Kelsie Tate
HARRISON
„Gibt es noch etwas zu besprechen?", fragte Harrison direkt, während er die Unterlagen auf seinem Schreibtisch durchsah. Ungeduldig blickte er in den stillen Raum. „Sonst noch was?", sagte er mit scharfem Ton.
„Nein, Alpha ...", erwiderte einer der Männer leise.
„Doch, Alpha", meldete sich ein anderer von hinten.
Harrison verdrehte genervt die Augen. „Was gibt's?"
„Ich dachte, Sie sollten wissen, dass die Grenzpatrouille letzte Nacht einen einsamen Wolf aufgegriffen hat und –"
Harrison sprang wie von der Tarantel gestochen auf und unterbrach: „Wie bitte? Die Grenzpatrouille hat einen einsamen Wolf aufgegriffen? Warum erfahre ich das erst jetzt?"
Die Gruppe der Krieger senkte die Köpfe. „Es war nur ein einsames Wolfsmädchen. Wir wollten Sie nicht mit so einer Lappalie belästigen ...", antwortete der Anführer der Krieger und warf dem jungen Mann, der sich gemeldet hatte, einen giftigen Blick zu.
„Ich entscheide, was eine Lappalie ist und was nicht", sagte Harrison mit ernster Stimme. „Wo ist das Mädchen jetzt?"
Der Mann, der sich zu Wort gemeldet hatte, trat vor. „Sie sitzt im Rudel-Gefängnis. Und ich fand es nicht unbedeutend, Alpha. Sie hat drei unserer Wachen verletzt."
Der Anführer der Krieger sah angefressen aus. „Es ist eine kleine Wölfin. Sie hat sie kaum gekratzt."
Harrisons Augen verdunkelten sich. „Hauptmann Mann, seit wann glauben Sie, hier das Sagen zu haben? Wann sind Sie zum Anführer dieses Rudels ernannt worden? Woher nehmen Sie sich das Recht zu entscheiden, was einen König interessieren sollte oder nicht?"
Er wandte sich an den Mann, der vorgetreten war, und sagte: „Ihr könnt alle gehen. Außer du. Du wirst mich zu dem Mädchen bringen."
Die Gruppe der Krieger verneigte sich, bevor sie sein Büro verließ und Harrison mit dem jungen Krieger allein ließ.
„Wie heißt du?"
„Joseph, Sir", sagte er mutig, bevor er den Kopf senkte.
„Joseph. Du scheinst deinem Vorgesetzten auf die Füße getreten zu sein." Harrison lächelte. „Das gefällt mir. Ich werde dich im Auge behalten."
Er erhob sich von seinem Schreibtisch und folgte Joseph aus dem Rudelhaus zum Gefängnis.
Harrison ging leise den Flur entlang, den Kopf hoch erhoben, während er an Zellen mit Wölfen vorbeiging, die ihn anbrüllten. Sie alle hatten es verbockt und verdienten es, hier zu sein, aber das bedeutete nicht, dass es ihnen gefiel.
„Hier, Alpha", sagte Joseph leise und blieb vor einer Zelle stehen.
Harrison trat an die Tür heran und blickte durch das vergitterte Fenster in der Mitte. Zusammengerollt auf einem Bett lag eine junge Frau, schmutzig und kaum bekleidet.
„Warum hat sie keine anständige Kleidung bekommen?", fragte er den Wächter, der neben der Tür stand.
Der Wächter blickte mit wütendem Blick zu Harrison auf. Sein schwarzes, geschwollenes Auge öffnete sich kaum. „Sie wurde gerade erst eingeliefert. Kleidung ist unterwegs."
„Nach dem, was ich höre, ist sie seit heute Morgen früh hier", sagte Harrison mit leiser Stimme.
Er musterte den Wächter mit einem finsteren Lächeln. „Ich sehe, du bist einer von denen, die sie verprügelt hat. Ich würde ungern denken, dass du ihr zur Strafe keine frische Kleidung gegeben hast. Hol sie. Sofort."
Der Wächter murmelte etwas, bevor er davonging und Harrison und Joseph vor der Zelle zurückließ.
„Öffne sie."
„Mein König, Sie sollten wirklich nicht hineingehen ... was, wenn sie –"
Harrison wandte sich mit verengten Augen Joseph zu. „Interessant, ich dachte, du wärst einer der klugen Krieger, die nicht versuchen, ihrem Alpha zu sagen, was er tun soll ..."
Joseph senkte den Blick. „Ja, Alpha."
„Gut." Harrison sprach direkt. „Ich muss mit ihr reden und sicherstellen, dass sie nicht gefährlich ist oder Teil eines größeren Plans, das Rudel anzugreifen. Öffne die Tür."
Joseph schloss die Zelle auf und ließ Harrison eintreten.
Kiera setzte sich auf dem Bett auf und sah ängstlich zu, wie der große, hochgewachsene Mann in ihre Zelle trat. Sie starrte den Mann vor ihr erschrocken an.
Er hatte dunkle Züge, sein schwarzes Haar und sein markantes Gesicht wurden durch seine dunklen Augen und die Narbe, die sich von seiner Stirn über sein rechtes Auge und seine Wange zog, noch bedrohlicher. Er stand über ihr und beobachtete sie schweigend, bevor er einen Schritt nach vorn machte.
„Weißt du, wo du bist?"
Kiera war von seiner tiefen Stimme überrascht. „Nein ... nein, das weiß ich nicht ..."
„Du bist im Rudel des Königs. Warum bist du in unser Land gekommen? Bist du hier, um König Harrison zu schaden?", fragte er mit ernster Stimme.
Sie blickte wütend zu ihm auf.
„Ich weiß nicht, wer zum Teufel König Harrison ist. Ich bin versehentlich durch euer Land gelaufen. Ich dachte, ich wäre noch im Staatspark. Eure Männer haben mich gegen meinen Willen hierher gebracht! Ich wäre gerne nach Hause gegangen."
Harrison knurrte sie an: „Du wagst es, so mit deinem Alpha zu sprechen?"
Kiera sah ihn zornig an. „Ich habe keinen Alpha. Ich bin allein, schon vergessen?"
Harrison richtete sich zu voller Größe auf, seine Alpha-Kraft erfüllte den Raum wie dichter Nebel. „Ich bin der Alpha-König. Ich bin JEDERMANNS Alpha, kleine Wölfin. Du wirst Respekt zeigen, bevor ich dir die Zunge herausschneiden lasse."
Kiera verengte ihre Augen, bevor sie widerwillig den Kopf senkte. „Ja, Alpha."
„Gut", sagte er mit tiefer Stimme. „Nun, warum bist du hier?"
Kiera blickte genervt zu ihm auf.
„Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Ich bin versehentlich in Ihr Gebiet gelaufen. Ich war im Staatspark unterwegs und muss mich auf dem Rückweg verlaufen haben. Wenn Sie mich jetzt einfach gehen lassen, werde ich diesen Ort verlassen und zu meinem Leben zurückkehren. Mein Vermieter wird sehr sauer sein, weil er sein Auto nicht zurückbekommen hat."
Harrison stieß ein Knurren aus, bevor er sich zur Tür wandte. „Das werden wir sehen. Wenn es in der nächsten Woche keine weiteren Aktivitäten einsamer Wölfe gibt, werden wir erneut darüber sprechen. Wir werden sehen, ob wir dein Auto zurückbekommen können. Nun ... Miss ..."
Er hielt inne, als ihm bewusst wurde, dass er ihren Namen nicht kannte.
„Kiera."
„Kiera", wiederholte er. „Nun, Kiera, willkommen in King's Clearing. Mach es dir bequem."
Harrison verließ die Zelle, sein ganzer Körper zitterte, als er an ihre schnelle Abneigung und ihren Zorn ihm gegenüber dachte. Sie wusste nicht einmal, wer er war.
Sie ist allein ... warum sollte sie uns kennen?, fragte Bär scherzhaft.
„Wir sind Alpha-König. Unsere Präsenz spricht für sich."
Stimmt ... aber ich glaube, das war ihr egal ..., lachte Bär und genoss die wütende, trotzige kleine Wölfin im Gefängnis.
„Kiera ...", sagte er leise zu sich selbst, bevor er lachte. „Hast du das Gesicht des Wächters gesehen? Sie hat ihn wirklich erwischt."
Sie ist eine Kämpferin, lächelte Bär.
„Sie ist eine Kämpferin ...", wiederholte er, bevor er zum Herrenhaus zurückkehrte, Gedanken an die nervige kleine einsame Wölfin tanzten in seinem Kopf.