
Die Sinfonie des Todes
Anastasia hat bereits ihre schlimmsten Albträume durchlebt – oder glaubt es zumindest. Doch ein verbotener Fluch nimmt gerade erst Fahrt auf und zieht sie in ein brutales Spiel aus Schicksal, Rache und Begierde. Dann betritt Cain die Szene: uralt, gnadenlos und auf unerträgliche Weise magnetisch. Er ist alles, wovor sie fliehen sollte … und alles, wonach ihre Seele sich verzehrt. Als die Grenzen zwischen Feind und Besessenheit verschwimmen, wird ihre Verbindung gefährlicher – und unwiderstehlicher. Doch Anastasias Seele ist mit dem Tod verknüpft, und Cain wird von Rache getrieben. Ihre Liebe ist nicht nur riskant – sie ist rebellisch. Jetzt muss sie sich entscheiden: ihrem Herzen in den Untergang folgen oder sich von dem Einzigen abwenden, das sie lebendig fühlt.
Kapitel 1
ANASTASIA
Ich hielt im Flur vor dem Spiegel inne, als ich mein Zimmer verließ. Alles hatte sich verändert – bis auf die dunklen Ringe unter meinen Augen, die von zu wenig Schlaf zeugten.
„Das ist wohl das einzig Beständige“, bemerkte ich leise und ging zum Esstisch.
Während der dunkle Himmel mit dem Morgengrauen heller wurde, verschwand das schwere Gefühl in meiner Brust nicht. Das tat es nie.
Angie war damit beschäftigt, ihre DS-con-Unterlagen durchzusehen. Sie schaute kaum auf, als ich mich an den Esstisch setzte. Mit ihrem schwarzen Haar, das zu einem ordentlichen Dutt gebunden war, wirkte sie sehr professionell und erwachsen, was sie meist gar nicht war. Sie war eine ausgesprochen gesellige, offene Person.
Wenn man nur auf ihre Kleidung achtete, würde man denken, sie wäre ein falsches, verwöhntes, reiches Mädchen. Aber sie war genau das Gegenteil dessen, was sie ausstrahlte. Sie hatte sehr hart gearbeitet, um ihren Job bei dieser Medienfirma zu bekommen.
Wir hatten uns im College kennengelernt und waren schnell beste Freundinnen fürs Leben geworden.
„Geht es dir gut?“ Sie musterte mich besorgt. „Hast du vergessen, gestern Nacht dein Licht anzumachen?“
„Es ist die Arbeit“, sagte ich mit einem müden Seufzer. „Die Designs für den neuen Launch haben mich die ganze Nacht wachgehalten. Nat ist schon weg?“, fragte ich und griff nach dem Toast.
Nat, die dritte in unserer Freundesgruppe, arbeitete als Hotelmanagerin im The Moonlight – und im Gegensatz zu Angies lauter Art war sie sehr ruhig, solange man sie nicht provozierte.
Angie nickte nur, ohne mich anzusehen.
„Laurel hat mich gestern angerufen“, sagte Angie unvermittelt. Ihre hellbraunen Augen sahen mich sehr ernst an. „Du nimmst ihre Anrufe nicht an? Ihr habt euch doch nicht schon wieder gestritten, oder?“
„Ich streite mich nicht mit ihr, Angie“, erwiderte ich. Bei meinem scharfen Ton zog sie eine Augenbraue hoch.
„Können wir es vermeiden, morgens als Erstes darüber zu reden?“, seufzte ich müde.
„Ruf sie an. Sie schien etwas Wichtiges mitteilen zu wollen“, drängte Angie. „Außerdem, hast du sie mit deinem Schweigen nicht lange genug bestraft?“
Ich werde bald fünfundzwanzig.
Vieles hatte sich verändert, aber manchmal fühlte es sich an, als wäre alles gleich geblieben. Egal, wie weit weg ich war, sie kontrollierte immer noch mein Leben.
„Sie ist deine Familie“, versuchte Angie zu argumentieren.
Die Vergangenheit war ein geschlossenes Buch – keine Erinnerungen an meine Eltern, nur Laurels Vormundschaft. Ja, sie hatte mich großgezogen, aber wenn ich an sie dachte, stellte sich kein warmes, familiäres Gefühl ein. Laurel hatte alles getan, was ein Elternteil tun sollte – außer mich zu lieben.
Ihre Fürsorge kam aus Pflichtgefühl und Verantwortung, nicht aus Liebe.
Den Großteil meines Lebens hatte ich mit ihr in Medford gelebt. Doch irgendwann verlangten die Umstände nach Veränderung. Ich ging nach Seattle und zog zu meinen zwei besten Freundinnen.
Ich wechselte das Thema, sah auf das iPad in ihrer Hand und ihr unglückliches Gesicht. „Was ist los mit dir? War das nicht dein Traumjob? Schon nach zwei Jahren die Nase voll?“
„Fang nicht damit an“, stöhnte Angie. „Es liegt am neuen Chef. DS-con wurde letzte Woche übernommen.“
Ich blinzelte überrascht.
„Man hat es uns erst gestern gesagt. Der neue Chef kommt heute“, berichtete Angie mit einem müden Seufzer. „Es gehört jetzt zu Blackstone Co.“
„Du verlierst doch nicht deinen Job, oder?“, fragte ich erschrocken.
„Kannst du bitte nicht so negativ sein?“ Angie hob ihre Hand. „Du weißt, wem Blackstone Co. gehört, oder?“, fragte sie.
„Im Ernst!“ Sie sprang aus ihrem Stuhl, weil ich nicht schnell genug reagierte.
„Entspann dich“, wich ich zurück. „Jeder kennt die mysteriöse Familie. Meine Güte! Du machst mich noch taub.“
„Sie sind keine mysteriösen Leute, Ana“, sagte Angie. „Sie bleiben einfach unter sich. Außerdem habe ich ein bisschen recherchiert … Der neue Chef ist ziemlich heiß.“
Ich verdrehte die Augen. Angie war hoffnungslos, wenn es um Männer ging. Nat und ich mussten uns ständig ihre viel zu detaillierten Geschichten über einen neuen Typen anhören, den sie getroffen hatte, nur damit sie ein paar Wochen später verkündete, er sei ihrer Zeit nie würdig gewesen.
„Schau mich nicht so an, als wäre ich eine Irre. Ich habe nur recherchiert.“
„Kommst du nicht langsam zu spät, Angela Roberts?“ Ich sah auf meine Uhr und Angie tat es mir nach. Mit weit aufgerissenen Augen sprang sie auf und rannte zur Tür.
„Wünsch mir Glück!“
„Viel Glück“, antwortete ich gleichgültig.
Ein paar Minuten später machte auch ich mich auf den Weg. Gerade als ich die Haustür erreichte, hielt ich kurz inne. Ich starrte noch einmal auf mein Spiegelbild.
Eine Rothaarige mit braunen Augen, eins fünfundsechzig groß, mit einer Figur, für die ich hart gearbeitet hatte, blickte mir entgegen – sie hatte das kleine, verängstigte Mädchen ersetzt, das ich einst gewesen war.Und doch sahen meine Augen in der Spiegelung nur sie.
Ich seufzte und trat ins Freie. Mein Arbeitsort war nur ein paar Blocks entfernt, und normalerweise ging ich gerne zu Fuß. Ich drängte mich durch die Menschenmenge, den Blick auf meine Uhr gerichtet.
Ich zischte leise, als mein linkes Handgelenk kribbelte, nur für eine Sekunde. Unsicher schüttelte ich es ab und trat auf die Straße, als hinter mir ein Schrei die Luft durchschnitt.
Dann – Stille. Ein Innehalten. Ein schwarzer Blitz.
Ich stürzte auf den harten Asphalt. Meine Unterlagen und meine Tasche fielen zu Boden, die Entwürfe flogen in alle Richtungen. Wie durch ein Wunder wurde ich nicht angefahren. Das Auto kam zum Stehen, bevor es mich hätte wegschleudern oder zerquetschen können. Ich fragte mich, wie es bei dieser Geschwindigkeit überhaupt hatte anhalten können.
Als der Schock nachließ, setzte ich mich auf und betrachtete meine Handflächen – sie waren übel aufgeschürft.
„Verdammt.“ Ich beeilte mich, meine verstreuten Sachen einzusammeln.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte jemand.
„Mir geht's gut.“ Ich stopfte die Papiere in die Mappen und sah schließlich die umstehenden Leute an.
„Wirklich, alles in Ordnung. Sehen Sie!“ Ich beugte meine Knie, nachdem ich aufgestanden war. „Nichts Ernstes.“
Nur wenige Leute fuhren solche Autos noch. Es hatte ein schwarzes Kennzeichen – selten, teuer und immer ein Zeichen von Gefahr.
Ich rannte los und blieb erst stehen, als ich im Gebäude war und meine Etage erreicht hatte. Durch diesen kleinen Unfall kam ich zu spät zu meinem Meeting – genau das, was ich jetzt am wenigsten gebrauchen konnte.
„Was für ein fantastischer Start in den Tag!“ Ich knallte meine Tasche auf meinen Tisch und eilte zum Besprechungsraum. Wie erwartet waren alle bereit, mich umzubringen.
„Anastasia!“ Hannah stöhnte frustriert.
„Schimpf später.“ Ich reichte Nia den USB-Stick und ließ die Entwürfe herumgehen.
Nach dem Meeting – das glücklicherweise reibungslos verlief – rief Hannah mich zu sich, ein Stirnrunzeln auf ihrem Gesicht. Doch als sie die Schürfwunden auf meinen Handflächen sah, wich ihr Ärger sichtbarer Sorge.
„Was ist passiert?“
„Mir geht's gut“, sagte ich schnell. Hannah musterte mich prüfend.
„Audrey ist stinksauer“, murmelte ich. „Du hast ihr diesen Launch weggenommen und ihn mir in letzter Minute aufgedrückt.“
„Dieses Metier verlangt das Beste, Ana“, sagte sie bestimmt. „Zu viel Empathie wird dich teuer zu stehen kommen.“
Hannahs Assistent Chris trat zu uns. „Sie sind da“, verkündete er.
Ich sah Hannah an, aber sie schob mich nur in Richtung Auditorium und wies Chris an, alle zusammenzurufen.
Ich war leicht verwirrt, als wir den Saal betraten.
„Setz dich“, forderte Hannah mich auf, bevor sie zur Bühne ging.
Sie klatschte einmal, und sofort verstummten alle.
„Unsere Firma wurde letzte Woche übernommen“, begann Hannah ohne Umschweife. „The Allicere ist jetzt Teil von Blackstone.Co.“
Die Türen öffneten sich, und alle Köpfe drehten sich.
„Darf ich Ihnen den neuen Eigentümer von The Allicere vorstellen.“
Ein stechender Schmerz durchfuhr mein linkes Handgelenk. Ich blickte auf, gerade als drei Männer auf Hannah zugingen.
Ihre Schritte waren stolz, ihre Haltung zeugte von purer Arroganz. Eine gefährliche Aura lag in der Luft.
Der Schmerz in meinem Handgelenk wurde viel schlimmer, ein scharfes Pochen, das mich seit Jahren nicht mehr heimgesucht hatte. Unter der Haut bewegte sich etwas – flatterte wie ein Flügel – und ich erstarrte.
„Ana?“ Nia berührte meine Schulter. „Ist alles okay mit dir?“
Ich hatte geglaubt, alles begraben zu haben, als ich Medford verließ. Aber manche Dinge kann man nicht töten.
„Entschuldigung.“ Ich rannte hinaus.
Ich presste mein Handgelenk an die Brust, bis ich die Toilette erreicht hatte. Dann schloss ich eilig die Tür ab, nachdem ich sichergestellt hatte, dass niemand da war, und eilte zu den Waschbecken.
Ich schob den Ärmel hoch und legte mein Handgelenk frei – und wäre beinahe zusammengebrochen.
Das Symbol – es pulsierte wie Feuer unter meiner Haut, wie heiße Tinte, die sich erneut einbrannte.
Ich drehte das Wasser auf und hielt mein Handgelenk darunter. Das Stechen brannte unter meiner Haut wie Feuer. Kaltes Wasser beruhigte das glühende Zeichen nicht, nur meine aufsteigende Panik.
„Nicht schon wieder.“
Ich blieb lange Zeit im Badezimmer. Glücklicherweise kam niemand herein, sodass ich Zeit hatte, mich zu sammeln.
Ich eilte zu Hannahs Büro, klopfte einmal und trat ein, ohne zu warten.
„Hannah, hast du einen-”
„Ja, Anastasia?“ Ihr Lächeln wirkte gezwungen.
„Kann ich mir den Rest des Tages freinehmen?“ Ihre Stirn zog sich bei meiner abrupten Bitte zusammen.
„Anastasia Grace?“
Die tiefe, unheimliche Stimme ließ mich erschauern.
Ich versteckte mein linkes Handgelenk hinter meinem Rücken, als das Stechen erneut aufflammte.
„Es ist etwas Dringendes dazwischengekommen“, erklärte ich und versuchte, nicht zusammenzuzucken, als der Mann, der gesprochen hatte, aufstand und auf mich zukam.
„Dringend?“, wiederholte er, amüsiert und dunkel klingend. „Was könnte dringender sein, als deinen neuen Chef kennenzulernen?“
„Arbeit.“
„Anastasia!“ Hannah warf mir einen warnenden Blick zu. „Es tut mir leid, Cain. Sie ist-”
„Ungezähmt“, unterbrach er sie ruhig. „Ich dulde keine Respektlosigkeit und Arroganz.“
Der älteste Sohn – und Herrscher – des Black-Imperiums.Wider meinen Willen musterte ich ihn eingehend. Kein Wunder, diese Verachtung und Überheblichkeit.
Cain Black hatte nicht nur Geld und Macht – er sah so gut aus, dass es fast unfair erschien, ihn menschlich zu nennen.
Er trug einen anthrazitgrauen Anzug, der perfekt zu seinem großen, muskulösen Körper passte – locker eins neunzig groß, mit breiten Schultern und gefährlicher Anmut. Sein Gesicht war verstörend perfekt: leuchtend blaugrüne Augen, perfekt gestyltes schwarzes Haar, scharfe Wangenknochen, volle Lippen und eine aristokratische Nase.
Sein Hautton war perfekt ausgewogen.
„Ana!“ Hannahs Stimme unterbrach mein gedankliches Abdriften. „Das sind Cain Black und seine Brüder, Aeron Black und Xic Black.“ Sie zeigte auf sie. „Cain wird sich um The Allicere kümmern.“
„Sie scheint sehr unglücklich zu sein“, bemerkte Xic nachdenklich. „Interessant.“
„Ana ist-”
„Das entscheide ich, Hannah“, schnitt Cain ihr kühl das Wort ab. „Sie können gehen, Ms. Grace.“
Das musste man mir nicht zweimal sagen. „Arrogantes Arschloch“, murmelte ich und stapfte zum Aufzug.
Unten im Erdgeschoss stürmte ich hinaus. „Ich muss Angie und Nat Bescheid sagen.“ Ich rieb sanft über mein linkes Handgelenk.
Drei schicke Autos fuhren in die Einfahrt. Ich musste nicht raten, wem sie gehörten. Cain ging genau in diesem Moment an mir vorbei.
Xic und Aeron stiegen in ihre Fahrzeuge, während Cains Fahrer die Tür zu genau dem Auto öffnete, das mich fast überfahren hätte.
Ich behielt ein ausdrucksloses Gesicht, als er zurückblickte. Hinter der Sonnenbrille spürte ich diesen durchdringenden Blick.
Cain Black würde jemanden niederwalzen und danach seelenruhig schlafen.
Mein Herz hämmerte, ich fühlte Angst und Beklommenheit in mir aufsteigen. Mein Handgelenk pulsierte wieder, als er in sein Auto stieg.
Ich runzelte die Stirn und starrte auf meine linke Hand, während ihre Autos wegfuhren. „Das bedeutet definitiv nichts Gutes.“







































