
Drei Tage waren vergangen und ich fühlte mich völlig am Ende. Mir war klar, dass es schwierig werden würde, ihn wiederzusehen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass meine Wölfin jedes Mal, wenn er mich ansah, in Aufruhr geriet. Mein Zimmer war meine einzige Zuflucht. Der einzige Ort, an dem ich nicht so tun musste, als wäre alles in Ordnung und ich mich meinen elenden Gefühlen überlassen konnte.
Es wurde mir nicht gerade leicht gemacht. Das Glück der anderen fühlte sich an wie ein Dolchstoß. Ihr Lächeln war unerträglich. Fast wünschte ich mir, dass etwas Schlimmes passieren würde, nur damit ich nicht die Einzige war, die litt.
Trost fand ich, wenn ich nachts über das Gelände streifte. Selbst als ich zur Nordprovinz gehörte, hatte ich das Alphagebiet nie besucht. Dies war ein Ort für die Elite, nicht für eine wie mich.
Das Gelände war zu dieser späten Stunde menschenleer, der Weg wurde von einem schwachen Licht der entfernten Gebäude erhellt. Plötzlich trat eine Frau auf den Weg. Ihr Blick fiel auf mich und sie kam auf mich zu.
"Was machst du um diese Zeit hier?", fragte sie.
Ihre Frage überraschte mich.
"Dasselbe könnte ich dich auch fragen."
"Ich lebe seit Jahrzehnten hier, also weiß ich, was ich tue. Und du?" Die Frau verengte ihre Augen und seufzte. "Komm mit mir." Sie ergriff meine Hand und zog mich mit sich.
"Wohin gehen wir?", fragte ich. Ich hätte mich wehren sollen, mich gegen ihr Ziehen an meinem Arm wehren sollen. Aber ich tat es nicht. Ich konnte es nicht erklären, aber irgendetwas in mir sagte mir, dass ich ihr folgen sollte.
"Auf dein Zimmer."
Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, was sie sagte. Dann hielt ich inne, riss meine Hand aus ihrer und schüttelte protestierend den Kopf. Ich konnte nicht in dieses Fegefeuer zurückkehren, ich konnte nicht wieder allein in diesem Zimmer sein.
"Hör zu, junge Frau, dies ist die nördliche Provinz. Es ist nicht sicher, hier mitten in der Nacht herumzulaufen. Mauern mögen uns umgeben, aber es ist nicht sicher, besonders nicht für eine Frau wie dich." Ihre Stimme war missbilligend, ihre Augen wütend.
"Ich kann auf mich selbst aufpassen", sagte ich.
"Nein, das kannst du nicht. Nicht hier. Jetzt komm." Ihre warmen Finger umschlossen mein Handgelenk, und ich ließ zu, dass sie mich vorwärts zog.
Ohne Vorwarnung hielt die Frau an und ich stieß fast mit ihr zusammen. Vor ihr stand jemand, der uns den Weg versperrte.
"Wohin gehst du, Wendy?" Diese Stimme hätte ich überall erkannt: Nora Brooks, der Teufel persönlich.
"Ich bringe sie zu ihrem Zimmer", erwiderte Wendy.
"Ah, Laika", sagte sie mit dieser Stimme, die von aufgesetzter Süße durchdrungen war. Wenn sie doch nur diese verdammte Maske ablegen könnte und die Welt sie so sehen würde, wie sie wirklich ist.
"Ich werde sie begleiten", erklärte Nora.
Wendys Hand umschloss meine fester. "Luna hat mir aufgetragen, dafür zu sorgen, dass sie sicher in ihr Zimmer kommt und ihr danach Bericht zu erstatten. Das kann ich nicht tun, wenn du uns begleitest." Etwas in ihrem Tonfall ließ mich vermuten, dass sie Nora nicht vertraute. Nun, da waren wir schon zwei.
"Sag ihr, dass ich es übernehme", sagte Nora lächelnd.
"Du hast morgen einen anstrengenden Tag vor dir und brauchst deinen Schlaf. Diese zusätzliche Verantwortung ist nicht notwendig. Ich kümmere mich darum."
Mein Gott, diese Frau hat meinen Respekt verdient. Niemand in der Schule hatte den Mut, Nora zu widersprechen.
Nora presste ihre Lippen zusammen. "Ich nehme an, du hast recht." Sie klang enttäuscht. Aber ich wusste, dass ich sie noch nicht endgültig losgeworden war.
"Bis morgen früh, Laika." Sie sah mich an, bevor sie ging.
Wendy atmete tief durch und ging weiter, ihre Hand immer noch um mein Handgelenk geschlungen.
"Vertraue dieser Frau nicht", warnte sie, als wir uns dem Haus näherten, in dem ich wohnte. Wenn sie nur alles wüsste, hätte sie sich die Warnung sparen können. Ich kannte Nora nur zu gut.
Sie begleitete mich zu meinem Zimmer. Und als ich die Tür aufschloss, folgte sie mir hinein. "Was ist mit dir passiert? Bitte, sag mir die Wahrheit."
Die Sorge in ihrem Gesicht schmerzte. Sie tat so, als würde sie mich kennen, als würde sie meinen Schmerz fühlen.
"Mir geht es gut", antwortete ich.
"Das habe ich nicht gefragt", entgegnete sie, kam näher und strich mir über die Wange. Noch nie hatte mich jemand so berührt, mit dieser Art von Zuneigung, niemals. "Es gibt einen Schmerz in dir. Du musst einen Weg finden, ihn zu verarbeiten."
"Und wie soll das gehen?"
"Rede mit jemandem. Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst."
"Ich kenne dich nicht", entgegnete ich.
"Ich bin Wendy. Lass uns damit anfangen", sagte Wendy, ihre warme Hand noch immer auf meiner Wange.
Ich lehnte mich in ihre Berührung und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich akzeptiert.
Sie nahm ihre Hand weg, trat zurück und lächelte. Wenige Augenblicke später wünschte sie mir eine gute Nacht und verließ mein Zimmer.
Nachdem sie gegangen war, schwirrten mir so viele Gedanken durch den Kopf. Mit jemandem reden? Das konnte ich nicht tun. Auf keinen Fall wollte ich meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Qualen mit jemandem teilen. Dies war mein Kampf, meiner allein.
Am nächsten Morgen weckte mich ein lautes Klopfen. Ich kletterte aus dem Bett und torkelte zur Tür. Dabei stieß ich mit dem Zeh gegen eine Tischkante und ließ einen frustrierten Schrei los, als ich die Tür öffnete.
Madison strahlte mich an, während Moon Lee mit einem angewiderten Gesichtsausdruck zurückwich. Ich hätte ihr gerne meine Meinung gesagt, aber ich entschied mich dagegen. In meinem jetzigen Zustand würde ich wahrscheinlich etwas sagen, das keiner von uns hören wollte.
"Was?" Meine heisere, trockene Stimme machte meinen Tonfall noch bedrohlicher.
"Warum bist du noch nicht fertig?", fragte Madison.
Ich sah sie an. Sie trug eine lockere, weiße Bluse, blaue Jeans und Stiefel. Da erinnerte ich mich, dass heute eine Gruppenwanderung geplant war.
"Ich habe keine Lust", sagte ich.
"Zuhause bleiben gibt's nicht", entgegnete Moon.
"Ich bleibe hier. Auf Wiedersehen." Ich machte Anstalten, die Tür vor ihren Augen zu schließen.
"Befehl des Vaters", sagte Madison. "Er holt dich persönlich raus, wenn ich dich verpfeife."
"Dann sei ein braves Mädchen und verpetze mich nicht." Ich versuchte erneut, die Tür zu schließen.
"Es wird Spaß machen", sagte Moon.
"Sagt wer?" Als ich sie ins Visier nahm, wankte sie auf ihren Füßen und weigerte sich, mir in die Augen zu sehen. Wenn dieses Mädchen die zukünftige Luna war, waren wir verloren.
Madison lächelte mich an. "Alaric hat es geplant. Kennst du ihn?"
Kennen? Dieser Mann war mein wiederkehrender Alptraum, seit wir in der Nordprovinz waren.
"Ja, ich kenne ihn." Und weil er derjenige war, der es geplant hatte, würde ich nicht mitgehen. Alaric hatte etwas vor. Ich war klug genug, um zu wissen, dass er sich für das, was ich ihm angetan hatte, rächen würde. Es war nur die Frage, wo und wann. Ich wollte keinesfalls in eine Falle tappen.
"Und?", fragte Madison mit hoffnungsvoller Stimme.
"Ich komme nicht mit ..."
"Komm schon", unterbrach sie mich. "Adam kommt auch."
Sollte das meine Ängste besänftigen? Wenn sie nur wüsste, womit ich es zu tun habe, würde sie mich selbst weit weg von hier bringen.
"Bitte komm", sagte sie leise und schmollte. Es machte keinen Sinn, mich den ganzen Tag in meinem Zimmer zu verstecken. Schließlich befand ich mich im Revier der Bestie. Hier hatte er alle Fäden in der Hand. Wenn er mich töten wollte, gab es tausend Möglichkeiten, genau das zu erreichen.
"Also gut", erwiderte ich zögernd.
"Dann geh duschen. Wir warten hier", schlug Madison vor, betrat mein Zimmer, machte es sich gemütlich und winkte Moon, es ihr gleichzutun. Ich hatte nichts dagegen, dass Madison in meinem Zimmer war, aber das Gleiche konnte ich von Moon nicht behaupten. Ich hätte es vorgezogen, wenn sie gegangen wäre, anstatt ihre heimlichen Blicke ertragen zu müssen.
Ich duschte und zog mich rasch an. Als wir mein Zimmer verließen, griff ich nach meinem Handy, einem Gerät, das ich nicht gerne benutzte, das aber in bestimmten Situationen sehr nützlich sein konnte.
Am Eingang des Alphahauses der Nordprovinz warteten zwei Limousinen auf uns. Sie sollten uns zum Startpunkt des Wanderweges bringen.
Ich fuhr mit Lyall, Moon, Madison, Olivia, Nora und dem Teufel selbst. Nora saß neben ihm, aber irgendetwas schien zwischen ihnen nicht zu stimmen. Sie berührten sich nicht und sprachen nicht miteinander. Es war fast so, als wären sie Fremde.
Lyall und Moon verbrachten die Fahrt küssend und Händchen haltend. Die Anwesenheit von Zuschauern schien sie nicht zu stören. Als das Geräusch ihrer Küsse lauter wurde, wünschte ich, ich hätte Adams Angebot angenommen und wäre in der anderen Limousine mitgefahren.
"Macht mal halblang!" donnerte Alaric.
Ich war unsicher, was ich tun sollte. Ihm danken?
"Lyall, das ist gemein", bemerkte Olivia und warf einen Blick in meine Richtung.
Mir dämmerte, was sie meinte, und ich sah weg. Es war nicht ihre Schuld.
"Es ist schon in Ordnung, Olivia", beruhigte ich sie. Es gab keinen Grund für die neuen Liebenden, ihre Zärtlichkeiten einzustellen, nur weil ich da war. Verdammt, was sie taten, war die Dosis Realität, die ich brauchte, um meinem dummen Gehirn und meinen Gefühlen klarzumachen, dass es zwischen Lyall und mir vorbei war.
"Gemein?", fragte Alaric.
Ich drehte mich blitzschnell zu Olivia um und flehte sie mit meinen Augen an, das Thema zu wechseln. Glücklicherweise war sie in ihr Handy vertieft und hörte Alaric nicht. Aber leider fühlte Madison sich genötigt, alles zu erklären.
"Lyall war bis vor einer Woche und ein paar Tagen noch mit Laika zusammen, bevor er seine Gefährtin gefunden hat. Glaubst du nicht, dass ihre Wunden noch frisch sind, Lyall?"
Ein wütendes Knurren durchschnitt die Luft. Sein Klang hallte tief in meinen Knochen nach. Als ich mich umdrehte, zitterte Alaric, seine schwarzen Augen auf Lyall gerichtet.
"Baby", begann Nora, aber ihr Geliebter hörte nicht zu. Er zitterte und zeigte Lyall seine Reißzähne.
Ich musste Lyall zugutehalten, dass er standhaft blieb. Er stellte Moon hinter sich und konzentrierte sich auf Alaric, der langsam die Kontrolle verlor.
"Es ist alles in Ordnung. Beruhige dich", versuchte Nora weiter, aber Alaric hörte nicht zu.
Alaric hatte kein Recht, sich so zu verhalten. Nicht nach dem, was er getan hatte.
"Was ist los?" Olivia blickte panisch von ihrem Handy auf.
"Ist er sauer, weil du eine Beziehung hattest?", fragte mich Madison, aber ich schüttelte nur den Kopf, als ob ich nicht wüsste, was vor sich ging.
Glücklicherweise kam die Limousine zum Stehen und die Türen öffneten sich. Die frische Luft holte Alaric aus seiner Trance. Mit einem wütenden Blick auf Lyall stieg er aus der Limousine, Nora dicht hinter ihm.