immer noch vor mir, „sie ist ein Mensch.“
Sie hatte Glück, dass sie die Gefährtin meines Gammas war. Sonst wäre ich sehr wütend geworden, dass sie mich blockierte.
„Das ist mir egal“, knurrte ich mit tiefer Stimme.
Kasey packte meinen Arm und ich sah sie mit schwarzen Augen an. „Du musst dich beruhigen“, sagte sie und sprach mit meinem Wolf.
Arlo und ich gaben ein klägliches Geräusch von uns, aber wir wussten beide, dass sie Recht hatte.
„Ganz ruhig. Geh in die Lobby und frag sie, ob sie Restaurantempfehlungen braucht oder so“, schlug Kasey lächelnd vor.
Ich nickte heftig, zupfte meine Anzugjacke zurecht und eilte meiner Gefährtin hinterher.
JOSEPHINE
Ich stürmte aus dem Interviewraum, überglücklich, dass die Krankenschwester Mr. Hayes davon abhielt, mir zu folgen. Lange hatte ich darauf gewartet, ihn persönlich zu treffen. Ich war extra hierhergezogen, um ihn zu finden. Doch als ich ihn endlich sah, wollte ich am liebsten Reißaus nehmen.
Gerade wollte ich in den Aufzug steigen, da holte Dr. Grace mich ein. Zum Glück schlossen sich die Türen, bevor jemand anderes einsteigen konnte. „Sie haben mich sehr beeindruckt, Dr. Taylor“, sagte sie mit einem Lächeln.
„Vielen Dank, Dr. Grace“, erwiderte ich und versuchte, ruhig zu atmen. Ich konnte mich kaum daran erinnern, was ich während des Interviews gesagt hatte.
„Wir melden uns bald bei Ihnen, aber ich denke, es lief gut. Haben Sie noch Fragen an mich unter vier Augen?“, fragte sie.
Ich wusste, dass man nach einem Interview Fragen stellen sollte, aber im Moment war mein Kopf wie leergefegt.
„Ehrlich gesagt bin ich noch ganz durcheinander vom Interview. Könnte ich Ihnen eine E-Mail schicken, falls mir Fragen einfallen, und wir treffen uns vielleicht in den nächsten Tagen?“, lächelte ich.
Dr. Grace nickte erfreut. „Aber natürlich! Schreiben Sie mir einfach später, und wir können ein Treffen für morgen ausmachen.“
Ich stimmte zu, dankbar für ihr Entgegenkommen.
Die Aufzugtüren öffneten sich. Als ich durch die Lobby ging, wurde mir warm und ich bekam eine Gänsehaut. Oh Gott.
„Dr. Taylor!“ Die Stimme des Mannes klang wie Musik in meinen Ohren. „Hätten Sie einen Moment für mich?“
Ich blieb stehen, nahm meinen Mut zusammen und drehte mich um. „Mr. Hayes, nicht wahr?“, fragte ich und tat so, als wüsste ich seinen Namen nicht längst.
Er lächelte breit. „Bitte, nennen Sie mich August.“ Er streckte seine Hand aus.
Davor hatte ich mich gefürchtet. Ich blickte auf seine Hand und hoffte, nicht in Ohnmacht zu fallen, wenn wir uns berührten. Vorsichtig schüttelte ich seine Hand und spürte ein Kribbeln in meinem Arm. „Josie“, sagte ich leise.
„Wie bitte?“ Er beugte sich näher, und mir wurde ganz schwindelig.
Ich sprach lauter. „Alle nennen mich Josie“, wiederholte ich.
Immer noch nah bei mir, sagte er sanft: „Ich bin nicht alle.“
Allerdings nicht.
Er lachte, und mir wurde klar, dass er über mich lachte. Ich zog meine Hand weg und richtete mich auf. Er blickte auf seine Hand, scheinbar traurig darüber, dass ich sie nur kurz geschüttelt hatte.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich, nun selbstbewusster. Jetzt war er an der Reihe, nervös zu sein.
„Ich wollte fragen, wie Ihnen die Stadt gefällt?“, erkundigte er sich.
Ich dachte bei mir, wie albern. „Sehr gut, danke.“ Ich drehte mich um und begann, von August Hayes wegzugehen.
Er beeilte sich, mit mir Schritt zu halten. „Ich dachte, vielleicht möchten Sie ein paar Restaurantempfehlungen.“
Ja, das dachtest du sicher.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich kannte bereits alle guten Restaurants hier, wollte ihm das aber noch nicht verraten. Also beschloss ich, August Hayes mich herumführen zu lassen. „Tatsächlich wäre das nett“, sagte ich höflich.
Er wurde ganz aufgeregt. „Es ist perfekt, dass ich heute Nachmittag freihabe.“ Wie praktisch. „Vielleicht könnte ich Sie zum Mittagessen ausführen, und wir könnten darüber sprechen, wie wir Sie dazu bringen, den Job anzunehmen?“
Ich konnte kaum hören, was er sagte, weil ich in seine Augen starrte. Ich nickte einfach.
„Wunderbar! Wenn es Ihnen nichts ausmacht zu laufen, gibt es ein gutes Restaurant ein paar Blocks entfernt.“
Rosie's, dachte ich bei mir, genau als er sagte: „Rosie's.“
Ich lächelte. „Klingt gut.“ Ich liebte Rosie's. Ich hoffte nur, die alte Dame lebte nicht mehr; sie würde mich sofort erkennen.
Irgendwie hatte ich innerhalb einer Stunde den Mann getroffen, von dem ich mein ganzes Leben geträumt hatte, und nun gingen wir auf etwas, das wie ein Date aussah. Eine Stimme in meinem Kopf sagte, das sei zu viel, zu schnell. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken und um mich zu beruhigen.
Ich ignorierte diese Stimme und ließ mich von August Hayes zum Restaurant führen.