Kelsie Tate
KIERA
Kiera stieg aus dem geliehenen Auto ihres Vermieters und ging zum Beginn des Waldpfades. Ein Kribbeln der Aufregung und Nervosität durchfuhr sie bei dem Gedanken an den bevorstehenden Lauf.
Es war lange her, seit sie das letzte Mal gelaufen war. Sie spürte, wie ihre Augen dunkler wurden – Poppy, ihre Wolfsseite, drängte nach draußen.
„Nur Geduld ... erst müssen wir in den Wald", flüsterte Kiera, bevor sie den Pfad betrat. Vorsichtig sah sie sich um, um sicherzugehen, dass niemand in der Nähe war. Der Park sollte nach Einbruch der Dunkelheit eigentlich geschlossen sein.
Tiefer im Wald angekommen, holte sie tief Luft und ließ Poppy die Kontrolle übernehmen.
Wie der Wind jagten sie durch den Wald. Schlamm, Gras und Blätter bedeckten ihren Körper, während sie immer weiter ins Dickicht vordrangen.
Es tat so gut, endlich wieder zu laufen, über umgestürzte Bäume und große Felsen zu springen.
Der Mond stand hoch am Himmel, als Kiera an einem kleinen Bach Halt machte. Das kühle Nass war eine Wohltat nach dem langen Lauf. Sie planschte im Wasser und wusch den Schmutz ab.
Am Ufer ließ sie sich zum Trocknen nieder, trank etwas Wasser und entspannte sich, während sie den Geräuschen des nächtlichen Waldes lauschte.
Schließlich beschloss sie, den Heimweg anzutreten, bevor es zu spät wurde.
Die kühle Nachtluft strich durch ihr Fell, als sie zwischen den Bäumen hindurch zurücklief.
Plötzlich hielt sie inne. Irgendetwas stimmte nicht.
Sie sah sich um und merkte, dass sie die Orientierung verloren hatte. Die Nackenhaare stellten sich auf, als ihr klar wurde, dass sie nicht allein war.
Zur Warnung knurrte sie leise. Poppy fletschte die Zähne. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass sie umzingelt war.
Einer der Wölfe verwandelte sich in einen Mann und sagte: „Du bist ohne Erlaubnis auf unserem Gebiet. Komm mit uns, Fremde."
Kiera nahm wieder menschliche Gestalt an, in der Hoffnung, dass sie weniger aggressiv reagieren würden, wenn sie mit ihnen sprach.
„Das ist nicht euer Land", erwiderte sie. „Das hier ist ein Staatspark. Euer Gebiet reicht nicht bis hierher."
Der Mann knurrte leise. „Du hättest besser aufpassen sollen, wohin du läufst. Du hast unser Land betreten. Die Parkgrenze liegt etwa 15 Meter hinter dir."
Kieras Augen weiteten sich, als ihr die Bedeutung dieser Worte klar wurde.
„Das wusste ich nicht ... Es tut mir leid ... Ich gehe sofort."
Kiera drehte sich um und machte einen Schritt in Richtung Grenze, doch die Wölfe um sie herum knurrten bedrohlich. Poppy übernahm instinktiv die Kontrolle und verwandelte sie blitzschnell zurück. Sie wussten, dass sie sich möglicherweise verteidigen mussten.
„Fremde!", rief der Mann hinter ihr. „Du bist auf unser Land eingedrungen. Wir betrachten das als Angriff und werden es nicht ungestraft lassen. Ergib dich!"
Poppy knurrte erneut, zeigte ihre Zähne und machte sich kampfbereit. Sie warnte die Gruppe eindringlich, sie gehen zu lassen. An Aufgeben war nicht zu denken.
Einer der Männer sprang mit gefletschten Zähnen auf sie zu.
Geschickt wich Poppy aus und nutzte die Lücke, um an ihm vorbei in Richtung Grenze zu rennen.
Plötzlich durchfuhr sie ein stechender Schmerz und sie stürzte zu Boden.
Sie sah, dass ihre Hinterbeine in einem Silberseil gefangen waren, das ihre Haut verbrannte. Vor Schmerz jaulte sie auf und wusste, dass sie kurz davor war, gefangen zu werden.
Die Wölfe standen über ihr und blickten zornig auf den Eindringling herab.
„Verwandle dich zurück", befahl der Mann, der über ihr stand.
Kiera erkannte ihre Niederlage. Mit einem traurigen Laut verwandelte sie sich in ihre menschliche Gestalt zurück.
Sie entfernten das Silberseil von ihren Knöcheln, zogen ihr ein Hemd über und fesselten ihre Hände, bevor sie sie tiefer in ihr Gebiet führten.
Angst überkam Kiera, während sie fieberhaft nach einem Fluchtweg suchte. Da bot sich eine Gelegenheit. Einer der Wächter lockerte seinen Griff um ihren Arm.
Blitzschnell riss sie ihren Arm los und rammte dem Wächter den Ellbogen ins Gesicht. Dann drehte sie sich aus dem Griff des zweiten Wächters.
Sie trat ihm in den Magen und stieß ihn zurück. Ihre Hände waren noch gefesselt, aber sie konnte rennen.
Sie wirbelte herum und schlug dem dritten Wächter mit den gefesselten Händen ins Auge. Er krümmte sich vor Schmerz und hielt sich das Gesicht. Sie rannte los und versuchte verzweifelt, ihre Hände zu befreien, um sich zu verwandeln und zu fliehen.
Kiera schrie auf, als sie jemand von hinten packte und zu Boden warf. Ihr Kopf prallte hart auf und ein stechender Schmerz durchfuhr sie. Sie blickte auf und sah denselben Mann über sich stehen.
„Wann werdet ihr Fremden es endlich lernen?", sagte er leise, bevor er den Wachen, die sie gerade verletzt hatte, befahl, sie mitzunehmen.
Sie packten sie grob und sahen sie wütend mit ihren geschwollenen Lippen und schwarzen Augen an.
Kiera lachte bitter auf, als Poppy ihnen Beleidigungen an den Kopf warf, während sie erneut tiefer in ihr Gebiet geführt wurde.
Als die Bäume lichter wurden, sah Kiera ein imposantes Haus vor sich auftauchen.
Sie keuchte leise auf, bevor sie wieder vorwärts gestoßen wurde. Sie warf den Wachen einen giftigen Blick zu und versuchte kurz, sich loszureißen, bevor sie beschloss, ihnen beim Gehen einfach „aus Versehen" auf die Füße zu treten.
Sie knurrten leise vor Schmerz, was Kiera ein selbstgefälliges Grinsen entlockte.
Sie brachten sie zu einem Nebengebäude. Die schweren Stahltüren öffneten sich mit lautem Knarren. Mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen blickte sie in den Bunker. Eine lange Reihe von Zellen, die mit Silber ausgekleidet waren, erstreckte sich vor ihr. Sie konnte das Heulen der gefangenen Wölfe hören.
Panik stieg in ihr auf, als sie den Gang entlanggeführt wurde und schließlich vor einer leeren Zelle anhielten.
„Das ist dein neues Zuhause", sagte der Mann, der sie gefangen hatte, mit eisiger Stimme, als die Tür geöffnet wurde. „Wir bringen dir ein paar Kleider. Mach es dir gemütlich. Du wirst den Rest deines kurzen Lebens hier verbringen, es sei denn, König Harrison hat einen gnädigen Tag und lässt dich frei."
Kiera wurde unsanft in die Zelle gestoßen und die Tür krachte hinter ihr zu.
Es war ein kleiner Betonraum mit einem Bett und einer alt und unbequem aussehenden Matratze. Auf der anderen Seite befanden sich eine Toilette und ein Waschbecken sowie ein winziges Fenster hoch oben an der Außenwand.
Erschöpft und wie betäubt sank sie auf das Bett.
Tränen stiegen ihr in die Augen, als ihr bewusst wurde, dass sie vielleicht nie wieder die Außenwelt oder auch nur ihre kleine Wohnung sehen würde.
Die ganze Nacht weinte sie in das staubige Kissen und trauerte um den Verlust ihrer Freiheit.